Reinhard Lackinger: Überfremdung hüben und drüben

Jeder echte Wiener hat wenigstens eine böhmische Großmutter!" Foto: KTraintinger

Kann einer, der nicht in Österreich, nicht in Europa lebt, über Überfremdung reden? Nein, das kann er nicht! Das jedenfalls dürfte die allgemeine Reaktion sein, um das Einmischen und Mitreden eines Außenstehenden zu quittieren und sofort vom Tisch zu fegen.

Reingard Lackinger

Von Reinhard Lackinger, Beislwirt in Brasilien

Wie, so frage ich mich, sähen die Meinungen eines beinahe siebzigjährigen Auslandsösterreichers aus, der seit 47 Jahren in Brasilien lebt, wollte auch er zum Thema Überfremdung den Dijonsenf seiner Giftküche dazugeben? Ich spreche von mir, aus meiner Erfahrung!

Ich würde wahrscheinlich weit ausholen und von den Volksdeutschen erzählen. Von den vielen schwarz gekleideten Figuren mit Kopftuch, ernstem Gesicht und den Kindern und Enkelkindern, mit denen ich aufgewachsen bin. Ich würde meine Rede auch mit servokroatischen Flüchen würzen, die ich in jenem Getto, dem Lager II in Kapfenberg, Steiermark gelernt hatte.
Dieses allerletzte Barackenlager verschwand allmählich und die in den 40 er Jahren aus Esseg, Neusatz oder gar aus Pomarla, Bukowina stammenden Heimatvertriebenen bekamen Anfang der 60 er Jahre neue, erst damals gebaute Wohnungen zugewiesen.

Nicht alle Einheimischen und seit mindestens fünf Jahren oder gar seit einer Generation im Ort Lebenden und Wohnhaften sahen diese Großzügigkeit der Stadtgemeinde mit Wohlwollen und guten Augen. Besonders diejenigen, die weiterhin in Zinskasernen hausten, die noch vor dem ersten Weltkrieg erbaut worden waren. Zimmerküchenwohnungen mit gemeinschaftlichem Klo auf dem Gang und einem dürftigen Badezimmer – wenn überhaupt – fürs ganze Haus und alle darin wohnenden Parteien.

Ich würde vielleicht auch von der Familie und Landwirtschaft eines Freundes erzählen, die in jenen Jahren allgemeiner Not eine Flüchtlingsfamilie aus Rumänien oder Bulgarien aufnahm und bei ihr unterbrachte. Vom “Flüchtlingsfamilenvater”, der in seiner Heimat selber Bauer war und versuchte, dem inländischen Hausherren mit moderneren und energiesparenden Prozeduren zur Seite zu stehen. Der Vater meines Freundes ließ sich aber vom neuen “Knecht” nichts sagen und verwarf stehenden Fußes jede Innovation.

Überfremdung herrschte damals auch auf zugefrorenen Weihern und Teichen, wo die Heimatvertriebenen das Eisstockschießen nach fremden, exotischen und für die Ortsansässigen völlig unverständlichen Regeln praktizierten. Ein Unterfangen, dem die “Einheimischen” mit Misstrauen und Hohn begegneten.

Das alles ist nun schon lange her, gar nicht mehr wahr und auch nicht der Rede wert! Nicht nur das Telefonbuch Wiens ist voll mit immer weniger fremdartig klingenden Namen aus allen ehemaligen Kronländern, sondern auch die eineinhalb Seiten der Liste Kapfenbergs. Heute scheint es, es hätte früher keine Überfremdung gegeben. Vielleicht deshalb, weil gar kein Platz dafür existierte. Überfremdung und soziale Unordnung installieren sich normalerweise nur in gesellschaftlichen Leer – und Zwischenräumen. Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren, hieß es damals. Dabei wäre ich mit meinem Diskurs bereits in Südamerika, in Brasilien. Zwischen Inseln mehr oder weniger prekärer Urbanisierung wuchern seit über hundert Jahren die Favalas der Armen und Miserablen.

Überfremdung fühlen heutzutage und seit der relativ zaghaften Machtübernahme der Arbeiterpartei von Luiz Inácio Lula da Silva die ewig privilegierten Einwohner Brasiliens der Oberschichte- und Mittelklasse. 500 Jahre lang orientiert sich diese schmarotzerische Brut am gähnenden Abgrund zwischen Arm und Reich. Mit der konstanten Aufwertung des dürftigen Mindestlohnes, den “Affirmative Actions”, der Afrobrasilianern und Indigenen den Zutritt zu Universitäten und in den öffentlichen Dienst erleichtert, verließen in den letzten 13 Jahren benahe 30 Millionen Brasilianer bitterste Armut und wurden zu mehr oder weniger vernünftigen Endverbrauchern.

Überfremdung spüren seither die artigen Bürger im Supermarkt oder im Lehrsaal der Universitäten, wenn sie jene bürgerlichen Installationen mit neuen Studenten und nicht selten ungut auffallenden Konsumenten teilen müssen. Oder am Flughafen, wenn sie nun in der Abflughalle zusammen und auf engstem Raume mit Passagieren aus der ehemaligen Klasse C und D auf das Einsteigen warten müssen.
Oder am Strand von Copacabana, Ipanema, Leblon, Porto da Barra oder Búzios. Wenn Horden Dunkelhäutiger aus der Peripherie oder der Favela den Platz im heißen Sand und im Meer okkupieren, den eigentlich nur diejenigen benützen dürften, die in jenem Nobelviertel wohnen und nur die Strandstraße zu überqueren brauchen, um ihr Paradies zu genießen, wofür sie teure Grundsteuer bezahlen.

Überfremdung erfahren die Bürger Brasiliens, wenn Straßen und Plätze voll mit rote Fahnen tragenden Menschen sind, die gegen den Putsch, den Staatsstreich protestieren, den korrupte Politiker, die parteiische Justiz, und die lügenhafte Presse, mit Unterstützung internationaler Verbrecher im Schnellverfahren durchboxen wollen!

Ja Gnade euch Gott ihr eingebildet mächtigen Nichtsnutze,
der einfache Brasilianer stund auf im Lande
und fünfhundertjährige Sklaverei
macht Privilegien und Dünkel zu Schande.

Salvador, 14. August 2016

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