Pferd – Die Erfolgsgeschichte eines lateinischen Wortes

Pferd

Ein Gespräch unter Freunden | Foto © Karl Traintinger| Dorfbild.com

Dem Wort Pferd ist heute sein lateinischer Ursprung nicht mehr anzusehen. Bevor das Wort aus dem Lateinischen ins Deutsche übernommen wurde, hatte es die Form paraveredus und war eine Bezeichnung für ein Postpferd.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Das Wort Pferd geht zurück auf das mittellateinische Wort paraveredus, das in althochdeutscher Zeit ins Deutsche übernommen wurde. Paraveredus ist eine Zusammensetzung aus dem griechischen Wort pará „neben“ und dem mittellateinischen Wort veredus „Postpferd, Kurierpferd“. Mit veredus wurden in römischer Zeit die Pferde bezeichnet, die an Stationen für Reisende bereitstanden. ___STEADY_PAYWALL___Die Pferde, die paraveredus genannt wurden, waren Postpferde auf Nebenstraßen. Diese Pferde mussten von den örtlichen Behörden für Personen zur Verfügung gestellt werden, die mit kaiserlichen Pässen reisten. Im Lauf des 6. Jahrhunderts n. Chr. erweiterte sich der Bedeutungsumfang von paraveredus. Nun wurden nicht mehr nur die Postpferde für Nebenstraßen so bezeichnet, sondern jedes Pferd, das für die Reisen der Fürsten und Könige abzuliefern war.

Die Frankenkönige übernahmen diese Einrichtung. Die Untertanen waren verpflichtet, für die königlichen Reisen, für die Boten und Kuriere des Königs und für die geistlichen und weltlichen Fürsten Pferde zu stellen. Festgelegt waren diese Pflichten in den Gesetzen des Frankenreiches, die in Latein niedergeschrieben wurden. Schon in den karolingischen Gesetzestexten zeigen sich erste Entstellungen des Wortes, wie beispielsweise parvaredus oder parafridus. Durch die Festschreibung in den Gesetzen kam das Wort in die Volkssprache, wo es weiter umgeformt und gekürzt wurde. So finden sich in den althochdeutschen Handschriften die verstümmelten Formen parafrid, parefret, parfrit, perfrit und später auch pfarifrit. Im Mittelhochdeutschen setzte sich der Umformungsprozess über die Formen pferet, pherift, pferft oder pfærit weiter fort, bis schließlich daraus die heute bekannte Form Pferd wurde.

In einer Zeit, in der als einzig schnelles Transportmittel das Pferd zur Verfügung stand, waren die Post- und Kurierpferde von besonderer Wichtigkeit. Mündliche und schriftliche Nachrichten und Befehle der Fürsten und Könige konnten so in verhältnismäßig kurzer Zeit im ganzen Reich überbracht werden. So wurde auch die althochdeutsche Bezeichnung für den berittenen Boten parafritāri von althochdeutsch parafrid abgeleitet.

Die Bedeutung, die die Post- und Kurierpferde hatten, erklärt, warum das Wort Pferd die dominante Bezeichnung wurde und das alte germanische Wort Ross zurückdrängte. Mit der Zeit verlor das Wort Pferd die Bedeutungseingrenzung auf bestimmte Dienste und wurde zu einer Bezeichnung für die gesamte Gattung.

Da Pferde nicht nur für den Post- und Nachrichtendienst verwendet wurden, war es nach der Ausweitung des Bedeutungsumfanges von Pferd auf die ganze Gattung notwendig, sprachlich zwischen den verschiedenen Pferdearten zu unterscheiden. So entstanden neue Bezeichnungen, aus denen die verschiedenen Eigenschaften und Dienste der Pferde erkennbar sind, wie zum Beispiel Ackerpferd, Arbeitspferd, Dressurpferd, Jagdpferd, Kavalleriepferd, Kutschpferd, Packpferd, Polizeipferd, Polopferd, Postpferd, Reitpferd, Rennpferd, Turnierpferd, Wildpferd, Zirkuspferd oder Zuchtpferd.

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Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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