Der Dorfgockel

Das Wappentier der Dorfzeitung, der Dorfgockel

Gockelmania im Dorf

Seit 2003 ist der Gockelhahn das Kennzeichen, quasi das Wappentier, der Dorfzeitung.  Wir haben uns damals für den Gockelhahn aus verschiedenen Gründen entschieden:  Er ist der stolze Verteidiger der Hühnerschar, er ist fast immer das schönste Tier in der Herde, er hat das Sagen in der Herde, er begrüßt den Tag,  und so weiter und so fort.

Tatsache ist, dass es keinen Misthaufen im Dorf gibt, auf dem nicht der Gockelhahn mit seinen Hennen Hof hält und das hat uns gefallen. Gedanklich weiter gesponnen wird es immer amüsanter, wenn der Gockelhahn mit unserem Slogan: “Dorf ist überall”, verknüpft wird.

Im Jahr 2003 haben einige Mitarbeiter und Freunde ihre Gedanken zum Gockelhahn niedergeschrieben, die auch heute noch aktuell und lesenswert sind.  Ab sofort kommen (hoffentlich) noch weitere “Gockelgedanken” dazu, freuen Sie sich darauf! (kat)

Reinhard Lackinger. Der Gockel bin ich

Das Bistro Porto Sol im Strandviertel Barra von Salvador, Bahia, Brasilien, ist mein Revier. Da bin ich der Gockel, krähe ich das letzte Wort. Während ich mich um meine Gäste kümmere, sucht mein Hirn das Huhn in meinem südländischen Domizil.

Was bedeutet der Hahn für Portugal, die Nation, die uns kolonisiert hat? Wie viel davon überlebt im modernen Brasilien? “Azeite Galo”, das Olivenöl, das ich zum Kochen benutze.

Ist Brasilien nicht einer der bedeutendsten Exporteure tiefgefrorener Hühnchen? “McChicken” leuchtet es von Acrylplatten der Fast-Food-Buden.

Kinder der Großstadt kennen kaum lebendiges Geflügel. Eher nur Teile davon im Supermarkt, auf Tellern. Es fällt ihnen schwer, die Schenkel und Brustteile mit Kampfhähnen und Hühnern für die Candomblérituale in Verbindung zu bringen.

In einer Favelahütte der Peripherie kräht oft ein fremder Hahn, nachdem der eigene, von den Kindern geliebte Gockel auf mysteriöse Weise verschwunden ist… Ein Tausch, der den Kleinen viel Kummer erspart und den Appetit auf Brathuhn oder Xinxin de Galinha sichert.

Hahnenkämpfe sind zwar seit den frühen 60er Jahren verboten, doch weiß jedermann, wo sich die sogenannten “rinhas” befinden, wie jene Arenas genannt werden.
Geflügel, insbesondere schwarze Hühner gehören auch zu den Opfergaben für die Heiligen der afro-brasilianischen und Naturreligionen im Candomblégelände.

Im Sommer, wenn der Touristenfluss zunimmt, kommen viele weiße Gockel in unsere Straßen, folgen mehr oder weniger schwarzen Hühnern. Sie krähen kaum, überlassen ihren portugiesisch gackernden Begleiterinnen die Wahl der Speisen.

Unweit von uns schlägt ein anderer weißer Gockolori hoch auf dem größten Misthaufen der heutigen Weltunordnung die Flügel, kräht seine Kampfaufrufe in alle Windrichtungen. Es geht ums Erdöl und um seine Vorteile, heißt es. Kernöl, ein echtes steirisches Kürbiskernöl wäre mir lieber. Für den Salat, der zum Backhendl gehört.

Reinhard Lackinger,  Salvador 10.2.2003

Michaela Essler – Die Bedeutung des Gockels für das Dorf

Mit dem ersten Hahnenschrei kündigt der Gockel den Beginn eines neuen Tages an, markiert den Übergang zwischen Nacht und Tag, und verkündet das Aufgehen der Sonne. Sein Krähen ruft alle auf mit Neuem zu beginnen, bereits Begonnenes zu vollenden und tut kund, was es geschlagen hat.

Auch der “Hahn am Mist” ist ein Bild, das uns allen vertraut ist: Der Hahn, der im vollen Bewusstsein seiner Pracht auf dem Mist herumstolziert, den andere produziert haben. Nun ist Mist nicht gerade ein Blickfang. Stolziert jedoch ein Gockel darauf, zieht jeder Misthaufen die Blicke auf sich und erhält damit oft mehr Aufmerksamkeit als zuträglich ist.

Der Wetterhahn auf Dachspitzen und Kirchtürmen wurde ursprünglich als Symbol der Wachsamkeit, als Wächter gegen den Teufel, angesehen. In unserer Zeit erfüllt er häufiger die Aufgabe anzuzeigen, aus welcher Richtung gerade der Wind weht, oder ob sich überhaupt ein Lüftchen regt.

Sein besonderes Wirken entfaltet der Gockel jedoch im Hühnerhof: selbstbewusst schreitet er in dem allgemeinen Gegacker einher und beobachtet das Treiben der Hühnchen und Hähnchen. Aber wehe, wenn ihm ein Eindringling seinen Rang streitig machen möchte: mit Mut und auch etwas Streitlust ist er jederzeit kampfbereit und verteidigt sein Reich. So kann es schon mal zu heftigen Revierkämpfen zwischen zwei Hähnen kommen. Und jeder weiß, daß ein Kampf zwischen zwei Gockeln durchaus auch etwas Erheiterndes haben kann – natürlich sinnbildlich gesprochen.

Der Gockel mit seiner Wachsamkeit, seinem Mut und seinem Selbstbewusstsein aus keinem Dorf wegzudenken, weder aus dem kleinen Dorf auf dem Lande noch aus dem globalen Dorf.

