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Tanzstunde

Das Schauspielhaus Salzburg startet mit Mark St. Germains bittersüßer Komödie über ein ungleiches Paar, das nur mühsam denselben Takt halten kann, in die neue Saison. Die eigenwillige Tanzstunde vermochte am 12. September 2019 die Herzen des Premierenpublikums zu berühren.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Ever Montgomery, Professor für Geowissenschaften, soll für seine akademischen Leistungen einen Preis erhalten. Die Dankesrede und das anschließende Galadiner sind für ihn gerade noch erträglich. Doch da er unter dem Asperger-Syndrom, einer speziellen Form des Autismus, leidet, stellt der geforderte Tanz für ihn ein kaum zu überwindendes Hindernis dar. Er wendet sich daher an seine Nachbarin Senga, eine Tänzerin, die sich nach einem schweren Unfall mit Dehn- und Streckübungen begnügen muss und nicht weiß, ob sie jemals wieder auf die Bühne zurückkehren kann.

Das großzügige Angebot, exakt 2.153 US-Dollar,  ihres verschrobenen Nachbars lehnt sie zwar erst als „unmoralisch“ ab, doch schließlich siegt die Neugier. Ever verabscheut jeglichen Körperkontakt und schon ein Händeschütteln kann bei ihm zu einer Panikattacke führen. Das reizt Senga und so fordert sie ihn ständig heraus. Obwohl sich Ever alle Mühe gibt, neurotypische Menschen nicht zu kränken, wird er durch seine schonungslose Direktheit ständig zum „Fettnäpfchentreter“. So bezeichnet er Senga als verkrüppelte Tänzerin, während sie nur von einer vorübergehenden Beeinträchtigung spricht. Im Laufe dieser einen, mit einer Stoppuhr exakt vermessenen Tanzstunde kommen sich die beiden Außenseiter langsam näher und profitieren voneinander.

Theo Helm gibt den schrulligen Professor,
der zwar über seine krankheitsbedingte Gefühlskälte Bescheid weiß, doch nichts
dagegen machen kann. Man muss einfach Mitleid mit ihm haben, wenn man sieht,
wie viel Kraft es ihn kostet, sein Heim zu verlassen, die exakt abgezählten
Schritte zur Wohnung seiner Nachbarin zu gehen und dort seine ungeschickt
formulierte Bitte vorzubringen. Tilla Rath wuselt als ehemalige Tänzerin trotz
ihrer Verletzungen und den vielen Bandagen durch die Wohnung, gießt ständig
ihren Kaktus und reitet wild auf einem Schaukelpferd. All diese Tätigkeiten
finden hinter einem weißen Paravent statt und sind als magische Schattenbilder
zu bewundern. Isabel Graf hat die Tänzerin passend zu ihren Depressionen in ein
schwarzes Tutu gesteckt. Darunter verbirgt sich eine kunstvoll verknotete
Ganzkörper-Bandage, die schließlich auch unter dem Anzug des Professors zum
Vorschein kommt und die viele Zwänge der beiden Unglücksraben deutlich macht.

Regisseur Simon Dworaczek wollte „eine
Komödie schaffen, die über Vorurteile und Klischees hinausgeht, den Figuren
eine Stimme gibt und dem Publikum die Möglichkeit, mit ihnen zu lachen, zu
weinen, zu staunen“. Das ist ihm hervorragend gelungen.

„Die Tanzstunde“ von Mark St. Germain. Regie: Simon Dworaczek. Ausstattung: Isabel Graf. Musik Jörg Reissner. Dramaturgie: Theresa Taudes Mit: Theo Helm und Tilla Rath. Fotos: Schauspielhaus Salzburg/ Jan Friese