Tisch und Tafel – Von der Speiseplatte zur Mahlzeit

Die Worte Tisch und Tafel entstammen dem griechischen und dem frühromanischen Sprachraum und hatten ursprünglich die Bedeutung „Scheibe“ und „Platte“.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Das Wort Tisch entstammt dem Griechischen und ist über das Lateinische ins Deutsche gelangt. Das griechische Wort dískos war eine Bezeichnung für eine Wurfscheibe und für scheibenähnliche Gegenstände. Die Römer übernahmen das Wort mit der Bedeutung „Scheibe, Platte, Schüssel“ ins Lateinische. Im Spätlateinischen erweiterte sich die Bedeutung des Wortes um das Element „Teller“, da zum Auftragen der Speisen meist flache, runde Gefäße verwendet wurden. ___STEADY_PAYWALL___

Die früheste Überlieferung zu den Essgewohnheiten der Germanen findet sich bei dem römischen Historiker Tacitus (ca. 58 n. Chr.-ca. 120 n. Chr.), der schreibt, bei den Germanen werde zum Essen vor jedem ein kleiner Tisch mit einem Stuhl gestellt. Was Tacitus als Tisch, lateinisch mensa, bezeichnet, war eine auf ein Gestell gelegte Speiseplatte, die auch die Form einer flachen Schüssel haben konnte und im Althochdeutschen mit dem Wort biot oder beot bezeichnet wurde. Das Wort ist verwandt mit bieten, anbieten und hatte vermutlich die ursprüngliche Bedeutung „das Dargebotene, Dargereichte“. Durch die Übernahme des lateinischen Wortes discus wurde das alte germanische Wort biot im Verlauf des Mittelalters aus dem Sprachgebrauch verdrängt.

In althochdeutscher Zeit begegnet das lateinische Wort discus in der Form tisc mit der Bedeutung „Speisebrett, Speiseplatte, Schüssel, Teller“. Zunächst bezeichnete tisc nur die Speiseplatte, die auf einem Gestell mit drei oder vier Füßen lag. Diese Gestelle hatten noch keinen fixen Platz in den Wohnräumen, sondern wurden für die Mahlzeit aufgestellt und nach der Mahlzeit wieder abgebaut.

Im frühen Mittelalter wurden die Gestelle vergrößert, so dass mehrere Personen an einem Tisch sitzen konnten. Vermutlich entstanden die ersten größeren Tische in den Klöstern, in denen der gemeinsame Esstisch auch eine Erinnerung an die Gemeinschaft beim letzten Abendmahl Christi war.

Als alternativer Ausdruck für das Wort tisc war auch das Wort tavala „Tafel“ in Verwendung. Dieses Wort wurde aus dem frühromanischen Sprachraum übernommen und leitet sich von lateinisch tabula „Brett“ ab. Wie tisc war auch tavala nur eine auf ein Gestell gelegte Platte. Beide Worte wurden zunächst gleichwertig nebeneinander verwendet, jedoch entwickelte sich mit der Zeit für das Wort Tafel die Bedeutung „großer Esstisch für viele Personen“.

Aus der Zeit, als Platten und Gestelle nach dem Essen weggeräumt wurden, stammt der Ausdruck die Tafel aufheben für „die Mahlzeit ist beendet und alle stehen auf“. Die alte Form der Essensdarreichung auf Platten ist nicht völlig verschwunden. Sie hat sich bis heute in der Form der Brettljause oder der Käseplatte erhalten.

Von Tisch und Tafel wurden die Tätigkeitsbezeichnungen tischen und tafeln gebildet. Das Wort tischen hatte zwei Bedeutungen: „den Tisch bereiten, aufdecken“ und „zu Tisch sitzen, speisen“. Das Wort tischen begegnet uns heute nur noch in der Zusammensetzung auftischen mit der Bedeutung „Essen zum Tisch bringen, bewirten“ oder „etwas Unwahres erzählen“. Die zweite Bedeutung findet sich zumeist in der Redewendung Lügen auftischen. Anders als das Wort tischen, das aus unserem Sprachgebrauch verschwunden ist, hat sich das Wort tafeln bis heute in unserem Wortschatz mit der Bedeutung „mit Genuss lang und ausgiebig essen und trinken“ erhalten.

Die Bedeutung des Wortes Tisch wurde mit der Zeit ausgeweitet auf „Mahlzeit, Essen“. Diese Bedeutung begegnet in den Redewendungen sie sitzen zu Tisch oder sie sind zu Tisch „sie essen, sie machen Essenspause“ oder zu Tisch bitten „zum Essen bitten“. Diese Bedeutungsentwicklung erfuhr auch das Wort Tafel, das ebenfalls synonym für Essen, Mahlzeit verwendet werden kann. In dieser Bedeutung findet sich das Wort heute als Bezeichnung gemeinnütziger Verbände, die armutsbetroffene Menschen mit Lebensmitteln versorgen.

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Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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