Die vielen Sommer eines Jahres

Sommertheater

Sommertheater auf Schloss Mattsee | Foto: Karl Traintinger| Dorfbild.com

Manche meinen, es gäbe jedes Jahr nur einen Sommer. Bei einer rein sprachlichen Betrachtung ergibt sich ein anderes Bild. Jedes Jahr hat viele Sommer.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Der kalendarische Sommer beginnt am 21. Juni mit der Sommersonnenwende. Diesen Tag des Sommeranfangs bezeichnen wir auch als Mittsommer, also eigentlich Mitte des Sommers. Die Bezeichnung Mittsommer ist ein sprachliches Relikt aus früherer Zeit. Die Germanen teilten das Jahr ursprünglich in zwei Hälften: in eine warme Jahreshälfte, die sie Sommer nannten, und in eine kalte Jahreshälfte, die sie Winter nannten. Das Wort Sommer bezeichnete zumeist die Zeit, die rund um die Tag-und-Nacht-Gleiche am 21. März begann und rund um die Tag-und-Nacht-Gleiche am 22. September endete. Daher konnte der 21. Juni, der Tag der Sommersonnenwende, als Mittsommer bezeichnet werden. ___STEADY_PAYWALL___

Ein anderer Sommer im Sommer wird Hochsommer genannt. Mit dem Wort Hochsommer bezeichnen wir die heißesten Tage im Jahr. Dieses Wort geht zurück auf den Ausdruck hoher oder hocher Sommer. Das Wort hoch bezeichnet in dieser Verwendung einen Zeitraum mit der Bedeutung „zeitlich in der Mitte, auf dem Höhepunkt“, so wie beispielsweise auch in den Worten Hochmittelalter „Blütezeit des Mittelalters“, Hochblüte „Zeit größter wirtschaftlicher oder kultureller Entwicklung“ oder Hochsaison „Hauptsaison“. So hat das Wort Hochsommer die Bedeutung „Mitte des Sommers, Höhepunkt des Sommers“.

Das Wort Sommer wird nicht nur als Bezeichnung für die Jahreszeit verwendet, sondern auch für zahlreiche Veranstaltungen, die in den Sommermonaten stattfinden. Vor allem im Kulturleben sind viele Wortprägungen mit dem Wort Sommer entstanden, die mehrtätige oder mehrwöchige Veranstaltungen mit einem bestimmten Schwerpunkt bezeichnen, wie beispielsweise Blasmusiksommer, Chorsommer, Festsommer, Festivalsommer, Festspielsommer, Filmsommer, Jazzsommer, Kabarettsommer, Kinosommer, Klaviersommer, Kleinkunstsommer, Konzertsommer, Kultursommer, Kunstsommer, Liedsommer, Literatursommer, Lyriksommer, Musiksommer, Opernsommer, Operettensommer, Orgelsommer, Tanzsommer, Theatersommer oder Trachtensommer – um nur einige aufzuzählen.

Und schließlich haben wir noch das Wort Altweibersommer für das zwei unterschiedliche Bedeutungen belegt sind. Altweibersommer ist eine Bezeichnung für sonnige, warme Herbsttage in den Monaten Oktober und November und für Spinnenfäden, die im Spätsommer und Herbst herumfliegen.

Das Wort Altweibersommer mit der Bedeutung „Spinnfäden, die im Herbst in der Luft herumfliegen“ ist seit dem 17. Jahrhundert belegt. Diese Spinnfäden wurden ursprünglich Sommer oder fliegender Sommer genannt. Die Herkunft dieser Bezeichnung ist unklar. Die fliegenden Spinnfäden wurden im Volksglauben für Werke von Elben und Zwergen gehalten. Von den Christen wurden sie dann umbenannt in Mariensommer, da das Spinnen und Weben Maria zugeordnet wurde. Alternative Bezeichnungen dafür sind auch Marienfaden, Mariengarn, Frauenfäden oder Liebfrauenhaar. Im 19. Jahrhundert begegnet dann die Bezeichnung Altweibersommer. Mögliche Gründe für das Benennungsmotiv können in der Jahreszeit liegen zu der die Spinnfäden fliegen, da Frühling und Herbst auch für Jugend und Alter stehen können.

Die zweite Bedeutung des Wortes Altweibersommer ist „warme, sonnige Herbsttage in den Monaten Oktober und November“. Das Benennungsmotiv ist nicht ganz geklärt, jedoch dürfte es sich um einen mundartlichen umschreibenden Ausdruck für „zweite Jugend der Frau“ handeln, der als Metapher auf schöne Herbsttage übertragen wurde. Ältere alternative Ausdrücke sind auch Witwensommer oder Ähndlsommer von Ahne „Vorfahrin“.

Für mildes Wetter Anfang November finden sich neben dem Ausdruck Altweibersommer auch die Bezeichnungen Allerheiligensommer, für die Tage rund um Allerheiligen am 1. November und Martinssommer oder Martinisommer für die Tage rund um den 11. November, der dem Hl. Martin gewidmet ist.

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Dorfladen

Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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