dorfzeitung _quer

Wie sieht einer aus der Ferne die täglichen Probleme, die seine ehemaligen und daheim gebliebenen Landsleute tagtäglich zu meistern haben?

Ich lese täglich in den virtuellen Ausgaben alpenländischer Zeitungen, tausche mit Freunden e-Mails, telefoniere – meist über Skype -, und beschäftige mich sogar noch ein bisschen mit dem Kulturleben in der alten Heimat. Trotzdem gehen meine Gedanken andere Wege als die meiner lieben Bekannten, Freunde und Verwandten aus Kapfenbruck. Meine Meinungen zum Leben im heutigen Österreich werden sogar vom einfältigsten Landsmann im Nu zunichte gemacht, und jeder gibt mir unumwunden zu verstehen, dass ich von ihren aktuellen Schwierigkeiten nicht die blasseste Ahnung habe. – Du lebst nicht mehr hier -, argumentiert einer… – Du bist schon 10 Jahre nicht mehr in Europa gewesen – bemerkt ein anderer. Sie alle mögen recht haben! Das ändert aber nichts an den Gedanken, die sich mir hier in Brasilien und beim Lesen österreichischer Tageszeitungen und Texte bekannter Autoren aufdrängen.

Wie nie zuvor scheint jeder Österreicher um seinen Arbeitsplatz zu bangen, um seine Rente, um seine Arbeitslose. Die Beziehung der Menschen zu ihrer Arbeit und mit dem, was sie dafür als Gegenleistungen, als Lohn und anderen Zuwendungen beziehen, zu erhalten erwarten, sind für mich schon lange nicht mehr klar und transparent, sondern eher unklar und schwer verständlich. Wahrscheinlich sehe ich da etwas nicht ganz richtig, lasse meinen Vorurteilen zu viel Spielraum. Natürlich stehe ich falsch bei der Annahme, Herr und Frau Österreicher verlangten von einer “Mutter Staat” mit vielen Zitzen und Brüsten weit mehr, als sie selber gewillt sind zu geben und einzuzahlen. Besonders Staatsbeamte, lässt mir mein voreingenommenes Hirn in die Tasten fließen.

Es soll nun europaweit Kürzungen geben und die ganz  reichen Bürger endgültig auch zur Kasse gebeten werden. Na, da bin ich aber neugierig! Andererseits scheint sich der heutige Österreicher immer mehr und mehr von der “Scholle” zu distanzieren. Eine Entwicklung, die mir keineswegs behagt. Im übrigen verstehe ich als einer, der seit über 40 Jahren in einem lateinamerikanischen Land lebt, das ganze Gezeter überhaupt nicht.

Wie viele Mäuler müssen vom heimischen Boden ernährt werden? Weniger als achteinhalb Millionen? Seit Kindesjahren schwebt mir die Einwohnerzahl von 7,5 Millionen Österreichern in meinen Erinnerungen. Das war vor 60 Jahren oder so. Das demographische Wachstum hat sich trotz vieler Zuwanderer aus anderen Ländern in Grenzen gehalten.

Wenn ich mich recht erinnere, hatten die Familienväter und Hausfrauen – darunter viele Witwen – damals und nach dem Zweiten Weltkrieg eine ganz andere Einstellung zur Arbeit als heute. Ein jeder war stets bemüht, mehr auf den Tisch zu zaubern, als das Lohnsäckchen hergeben konnte. Die einen pflegten einen Garten, vielleicht sogar einen Acker. Andere hatten Geflügel wie Hühner, Enten, Gänse oder sogar Tauben. Mitunter züchteten einige Nachbarn Hasen, oder mästeten ein, vielleicht sogar mehrere Schweine, oder hielten eine Ziege… eine sogenannte Eisenbahnerkuh.

Meine Eltern taten von allem ein wenig. Außerdem war mein Vater in seiner Freizeit Imker, verkaufte seine edle Ware aber viel zu billig. Er orientierte sich am Preis des beim Konsum angebotenen Honigs, der, wie wir alle wussten, Zuckerrübenzucker und andere Unreinheiten enthielt. Mein Vater war ein tüchtiger Mensch, aber leider kein Geschäftsmann. Die Konsumenten scheinen aber nach wie vor Opfer schlitzohriger und skrupelloser Lebensmittelhändler zu sein, wie ich durch die Tageszeitungen und von Listerien in Käse erfahre. Vom Käse, der noch keinen Tropfen Milch gesehen hat und wieder verarbeiteten Käseabfällen ganz zu schweigen…

Wer heute durch Österreich fährt, spürt und sieht längst nichts mehr von jenem unermüdlichen Schaffen. Weit und breit keine Bretter mit zum Trocknen aufgespannte Hasenfelle. Der einstige Altwarenhändler beschäftigt sich heute mit dem Entsorgen von Müll. Wo ich einst den Spaten ins Erdreich drückte, vernehme ich im postmodernen Schrebergarten einen Rasen wie am Golfplatz. Sehen kann ich den Teppich aus englischem Gras nicht. Sorgfältig gestutzte Hecken verweigern mir den Blick… Gott sei Dank auch auf Hektaren käseweisser Haut der heutigen Siedlungsbewohner.

All dieses Eindrücke zwingen mich zu fragen: wie viele € muß heute einer verdienen, um ein menschenwürdiges Leben zu führen, um glücklich zu sein? Lohnt es sich überhaupt, für diese Summe um einen Arbeitsplatz zu bangen, um eine Anstellung zu zittern? Hat denn keiner mehr eine Idee von irgendeiner Betätigung, die einen solchen Betrag oder mehr wert ist? Kennt denn keiner mehr einen Weg, der nicht unbedingt durch die Arbeitslose führt? Fördert der Vater Staat Eigeninitiative? Unterstützen die Regierungen der Gemeinden, der Bundesländer, des Staats kleine Unternehmen, deren Summe eine stolze Anzahl neuer Arbeitsplätze ins Leben ruft?

Und wenn auch diese Möglichkeiten nicht genügen, weil immer noch und vor allem unqualifiziertes Personal übrig bleibt, dann eben her mit em Spaten, mit dem Rechen, mit der Harke, mit dem Wasserschlauch… und weg mit den rechteckigen und lebenden Zäunen, weg mit dem sterilen Rasen… auf dass wieder umgestochen werde im lieben Alpenlande … Umgestochen, ausgesät, angebaut, gejätet, Bohnenstangen in die “Scholle” gestoßen, Pflanzen gegossen, geerntet, Konserven gemacht… Gartenarbeit soll angeblich genauso gesund sein wie das Strampeln entlang durchgehender Radwege… von Nofels bis Mureck.

Der Trend scheint jedoch in die entgegengesetzte Richtung zu zeigen. Immer weniger Williamsbirnen wachsen in saubere, auf Äste gebundene Flaschen… und immer weniger Kürbiskerne werden in den Ölpressen verarbeitet und zu feinem Steirischen Kernöl gemacht… immer weniger Bodenständiges wird in alpenländischen Restaurants und ehemaligen Wirtshäusern angeboten. Aus den Speisekarten liest unsereins nur noch Französisches und Italienisches… wenn die Bude sich nicht längst zu einer Pizzeria verwandelt wurde.

Daran denke ich, während ich nach Zwiebel rieche und vor mir Rindsgulasch im großen Häfen köchelt. Details aus dem Leben eines steirisch-lateinamerikanischen Beislwirts, von dessen Speisezettel mehrere Dutzend altösterreichischen Schmankerln lachen.

Prost Mahlzeit!

Reinhard Lackinger, Salvador 31. Mai 2010