„Titus“ – Anatomie einer Abrechnung

Eigentlich wollte Alex Linse, künstlerischer Leiter der Theater(Off)ensive, William Shakespeares grausamstes und blutrünstigstes Bühnenstück „Titus Andronicus“ zur Aufführung bringen. Die aktuelle Flüchtlingsproblematik sowie die zunehmende Eskalation von Gewalt bewegten ihn und sein Ensemble dazu, Shakespeares Horrorszenario in die heutige Zeit zu übertragen. Die Premiere fand am 29. Oktober 2015 auf der Bühne im Shakespeare statt. 

elipi_aVon Elisabeth Pichler

Der Inhalt der Rachetragödie „Titus Andronicus“ wird zu Beginn der Vorstellung in einem munteren Gstanzl kurz umrissen, wobei die unfassbaren Grausamkeiten an ein modernes Splatter-Movie erinnern (kurze Inhaltsangabe nachzulesen unter http://www.dieterwunderlich.de/Shakespeare_Titus_Andronicus.htm#cont). Ein etwas verwirrter Titus findet sich mit Helm und Schwert schließlich mitten in einer modernen Tischgesellschaft wieder, in der drei Damen über die Banalitäten des Alltags lästern. Wer hat eigentlich die unpraktischen Hosen ohne Taschen erfunden? Warum sind Champagnergläser nicht spülmaschinenfest? So heiter geht es jedoch nicht weiter, denn an einem öffentlichen Ort, einem Gemeinschafts-WC, genügt ein Blick in die Zeitung und schon tauchen die allgegenwärtigen Probleme auf. Gewalt, Chaos und Lügen beherrschen die Schlagzeilen.

Während Gandhis sieben Todsünden der modernen Gesellschaft an die Wand projiziert werden (Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen, Wissen ohne Charakter, Geschäft ohne Moral, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opfer, Politik ohne Prinzipien), findet auf der Bühne ein orgiastisches Mahl statt, in dem es um verschiedene Eissorten geht: „Sünde schmeckt so gut!“ Nach der Wiedergabe der berührenden Schlussrede Charlie Chaplins aus dem Film „Der große Diktator“ hebt Christine Winter als gefesselte Lavinia zu einem flammenden Monolog an, in dem sie um mehr Menschlichkeit fleht, ist sie doch zuvor von Maskierten aufs Gröbste beschimpft worden.

Maximilian Pfnür und Christine Winter haben eigene Texte geschickt mit denen berühmter Autoren wie Shakespeare vermischt und mit User-Kommentaren aus dem Internet, Interviews und Nachrichten ergänzt. Regisseur Alex Linse und sein Ensemble (Anja Clementi, Christine Winter, Diana Paul, Maximilian Pfnür) nehmen für 90 pausenlose Minuten das Publikum mit auf eine makabre Reise, in der die maßlose Gier und das Ego des modernen gläsernen Menschen im Zentrum stehen. Die aktuelle Thematik und die kraftvolle Umsetzung in einem verstörenden Stück veranlassten wohl auch das Premierenpublikum, das angebotene Gespräch mit dem Ensemble im Anschluss an die Vorstellung wahrzunehmen. Eine anregende Diskussion beschloss den aufwühlenden Theaterabend.

Mein Tipp: „Titus Andronicus“ von Shakespeare lesen, Stück anschauen und anschließend heiß diskutieren.

„Titus“ – Anatomie einer Abrechnung – Uraufführung. Theater(Off)ensive Salzburg. Entwicklung und Bühne: Ensemble, Regie und Technik: Alex Linse. Mit: Anja Clementi, Christine Winter, Diana Paul, Maximilian Pfnür.

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