Michaela Essler: “Torpedos im Cafe Sacher in Salzburg”. Essay

Weinrote Wandtapeten, Polsterbänke und –sessel, gedämpfte Atmosphäre, leises Stimmengemurmel, im Hintergrund dezente Operettenmusik aus dem Lautsprecher. Im Cafe Sacher in Salzburg erklingt sogar das Läuten der Mobiltelefone vorsichtig zurückhaltend.

Plötzlich ein lautes Klirren. Das vollbeladene Tablett mit halbleeren Kaffeetassen, Kuchentellern, Gläsern und Löffeln landet schwungvoll auf dem Boden. Reste von Kaffee, Milch und Wasser spritzen über den Teppich, mischen sich mit Scherben und Glassplittern. Das leise Stimmengemurmel setzt einen Herzschlag lang aus. Alle blicken gebannt auf den Boden. Das junge Mädchen im schwarzen Kleid mit Spitzenschürze und Spitzenhäubchen starrt entsetzt auf das Malheur, wird zuerst blaß, dann steigen schnell rote Flecken im Gesicht auf. Das leise Stimmengemurmel setzt wieder ein.

Das Kaffeehaus – Zeitung lesen, Kaffee trinken, Leute schauen. Seit dem 18. Jahrhundert unverzichtbarer Bestandteil österreichischer Kultur. Seine Glanzzeit erlebte das Kaffeehaus während des Biedermeier. Die Kaffeehäuser wurden luxuriös mit Lüstern, Plüsch und Silbergeschirr ausgestattet. Es war geschäftlicher, privater und geselliger Treffpunkt von Politik, Gesellschaft, Kunst und Literatur.

Die Tür öffnet sich. Ein alter Herr im Lodenmantel gefolgt von einer stark geschminkten, deutlich jüngeren Dame im dunklen Pelzmantel betritt das Cafe Sacher. Die beiden steuern langsam und gemächlich einen freien Tisch an. Der alte Herr ist schon etwas schwach auf den Beinen und seine Begleitung muß schließlich den Pelzmantel gebührend zur Schau tragen. Beim Tisch angekommen, landet der Pelzmantel auf einem Sessel. Zum Vorschein kommt eine üppig gepolsterte Figur: vorne zwei Torpedos, die wie zum Abschuß bereit ausgerichtet sind, hinten Wölbungen wie bei einer Polstergarnitur – natürlich in enge Hosen hineingepreßt. Inzwischen hat das Spitzenhäubchen das Mißgeschick auf dem Boden entfernt. Die hektischen roten Flecken verschwinden langsam. Dazu erklingt Marschmusik aus den Lautsprechern und verkündet triumphierend die erfolgreiche Beseitigung der Ungeschicklichkeit.

Das berühmteste Kaffeehaus in Österreich ist das Hotel Sacher in Wien. 1876 eröffnete Eduard Sacher das „Hotel de l’Opera“ gegenüber der Staatsoper, das später auf den Namen „Hotel Sacher“ umbenannt wurde. Der Name Sacher steht aber nicht nur für ein Cafe, sondern auch für die weltberühmte Sachertorte. 1832 beauftragte Fürst Metternich seine Küchenbrigade ein neues  Dessert zu kreieren. Da der Chefkoch krank im Bett lag, wurde der Auftrag dem sechzehnjährigen Kocheleven Franz Sacher übertragen – der Rest ist Geschichte. Auch in Salzburg gibt es seit ein paar Jahren ein Hotel Sacher, früher unter dem Namen „Österreichischer Hof“ bekannt. Noble Festspielgäste, Prominente und der österreichische Bundespräsident logieren während ihres Aufenthaltes in Salzburg in diesem Hotel.

Die zwei Torpedos schieben ihr Gewicht in Richtung Damentoilette – ein paar Risse in der fünfschichtigen Patina bedürfen der dringenden Reparatur. Im Hintergrund schwingt sich ein Sopran qualvoll in kaum erträgliche Höhen hinauf. Übertönt schmerzhaft das Bayrisch-Japanische-Englische-Italienische-Österreichische Sprachengemisch. Spitzenschürzen huschen mit vollbeladenen Tabletts vorbei. Die zwei Torpedos schreiten nach durchgeführter Restaurierung wieder zum Tisch zurück. Inzwischen ist der Sopran auch wieder in die irdischen Gefilde zurückgekehrt.

Kleiner Brauner, Großer Brauner, Melange, Kaisermelange, Mokka, Einspänner, großer Espresso, kleiner Espresso, Schale Braun, Schale Gold, Fiaker, Franziskaner, Eiskaffee, Maria Theresia – der Erfindungsreichtum österreichischer Kaffee-Createure kennt keine Grenzen. Egal ob Milch, Schlagobers, Rum, Cognac, Orangenlikör, Eidotter – einfach alles kann mit Kaffee gemischt werden.

„Was darf ich den Herrschaften bringen?“ Das stereotype Lächeln des Kellners wartet geduldig den Wunsch der zwei Torpedos ab. Zur Untermalung preßt sich ein Tenor mühsam die letzte Luft aus den Lungen. Der alte Herr neben den Torpedos murmelt dem stereotypen Lächeln leise seinen Wunsch entgegen und „Eine Melange“ erklingt es neben ihm etwas schrill dazwischen. „Sofort gnädige Frau“. Ein paar Minuten später kehrt der Kellner mit einem kleinen Tablett zurück, stellt die gewünschte Melange und das übliche Glas Wasser vor den beiden Torpedos ab. Schrill erklingt es: „Kann ich einen Löffel haben?“ „Der Löffel liegt auf dem Glas vor Ihnen, gnädige Frau.“

Impressionen aus dem Salzburger Traditions – Kaffeehaus von KTraintinger

Links:
Hotel Sacher Salzburg
Hotel Sacher Wien

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