Hexe – Vom unfreundlichen Geistwesen zur weisen Frau

Reinhard Sampl - Aquarell

Liegende - Aquarell von Reinhard Sampl | Foto: Karl Traintinger| Dorfbild.com

Das Wort Hexe ist seit dem 10. Jahrhundert belegt und geht zurück auf das althochdeutsche Wort hagzussa, hâzussa mit dem ein weibliches Geistwesen bezeichnet wurde, dessen Wirkungskreis bis zum Hag, bis zur Einzäunung der Gehöfte reichte.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

In den frühen Textbelegen wird die hagzussa mit den römischen Furien und den griechischen Erinnyen gleichgesetzt. Furien und Erinnyen waren weibliche Rachegeister, die ihren Wohnsitz in der Unterwelt hatten, dort die Verdammten quälten und zur Erde aufstiegen, um Verbrecher zu verfolgen. Für Furien und Erinnyen wurde jedoch nicht nur das Wort hagzussa verwendet, sondern auch die althochdeutschen Worte helliwinna, eine Zusammensetzung aus hella „Unterwelt“ und winnan „wüten, toben, rasen“, und unholde.

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Holde und Unholde waren Bezeichnungen für Geistwesen, die einen freundlichen (hold) oder unfreundlichen Charakter (unhold) hatten. Auf das althochdeutsche Wort hold „gewogen, geneigt, zugetan“ geht auch Holdâ zurück, eine freundliche, milde, gnädige Göttin. Ein später Nachklang dieser Göttin findet sich bis heute in der Märchenfigur Frau Holle. Das Wort Unhold wurde nicht nur für die Rachegeister verwendet, sondern diente auch als Bezeichnung für den Teufel und hat sich bis heute mit der Bedeutung „böser Geist, bösartiger Mensch“ erhalten. Aufgrund der sprachlichen Verknüpfung von Furien, Erinnyen helliwinna und unholde mit hagzussa, lässt sich hagzussa als ein Wort der religiösen Sphäre verorten, das in althochdeutscher Zeit unfreundliche weibliche Geistwesen der Oberwelt und der Unterwelt bezeichnete.

Im Mittelhochdeutschen wandelte sich die althochdeutsche Wortform hagzussa zu hecse. In der Zeit zwischen dem 11. und 14. Jahrhundert finden sich zu hecse kaum Belege. Das Wort wurde nur vereinzelt verwendet und zeigte starke Tendenzen zu veralten. Dies änderte sich, als hecse von den Gelehrten mit dem lateinischen Wort striga gleichgesetzt wurde.

Die striga findet sich bei den römischen Dichtern seit dem 2. Jahrhundert v. Chr. In deren Beschreibungen ist sie ein gieriger Vogel, der nachts fliegt, Kinder aus der Wiege raubt, sie mit dem Schnabel zerhackt und ihr Blut trinkt. Oder sie ist ein Wesen, das Männern die Eingeweide herausreißt. Bis ins 6. Jahrhundert entwickelten sich die Vorstellungen zur striga vom dämonischen Wesen hin zu real lebenden Menschen – und zwar sowohl Männern als auch Frauen. So schreibt Bischof Isidor von Sevilla (ca. 560-636 n. Chr.) in seiner Enzyklopädie, manche Menschen würden glauben, die Strigen seien Verbrecher, die ihre Gestalt durch magische Gesänge oder Kräutergifte in wilde Tiere verwandeln könnten.

Im Mittelalter verknüpften die Theologen und Gelehrten die Charakteristika der striga mit Elementen der Ketzerei. Daraus schnürten sie das Paket des Hexenmusters, das durch Schadenzauber, Teufelsanbetung, Teufelspakt, Teufelsbuhlschaft, Hexensabbat und Hexenflug gekennzeichnet ist und in der Verschwörungstheorie der secta strigarum, der „Hexensekte“, gipfelte. Um die theologische und universitäre Diskussion, die über viele Jahrhunderte in Latein geführt wurde, unter das Volk zu bringen, benötigten die Theologen und Gelehrten für das lateinische Wort striga ein Wort aus der deutschen Sprache. Sie verwendeten dafür das Wort Hexe. Dadurch wurde das Wort wiederbelebt und findet sich ab Anfang des 15. Jahrhunderts in Schweizer Ratsprotokollen und Chroniken. Von der Schweiz aus breitete sich das Wort Hexe wieder über den gesamten deutschen Sprachraum aus, und zwar mit der Bedeutung, die uns aus den jahrhundertelangen Hexenverfolgungen bekannt ist.

Im 20. Jahrhundert wurde das Wort Hexe von der Frauenbewegung neu belebt, in „weise Frau“ umgedeutet und mit einer positiven Wertung versehen. Merkmale dieser Bewegung sind der Wicca-Kult und die Wiederbelebung vorchristlicher religiöser Elemente.

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Dorfladen

Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

2 Kommentare zu "Hexe – Vom unfreundlichen Geistwesen zur weisen Frau"

  1. Mit dieser Hexe könnte ich mich anfreunden! Der Lungauer Künstler Reinhard Sampl hat offensichtlich einen Blick für die wichtigen Dinge im Leben und da gehören Frauen auf jeden Fall dazu. Die Artikelserie von Frau Essler gefällt mir sehr gut.

  2. Michaela Essler Michaela Essler | 26. April 2020 um 17:32 |

    Lieber Chrysanth,
    vielen Dank. Ich freue mich, wenn meine Artikeln gefallen.

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