Überall nirgends lauert die Zukunft – Flucht und Vertreibung

Während nach dem 2. Weltkrieg jüdische Flüchtlinge, die die Shoa überlebt hatten, Richtung Süden, Richtung Palästina, unterwegs waren, zieht der aktuelle Flüchtlingsstrom Richtung Norden. Der in Russland geborene Autor Vladimir Vertlib stellt Flüchtlinge einst und jetzt gegenüber. Die Uraufführung des von Christa Hassfurther mit einem multikulturellen Team eindringlich in Szene gesetzten Stückes fand am 21. April 2016 in der ARGEkultur statt.

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Von Elisabeth Pichler

Frau Bürgermeister (stark Dorit Ehlers) ist genervt, gibt es doch seit dem Brandanschlag auf das nahe Flüchtlingsheim ständig Probleme. Gerade stehen wieder drei verängstigte Männer mit einer Dolmetscherin vor ihr und bitten um die Verlegung in ein anderes Lager. Als Christen würden sie sich hier unter lauter Moslems nicht mehr sicher fühlen. Frau Bürgermeister hat zwar laut Wahlplakat „Ein Herz für alle Menschen“, doch gar so wörtlich sollte man das nicht nehmen. So macht sie den Herren klar, dass ihr Religionsbekenntnis auf Grund ihrer „muslimischen Aura“ keine Bedeutung habe. Kaum haben die Bittsteller ihr Büro verlassen, wettert sie über die Flüchtlinge, die wie Heuschrecken über sie hergefallen seien. Warum musste das auch gerade in ihrer Amtszeit passieren?

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Vor dem Flüchtlingsheim in der Sperlingstrasse wird gerade versucht, eine politisch korrekte Melange aus fröhlichen und traurigen Fotos zu schießen. Die Flüchtlinge zeigen wenig Interesse für diese PR-Maßnahme. Auch die aufdringliche Reporterin (Anna Russegger) wird links liegen gelassen, Recherchen auf ihren Handys sind den Asylanten wesentlich wichtiger. Der greise David ist entsetzt.

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Wo er 1945 in einem verlausten Lager mit seiner großen Liebe Hanna auf die Flucht nach Palästina gewartet hatte, tummeln sich 70 Jahre später desillusionierte Menschen, die ebenfalls auf einen Neubeginn nach dem Krieg warten.

Alois Ellmauer hat die Bühne mit einem riesigen Gitter, das an einen umgerissenen Maschendrahtzaun erinnert, ausgelegt. Hier sucht sich der Chor der Schutzsuchenden mühsam seinen Weg und muss sich nach der gefährlichen Fahrt übers Mittelmeer – eine der stärksten Szenen – von den Vertretern der „ARGE Borderline“ (erschreckend authentisch Caspar Russegger und Lorenz Brandner) sowie der „Sprecherin der Friedensliga für ein islamfreies Europa“ (Astrid Fürhapter) beschimpfen lassen. Eine Stadtbewohnerin (Dorothee Horsch) sucht hier nach einer billigen Putzfrau und sieht das als humanitäre Maßnahme, als Zeichen der Solidarität. Zum versöhnlichen Ende hilft ein Flüchtling aus Syrien (Salim Chreiki) gemeinsam mit dem Chor der Schutzsuchenden, David (Jurij Diez), der fassungslos die verstörenden Szenen beobachtet, seine geliebte Hanna nach Jerusalem zu bringen.

Vladimir Vertlib gelingt es, in seinem Text den tragischen, teilweise schockierenden Ereignissen mit bitterer Ironie zu begegnen und somit jegliches Pathos zu vermeiden. Ein intensiver Theaterabend über Flucht und Vertreibung, von Christa Hassfurther mit österreichischen Schauspielern, Migranten und Asylsuchenden gefühlvoll in Szene gesetzt.

„Überall nirgends lauert die Zukunft“ von Vladimir Vertlib. Eine Koproduktion von Theater bodi end sole und ARGEkultur. Regie: Christa Hassfurther. Bühne: Alois Ellmauer. Kostüm: Pablo Alarcón. Musikalische Leitung: Sophie Hassfurther. Mit: Dorit Ehlers, Salim Chreiki, Juij Diez, Michel Widmer, Anna Russegger, Manuela Widmer, Dorothee Horsch, Ilse Lackenbauer, Erika Fehrer, Astrid Fürhapter, Caspar Russegger, Lorenz Brandner, einem Chor von Schutzbedürftigen sowie einigen Kindern. Fotos: ARGEkultur/bodi end sol/ Fotos (c) Mike Größinger

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