Der Turnerwirt (2)

Turnerwirt

Der Grund für den Ankauf dieser Lichtung (Einfang) 1874 für die Errichtung eines Wirtshauses direkt am Rand des großen Bürmooser Moores dürfte die Gründung der Bürmooser Glasfabrik, der Benedikthütte, im Jahr 1972 gewesen sein.

Wolfgang Bauer

Von Wolfgang Bauer

Das Haus liegt direkt an der damals schon bestehenden Straße zwischen dem neuen Ort Bürmoos und dem 2 Kilometer entfernten Obereching. Hier kamen die Fuhrwerke vorbei, die den für die Glaserzeugung nötigen Quarzsand vom Schlößl am Haunsberg und die Kalksteine dafür von der Salzach zur Hütte fuhren – und die Fuhrleute waren oft durstig.

Wann die Gasthauskonzession erteilt wurde, konnte nicht festgestellt werden, der Amtskalender für ländliche Gebiete existiert erst seit 1886 und da bestand der Turnerwirt bereits. Die Größe der dazugehörigen Landwirtschaft von 12 Joch Wiese und Acker (Korn, Gerste, Hafer, Weizen, Erdäpfel) sowie 2 Joch Wald reichte für 5 Kühe, 2 Stiere und bis zu 12 Schweine.

Bei dem Kaufvertrag ist interessant, daß bereits ab 1871, verbindlich ab 1876, das metrische Maßsystem eingeführt wurde, welches Joch (5755 m2) und Quadratklafter (3,597 m2) ablöste. Sie wurden aber noch jahrzehntelang verwendet.

Das Haus befand sich nach der Grundbucheintragung von 1874 bis 1896 im Besitz von Karl und Elise Dorfleitner je zur Hälfte. Verkäufer waren Jakob und Walburga Schnaitl vom Massingergut in Obereching, die den Einfang um 200 Gulden Österr. Währung verkauften. Kaufvertrag vom 5. 1. 1874.

Vom Turnerwirt Dorfleitner ist nicht allzuviel bekannt. 1879 bekam er die Hausnummer Obereching 34.

Ein Steuerbüchel belegt jedenfalls die Bewirtschaftung von 1891 bis 1896. Am 5. Juni 1894 starb der in Eggelsberg geborene Turnerwirt Karl Dorfleitner in Bürmoos 34 mit 61 Jahren. Er ist also 1833 geboren. Seine Frau wird am 5. 11. 1894 Alleinbesitzerin. Sie führte das Wirtshaus zumindest noch zwei Jahre allein weiter, bevor sie es an Josef Trausinger verkaufte.

Steuerbüchel von Karl und Elise Dorfleitner

Steuer 1891:  
Grundsteuer: 3 Fl 39 Kr.
Hausklassensteuer     3 Fl 07 Kr

Steuer 1896:  
Grundsteuer: 2 Fl 36 Kr
Hausklassensteuer: Ohne Bezeichnung     2 Fl 05 Kr

*Fl = Florin/Gulden, Kr = Kreuzer

Josef Trausinger

Josef und Theresia Trausinger

Der zweite Turnerwirt Josef Trausinger ist am 27. 2. 1862 in Senftenbach, Bezirk Ried geboren worden, seine Frau Theresia, geb. Auer, am 7. 8. 1873 in Obernberg, OÖ als Tochter des Anton Auer, Schuhmacher in Obernberg und der Karolina geb. Berger.

Die Hochzeit fand am 18. 11. 1896 in St. Georgen statt (die Braut war bereits schwanger) Sie wurde für die Hochzeit großjährig erklärt. Das Paar wurde am 6. 11. 1896 durch Kauf Eigentümer des Turnerwirtes.

Josef Trausinger war ein lediges Kind der Wirtschafterin Katharina Trausinger aus Ufer 229, Pfarre Obernberg. Er war früher Kutscher in Hallein, wohnte aber bei der Hochzeit bereits beim Turnerwirt und wird als angehender Besitzer des „Thurnerwirts Gasthauses“ bezeichnet.

Tochter Maria wird am 26. Juli 1897 in Obereching 34 geboren.

Geburtseintragung in der St. Georgener Taufmatrik:

Es folgen weitere Kinder:
Am 25. 4. 1899 wird am gleichen Ort die Tochter Josefa geboren. Am 11. 7. 1903 wird die nächste Tochter Anna Theresia geboren. Das jüngste Kind und Erbe des elterlichen Anwesens ist der einzige Sohn Karl Borrom. Geb. 29. 12. 1906 ebenfalls in Obereching 34.

Die vielen Belege von den verschiedenen Besitzern des Turnerwirts sind oft in sehr schlechtem Zustand. Kamen sie doch erst bei der Räumung des Turnerwirts und beim Teilabbruch des Trausingerhauses im Zwischenboden ans Tageslicht, wo sie als Isoliermaterial dienten – durchnäßt und von Mäusen angefressen.

