Gilde – Von der Opfergemeinschaft zum Faschingsverein

Das Wort Gilde entstammt dem hanseatisch-niederdeutschen Sprachraum und bezeichnete ursprünglich vorchristliche Gemeinschaften, die sich zu religiösen Feiern trafen und anschließend einen gemeinsamen Festschmaus abhielten. Aus diesen Ursprüngen entwickelten sich mit der Zeit Schutz- und Hilfsgemeinschaften, Berufsvereinigungen und Vergnügungsorganisationen.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Die vorchristlichen Gemeinschaften, die als Gilde bezeichnet wurden, waren Gruppen, die sich zu gemeinsamen Opfern und religiösen Feiern zusammenfanden. Diese Feiern waren Feste zu Ehren einer bestimmten Gottheit, Totenfeiern oder Gedenkfeiern für die Ahnen. Die Opfergaben, das Fleisch und die Getränke für den Opfer- und Festschmaus wurden von den einzelnen Mitgliedern bereitgestellt. Charakteristisch für die Gilden war die gemeinsame Mahlzeit, die häufig auch in feuchtfröhliche Trinkgelage endete. Daher kam mit der Zeit zur ursprünglichen Bedeutung „Gemeinschaft, Bruderschaft“ die Bedeutung „Freudenfest, Gelage, Trinkgelage“ hinzu.

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Aus diesen religiös-kultischen Ursprüngen entwickelten sich die Gilden zu Schutz- und Hilfsgemeinschaften. Typische Merkmale dieser Gilden waren die eidliche Verpflichtung der Mitglieder zu gegenseitiger Hilfeleistung und Schutz, Unterwerfung unter die Gildegerichtsbarkeit, die Teilnahme an gesellschaftlichen Veranstaltungen und die Ausrichtung der Begräbnisse für ihre Mitglieder. Die feuchtfröhlichen Gildenfeiern, die gelegentlich auch in Streitereien und Prügeleien ausarteten, waren den kirchlichen Vertretern ein Dorn im Auge. Die Bischöfe wetterten gegen die Ausschweifungen bei den Gedenkfeiern für die Toten und riefen die Gilden dazu auf, die Feiern mit Gebeten und Werken der Frömmigkeit zu begehen. Da diese Aufrufe wenig Wirkung zeigten, wurden bereits im 8. Jahrhundert die Gildenfeiern von den Behörden verboten. Die Menschen ließen sich jedoch ihre althergebrachten Feste und die Freude am gemeinsamen Feiern nicht nehmen. Die Kirche und die Behörden sahen sich daher gezwungen, die Gildenfeiern widerwillig zu dulden und in christliche Feiern umzuwandeln.

Im Mittelalter entwickelten sich die Gilden in den Städten zu Berufsvereinigungen, wie beispielsweise die Kaufmannsgilden, die Gilde der Bäcker, Schumacher, Leinenweber, Schneider, Fleischhauer oder Goldschmiede. Aber auch andere Interessensgemeinschaften wurden Gilden genannt. Aus den Wehrverbänden der Städte entstanden die Schützengilden. So heißt es in einem Bericht aus dem Jahr 1671: In den Vereinigten Niederlanden war vor Jahren ein löblicher Brauch, dass in einer jeden Stadt oder großem Dorf etliche Gilden, das ist Brüderschaften, aufgerichtet wurden, die sich an gewissen Feiertage übten im Ringen, Fechten, Schießen und allerhand schöne Spiele verrichteten. Und auch die Feuerwehren wurden mancherorts als Feuergilden bezeichnet. Die Abhaltung trinkfreudiger Feiern wurden in allen Verbänden, die sich Gilde nannten, weiterhin beibehalten. Noch im Jahr 1503 erließ der preußische Ständetag für die Gilden an Pfingsten, Weihnachten und anderen großen Feiertagen ein Trinkverbot.

Anfang des 19. Jahrhunderts kam es Gründungen von Gilden, die sich selbst als Vergnügungsorganisationen verstanden. Zweck und Ziel dieser Gilden sind Geselligkeit, Freude am Feiern und spaßigem Zusammensein, so wie wir das heute noch bei den Faschingsgilden vorfinden.

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