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Anthering: „Der Talisman“ – Die Schicksalsperücke

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Das Theater Anthering wagt sich erstmals an eine Posse des österreichischen Dramatikers und Satirikers Johann Nepomuk Nestroy. Das homogene Ensemble mit einem großartig aufspielenden Hermann Strasser in der Rolle des Titus Feuerfuchs begeisterte bei der Premiere am 16. Oktober 2015 das Publikum im Kultur- und Veranstaltungszentrum Voglwirt in Anthering.

elipi_aVon Elisabeth Pichler

Die arme Gänsehirtin Salome Pockerl wird wegen ihrer roten Haare von der Dorfjugend verspottet. Warum eigentlich? „Rot ist doch g’wiß a schöne Farb’, die schönsten Blumen sein die Rosen, und die Rosen sein rot.“ Im ebenfalls „rotkopferten“ Titus, der verzweifelt eine Anstellung sucht, findet sie einen Leidensgenossen. Selbst der Bäckermeister weigert sich, ihn aufzunehmen, schließt er doch von der Haarfarbe auf einen falschen, heimtückischen Charakter. Als Titus einen Reisenden vor einem Unfall rettet, überreicht ihm dieser zum Dank eine schwarze Perücke.

Damit beginnt für den nunmehr ansehnlichen jungen Mann ein rasanter gesellschaftlicher Aufstieg. Dem schwarzen Lockenkopf fliegen die Frauenherzen nur so zu. Die verwitwete Gärtnerin Flora sieht in ihm schon den Nachfolger ihres Seligen. Die Kammerfrau Constantia findet ihn wesentlich attraktiver als ihren aktuellen Liebhaber, einen einfachen Friseur und Perückenmacher. Sogar die edle Frau von Cypressenburg und ihr Töchterlein erliegen dem Charme des selbstbewussten jungen Mannes mit den prächtigen schwarzen Locken. Der Schwindel fliegt auf, als der eifersüchtige Friseur, dieses „pomadige Ungeheuer“, die Perücke stiehlt. Doch so schnell gibt der schlaue, wortgewandte Titus nicht auf.

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Der Schauspieler, Sprecher und Moderator Hermann Strasser beherrscht perfekt die für Nestroy so typische Mischung aus Hochsprache, Umgangssprache und Mundart. Grandios Sabine Eder als resolute Gärtner, die sich dieses „exotische Gewächs“ nicht entgehen lassen will. Mit Charme versucht Martina Müller als verwitwete Kammerfrau, den schwarz gelockten Jüngling für sich zu gewinnen. Für Frau von Cypressenburg (Maria Liebenwein) und deren Tochter Emma (Anna-Maria Liebenwein) kommt Titus jedoch nur als Universalerbe des vermögenden Bierversilberers (Gusti Liebenwein) in Frage. Als unbekümmerte, liebenswerte Salome Pockerl sticht Ilse Schernthaner mit viel Temperament all diese berechnenden Frauen aus.

Gerard Es hat die bissige Gesellschaftssatire nicht nur schwungvoll in Szene gesetzt, er stand bei der Premiere auch als Gärtnergehilfe Plutzerkern auf der Bühne, um für den erkrankten Roman Ferrari einzuspringen und somit die Vorstellung zu retten. Junge Ensemblemitglieder untermalen musikalisch die witzig-spritzigen Couplets und sorgen in prachtvollen Kostümen bei einer Soiree im Hause der von Cypressenburgs für die nötige Noblesse.

Nestroys satirische Charakterkomödie wendet sich gegen den bedenklichen Umgang mit Außenseitern. Rote Haare bedeuten zwar heute kein Stigma mehr, doch der bedenkliche Umgang mit Fremdartigem ist leider stets hochaktuell.

„Der Talisman“ – Posse mit Gesang in drei Akten von Johann Nestroy. Theater Anthering. Das Theater im Wirtshaus. Regie: Gerard Es. Bühne/Kostüme: Josef Kittel und Ensemble. Technik: Peter Zach. Musikalische Leitung: Waltraud Nagl. Mit: Hermann Strasser, Ilse Schernthaner, Maria Liebenwein, Anna-Maria Liebenwein, Martina Müller, Sabine Eder, Roman Ferrari, Thomas Ehinger, Gusti Liebenwein, Johann Kemetinger, Friedrich Lebesmühlbacher, Berhard Thalmayr, Engelbert Havriluk, David Eder, Jakob Eder, Raphaela Ehinger, Ulli Fißlthaler, Melanie Leberer, Tobias Traintinger, Elena Pletzer, Sonja Schernthaner, Michael Schmid, Michael Thalmayr. Fotos: Antheringer Laientheater