Alles im Leben hat seine Zeit, flieg´wie ein Schmetterling!

Kleiner Fuchs, Aglais urticateKleiner Fuchs, Aglais urticate | Foto: KTraintinger, Dorfbild.com

Vor etwas mehr als 7 Monaten bekam ich eine überraschende Diagnose, einen Monat später war die Operation, danach viele Tage in Dunkelheit und dann eine erlösende Nachricht. Mittlerweile erscheint mir das alles weit weg. Im Alltag vergesse ich das Erlebte meistens.

Von Sonja Schiff

Nur manchmal werde ich daran erinnert. Wie heute, bei einer Veranstaltung, da traf ich auf mehrere Frauen, die mich mit besorgtem Blick fragten, wie es mir jetzt ginge und was ich aus der Zeit der Krankheit mitgenommen habe. Ich schildere dann meistens meine größte Erkenntnis aus dieser Lebensphase und ernte dafür häufig Betroffenheit. Daher ist es mir ein Anliegen Euch heute davon zu erzählen und gleichzeitig ein wenig meine Gedanken und Gefühle zu sortieren.

Die Tage zwischen 22. Dezember und 15. Jänner habe ich als die schwierigste Zeit meines bisherigen Lebens erlebt. Ich wartete nach der überraschenden Diagnose Ovarialtumor auf den Operationstermin, versuchte die Diagnose zu verarbeiten, Hoffnung zu schöpfen, zurück zur Zuversicht zu finden. Von Beginn an habe ich alle Gedanken zugelassen und drei Szenarien durchgespielt in meinem Kopf und meinem Herz. Variante eins, ich sterbe bald. Variante zwei, ich werde rasch wieder gesund. Variante drei, ich muss kämpfen, um meine Gesundheit ringen, finde sie aber dann wieder.

Meine größte Erkenntnis aus dieser Phase nahm ich mit durch die Auseinandersetzung mit der Variante eins. Zu meiner Überraschung stellte ich nämlich fest: „Würde ich jetzt sterben müssen, es wäre okay.“

Es war genau diese Erfahrung, die mich befreite von der Angst, die mich rettete aus dem Dunkel. Nachdem ich tief in mir drin diese Erkenntnis gewonnen hatte, konnte ich mein Schicksal… hmmm wie sag ich es am besten….einer höheren Macht anvertrauen. Ich weiß noch, dass mir der Gedanke „Jetzt darf alles passieren“ durch den Kopf ging und ich meinte damit wirklich ALLES. Im Nachhinein sehe ich diese Erkenntnis als meine größte Kraftquelle in dieser Zeit. Und ein wenig glaube ich sogar, dass es diese Erkenntnis war, die den Weg zurück ins Glück, ins Leben geebnet hat. So als würde der Tod sich denken: Na wenn du eh bereit bist zu sterben, dann kannst du ja noch ein wenig leben.

Klingt verrückt, oder?

Versteht mich bitte nicht falsch. Ich bin unendlich dankbar dafür, dass alles ganz anders kam, dass ich weiterleben darf, gesund bin und wieder voller Kraft. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen wegen dieser Gedanken, denke mir, hoffentlich werde ich nicht bestraft dafür, sie sind ja fast blasphemisch. Trotz dieser Erkenntnis habe ich nach der Operation – als es hieß, ich hätte Krebs – am ganzen Körper gezittert, verschlang mich die pure Angst. Den Tod zu akzeptieren, anzunehmen, hieß also nicht, keine Angst vor ihm zu haben. Im Gegenteil, da war große Angst. Aber trotz aller Angst, war der Gedanke „Es wäre okay“ immer dabei. Ja, das klingt eindeutig verrückt…..

Diese Erfahrung beschäftigt mich immer noch, ich denke sehr viel darüber nach. Über mein Leben. Wie ich es gelebt habe. Es war eine wirklich große Erkenntnis für mich. Ich habe so viel Zufriedenheit gespürt. Dankbarkeit. Es gab keine Sekunde das Gefühl, etwas zu bereuen oder den Gedanken etwas versäumt zu haben. Keinen Moment. Es gab keine offene Bucket-List an Dingen, die ich unbedingt noch erleben wollte. Ich war einfach nur mit meinem Leben zufrieden. Es war ein buntes, inhaltsreiches, spannendes Leben und ich habe es genützt, so mein Fazit.

Jetzt gehe ich alle drei Monate zur onkologischen Nachkontrolle. Ich hoffe inständig, dass der Tumor nicht mehr wiederkommt. Ich will leben. Mehr noch, ich hab mir vorgenommen alt zu werden. So richtig alt.

Und wer weiß, vielleicht gelingt mir das ja genau wegen dieser wichtigen Erkenntnis.

Originaltext: Vielfalten.com | Sonja Schiff >

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