Offener Brief eines Auslandskapfenbergers an steirische Wähler

Reinhard Lackinger und seine Frau Maria Alice

Eins meiner unzufriedenen Augen verfolgt die Wahlresultate „aus Steiermark“, das andere, die politische Entwicklung in meiner Wahlheimat Brasilien und in ganz Lateinamerika.

Von Reinhard Lackinger, Originalsteirer und Wirt in Salvador, Bahia, Brasilien

Was verstehe ich von Politik? Wie stehe ich zu ihr?

Welche Bilder defilieren vor den Augen meiner Erinnerungen? Gesammelte Erfahrungen aus 22 Jahren Österreich und 50 Jahren Brasilien.

Als einer, der in der sozialistischen Hochburg Kapfenberg aufgewachsen ist und bei Böhler gearbeitet hat, ist es mir ein Leichtes, den Individualismus der brasilianischen Mittelklasse zu orten, zu verschmähen!

Brasilianer der Mittelklasse fühlen sich wie Nordamerikaner, die rein zufällig in Südamerika geboren wurden. Die meisten von ihnen drängen nach Miami, Orlando und Disney. Andere begnügen sich mit der Green Card und einem Handlangerjob in New Hintertupfing/Iowa.

Solidarität mit anderen Brasilianern darf man von diesen Möchtegernreichen nicht erwarten.

Sie alle wählen natürlich ausschließlich konservative und sogar rechtsradikale Politiker.

Sie alle hassen den Ex-Präsidenten Lula und die von 2003 bis 2014 regierende Arbeiterpartei.

War es doch die Arbeiterpartei, die den Bürgern das Hilfspersonal nahm, Mittellose aus dem Sklavendienst im Hause der Mittelklasse befreite! Arme, mit denen die feinen Herrschaften Brasiliens plötzlich die Warteschlange vor der Kasse der Supermärkte und beim Check-in am Flughafen, aber auch Lehrsäle in Universitäten teilen mussten.

Diese kollektiven Bemühungen und das Regieren für alle, auch für die ärmsten Brasilianer, war der Elite, den Chicago Boys und Washington ein Dorn im Auge! Die Regierung der Arbeiterpartei musste gestürzt werden! Obwohl alle, auch die Bankiers und die Besitzer brachliegender Liegenschaften unter Lula gutes Geld verdient hatten!

Nach dem Putsch, der Übergangsregierung und der ungerechten Inhaftierung Lulas, des Wahlfavoriten 2018, wählten 57 Millionen brasilianische Möchtegernreiche den rechtsradikalen und nazifaschistischen Unhold Bolsonaro..

Neofaschismus! Ein, durch die USA verbreitetes Krebsgeschwür, das heute ganz Lateinamerika todkrank macht. Der unersättliche Verbrecherstaat nützt alle möglichen Untaten wie Spionage, Fake News, kybernetische Kommunikationsverbrechen, Bestechungen, Bedrohungen, Sabotageakte, Wirtschaftsembargos und Heerscharen von Evangelikalen, um überall an die Macht zu kommen und diese zu festigen.

Tragödien, die Steirer nur vom Hörensagen kennen!

Die Katastrophen, die Unbill, das Übel, das der Neoliberalismus hervorzurufen imstande ist, berührt die Steirer nicht. Chile und Südamerika liegen ja weit weg! Das Rauchverbot ist näher!  

Was sehe ich nun, wenn ich an meinen Geburtsort der 50 er Jahre denke? Damals gab es in Kapfenberg kaum eine Familie mit mindestens einem „Böhlerianer“ pro Haushalt. Von den etwa 25.000 Einwohnern waren gute 6.000 im staatlichen Betrieb, im Edelstahlwerk beschäftigt.

Rund um die Uhr und von Montag bis Montag wurde in drei Schichten gearbeitet. In jenem rührigen, betriebsamen und nimmermüden Industriekomplex.

Die Arbeiter und Angestellten zeigten sich auch in der Freizeit unermüdlich. Beim Roten Kreuz, bei der Freiwilligen Feuerwehr, als Funktionär bei der Sozialistischen Partei oder einer der unzähligen Sportarten, beim „Stahlklang“, bei den Kinder – und Naturfreunden, beim Alpenverein oder wenigstens beim Kameradschaftsbund.

In den Wirtshäusern ging es lustig zu und im Altstadtkern wurden exklusive Waren angeboten und gekauft. Musikinstrumente beim Eberhard, Portwein beim Meinl, Bücher beim Leykam, Dirndlkleider und Steireranzüge beim Heimatwerk, Uhren beim Ebner, Brot beim Terk, Schuhe beim Wukitschewitsch und Delikatessen beim Wettl.  

