„HIOB“ – eine Legende aus dem 20. Jahrhundert

Moritz Grabbe (Menuchim), Daniela Enzi (Deborah), im Hintergrund: Yael Hahn (Mirjam)

Mit Koen Tachelets Bühnenfassung von Joseph Roths 1930 erschienenem Roman startet das Schauspielhaus Salzburg in die neue Saison. Rudolf Frey inszeniert die berührende Geschichte des frommen Juden Mendel Singer, dessen Glauben an Gott auf eine harte Probe gestellt wird. Die Premiere am 17. September 2015 hinterließ einen starken Eindruck.

elipi_aVon Elisabeth Pichler

Das Stück beginnt um 1900 im fiktiven Schtetl Zuchnow in Russland. Hier lebt der jüdisch-orthodoxe Tora-Lehrer Mendel Singer mit Frau und vier Kindern. Die Behinderung seines jüngsten Sohnes Menuchim stellt für die gesamte Familie eine große Belastung dar. Während sich die Mutter völlig für ihr armes Kind aufopfert, fühlen sich dessen Geschwister benachteiligt, sie beneiden und quälen ihren armen Bruder. Als die beiden Söhne zum Militär sollen, versucht der Vater, sie zur Desertation zu überreden. Während Schemarjah die Flucht gelingt, wählt Jonas die vermeintliche Freiheit bei den Soldaten. Die familiären Bindungen beginnen sich aufzulösen. Mendel erliegt den Verlockungen der modernen Welt und emigriert mit Frau und Tochter nach Amerika zu seinem geschäftstüchtigen Sohn, der sich nun Sam nennt. Doch auch in der neuen Welt wird Mendels Frömmigkeit durch harte Schicksalsschläge auf die Probe gestellt.

Moritz Grabbe (Menuchim), Daniela Enzi (Deborah), im Hintergrund: Yael Hahn (Mirjam)

Moritz Grabbe (Menuchim), Daniela Enzi (Deborah)

Georg Reiter überzeugt als frommer Jude, der es nicht schafft, sich in einer modernen, gottlosen Welt einzurichten. Daniela Enzi als seine verbitterte, frustrierte Gattin Deborah schenkt ihre ganze Liebe dem behinderten Sohn, da bleibt für den Rest der Familie kaum etwas übrig. Moritz Grabbe verkörpert mit glasigem Blick und wilden Zuckungen den vermeintlichen Epileptiker Menuchim. Yaehl Hahn liebt als Mirjam nicht nur die Kosaken im Kornfeld, sie wird zum Kummer ihres Vaters auch in Amerika schnell fündig. Sebastian Martin Rehm (Schemarjah), Martin Brunnemann (Jonas) und Marcus Marotte (Rabbi) ergänzen das stark aufspielende Ensemble.

Vor einer an die Klagemauer in Jerusalem erinnernden Bretterwand spielt sich das einfache, etwas trostlose Leben im Schtetl ab. Dahinter verbirgt sich das kalte, seelen- und gottlose Amerika (Bühne: Vincent Mesnaritsch). Joseph Roths einfache, pathetische, dem Alten Testament nachempfundene Sprache verleiht der Geschichte etwas Märchenhaftes. Die über zweistündige, pausenlose Aufführungen verlangt dem Publikum zwar einiges ab, doch der Schlussapplaus war gewaltig. Die von Rudolf Frey leise und sensibel inszenierte, an eine Parabel erinnernde Geschichte, verfehlt ihre Wirkung nicht.

„HIOB“ – von Joseph Roth – Fassung Koen Tachelet. Regie: Rudolf Frey, Bühne: Vincent Mesnaritsch. Kostüme: Elke Gattinger. Dramaturgie: Therese Taudes. Mit: Georg Reiter, Danila Enzi, Moritz Grabbe, Yael Hahn, Sebastian Martin Rehm, Martin Brunnemann, Marcus Marotte. Fotos: Jan Friese

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