Krebs. Cancer. Was nun?

KrebseKrebse. Foto: KTraintinger

Es ist für mich irgendwie immer noch irreal. Ich habe jetzt tatsächlich Krebs. Kurz vor Weihnachten wurde bei mir ein Ovarialtumor diagnostiziert und selbstverständlich war von Beginn an klar, der Tumor kann gutartig wie auch bösartig sein.

Sonja Schiff

Sonja Schiff by Rochus Gratzfeld

Von Sonja Schiff

Ich habe mich drei unendlich lange Wochen intensiv mit allen in Betracht kommenden Perspektiven auseinandergesetzt und bin den Weg vom Schockzustand zur Zuversicht gegangen. Am 16. Jänner trat ich mit positiven Gedanken die Reise in die Narkose an, war davon überzeugt, nach kurzer Operation aufzuwachen und danach mein bisheriges Leben wieder aufzunehmen. Als ich beim Aufwachen aber nach der Uhrzeit fragte und realisierte, dass ich über 7 Stunden im OP-Saal gelegen war, als ich auf meinem Bauch die gefürchtete lange Naht vom Nabel bis zum Schambein vorfand, da ging, trotz all meiner Vorbereitung, eine Welt unter. Mein Körper hat plötzlich unkontrollierbar geschlottert und ich bin gefallen, gefallen, gefallen.

Diese Operation ist jetzt 8 Tage her. Ich bin eine psychische Achterbahnfahrt durchlaufen, bin gestrauchelt, gestürzt, hab mich mit viel Kraft wieder aufgerichtet und ich schätze, so wird es noch einige Zeit weitergehen. In den nächsten Tagen werde ich erfahren, ob das Ovarialkarzinom gestreut hat und davon hängt ab, wie lange und welche Chemotherapie ich erhalten werde.

Mein Kopf plant eine Zukunft mit Chemotherapie, legt Strategien fest, formuliert Ziele. Aber mein Innerstes ist immer noch fassungslos und hofft auf ein Wunder. Ich, die ich strotze vor Kraft, die ich die Welt ständig mit Ideen und Projekten niederreiße, der alles immer zu langsam geht, die Nichtstun kaum erträgt, ich habe wirklich Krebs? Es wird wohl noch einige Zeit dauern, einige Abstürze und Aufbrüche benötigen, bis diese neue Lebensrealität auch mein Inneres erreicht hat.

Neben Fragen rund um die Chemotherapie, ums eigene Überleben, um meine Familie und meine FreudInnen und um meine wirtschaftliche Situation als Selbständige in dieser Zeit, beschäftigt mich natürlich auch die Frage, ob ich weiter bloggen soll. Kochrezepte, Wanderberichte und Jubelreportagen über das glückliche Älterwerden sind im Moment nicht mein Thema. Also kann ich auch mit Blogberichten darüber für längere Zeit nicht dienen. Soll ich den Blog also beenden und stilllegen bis diese Lebenskrise überwunden? Oder soll ich weiterschreiben, einfach weil „VielFalten- fortgeschritten Leben jenseits der 50“, das Motto meines Blogs, auch Krisen und deren Überwindung beinhaltet? Das Leben ist keine einzige Jubelreise. Krisen gehören einfach dazu und rückblickend betrachtet, bringen Krisen uns enorm weiter. Nehme ich mein eigenes Blogmotto ernst, müsste ich also weiterbloggen. Aber interessiert das meine Leserinnen oder laufen sie mir, schreiend oder auch ganz still, davon, fliehen vor dem Schrecken Krebs und meinen Berichten?

Bei diesen Überlegungen erinnere ich mich an ein länger zurückliegendes Erlebnis auf einer kleinen Tagung. Rund 50 Personen standen in einem Raum und plauderten. Plötzlich betrat Susanne, die alle Anwesenden kannten, den Saal. Sie trug Glatze und jede TeilnehmerIn wusste sofort Bescheid. Die Menschen waren geschockt, sie traten zur Seite, es wurde für einige Sekunden still. Doch dann drehten sich alle wieder ihren Gesprächspartnerinnen zu. Susanne stand da, alleine, hilflos. Sie blickte um sich, versuchte irgendwo zu ankern. Als ich, die ich sie eigentlich kaum kannte, ihr zuwinkte, lief sie pfeilgerade und sichtlich erleichtert auf mich zu. Sie umarmte mich, als wäre ich die beste Freundin.

Krebs ist ein Tabu. Sterben und Krankheit an sich, sind ein Tabu. Tabus bin ich aber noch nie in meinem Leben gefolgt. Tabus habe ich immer schon niedergerannt. Auch jetzt als Krebspatientin und Bloggerin ruft es in mir: „Ich werde mich den Menschen zumuten! Ich werde nicht in die Unsichtbarkeit gehen. Ich werde nicht schweigen. Ich bleibe mitten im Leben und unter Euch!“

Bleiben einige offene Frage: Schaffe ich in dieser schwierigen Zeit so viel Öffentlichkeit? Bringt mir die Öffentlichkeit Kraft oder zieht sie mir Energie ab? Werden meine Leserinnen um meine Dünnhäutigkeit wissen und deshalb sorgsam und empathisch mit mir umgehen?

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