Coronale Disruptionen

Löwenzahn - Corona

Löwenzahn - Corona | Foto: Karl Traintinger| Dorfbild.com

Ab 16. März war klar: Aufgrund der Corona-Pandemie kommt es zu einem lockdown mit einem Verbot öffentlicher Veranstaltungen. Von nun an hatten die Virologen, Mathematiker und Gesundheitspolitiker das Sagen. Vieles andere war von da an – wenn nicht kritische Infrastruktur oder systemrelevantes Schlüsselpersonal – sekundär.

Karl Bauer

Von Karl Bauer

Wirtschaft, Schulen, Sport, Konsum und Kultur standen von einem Tag auf den anderen still, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit stiegen vorübergehend an. Alles richtete sich auf die Bekämpfung der Virusausbreitung aus, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten und alte bzw. vorbelastete Menschen nicht zu gefährden. Das Ausgehen ohne einem der vier genannten Gründe wurde deshalb verboten und bestraft, einige fürchteten sogar einen Verlust unserer demokratischen Grundrechte. Der Lebensalltag verlegte sich nach Hause, wo neue Probleme warteten: Ständiges Zusammenleben in der Familie in einer engen Wohnung bzw. Einsamkeit, tägliches Kochen statt konsumieren, eingeschränkter Lebensraum und home-office. Eine Folge ist der sprunghafte Anstieg von Telefonaten, Internet, social media und von Videokonferenzen.

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Nach dem relativ schnell gelungenen Abflachen der Infektionskurve und hunderter Todesfälle beginnt man nun mit stufenweisen Lockerungen des lockdowns, wissend, dass es jederzeit und überall zu einem Wiederausbruch durch Bildung von Hot-spots kommen könnte. Veranstaltungen sind bis auf weiteres verboten und treffen gerade Sport und Kultur hart. Aufführungen, Ausstellungen und Konzerte bleiben im Kulturland Österreich geschlossen und haben schwerwiegende Folgen auf die dort Beschäftigten oder Freiberufler, die gesamte Branche stöhnt unter dem Stillstand und auch das (v.a. internationale) Publikum bleibt aus. Andererseits gelten die allgemein zur Verfügung stehenden Möglichkeiten der Kurzarbeit auch hier. Damit hat die Kultur nicht gerechnet, war nicht vorbereitet und ist erst nach einer einmonatigen Schrecksekunde wach geworden. Kulturmedizinisch werden uns längerfristig chronische Auswirkungen in Form von andauernden Gleichgewichtsstörungen verfolgen, bis sich eine belastbare Resistenz gegenüber der Krise entwickelt. Der Angst vor dem Virustod folgt nun die Angst vor einem Kulturtod, dem ein (äußerst seltener) shockdown-Infarkt vorausging.

Wie kann sich unter diesen Umständen die Kunst neu definieren, neu erfinden, welche Antworten gibt es aus der Szene und der Politik? Die Kulturpolitik war bisher schon sehr ausdifferenziert und hat die Hochkultur im Kulturland Österreich dominiert. Kleine, regionale Initiativen oder EPUs haben es da schwerer, die Voraussetzungen zu erfüllen und werden meist nur projektbezogen gefördert, was ihnen in krisenhaften Zeiten auf den Kopf fällt. Reflexartig wurde mit traditionellen Politikerbeschimpfungen und mit Forderungen nach einem bedingungslosen Grundeinkommen begonnen, frei nach der ewig erhobenen, gebetsmühlenartigen Litanei, die schon aufgrund jahrzehntelanger Wiederholungen nicht mehr wahrgenommen wird. Ohne zuvor konkrete Vorschläge kooperativ zu erarbeiten, haben sich einzelne Kulturgrößen für sich wortgewaltig, aber ergebnisoffen zur weiteren Vorgehensweise exponiert.  Es verwundert auch, dass die Bundespolitik die Kulturszene von sich aus bislang wenig beachtet hat und deren Vertreter noch eher “grün” sind. Regelungen für Kurzarbeit und Härtefälle werden vom Bund zwar angeboten, dringliche Lösungen für EPU blieben bislang offen. Auf steirischer Landesebene sichert man  zwar die laufenden Projekte ab, steht aber prekären Lebenssituationen bzw. den dahinterstehenden Menschen passiv gegenüber. Eine Corona-Stiftung und Soforthilfen werden nun angeboten, die Ausschreibung zur Errichtung von “Coronadenkmälern” fällt da ob ihrer Originalität auf. Vergleichend sei auch ein Lichtblick nach Wien erlaubt, wo zumindest die Fiakerpferde einen 250.- Futtergutschein bekommen, in Salzburg sind es noch 140.-! – Was für ein Hohn den Künstler_innen gegenüber! Und auf Gemeindeebene – ausserhalb der großen Kulturhauptstädte – kann man ja den üblichen Heizkostenzuschuss, den Sozialladen oder die Gratis-Lebensmittelzustellung in Anspruch nehmen.

