„Der Talisman“ – und drei konkurrierende Witwen

Talismann

„Das Vorurteil is eine Mauer, von der sich noch alle Köpf’, die gegen sie ang’rennt sind, mit blutige Köpf’ zurückgezogen haben.“ In Johann Nestroys hochmusikalischer Posse geht es um Außenseiter und Geldgier. Die Premiere fand am 18. Mai 2019 auf einer im großen Saal des Schauspielhauses Salzburg errichteten, entzückenden Pawlatschenbühne statt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Die rotkopferte Gänsehirtin Salome beklagt ihr Schicksal, will sie doch keiner auf den Kirtag ausführen. Der Vagabund Titus Feuerfuchs teilt ihr Schicksal, auch er ist wegen seiner roten Haare beruflich und privat nicht vom Glück verfolgt. Als er den Friseur Marquis vor einem Unfall bewahrt, schenkt ihm dieser als Talisman eine schwarzgelockte Perücke. Selbstbewusst macht sich Feuerfuchs damit auf den Weg zum Schloss der Frau von Cypressenburg. Hier macht er rasant Karriere, denn drei Witwen, die Gärtnerin Flora, die Kammerzofe Constanta und die Schlossherrin selbst, finden Gefallen an dem feschen jungen Mann. Nicht nur seine falschen Haare, sondern auch die Fähigkeit, seine Sprache der jeweiligen Situation anzupassen, helfen ihm auf dem Weg nach oben. Als ihm der Friseur aus Eifersucht die Perücke entwendet, muss Titus mit einer blonden Perücke vorliebnehmen, was zu heftigen Turbulenzen unter den Damen führt. Als er schließlich seine wahre, rote Haarpracht zeigt, sind Entsetzen und Abscheu groß. Der Betrüger fliegt hochkant aus dem Schloss. „Das Glück ist eben ein Vogerl.“

Auf dem Mühlrad aus dem Jugendstück Krabat steht eine kleine Bühne mit Vorhang, hinter dem sich das Interieur des vornehmen Schlosses verbirgt, der aber auch für amüsante Schattenspiele genutzt wird (Ausstattung: Ragna Heiny). Bina Blumencron treibt als Salome Pockerl ihre Gänse vor sich her und beklagt dabei ihr Los: „Ja, die Männer hab’n ‘s gut, hab’n ‘s gut…“ Doch all ihr Liebreiz ist bei Titus Feuerfuchs (Theo Helm) verschwendet. Er strebt nach Höherem. Der etwas windige Überlebenskünstler geht auf dem Weg nach oben ziemlich skrupellos vor. Er lässt die Gärtnerin (Ute Hamm) für die Kammerzofe (Kristina Kahlert) stehen und nistet sich bei ihr ein, bis die noble Frau von Cypressenburg (Susanne Wende) Interesse zeigt. Die Damen werden sich wohl um Ersatz umsehen müssen. Der Gärtnergehilfe Plutzerkern (Simon Jaritz) und der Friseur (Olaf Salzer) stehen schon in den Startlöchern. Als reicher Erbonkel hat Marcus Marotte seinen großen Auftritt.

Ein Nestroy-Abend, der auch musikalisch einiges zu bieten hat, denn Gernot Haslauer hat für eine dezent modernisierte Instrumentalisierung gesorgt und Bina Blumencron und Theo Helm sind ganz phantastische Musiker, ihre Couplets ein echter Genuss. Robert Pienz gelingt zum Saisonschluss mit einem großartigen Ensemble eine richtig „gspaßige“ Posse, für die sich das Premierenpublikum mit überaus herzlichem Applaus bedankte.

„Nestroys Dichtung ist das schönste Monument, das je dem Mutterwitz eines Volkes errichtet wurde.“

Alfred Polgar

„Der Talisman“ von Johann Nestroy. Regie: Robert Pienz. Ausstattung: Ragna Heiny. Musik: Gernot Hauslauer. Mit: Theo Helm, Susanne Wende, Kristina Kahlert, Ute Hamm, Simon Jaritz, Olaf Salzer, Marcus Marotte und Bina Blumencron. Foto: Jan Friese

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