Dorf – Vom Haus zur Siedlung

Erwin Schmierer - Metamorphose 2014 Frauenau | Foto: Karl Traintinger

Erwin Schmierer - Metamorphose 2014 Frauenau | Foto: Karl Traintinger

Die ältesten Belege für das Wort Dorf datieren aus dem 8. Jahrhundert. In dieser Zeit bezeichnete Dorf ein Ackerland, einen Bauernhof oder eine kleine ländliche, bäuerliche Siedlung, die über keine Befestigungsmauern verfügte.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Ursprünglich dürfte Dorf eine Bezeichnung für bebautes Land mit einem einzelnen Bauernhof gewesen sein. Als die Bauern in neuen Siedlungsgebieten ihre Häuser aus Sicherheitsgründen näher nebeneinander erbauten, wurde Dorf zu einer Bezeichnung für die gesamte Siedlung.

Das Dorf war ein Ort, an dem Menschen zusammenkamen. Daher erhielt das Wort Dorf mancherorts eine zusätzliche Bedeutung „Zusammenkunft, Versammlung“. Die Bedeutung „Zusammenkunft“ hat sich in der Schweiz erhalten. Dort ist Dorf auch das abendliche Zusammensitzen von Familien, Freunden und Nachbarn in der Stube. So wurde von Dorf ein Zeitwort dorfen mit der Bedeutung „einen Besuch abstatten“ gebildet. Speziell waren damit die nächtlichen Besuche bei Mädchen gemeint. Wenn von einem Mädchen gesagt wurde, sie hat schon gedorfet, dann hatte die junge Frau von jungen Männern und Liebhabern Besuche erhalten und auch angenommen.

Mit der Zeit wurde genauer unterschieden, um welche Art von Dorf es sich handelte. Ein Kirchdorf war ein Dorf, in dem eine Kirche stand. Ein Pfarrdorf war ein Dorf, in dem ein Pfarrer wohnte. Für die Benennung der Dörfer wurden aber auch andere typische Merkmale herangezogen, so z. B. bei Nussdorf, Steindorf, Schleedorf, Bruckdorf. Oder die Dörfer wurden nach dort ansässigen Personen benannt, wie in Arnsdorf, Maxdorf, Dietersdorf, Wilhelmsdorf.

Manche Dörfer sind auch sprichwörtlich geworden. Wenn jemand sagt, das sind böhmische Dörfer für mich, so sind damit unverständliche Dinge gemeint. Diese Redensart geht zurück auf die böhmischen Ortsnamen, mit denen viele Deutschsprachige keine inhaltliche Vorstellung verbinden konnten.

Ebenfalls sprichwörtlich sind auch die potemkinschen Dörfer geworden. Der russische Fürst Potemkin ließ im 18. Jahrhundert auf der Krim Dorffassaden errichten, um der Zarin Katharina II. bei ihrem Besuch den desolaten Zustand des Landes zu verheimlichen. Mit potemkinschen Dörfern wird seither etwas Vorgetäuschtes bezeichnet, das in Wirklichkeit nicht existiert.

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Dorfladen

Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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