Kunst und Krise passen nicht zusammen; noch dazu, wenn sie plötzlich kommt und sie unvorbereitet trifft. Was aber tun, wenn sich die Prioritäten ändern und das Einkommen bzw. die Wohlfühlfunktionen eingeschränkt werden? Die Kunst lotet meist bewusst die Grenzen aus, Künstler_innen sind oft Grenzgänger und einer Krise existentiell ausgeliefert.  Als kulturelle Präventionsmöglichkeit kann man sich als Kunstschaffende/r als auch -konsument/-in in Heimarbeit (auch mit online-Aktivitäten) flüchten, reflektieren, auftanken, spezialisieren, probieren….! Das schärft zwar den Blick und die Technik, schafft aber noch keine Wertschöpfung. Mögen dabei die Reproduktionsraten (welche auch immer) steigen, als Künstler/-in braucht man auch Einnahmen, die vom Verkauf der Werke kommen sollten. Dies setzt ein platziertes Anbieten und eine Nachfrage voraus, die mit (Eigen-) Werbung ergänzt werden soll. Gratis-Balkonkonzerte, virtuelle Galerieführungen oder online-Lesungen bringen nichts, solange die Besucher keinen Eintritt bezahlen oder kaufen können. Beim Kunstkonsum daheim fehlt es auch an Kommunikation und am Buffeterlebnis.  Kunst allein zu produzieren macht evtl. Spass, Kunst allein zu konsumieren eher nicht. Gerade in dieser Krise hat die Kunst aber eine neue Bedeutung und Aufmerksamkeit gewonnen: Wer von uns hat nicht im lockdown mehrere Bücher gelesen, Musik gehört oder virtuelle Ausstellungen besucht? Diese neue Bedeutung der Netzkunst müsste jedenfalls neu definiert und kommerziell zugänglich und genützt werden, um in Zukunft krisenfester zu werden. Dafür müsste das Publikum bereit sein, kleine Beträge zu bezahlen. Der ORF überträgt zwar exklusive Opern und Kabarettprogramme, regionale Festivals gehen dabei leer aus. Genauso wichtig wird es sein, online-Diskussionen, Videokonferenzen, usw., anzubieten, um sich fachlich auszutauschen oder zu planen.

Die Tatsache, keine Rücklagen für schlechte Zeiten angespart zu haben und dadurch in Krisenzeiten wenig resistent zu sein, ist in der Wirtschaft längst bekannt. Deswegen versucht man dort auch, die Liquidität zu erhalten, was in der Kultur bislang auf allen Ebenen unbekannt scheint. Die persönliche Durchhaltefähigkeit ist dann begrenzt, wenn man nur in der Gegenwart und ohne persönliche Sicherheiten lebt, um plötzlich festzustellen zu müssen, dass die elementaren Bedürfnisse nicht länger erfüllt werden können. Hier liegt es an uns allen, unsere Umgebung dahingehend zu beobachten, eine menschliche Notlage zu erkennen und direkt zu helfen. Die Gemeinden sollten dabei einem sozialem Abtriften rechtzeitig entgegenwirken, eine Notversorgung anbieten und damit die biologische Überlebensfähigkeit prekärer Lebensmodelle auf Zeit absichern – sie tun dies schon in der Jugendarbeit, bei Drogenabhängigen oder Obdachlosen. Dann wird uns auch klar: Die saturierte, grenzenlose Spaßgesellschaft wie vorher wird es so nicht mehr geben können, es braucht mehr Achtsamkeit, Perspektive, Kooperationswillen und Wertschätzung!

Ob Kunst und Kultur ein Lebens- oder Genussmittel sind, darüber kann man nicht nur in Salzburg herzhaft streiten, aber:

„Der tiefere Skandal liegt darin, dass die Kunst Verschwendung ist. Zum physischen Überleben brauchen sie wir nicht. Was der Mensch zum Überleben braucht, sind Brot und Früchte und sauberes Wasser, und tatsächlich leben auf diesem Planeten Abertausende, denen Brot und Früchte, denen insbesondere das saubere Wasser fehlt. Das einzige, was nirgendwo zu fehlen scheint, sind die Kalaschnikows.” (Peter von Matt, Eröffnungsrede bei den Salzburger Festspielen, 2012, in: Kleine Ztg. vom 28.7.2012).

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