Deutsch oder was?

Bürmoos bei Salzburg 1939Das war Bürmoos zum Ende der Glashüttenzeit. In diesen Gebäuden lebten über 1000 Leute eng beisammen | Foto: Archiv Wolfgang Bauer

In den Salzburger Nachrichten schreibt Heinz Bayer in unregelmäßigen Abständen eine Kolumne über die sprachlichen Auswüchse in seiner Heimat, den Pinzgau. Wobei man dies wahrscheinlich durchaus auf alle Gebiete Österreichs übertragen kann.

Wolfgang BauerVon Wolfgang Bauer

Letzthin befasste sich ein Beitrag mit der Werbung für die großteils deutschen Gäste. Man bot „Ham and Eggs“ an statt der – wie viele Leser anmerkten – bei uns üblichen „Eierspeis“. Viele Pensionen und Hotels haben offensichtlich noch nicht begriffen, dass die Leute nicht allein nur wegen der schönen Landschaft hierher kommen. Sie erwarten keinen deutsch-englischen sprachlichen Einheitsbrei sondern die sprachliche Eigenart der jeweiligen Gaue und Täler, ebenso wie die übrigen Klischees über die hiesigen Ureinwohner: die Lederhosen der Männer und die Dirndlkleider der Frauen. Wobei die Dirndlkleider durchaus auch ältere „Dirndln“ tragen können. Diese Klischees werden ja bei diversen Heimatabenden oder „Events“ reichlich bedient.

Freilich sollte es in jedem Beherbergungsbetrieb und Restaurant jemanden geben, der auch Hochdeutsch/Schriftsprache beherrscht, um sich mit deutschsprachigen Gästen aus allen Gebieten verständigen zu können. Für fremdsprachige Gäste können dann englische, französische oder italienische Sprachkenntnisse nicht schaden. Bei russisch wird die Verständigung wohl schon schwieriger sein und bei arabischen Gästen kann man vielleicht auf das Personal zurückgreifen, wenn es der Innenminister nicht schon abgeschoben hat.

Dieses mangelnde Selbstbewusstsein was die eigene Sprache betrifft ist besonders im Tourismus, in der Werbung, bei Politikern und bei manchen Redakteuren ausgeprägt. Um den Mangel beim deutschen Wortschatz zu kompensieren, oder um zu zeigen, dass man Englisch mehr oder weniger beherrscht, werden bei Texten oder Gesprächen englische Ausdrücke daruntergemischt oder deutsche ganz ersetzt.

Das Gegenteil von fehlendem sprachlichen Selbstbewußtsein konnte man bei einer Mundarterhebung in meiner Heimatgemeinde Bürmoos feststellen. Dr. Mauser von der Universität Salzburg dokumentierte mit einigen Studenten vor einigen Jahren die verwendeten Mundartausdrücke von verschieden alten Bürmoosern und verglich sie mit vergleichbaren Gruppen in den Nachbargemeinden. Dabei stellte man fest, dass es bei manchen Ausdrücken auch nach fast 150 Jahren enger Nachbarschaft noch immer deutliche Unterschiede gibt. Böhmische Sprachwurzeln sind nicht nur bei der Küche noch feststellbar.

Mundartinterview

Dr. Mauser von der Uni Salzburg interviewt mit Studentinnen zwei Bürmooserinnen, die aus dem Banat stammen. Foto: Archiv Wolfgang Bauer

Dabei handelt es sich beim Bürmooser Dialekt ursprünglich durchaus um keine gewachsene, einheitliche Sprache. Wie ich in einer einjährigen Forschungsarbeit 2017 und 2018 feststellen konnte, trafen sich in Bürmoos Arbeiter aus fast ganz Mitteleuropa. Diese Arbeitsmigranten mit ihren Familien zogen in das neu entstandene Dorf am Rande dieses riesigen Moorgebietes, das aus Bürmooser Moor, Weidmoos und Ibmer Moor besteht. Sie wurden in der Glashütte, in der Ziegelei oder beim Torfstich beschäftigt. Nach ersten, gescheiterten Versuchen zur Torfverwertung entstand 1872 hier die erste Glasfabrik.

Die Herkunftsländer der auf engsten Raum zusammenlebenden Menschen reichen von Polen über Ungarn, Slowenien, Kroatien, Italien, Schweiz, Saarland, Belgien, Deutschland bis Böhmen und Mähren. Auch Österreicher waren darunter, aber nur eine kleine Minderheit. Von den Kronländern der Monarchie Böhmen und Mähren mit Schwerpunkt Böhmerwald waren allerdings die Mehrzahl der Arbeiter angeworben worden.

Diese hier zusammenlebenden Menschen entwickelten einen eigenen Dialekt, der auch noch mit Ausdrücken aus dem Tschechischen, wohl auch aus dem Jiddischen angereichert wurde. Es waren ja auch nicht wenige tschechisch-sprachige Leute gekommen; die hier tätigen Verwandten und die Familie des Firmenchefs waren Juden. Dieser so entstandene Dialekt hat sich zwar wie jede Sprache im Laufe der Zeit verändert, jedoch nie der Sprache der umliegenden, bäuerlich geprägten Bevölkerung angepasst.

Nach Auswanderungswellen 1913 (Verlegung des Hauptsitzes der Glasfabrik) 1930 (Ende der Glaserzeugung) und Zuwanderungswellen ab 1945 (Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei) und in den 1950er Jahren (Ansiedlung von geflüchteten Siebenbürgern, Banatern usw.) und dem laufenden Zuzug aus der Umgebung hat Bürmoos heute rund 5.000 Einwohner aus 50 Nationen. Diese vielen Zuzügler haben die Sprache wiederum beeinflußt. Wer genau hinhört könnte aber auch heute noch den einen oder anderen Ausdruck aus der Gründerzeit des Ortes erlauschen, denn die Nachkommen der alten Bürmooser, die inzwischen nur mehr eine große Minderheit sind, sehen keinen Grund, sich ihrer Muttersprache zu schämen. In diesem Sinne der Aufruf an Alle: reden wir weiter deutsch, sonst können wir uns die Deutschklassen in den Schulen, die die Regierung eben beschlossen hat, eigentlich ersparen.

Hinweis:
In jeder Sendung des Dorfradios können Sie einen “kleinen Streifzug durch den Flachgauer Dialekt” hören!
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