„Jedermann und der Tod im Apfelbaum“ – eine musikalische Collage

Die überaus engagierte Kulturvermittlerin Elfi Schweiger konnte den ehemaligen Operndirektor am Salzburger Landestheater Andreas Gergen für ein ganz spezielles Jedermann-Projekt gewinnen, das die 1905 von Hugo von Hofmannsthal in einem Garten bei Wien entstandene, in Prosa gehaltene Urfassung mit dem von den Salzburger Festspielen bekannten Text in Knittelversen verknüpft. Andreas Gergen hat seine Inszenierung mit einer Songsequenz für Streichquartett und Stimme, „The Juliet Letters“, des britischen Rocksängers und Songwriters Elvis Costello untermalt. Ein gelungenes Experiment, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Statt eines Herolds, der das „geistlich Spiel“ ankündigt, wird dem Stück Max Reinhardts Rede, die er anlässlich einer Aufführung des „Jedermann“ in New Yorker Exil gehalten hat, vorangestellt.

„Wir spielen heute ein altes Stück, ganz neu. Es heißt Everyman. That means: you and I and all of us. ,Everyman‘ ist viele Jahrhunderte hindurch gespielt worden, again and again. Es gibt nicht viele Shows auf dem Broadway des Welttheaters, die einen so langen Run haben. Wann, wo und von wem das Stück ursprünglich geschrieben worden ist, wissen wir nicht genau. Wir wissen das ebenso wenig von der Bibel. Wir wissen es nicht von vielen wunderbaren Sagen und Märchen und von vielen alten Volksliedern. Sie gehören zum Schatz des Volkes, der sich von Generation zu Generation fort erbt. Sie sind ,from the people, about the people and for the people‘. Wenn wir sie hören, fühlen wir uns bewegt. Wir müssen am Anfang ein wenig lachen, zum Schluss ein wenig weinen und dazwischen ein wenig nachdenken.“ ___STEADY_PAYWALL___

Wie in der Urfassung stehen nur Jedermann und sein Butler Mammon, der seinem Herrn aber auch als Tödin, Schuldknecht, Verwandtschaft und Buhlschaft gegenübertritt, auf der Bühne. Mathias Schlung verkörpert den vitalen, doch verzweifelten Jedermann, der nicht bereit ist, so jung zu sterben. Seine melancholische Stimmung bringen Costellos Lieder großartig zur Geltung. Zum Finale verwandelt er sich jedoch in den wütenden Teufel, der nicht verstehen kann, dass ihm die sicher scheinende Beute entgeht. Vasiliki Roussi erweist sich als ungeheuer wandlungsfähig. Während sie als gestrenger Tod keine Gefühle zeigt, überzeugt sie mit offenem Haar als verführerische, temperamentvolle Buhlschaft. Ein sieben Meter langes, weißes Tuch kommt bei fast allen Verwandlungen zum Einsatz, dient als Brautschleier ebenso wie als Leichenhemd, und Mammon knüpft damit seinen Herrn so geschickt auf, dass dieser wirklich wie ein Hampelmann zappelt.

Es ist immer wieder faszinierend, wie einem kreativen Regisseur mit einem Minimum an Requisiten, einer Leiter, zwei Stühlen und einem langen Tuch großartige Bilder gelingen. Im Hintergrund musiziert ein Quartett von hochkarätigen Musikerinnen und Musikern, die in verschiedenen Orchestern und Ensembles spielen und in den letzten Monaten plötzlich vor dem Nichts standen.

Elfi Schweiger und Andreas Gergen haben mit diesem ganz speziellen, hochmusikalischen Jedermann-Projekt Schauspielern und Musikern die Möglichkeit gegeben, endlich wieder vor Publikum aufzutreten. Ich durfte die Generalprobe am 27. Juli 2020 besuchen und war begeistert. Ein Glück, dass diese Produktion nach vier Vorstellungen im „OVAL – die Bühne im Europapark“ auf Reise gehen wird – und zwar in sommerliche Privatgärten in ganz Österreich.

„Jedermann und der Tod im Apfelbaum“ – Projektleiterin, Textfassung und Produktionsleitung: Prof. Mag. Elfi Schweiger. Regie und Ausstattung: Andreas Gergen. Mit: Mathias Schlung und Vasiliki Roussi, Saskia Roczek (1.Violine), Georg Wimmer (2.Violine), Sarah Grubinger (Viola) und David Pennetzdorfer (Violoncello).

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Dorfladen

Über den Autor

Elisabeth Pichler
Geb. 1946 in Salzburg,1964 Matura im Realgymnasium. Abiturientenlehrgang HAK. 2000 Ausbildung zur ehrenamtlichen Bibliothekarin und seither in der öffentlichen Bibliothek Hallwang tätig. “Theater war schon immer meine große Leidenschaft und scheinbar ist es mir auch gelungen, diese Begeisterung an meine Kinder weiterzugeben.” Elisabeth Pichler besucht für die Dorfzeitung Theateraufführungen und Konzerte und liest neue Bücher.

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