Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand

Den Bestseller des schwedischen Autors Jonas Jonasson bringt Christoph Batscheider als überdimensionales Kasperltheater, in dem acht Schauspieler 46 Rollen übernehmen, auf die Bühne des Schauspielhauses Salzburg. Bei der Premiere am 12. Mai 2017 sorgte der rasante, aufregende Roadtrip von vier schrägen Vögeln für beste Unterhaltung.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Allen Karlsson wird 100 und im Altersheim soll das gebührend gefeiert werden. Der Jubilar hat jedoch keine Lust darauf und flüchtet in Morgenmantel und Filzpantoffeln zur nächsten Busstation. Dort soll er nur kurz auf einen Koffer aufpassen, doch dann nimmt er diesen einfach mit und fährt los. Noch weiß er nicht, dass der unscheinbare Koffer 50 Millionen Kronen aus einem Drogendeal enthält. In einem verlassenen Bahnhofsgebäude lernt Allen den notorischen Dieb und Betrüger Julius kennen und gemeinsam sorgen sie dafür, dass der wütende Besitzer des Koffers für immer verschwindet. Dass dieser ein Mitglied der berüchtigten „Never again“-Bande war, wird noch für weiteren Ärger sorgen. Auch Polizei und Medien sind hinter dem Hundertjährigen her, der gemeinsam mit dem Schlitzohr Julius, dem Imbissbudenbesitzer und ewigen Studenten Benny und der schönen Bäuerin Gunilla samt ihrem Elefanten quer durch Schweden fährt.

Mit einem gut gefüllten Koffer bleibt man eben nicht lange allein. Um auf der Reise keine Langeweile aufkommen zu lassen, erzählt Allen von seinem langen Leben und seinen ganz speziellen Begegnungen. Obwohl er sich nie für Politik interessierte, war er in viele der großen historischen Ereignisse des 20. Jahrhunderts verwickelt. Im spanischen Bürgerkrieg sprengte er Brücken und rettete so ganz nebenbei General Franco das Leben, später lernte er Truman und Mao kennen, bevor er von Stalin höchstpersönlich wegen Spionagetätigkeit ins Arbeitslager geschickt wurde.

Auf die Frage, was Christoph Batscheider daran gereizt habe, ausgerechnet diesen Stoff auf die Bühne zu bringen, gesteht er: „Erst einmal die Unmöglichkeit… Dieser Roman hat so viele Figuren, so viele Schauplätze und nicht zuletzt auch noch einen Elefanten. Wie stellt man das dar?“ Als hilfreich bei der Umsetzung erweist sich das raffinierte Bühnenbild von Annett Lausberg, das sich auf verschiedenen Ebenen bespielen lässt. Hinter einem Bretterverschlag residiert nicht nur der Elefant, im Handumdrehen bastelt hier Oppenheimer an seiner Atombombe.

Olaf Salzer gibt einen anfangs etwas verwirrten, tattrigen Greis, für den die abenteuerliche Reise als wahrer Jungbrunnen wirkt. Köstlich seine Spießgesellen: der liederliche Julius (Theo Helm) und Benny (Antony Connor), der ein Auge auf die schöne Gunilla (Susanne Wende) geworfen hat. Frederik Soltow fegt als bärenstarker, unbedarfter junger Sprengstoffexperte Allen durch die Weltgeschichte. Moritz Grabbe, Magnus Pflüger und Alexandra Sagurna ergänzen das spielfreudige Ensemble, das sich mit Elan in die unterschiedlichsten Rollen stürzt.

Wer das Buch gelesen oder den Film gesehen hat, wird feststellen, dass es Christoph Batscheider gelungen ist, die absurde Kriminalgeschichte und das historische Panorama des letzten Jahrhunderts gekonnt zu verschmelzen. Ein vergnüglicher Abend, der die Vorzüge des Alterns aufzeigt, denn der moralische Stress bleibt irgendwann auf der Strecke.

„Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ – Theaterstück nach dem Roman von Jonas Jonasson. Regie: Christoph Batscheider, Bühne und Kostüme: Annett Lausberg. Video: Michael Winiecki. Mit: Olaf Salzer, Theo Helm, Antony Connor, Susanne Wende, Moritz Grabbe, Frederik Soltow, Magnus Pflüger, Alexandra Sagurna. Fotos: Jan Friese

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