Bella, bella, bella….

bella, bella, bella

Vor 300 Jahren. Die Pest. Karneval in Venedig. Menschen tragen Masken. Vor allem die des Pestarztes. Schnabelförmig. In sie steckte man Watte mit ätherischen Ölen. Zudem trug ein Pestarzt – und demnach auch der Karnevalist – einen langen Stock, um die Patienten auf Distanz zu halten.

Rochus Gratzfeld

Gedanken aus Bleistift von Rochus Gratzfeld
Salzburg & Sarród

1912. Der Text von Thomas Mann, Tod in Venedig, wird veröffentlicht.

2020. Der venezianische Karneval wurde abgesagt. Menschen sterben. Massenhaft. Fische kehren zurück in die Kanäle. Menschen tragen Masken. Zwei Meter Abstand zum Gegenüber. Weltweit.

1975. Die „Generation Vico Torriani“ macht sich auf an die Seen Oberitaliens. So auch meine Eltern. Sie kratzen Geld zusammen und erwerben ein Steinhaus in einem abgelegenen Dorf oberhalb des Lago Maggiores. Wurde mir Heimat. Auch meinen Kindern. Von Katastrophen blieben wir verschont. Weitgehend.

1986. Roberto. Erst wurde ihm übel, die Knie wurden weich. “Dann konnte ich nichts mehr sehen und kaum noch atmen”, klagte er. Die Ursache: Methylalkohol, in Wein gemischt. Andere sind noch schlimmer dran. Bruna wurde in tiefem Koma in das Mailänder Krankenhaus “Fatebenefratelli” eingeliefert. Alvaro starb auf der Intensivstation des städtischen Krankenhauses “Niguarda”. Ich erinnere mich, wie wir jedes Glas Rotwein vor dem Trinken testeten. War da ein blauer Schimmer im Glas – weg damit und die ganze Flasche gleich hinterher.

Im selben Jahr. Frühling. Es ist ungewöhnlich heiß. Suchen Abkühlung in der eiskalten Maggia. Die Mutter meiner Kinder, mein Sohn, der in diesem Jahr 40 wird, und ich. Wissen nicht, dass der Wind gerade eine unselige Fracht zu uns trägt. Aus Tschernobyl.

1975. Eine hochbetagte Frau schafft Holz in eine Kiepe. Sie geht in die Knie, lädt ohne fremde Hilfe die Last auf den längst gebeugten Rücken. Transportiert sie in ihr Haus. Entzündet den Ofen im einzigen beheizten Raum. Der Küche. Davor steht ein Bett. Ruhestätte für sie und ihre Tochter.

2020. Habe das Dorf vor Jahren verlassen, das wunderbare Steinhaus verkauft, die Erinnerungen behalten. Behalten habe ich auch eine Kiepe. Die Kiepe. Sie steht heute neben dem Kachelofen in unserem Haus in Ungarn. Wieder ein See. Keine Berge. Meine Frau und ich befinden uns zusammen mit unseren zwei Hündinnen in selbstgewählter Isolation. Hier in Pannonien. Die Grenzen sind geschlossen. Angst ist spürbar. Mit Menschen aus dem Dorf am großen See bin ich in Kontakt. Es geht ihnen weitgehend gut. Wieder Frühling.

Bella, bella, bella….

(Erstmalig veröffentlicht auf story.one)

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Dorfladen

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