Bären, Wölfe, Luchse…

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In letzter Zeit macht wieder einmal eine kleine Gruppe schießwütiger Jäger und ideenloser Bauern (die oft selbst Jäger sind) Stimmung gegen eine geschützte Tierart.

Wolfgang BauerVon Wolfgang Bauer

Nach Kormoran, Rabe, Fischotter, Biber und Luchs ist diesmal der Wolf dran. In Leserbriefen und „Sozialen Medien“ wird von dieser Gruppe massiv gefordert, unser Land als einziges in Mitteleuropa (außer Lichtenstein und Monaco) wolffrei zu halten. Die Argumente sind oft mehr als lächerlich. Der erste Wolf im Land Salzburg nach vielen Jahren riss vor einiger Zeit wohl einige Schafe, der Schaden wird den Besitzern aber ersetzt. Nach einigen Wochen hörte man nichts mehr von dem Tier. Es ist anzunehmen, dass einer dieser Jäger, die meistens alles andere als Heger sind, das ganzjährig geschützte Tier illegal abgeschossen hat. Getreu der indirekt erfolgten Anleitung durch Landeshauptmann Haslauer, der von der Problembehandlung durch die vier „S“ gehört hat: „ Sehen, schießen, schaufeln, schweigen“.

Auch bei den Bären und den Luchsen ist die Situation ähnlich. Was durch diese Veröffentlichungen ausgelöst wird, zeigen einige Beispiele aus der letzten Zeit: Zwei Wanderer hörten angeblich ein lautes Brummen und sie glaubten, ein Bär käme daher. Schnell flüchteten sie sich auf einen Hochsitz und verständigten die Polizei. Es stellte sich dann heraus, dass die Laute von röhrenden Hirschen in der Brunftzeit stammten. Ein Bär, der laut brummend durch das Land zieht, wäre wohl bald verhungert, weil die Beutetiere längst das Weite gesucht hätten.

Ein anderes Beispiel war eine Frau, die im Wald spazieren ging. Sie hörte etwas im Gebüsch rascheln und sah einen Schatten verschwinden. Schnell verließ sie den schattigen Tann und schlug Alarm. Später gab sie dann in einem Leserbrief zu, dass sie wohl ein Reh gesehen hätte. Auch hier hätte ein Wolf wohl mehr Angst vor den Menschen als umgekehrt und würde sich zurückziehen.

Daß es den Waffenbrüdern weniger um die Menschen in freier Natur geht als um ausgestopfte Trophäen an der Wand zeigt auch, dass es keine Leserbriefe zum Beispiel über große Haushunde gibt. Während in den letzten 200 Jahren keine Todesfälle durch Wölfe bekannt sind, gibt es im selben Zeitraum zehntausende Verletzte und nicht wenige tote Kinder und Erwachsene durch Hunde. Hier fordert (zu Recht) niemand die Ausrottung der Hunde. Auch viele verletzte Kinder bei Verkehrsunfällen oder ertrunkene Kinder tangieren die Ausrottungs-Befürworter der großen Beutegreifer wenig – nur die Wölfe sind die große Gefahr.

Wie man mit den großen Raubtieren leben kann zeigen Beispiele aus anderen Ländern: Mein Bruder schickte mir aus Colorado Fotos von einem Bären, der neben seiner Wanderstrecke an einem Busch Beeren naschte. Meister Petz ließ sich durch fotografierende Spaziergänger und Radfahrer nicht im Geringsten stören. Ähnliches berichtete mir eine Tante aus Kanada. Auf der Terrasse ihres etwas abgelegenen Hauses hatte ein Bär übernachtet. Probleme gibt es dort nur, wenn Leute ihr Zelt in der Wildnis aufschlagen und gewisse Grundregeln nicht beachten. So wird empfohlen, im Zelt keine Lebensmittel zu lagern. sondern diese auf Bäumen aufzuhängen.

Bei den riesigen Revieren, welche die größeren Raubtiere beanspruchen, würde ein normaler Wanderer diese kaum jemals zu Gesicht bekommen. Die Schafbauern könnten vom Land unterstützten Herdenschutz durch Zäune, Herdenhunde oder Hirten einrichten, ebenso die Imker ihre Bienenhütten vor Bären schützen. Wenn es trotz dieser Maßnahmen Verluste gibt, müßten diese ersetzt werden. So sollte auch bei uns die Wiederbesiedlung von einst hier heimischen, aber ausgerotteten Wildtieren möglich sein.

Den schießwütigen unter den Jägern kann man nur empfehlen, auch in die Hege der Natur etwas Zeit zu investieren. Wo bleibt der Einsatz bei den Grundbesitzern für Heckenpflanzungen, die Erhaltung von Totholzbäumen für Höhlenbrüter, das Stehenlassen von nur einmal gemähten Randstreifen, Nisthilfen oder der Bekämpfung von Neophyten. Stattdessen gibt es oft unnötige Wildfütterung von Enten, Rehen usw., damit diese nicht ins Nachbarrevier abwandern. In Volieren werden importierte, fast zahme Fasane aufgezogen, die man dann freiläßt, um die Hähne abschießen zu können. Auch der Abschuß von halbzahmen Wildschweinen in Gattern gleicht eher einem Schlachthaus als einer Jagd.

Die Wiederbesiedlung all dieser bekämpften, geschützten Tiere könnte eine große Bereicherung für unsere Natur sein und das natürliche Gleichgewicht und die natürliche Auslese verbessern, womit auch die Jäger eine wesentliche Entlastung erfahren würden. Dies würde auch das manchmal doch etwas ramponierte Ansehen der Jägerschaft wieder verbessern.