Viele Firmen haben erst sehr spät von der Gulden (Fl.) und Kreuzerwährung auf Kronen und Heller umgestellt. Die Währungsreform erfolgte 1892 und die Umstellung mußte bis 1900 erfolgen (1 Gulden = 2 Kronen).

Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert hat, jedenfalls nach den geretteten Rechnungen und Lieferscheinen, der Schnapsverkauf eine größere Rolle gespielt als der Wein. Es gab eine ganze Reihe von Händlern und Fabriken, die Spirituosen herstellten und vertrieben.

Die Mineralölgesellschaft verlangt Vorauszahlung

Trausinger als Turnerwirt war sehr aktiv. Bereits 1902 dürfte er sich einen Benzinmotor angeschafft haben, wie eine Rechnung aus diesem Jahr und auch Benzinrechnungen aus späteren Jahren beweisen:

Schreiben vom 13. Oktober 1902 von der Wien-Floridsdorfer Mineralölfabrik an Josef Trausinger: Bestätigung über die Bestellung eines Ballons Gasoline 640/50 zum Preis von K 65.—ab Bahn Wien gegen Vorauskasse von K 25.–, der Rest per Nachnahme.

1902 war Trausinger Mitbegründer und Schriftführer des Bürmooser Radfahrvereines, Obmann bei der Statuteneinreichung war der Lehrer August Schiechtle, von dem auch ein Plan von Bürmoos aus dem Jahr 1901 existiert.

Vereinsabzeichen, Stempel und Mitgliedsbuch des Radfahrverein Bürmoos

Auch einen kleineren Um- oder Ausbau tätigte Trausinger 1900. Von einer Rechnung ist allerdings nur mehr ein kleineres Fragment erhalten. Die zweite Rechnung für 1100 Stück Maschinziegel belegt, daß 1000 Stück Maschinziegel 24 Kreuzer kosteten. Diese Rechnung wurde nicht bezahlt, sondern durch eine Leistung des Turnerwirts gegengerechnet.

Rechnung der Firma Ignaz Glaser

Der Briefkopf der Firma Ignaz Glaser aus dieser Zeit ist beeindruckend.  Er zeigt, welches Imperium sich Glaser in dieser Zeit der Hochblüte der Firma über ganz Europa aufgebaut hatte.

Die Geschäftsbeziehungen von Trausinger waren erstaunlich vielseitig. Bei den Mengen, die da gekauft wurden, fällt es schwer zu glauben, dass alles für ihn allein gewesen sein sollte. Vielleicht hat er für andere Bürmooser Wirte mit eingekauft, was allen Frachtkosten sparte.

So bezog er Bier von der Brauerei Kaltenhausen, später auch von Hans Tiefenthaler, Bräuer in Wendberg bei Mattsee.

Schnaps lieferte Martin Gadermaier, Branntwein – Brennerei und Spirituosen-Erzeugung in Salzburg mit großes Lager an echtem alten Bierbranntwein eigener Brennerei, oberösterreichischer, steirischer und ungarischer Sliwowitz, Wachauer, Kornbranntwein etc. Alle Gattungen Rum, Cognac und Liquere. Spezialität in echtem Gebirgsbranntwein, Vorzüglichen Weinessig und Essigsprit und Zwetschkener wie es auf der Rechnung heißt. Auch von der Firma Schider in Salzburg bezog Trausinger Slibowitz.

Wein bezog er vor allem von der Weinhandlung Ignaz Weikl in Salzburg. Aber auch vom Salzburger Weinhändler Alessandrini ist eine Lieferung von 360 Liter rotem Friulerwein belegt. Die Weingroßhandlung Joh. & Flor. Vonmetz in Waidbruck in Süd-Tirol hat ebenfalls nach Bürmoos geliefert.

Manche der Geschäftspartner des Turnerwirts hatten oft ein seltsames Sortiment: P. M. Pickel in Triest bot Naturweine und Viehfutter aus Reiskleie an. Ein 50 Liter Fassl Wein kostet frei Station 15.—Gulden (=30 Kronen) Reisabfall kostet pro 70 kg je Sack 9,80 K., bei 5 Säcken je 9,50 K, bei 10 Säcken 9.—K.

Werbezettel der Firma Pickel in Triest

Noch bunter ist das Angebot der Firma Zezi in Salzburg (aus dem Briefkopf):

Jos. Ant. Zezi in Salzburg Getreidegasse Nr. 5, Hauptdepot für Mattoni´s Giesshübler, Biliner Sauerbrunn, Nataliequelle-Preblauer-Salvator, Hunyadi Janos-Bitterwasser, eigenes Farben- und Lack-Werk, Fußboden-Lackfarbe, Firniss, Lacke, Kitte, Stahlspäne, Fußbodenwichse, Wachspasta, Stoff Farben, Fleckputzmittel, Chemikalien; Eigene Gewürzmühlen, feinste Bourbon Vanille, naturreinen Himbeersaft, Backpulver, Vanille-Zucker, Cacao in allen feinen Marken, Chocolade, feinste chinesische Thee´s, Echten Jamaika Rum, Cognac, Arac, Spanische Weine, Wermuth-Wein!

