Namen sind Schall und Rauch (Goethe „Faust“)

Bürmoos 1898

Bürmoos 1898 | Archiv Wolfgang Bauer

In der Vielvölkergemeinde Bürmoos lebten seit der Gründung vor rund 160 Jahren die unterschiedlichsten Nationen zusammen und das meistens relativ konfliktlos. Der derzeitige Stand ist 47 Nationen bei rund 5.000 Einwohnern. Alle sind sie Zuwanderer, denn vorher gab es hier nur Moor und Wälder.

Wolfgang Bauer

Von Wolfgang Bauer

Während heute die Leute durch Auslandsurlaube und Zuzug, sowie auch durch Sprachunterricht in den Schulen mit fremd klingenden Namen vertraut sind, war das früher anders. Ignaz Glaser übernahm die Bürmooser Glashütte 1882 und gründete 1896 auch eine Ziegelei. Er warb die hochspezialisierten Glasmacher in ganz Europa an, speziell aus Böhmen. Torfstecher kamen aus dem Mühlviertel und auch aus Italien. Der Ort wurde damit nicht nur zu einem Schmelztiegel der Nationen, sondern auch zu einer gesellschaftlichen und sprachlichen Insel in der bäuerlichen Umgebung. (Siehe Buch: „Bürmoos – Das Glasbläserdorf im Moor“)

Die sprachliche Integration innerhalb des Ortes passierte dabei auf zwei verschiedene Arten. Zum Einen wurden für die großteils deutschen Zungen schwer auszusprechenden Namen einfach eingedeutscht. Diese eingedeutschten Namen gab man dann auch beim Pfarrer für den Eintrag in Geburts-, Heirats- und Sterbematriken an. Ebenso auch bei Behördengängen. Das Erstaunliche daran: Diese mündlichen Angaben wurden oft ohne weitere Prüfung oder der Vorlage von Dokumenten so übernommen, wie sie angegeben wurden. Dies führte dazu, dass es oft sogar innerhalb der Familien verschiedene Schreibweisen der Familiennamen gab.

Zum Anderen aber hatte es sich rasch eingebürgert, dass Leute – hauptsächlich Männer – Spitznamen erhielten. Dadurch konnte man auch eine bestimmte Person mit gleichem Namen innerhalb der oft vielköpfigen Sippe genau deklarieren. Diese Spitznamen wurden manchmal auch an Kinder und Enkel weitergegeben, alte Bürmooser verwenden sie heute noch.

Eine nicht ganz so große Rolle spielten die Hofbezeichnungen bei den Bauernhäusern. Die meisten der einst rund 25 Bauern (praktisch alle im Nebenerwerb) hatten einen Hofnamen, da aber deren Anzahl inzwischen auf drei gesunken ist, verschwinden auch diese Hofnamen nach und nach.

Einige Beispiele für eingedeutschte Namen:

Rožánek wurde zu Roschanek eingedeutscht. Die Vorfahren stammten aus der Gemeinde Žihobce, deutsch Schihobetz im westlichen Böhmerwald und waren als Torfstecher hierhergekommen. Franz Roschanek wurde der zweite Bürgermeister der Gemeinde Bürmoos. (Siehe Buch: „Damit es nicht verlorengeht“ Band 2 von Wolfgang Bauer)

Matrik Roschanek 1900

Rakůssan wurde zu Rakusan und Rakuschan eingedeutscht. Beide Namen sind heute in der Familie verbreitet. Die Vorfahren stammten aus dem Ort Svatý Jan nad Malší, deutsch Johannisberg bei Budweis und kamen als Torfstecher nach Bürmoos.

Matrik Rakuschan

Kostečka wurde ohne Hatschek eingedeutscht. Ausgesprochen wird er unterschiedlich wie Kostetschka, auch Kostezka oder Kostekka. Die Großeltern mütterlicherseits meiner Frau hießen so, sie waren als Glasmacher gekommen. (Siehe Buch: „Damit es nicht verlorengeht“ Band 2 von Wolfgang Bauer)

Vejvančický erlebte am öftesten eine Veränderung. Auf einem Grabstein sind zwei Variati -onen sichtbar. Oben in Lautschrift Wejwanschitzky unten in amtlicher Schreibweise Vejvancicky – ohne Hatschek. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts schrieb man noch Weywančicki und Weyvančickj. Ausgesprochen wurde der Namen bei uns meistens Wewanschitzki. Die Vorfahren kamen als Torfstecher aus Kydlin bei Klattau (heute 85 Einwohner) von Böhmen nach Bürmoos.

Grabstein Vejvancicky 2008

Eine Anekdote: Als Josef und Johanna Vejvancicky – meine Schwiegereltern – einmal einen Ausflug mit dem Fußballverein irgendwo in Österreich mitmachten, übernachtete man in einer Pension. Der Inhaber führte die Teilnehmer an Hand einer Liste zu ihren Zimmern. Als er Vejvancicky lesen sollte, tat er sich die Stotterei mit der Aussprache gleich gar nicht an und befahl: „…und die Jugos kommen mit mir mit.“ Wer gemeint war, stellte sich rasch heraus.

Matrik Weywančicki Jakub geb. 1810

Aber nicht nur Böhmen kamen nach Bürmoos, sondern Leute aus unterschiedlichsten Ländern. Von Alexandrovičz  wurde Alexandrowitsch genannt. Die von Galizischem Landadel abstammende Familie war längst in bürgerlichen Handwerksberufen tätig, als sie über Wien nach Bürmoos kam.

Geburtschein Alexandrovičz

Gervasi: Wird bei uns Gervasi ausgesprochen, obwohl es korrekt in italienisch Dschervasi gesprochen würde. Anton(io) Gervasi kam als Torfstecher aus Nimis bei Udine in Norditalien hierher. Bald übernahm er die Anwerbung von Saisonarbeitern für Torf- und Ziegelarbeiter aus seiner Heimat für den Fabriksherren. (Siehe Buch: „Damit es nicht verlorengeht“ Band 3 von Wolfgang Bauer)

Von den angegebenen Büchern sind noch Restbestände beim Autor erhältlich.

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