Jäger und Gejagte

Vor Jahren hatten wir einen wunderschönen rotgetigerten Kater in der Familie. Er war kastriert und recht faul. Viel weiter als zum übernächsten Nachbar ging er nicht. Unser Haus liegt in der Nähe eines Waldes, nur durch einen schmalen Bach getrennt. Eines Tages war der Kater verschwunden und kam nicht wieder. Wir forschten bei allen Nachbarn nach und erfuhren, dass ihnen auch schon ähnliches passiert war. Durch Umwege erfuhr ich, dass der Revierjäger, wie auch viele andere seiner Kollegen, am Waldrand eine Reihe Lebendfallen aufgestellt und mit Lockködern versehen hatten. Wenn die Falle zuschnappt, nimmt der Jäger bei einem seiner Kontrollgänge die Falle mit, das Tier wird an abgelegener Stelle erschossen und vergraben.

Eines Tages tauchte in unserem Garten, durch ein Loch im Zaun kommend, eine Rehgeiß auf und äste gemütlich auf dem Rasen. Später im Jahr brachte sie auch ihr Kitz mit, das ungestört dort herumtollte. Im Jahr darauf erschien dieselbe Geiß sogar mit zwei Kitzen. Sie waren so wenig scheu, dass man ihnen einige Meter daneben, auf der Terrasse stehend, zuschauen konnte. Einem Bekannten, der sein Jagdrevier in der Nähe hat, erzählte ich von diesem ungewöhnlichen Besuch. Er fragte, ob die Geiß stark oder eher schwach gebaut sei. Dies konnte ich aus Mangel an Vergleichsmöglichkeit aus dieser Nähe nicht beantworten. Wenig später war es vorbei mit den Besuchen der Rehe. Es hatten wohl Abschußquoten erfüllt werden müssen.

Eher lustig war dagegen das Treffen mit einem Fasan. Beim Schwammerlsuchen kam ich zu einem Waldstück, in dem die Jäger die jungen Fasane in Volieren aufziehen, die sie in Tschechien oder Ungarn kaufen, um sie dann halbzahm freizulassen. Bei den herbstlichen Treibjagden dürfen die Hähne aus dieser Aufzucht dann abgeschossen werden. Beim Zeitpunkt meiner Suche hatte die Jagdsaison aber noch nicht begonnen.

Hinter mir hörte ich etwas rascheln und sah, daß einige Meter entfernt ein Fasanhahn lief. Er hatte mich sicher gesehen, kam mir aber trotzdem immer näher. Es wurde mir fast unheimlich, denn dieses Verhalten entspricht so gar nicht einem Fasan, selbst einem halbzahmen nicht. Auch Versuche, ihn durch Schreien zu verjagen, fruchteten nichts. Er kam an mich heran und attakierte mit seinem Schnabel meine Stiefel. Erst als ich sein Rayon verließ blieb er zurück, mich noch eine Zeitlang beobachtend.

Jedes Jahr findet man Berichte über Jagdunfälle in den Zeitungen. Es kommt immer wieder vor, dass Jäger von anderen Jägern erschossen oder angeschossen worden sind, weil sie für Wildsauen oder Hirsche gehalten wurden. Wenn man annimmt, dass das Opfer nicht wie ein Wildschwein oder ein Hirsch ausgesehen hat, kann man nur vermuten, dass einige halbblinde Jäger herumlaufen, die auf alles schießen, was sich bewegt. Dazu passt auch, dass Leute in Waldnähe immer wieder Einschusslöcher an ihren Hauswänden finden.

In einer alten Zeitung vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts fand ich den Bericht von einer Treibjagd, bei der der Treiber Josef K. aus Bürmoos von einem Jagdherrn aus Salzburg mit einem Schrot durch die Nase geschossen worden war, was nicht ohne Komplikationen wieder heilte.

Seit damals und bis nach dem Zweiten Weltkrieg, besonders in den Jahren der großen Arbeitslosigkeit in den 1930er Jahren war es nicht selten, dass auch Jäger ohne Jagdschein in den Wäldern unterwegs waren. Es war die pure Not, die sie dazu brachte, gelegentlich ein Reh oder einen Hasen zu schießen. Obwohl nur in der Nacht unterwegs, haben sie sich aber nie gegenseitig angeschossen.

Im Zuge meiner Sammeltätigkeit für das später errichtete Torf- Glas- Ziegelmuseum kam ich zum Haus eines Mannes am Rande des Moores, der auch Jäger war. Für das Museum hatte er nichts mehr von Interesse anzubieten aber in der Jagdstube, in der wir uns unterhielten waren alle Wände gepflastert mit Jagdtrophäen und ausgestopften Tieren. Stolz zeigte er mir dabei auch einen präparierten Birkhahn.

Haarklein erzählte er mir, wie er diesen erlegt hatte: Früher waren in dem Birkenwäldchen neben seinem Haus abends immer einige Birkhähne eingeflogen. Im Laufe der Zeit aber seien es immer weniger geworden, man hielt sie schon für ausgestorben. Eines Tages aber hörte er, dass eines der raren Tiere dort im Baum gelandet sein musste. Er holte seine Büchse und schlich sich zu dem Baum, wo der Hahn gelandet war. „Bumm!!“ machte es und der Hahn fiel wie ein Stein herunter.

Er erklärte mir, dass der Jäger F. in Jägerkreisen als der letzte „Waidmann“ galt, der in dem riesigen Bürmooser Moorgebiet einen Birkhahn erlegt hatte. Er selbst aber habe jenen dort an der Wand erst viel später geschossen. Kein Wort des Bedauerns, dass er damit in dem großen Gebiet des Moores eine Tierart ausgerottet hatte, die dort seit Jahrtausenden lebte. Seither habe ich immer ein mulmiges Gefühl, wenn ich solche Leute mit einer Waffe herumlaufen sehe.

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