Rindfleisch in größeren Mengen wurde von Max Wößner in Ried gekauft. Von ihm bezog er des öfteren ganze Schweine oder Rinderviertel. Auch ein Werbeschreiben der Firma Jerabek aus Holoschowitz bei Prag fand sich. Sie bietet besten Milchmastschinken an und verweist auf eine künstliche maschinelle Kühlvorrichtung.

Dinge des täglichen Bedarfes wie Zündhölzer, Nudeln und Braunschweigerwurst lieferte Zauner in Salzburg, während Tabak, Kerzen, Virginier, Zucker, Spielkarten und Caffee von Florian Gastager, Manufaktur, Tuch- und Colonialwaarenhandlung geliefert wurden.

Lederer in Untereching lieferte Haushaltswaren

Kleinere Mangen bezog er aber auch in der näheren Umgebung: Rechnung von Johann Lederer, Krämer in Untereching über 19 Kilo ??? á .60 K, Bund Tabak um 2.—und 5 Kilo Würfelzucker für ges. 2,10 Kr. bezahlt am 3. 10. 1908.

Eine weitere Rechnung von Lederer vom 13. 9. 1908: Bund Tabak 2.–, 5 kg Würfelzucker ges. 2,10 K, 60 Stück Kerzen ges. 1.—

So kaufte Trausinger Schnäpse und Liköre bei Johann Hochhäusl in Salzburg, Branntwein-, Likör- und Rumfabrik in der Linzergasse 52. Er kaufte dort 10 Liter Kümmel…. á 1,04 K.

Joh. Forstner, Branntwein- Liquer u. Essigsprit Fabrik Salzburg, Jamaika Rum, Cognac, Chiemseegasse 3 schickt am 9. Juli 1908 für Josef Trausinger, Turnerwirt eine Rechnung über 116 Kr. 10 H. für 61 8/10 Rum á 1.– und 54 3/10 Rum á 1.–.

Am 17. Dez. 1908 liefert Forstner nochmals 1 Faßl Rum, ges. 78 kg, 1 Kiste Flaschen mit Rum und Likör, ges. 107 kg, 1 Korbflasche Kaiserbirne Likör.

Ein Piano Orchestrion, für das bereits 1903 ein Werbeschreiben vorliegt wurde mit Strom betrieben. Aus dem Jahr 1908 gibt es eine Rechnung für Grammophonplatten. Sie kosteten zwischen Kr. 4.— bis Kr. 6.—. Hans Dauner, Schallplattenvertrieb in Salzburg, Westbahnstraße 12 schickte nämlich am 13.10.1908 eine Rechnung über 10,32 Kr. für 9 Schallplatten.

Kaffee dürfte damals auch eine größere Rolle gespielt haben und der Markt war heiß umkämpft. Ein Werbeschreiben aus Trautenau in Böhmen bietet Roggenkaffee an als Ersatz für den „schädlichen und teuren Bohnenkaffee“. Als Zuckerl gibt es Werbegeschenke.

Die Erste Kukuser Korn- und Malzkaffee-Erzeugung bietet ebenfalls großzügige Geschenke: Wer 6 Pakete Kornkaffee „Hausfrau`s Liebling“ á K 4.—oder 6 Pakete Malzkaffee á K 4,50 bestellt, kann sich ein großzügiges Geschenk aussuchen.

1910 war das Jahr, in dem der Turnerwirt wieder den Besitzer wechselte. Franz und Elise Erbschwendtner kaufen den Turnerwirt am 28. 5. 1910 samt Gasthauskonzession um 23.100 Kronen je zur Hälfte von der Familie Trausinger.

Die Trausinger bauten sich 200 Meter entfernt eine kleine Sölde mit rund 1,3 ha Grund auf. Nach der Jahreszahl in der Fassade des Trausingerhauses wurde dieses neue Haus auch 1910 erbaut. Er betrieb dort eine kleine Landwirtschaft mit 2 Kühen.

Auf dem Trausingerhaus befand sich die Jahreszahl 1910 und J.T.T (Josef und Theresia Trausinger)

Das Turnerwirtshaus selbst mit dem Wirt Erbschwendtner ist im Jahr 1916 abgebrannt, wurde später mehrmals umgebaut und erweitert. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

image_pdfimage_print

Dorfladen

1 Kommentar zu "Der Turnerwirt (2)"

  1. buermooserin buermooserin | 21. Oktober 2019 um 19:28 |

    Es ist beeindruckend, wieviel Herr Bauer über Bürmoos weiß!

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.