Der Turnerwirt (1)

KegelbahnDie hölzerne Kegelbahn, die vor dem Gasthaus stand um 1994 | Fotos: Archiv Wolfgang Bauer

Dieses Traditionswirtshaus lag am Bürmooser Ortsrand an der Straße nach Obereching und ist schon seit vielen Jahren nicht mehr in Betrieb.

Wolfgang Bauer

Von Wolfgang Bauer

Kriegsschicksale

Gut ein Vierteljahrhundert ist vergangen, seit beim Turnerwirt in Bürmoos das letzte Glas Bier ausgeschenkt wurde. Dieser 1874 eröffnete Wirt wurde gebaut, weil an der direkt neben dem Haus vorbeiführenden Straße die Fuhrwerke mit Sand und Kalk für die 1872 gegründete Glasfabrik vorbeifuhren. Und die Fuhrleute waren immer durstig.

Werbepostkarte vom Turnerwirt unter Trausinger

Die Geschichte dieses Wirtes ist durch das Entgegenkommen der heutigen Besitzer und durch den überraschenden Fund im Zwischenboden des Trausingerhauses eines der am besten dokumentierten Objekte in der Gemeinde. Erbauer des Trausingerhauses war ein ehemaliger Turnerwirt. Hunderte Lieferscheine, Rechnungen, Einladungen, Fotos usw. aus allen Epochen seines Bestehens zeugen vom Leben im Dorf und dem gesellschaftlichen Mittelpunkt, den der Turnerwirt repräsentierte.

Die Familie Höfer war der vierte Turnerwirt nach den Familien Dorfleitner, Trausinger und Erbschwendtner. Gregor Höfer sen. stammte vom Massingergut in Holzhausen ab. Bevor er heiratete und das Wirtshaus Turnerwirt übernahm, war er Vorgeher (Knecht) beim Duschlwirt in Obereching.

Zum Wirtshaus gehörte auch eine Ökonomie mit 14 Joch Grund (ca. 8 ha). Auf der anderen Seite der ursprünglich nahe beim Wirtshaus vorbeiführenden Straße hatte man auch eine Kegelbahn gebaut. Diese musste später einer Straßenbegradigung weichen und wurde näher zum Wirtsgarten hin neu aufgebaut. Als Bub habe ich dort viele Stunden Kegel aufgesetzt, um mir ein Taschengeld zu verdienen.

Höfer Elise + 3.10.45 an Typhus

Die erste Frau von Gregor Höfer sen. war Elise Hintermaier, Tochter vom Stacherlkramer in Franking. Die beiden heirateten am 7.12.1936. Gleich zu Beginn des Krieges musste Gregor Höfer einrücken. Während des Krieges kamen zwei Kinder zur Welt. Die Frau versuchte mehrmals, die Freistellung ihres Mannes beim Kompaniechef zumindest während der Erntezeit zu erreichen, weil sie allein mit Wirtshaus, Bauernarbeit und zwei kleinen Kindern überfordert war. Dies wurde aber abgelehnt. Im Jahr 1943 wurde ihr aber ein polnischer Zwangsarbeiter zugeteilt.

Höfer Gregor sen

Der junge Mann namens Tadeusz Košciowicz blieb bis Kriegsende als Unterstützung für die Frau beim Turnerwirt. In einem berührenden Brief aus Polen in recht gutem Deutsch schreibt er am 1.1.1947 an die Turnerwirtin.

Er denkt noch immer voller Dankbarkeit an sie. Es ist aber nicht seine Schuld, dass er so lange nicht geschrieben hat, denn er war sehr krank. Nach seiner Abreise vom Turnerwirt 1945 lag er zwei Monate in Salzburg in einem Lazarett und kam erst am 25. August nach Hause. Dort erfuhr er schon am ersten Tag, dass seine Braut Elisabeth inzwischen einen anderen geheiratet hatte – es war für ihn niederschmetternd und er wurde todkrank. Seine Mutter ist dann auch schon 1946 gestorben. Jetzt aber geht es ihm wieder gut. Er ist verheiratet und seine Frau erwartet Mitte Jänner ein Kind. Von der Turnerwirtin erwartet er einen genauen Bericht, wie es ihr und ihrer Familie ergangen ist. Er wünscht ihr wahres, dauerhaftes Glück und Gesundheit. Der himmlische Vater wird seine Wünsche und Gebete hoffentlich erhören und sie ein hohes und glückliches Alter erreichen lassen.

Brief des polnischen Zwangsarbeiters 1947

Gregor war 1945 gerade erst 7 Wochen aus der Gefangenschaft zurückgekehrt als seine Frau Elise am 3.10.1945 starb. Sie war eines der Opfer in einer Typhusepidemie, die Bürmoos und Lamprechtshausen nach Kriegsende heimsuchte. Beim Eintreffen des Briefes aus Polen war Elise Höfer also schon 13 Monate tot. Ihr Name ist auf den Typhusdenkmal eingraviert, das Josef Zenzmaier geschaffen hat und das jetzt an der Mauer vor der evangelischen Kirche angebracht ist.

Denkmal mit Namen von Elisabeth (Elise) Höfer

Nicht überall waren aber die Erinnerungen so positiv wie bei dem Polen vom Turnerwirt. Immerhin hatte das Naziregime den Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen Jahre ihres Lebens gestohlen.

Bei Kriegsende, im Mai 1945, bereiteten im zwei Kilometer entfernten Obereching der NSDAP Bürgermeister Karl Röck und die Gemeindeangestellten der Gemeinde St. Georgen, zu der auch der Turnerwirt gehörte, gerade die Übergabe des Amtes an einen nicht von der Nazi-Vergangenheit belasteten Bürgermeister vor.

Plötzlich standen ein ukrainischer Kriegsgefangener und ein anderer Zwangsarbeiter bewaffnet in der Tür. Nach einem kurzen Wortwechsel schoß der Ukrainer den Bürgermeister in den Kopf und der Andere spaltete ihm noch zusätzlich den Schädel mit einem Pflugeisen. Welcher Haß wegen der Behandlung, die sie hier erfahren haben mussten, hatte sich da wohl im Laufe der Zeit angesammelt?

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