Geselle – Vom Hausgenossen zum Handwerksburschen

Zimmerleute auf der Walz

Zimmerleute auf der Walz | Foto: Karl Traintinger

Mit dem Wort Geselle wurde ursprünglich jemand bezeichnet, der mit anderen Menschen das gleiche Haus bewohnt. Daraus entwickelte sich die Bedeutung „Freund und Begleiter“, zu der im Mittelalter die Bedeutung „Handwerksbursch“ hinzukam.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Das Wort Geselle ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und geht zurück auf althochdeutsch sal „Saal“, das ursprünglich den Innenraum eines Einraumhauses bezeichnete. Diese Häuser wurden von Mensch und Vieh als Unterkunft und als Lagerort für Vorräte genutzt. Der Geselle war daher jemand, der mit anderen die Unterkunft teilt, der Saalgenosse, der Hausgenosse.

Schon im 9. Jahrhundert hatte sich das Bedeutungsspektrum von althochdeutsch gisello zu „gleichgestellter Gefährte, Freund, Begleiter, Kollege“ geweitet. So war beispielsweise der herigisello der Heergeselle, der Kriegsgefährte. In mittelhochdeutscher Zeit wurde die Bedeutung auf „Geschäftspartner, Gehilfe bei der Arbeit, Teilhaber, Bundesgenosse“ erweitert. So wurden in nahezu allen Lebensbereichen Menschen, die gemeinsam etwas unternahmen, als Gesellen bezeichnet.

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Gemeinsam Reisende waren Reisegesellen oder Weggesellen. Hilfsgeistliche, Diakone und Kaplane wurden auch Pfarrgeselle oder Gesellpriester genannt. Menschen, die gemeinsam spielten waren Spielgesellen. Und bei Luther findet sich auch der Schachgeselle, der Freund, mit dem man Schach spielt.

Auch Amtskollegen und Menschen gleichen Standes wurden Gesellen genannt. Wenn es hieß der Fürst kam mit seinen Gesellen zusammen, so war dies nicht ein Treffen des Fürsten mit seinen Untergebenen, sondern ein Treffen von gleichrangigen Herrschern. Im Geschäftsleben wurden Geschäftspartner ebenfalls als Gesellen bezeichnet. So war beispielsweise der stumme Geselle ein stiller Teilhaber.

Ab dem 14. Jahrhundert wird die Bezeichnung Geselle auch für die Gehilfen der Handwerker verwendet. Im Verlauf der Zeit verfestigte sich diese Verwendung des Wortes Geselle und wurde im Sprachgebrauch auf die Bedeutung „Handwerksbursch“ eingeengt. Bei den Handwerksburschen wurde zwischen Junggeselle und Altgeselle unterschieden. Der Junggeselle war derjenige Geselle, der als letzter in einem Handwerksbetrieb aufgenommen worden war. Die Bedeutung „unverheirateter Mann“ für Junggeselle entwickelte sich erst im allgemeinen Sprachgebrauch und ist bis heute gültig.

Eine andere Bedeutungsentwicklung nahm das Wort Spießgeselle. Spießgeselle war ursprünglich eine neutrale Bezeichnung für Waffengefährten, die im Krieg einen Spieß trugen. Der Spieß war eine lange Stangenwaffe mit einer eisernen Spitze, mit denen die Fußsoldaten und die Landsknechte ausgerüstet waren. Die negative Bedeutung „Teilnehmer und Gehilfe bei einer üblen Unternehmung“ entwickelte sich aus dem schlechten Ruf der Landsknechte, die mordend und raubend durch das Land zogen.

Die alte Bedeutung des sich Zusammenfindens hat sich bis heute in der Redewendung Gleich und gleich gesellt sich gern erhalten.

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Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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