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Nachwehen

Der britische Autor Mike Bartlett zeichnet in seiner rabenschwarzen Komödie das erschreckende Bild einer vom Turbokapitalismus geprägten Arbeitswelt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Michael Kolnberger inszeniert das Zwei-Personen-Stück mit zwei großartigen Schauspielerinnen (Elisabeth Breckner und Larissa Enzi), die zwar als Gegenspielerinnen agieren, doch schließlich beide zu Opfern werden. Die Premiere fand am 12. September 2019 in der ARGEkultur statt.

Emma ist vor exakt 76 Tagen in die Firma eingetreten und muss nun ihrer Personalmanagerin Bericht erstatten. Sie beteuert, dass alles sehr gut laufe und sie gut zurechtkomme. Doch ihr namenloses Gegenüber scheint nicht ganz so zufrieden mit diesen Antworten zu sein und so lässt sie Emma die Firmenregeln laut vorlesen.

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Im ersten Punkt geht es um die strikte Trennung von Arbeits- und Privatleben. Romantische oder sexuelle Beziehungen zu anderen Angestellten, Vorgesetzten oder Geschäftsführern der Firma sind demnach strengstens untersagt, denn „soziale Kontakte sind einfach nicht gut für die Firma“.

Immer wieder wird Emma zum Gespräch gebeten und ständig beteuert sie, dass die Beziehung zu ihrem Kollegen Darren absolut nicht „romantisch“ sei. Doch die Firma sieht das anders, denn alles, was in der Absicht verübt wird, die Beziehung in Richtung Liebe voranzutreiben, gilt als romantisch und damit als verboten. Die Managerin bleibt hartnäckig und unerbittlich. Sie will alles ganz genau wissen und interessiert sich selbst für intimste Details, um diese dann in Gesprächen mit Darren zu überprüfen. Als Emma schließlich schwanger wird, bahnt sich eine Katastrophe an, denn dieses Fehlverhalten am Arbeitsplatz kann von der Firma absolut nicht geduldet werden.

Wie eine Schülerin vor der gestrengen
Direktorin sitzt Emma ihrer Personalmanagerin gegenüber und versucht anfangs,
nur ja nichts falsch zu machen. Als jedoch ihre Beziehung zu Darren
thematisiert wird, muss sie sich der Frage stellen, ob sie wirklich bereit ist,
für ihren Job alles zu opfern und jegliche Emotionen aus ihrem Leben zu
verbannen. Wohin dies führen wird, führt ihr ihre stets süffisant lächelnde
Chefin vor Augen. In dieser Rolle überzeugt Elisabeth Breckner. Zu Beginn
strotzt sie vor überheblicher Selbstsicherheit, doch am Ende bleibt davon kaum
mehr etwas übrig. Als Emma kämpft Larissa Enzi tapfer um ihre persönliche
Freiheit und ihre Gefühle, bis sie schließlich aufgibt und zu einer seelenlosen
Marionette wird.

Michael Kolnberger hat das groteske und beklemmende Kammerspiel, das die Auswüchse der modernen Arbeitswelt überspitzt darstellt, mit viel Schwung in Szene gesetzt, denn er lässt die Gespräche der zwei Damen auf drei verschiedenen Ebenen stattfinden. So darf das Publikum den Schlagabtausch aus immer neuer Perspektive verfolgen. 60 intensive Minuten, die unter die Haut gehen und die Frage aufwerfen, wie wir uns gegen die gesellschaftliche Totalüberwachung schützen können.

Nachwehen

„Nachwehen“ von Mike Bartlett. Inszenierung und Dramaturgie: Michael Kolnberger. Raum: Arthur Zgubic. Mit: Elisabeth Breckner und Larissa Enzi. Eine Koveranstaltung mit theater.direkt. Fotos: ARGEkultur/ Piet Six