Zwischendurch stellten die Konsumentinnen ihre Einkaufstaschen in einem Kaffeehaus ab, tranken einen Verlängerten oder ein Glas Wein und rauchten eine Zigarette.

Sowohl im Werk, in der sogenannten Blechbude, als auch in der Freizeit war kollektives Treiben nicht zu übersehen!

Jeder kannte jeden, wusste von ihm, von ihr und ob er oder sie tüchtig war oder nicht. Ob einer murkste und rostfreie Objekte im Haus hatte, oder nur ab und zu eine Schweißnaht auf den Auspufftopf seines Kleinwagens legte.

Das war einst, als Steirer nur an der Adria Urlaub machten. In Lignano, in Gardo, in Caorle. Das Risiko, nach Cattolica zu fahren, dürften Menschen aus einer antiklerikalen Gemeinde nicht eingegangen sein. Sie könnten Gefahr laufen, für den Rest ihres Lebens als Schwarze gebrandmarkt zu werden.

In Kapfenberg wird nach wie vor musiziert, Sport betrieben, Literatur geübt und und alle anderen kulturellen Möglichkeiten, sowie die wunderschöne Umwelt genutzt. Fahrräder sieht man nur noch auf durchgehenden Radwegen. Von Murau bis Bad Radkersburg. Zur Arbeit fährt aber keiner mehr damit!

Die Wirtshäuser stehen leer und werden immer weniger. Eine Tatsache, die ich bereits Jahre vor dem Rauchverbot in den Lokalen beobachtete.

Sowohl die urbanen Konsumenten als auch die Kunden vom Land fahren im Nu mit ihren Mittelklasseautos und Suvs zu den Supermärkten und Einkaufszentren an der Peripherie der Städte.

Es gibt kaum noch abgeschiedene Dörfer. Die Autobahnen haben die entlegensten Weiler erschlossen.

Die Costa Brava sieht auch keine alpenländischen Urlauber mehr. Höchstens Frührentner, die es im Winter nach Spanien, nach Mallorca, Marbella oder nach Algarve, Portugal zieht. Die Zeit, als beschäftigungslose Staplerfahrer hier in Bahia ihre Arbeitslosenunterstützung verputzten, scheint auch vorbei zu sein. Jetzt dürften sie irgendwo auf den Seychellen unterwegs sein, oder in der Südsee.

Einst vom Vater Staat verwaltete Großkonzerne, die strategischen Aktivitäten nachgehen, wie Energie, Telekommunikation, Bergbau und Stahlindustrie wurden mittlerweile privatisiert. Sie wurden Gott sei Dank privatisiert, sagen die Verteidiger der Privatisierungen.

Die Öffentlichkeit ist für die Marktwirtschaft zu offen, zu sozial, zu naiv und zu ineffizient, heißt es! Die staatlichen Betriebe tolerieren schwache Produktivität, sagen die Befürworter der freien Marktwirtschaft. Der Vater Staat ist längst zu einer Mutter Staat mutiert!

Zu viel Soziales, zu kurze Arbeitszeit und zu lange Krankenstände machen nicht nur die Wirtschaft kaputt, sondern auch den arbeitenden Menschen.

Irgendwann spielt einer den Jolly Joker der Murxerei mit den schwarz angefertigten Objekten aus rostfreiem Stahl aus. „Würde man den Böhlerstern aus den ehernen Teilen des Eigenheimes eines ehemaligen Arbeiters herausfeilen, fiele das Häusl auf der Stelle zusammen“, heißt es dann.

Dass es sich hier um fadenscheinige, billige und fragwürdige Argumente handelt, daran denkt wohl keiner. Die Privatiers denken nur ans Lukrieren!

Es fragt auch keiner mehr nach der Kameradschaftlichkeit und nach der Solidarität, die in jenen Fabrikhallen jederzeit zugegen war!

Die brüderliche Kollektivität hat es in den staatlichen Unternehmen tatsächlich gegeben. Auch wenn mitunter garstige Farben des Neides und der Missgunst darüber rannen.

Auch wenn sich manche unschöne Szene zwischen gemeinschaftliche Bemühungen zwängte, so sind die Bilder der staatlichen Unternehmen bei Weitem schöner als die der privatisierten Firmen, die für die Individualität werben und dem heutigen Menschen nahelegen.

Das Individuum passt sich an die neuen Spielregeln an. Charles Darwin schrieb in seinem „The Origin of Species“ zwar nicht über steirische Wähler oder wahlberechtigte Menschen überhaupt, hat aber den Nagel auf den Kopf getroffen und in meinem Schädel ein Licht angezündet, während es dunkel wird rings herum. Das politische, garstig egoistische und individualistische Lied klingt aus.

Der verlorene Sohn wird, so Gott will, in Zukunft wieder die SPÖ wählen. „In Steiermark!“

In Brasilien die PT, die Arbeiterpartei.

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