Annabell Brand. Der Gockel

“Wer sich am besten präsentiert, am lautesten kräht und auf dem dicksten Mist steht, hat Recht, liegt im Trend und ist damit am schönsten.”

Der Gockel. Jedes Dorf hat mindestens einen. Aufgeputzt mit buntem Kamm und glänzendem Gefieder stolzieren sie auf dem Misthaufen herum. Das Gefieder nach neuesten Trends gekämmt, suchen sie den erhöhten Platz, um möglichst viel Aufmerksamkeit zu erregen und die besten Hühner des Dorfes in ihren Bann zu schlagen. Dabei hilft ihnen auch ihr lautes Organ, zum Leidwesen vieler oft sehr sehr laut. Doch halt. Reden wir jetzt vom stolzen Hahn, dem Tier, das von keinem Bauernhof wegzudenken ist? Oder erinnert uns das nicht doch auch sehr an unsere eigene Umwelt? Ja, denn so ist es auch gemeint. Das Gehabe der Hähne ist nur all zuleicht verwechselbar mit dem Imponiergehabe der Männerwelt. Wobei man das – zugegebenermaßen – heutzutage nicht mehr nur auf die Männerwelt einschränken kann – aber da wir beim männlichen Federvieh anfgefangen haben, bleiben wir auch dabei.

Was hat es damit auf sich, das Aufputzen, das Aufspielen, das Beweisen – Mann/Hahn ist der Stärkste? Die Evolution lehrt, dass die holde Männlichkeit den Drang hat, sich möglichst oft, viel und großflächig fortzupflanzen, um damit für den Fortbestand der eigenen Gene zu sorgen. Quasi für die eigene Unsterblichkeit zu sorgen. So heißt es doch oft. Nun haben sich die Zeiten aber gewandelt, das mit der Fortpflanzung und möglichst weiten Streuung ist schon längst nicht mehr so wie früher. Ist da der Gockel im Dorf überhaupt noch notwendig? Muss dieses ständige “Ich-bin-der-Beste-Gehabe sein? Reicht es nicht, sich mit ein paar braven Junghähnen zufriedenzugeben, ein ruhiges Leben zu führen – ohne großes Tamtam und ohne viel Aufwand?

Ist das so? Wirklich, meine ich? Nein. Ich glaube nicht. Man mag von aufgeputzten Gockeln halten was man will, aber wäre es nicht sterbenslangweilig, wenn im Mittelpunkt niemand stünde? Keiner mehr mal laut krähen würde? Es nichts gäbe, worüber man tratschen kann? Niemand für Aufregung und Klatsch sorgen würde? Und sind wir ehrlich, auch zu jedem aufgeputzten Gockel gibt es die passende aufgeputze Henne. Was würden die ohne einen Abenteurer anfangen? Na eben. Es hat schon alles seinen Sinn im Leben. Auch wenn sich die Zeiten gewandelt haben, die Daseinsberechtigung des Gockels ist nach wie vor gegeben. Ob man sie mag oder nicht. Und sei es nur, um etwas zu haben, über das man sich aufregen kann.

Schließlich wissen schlaue Hühner: Kräht der Gockel auf dem Mist, ändert sich was oder es bleibt wie es ist.

Helmut Guggenberger. Hahn im Korb

Gestern noch Hahn im Korb, heute Hüter des Misthaufens – wenn`s gut geht. Kikkeriki. So haben sich die Zeiten geändert, aber ja nicht nur für mich. Rollenanpassung nennen sie das – an den globalen Markt. Ich glaub´, das ist da, wo meine vielen Kollegen im Kühlregal liegen.

Ein kompletter Reinfall war schon meine erste Bewerbung beim Ja-natürlich! Freilandhof. Nicht, dass ich es nicht derpackt hätte. Denkste. Jungfräuliche Eier sind gefragt. Ein Hahn im Hünerhof – das reinste Gift! Von all meiner Pracht hätten nur die krummen Federn interessiert, aber auch nicht an meinem Schwanz, wo sie doch hingehören, sondern von einem Hut war die Rede.
Am Misthaufen kannst du gar nicht genug aufpassen. Plötzlich läuft das Förderband und du bist nicht mehr der Gipfel, sondern steckst mitten drin. Von wegen Wetterprophet.

War schon auf dem Weg zum AMS (nicht verwechseln mit dem AMF – Austria Food Marketing), da kommt gerade der Traintinger vorbei, weil sich die Resi beim Kalben schwer tut, und redet mich tatsächlich an. Weil er einen braucht mit einer kräftigen Stimme, das sei ihm grad eingefallen, wie er mich sieht. Und mein geschwollener Kamm hat ihm auch gefallen. Ich denke zuerst wieder an Hut – siehe oben. Aber angeblich hat er keinen. Und verspricht mir doch tatsächlich einen Job auf einem riesigen – wie er sagt – Misthaufen. Allerdings auf einem virtuellen. Da weiß ich allerdings weniger, was das heißen soll, aber er wird´s schon wissen als Studierter! Erklärt hat er´s mir dann auch.

Gefällt mir eigentlich, mein neuer Job. Wirst dich noch wundern, wie ich den ernst nehme: Irgendwo was Neues – schon wird gekräht! Ein Huhn findet ein Körnchen Wahrheit – Kikkerikiii! Und wie ich jeden Mist vergackern werde – na warte!

Net nur nett, der NetGockel!

Charlotte Veichtlbauer. Geschichten zum Gockelhahn

Der Stadler Norbert ist ein …, der will die Pontigoner (St. Pantaleoner) nur ärgern, wenn er immer sagt wie seine Schwiegermutter: der Hahn muss Gickerl heißen, er schreit ja kikeriki und nicht kokeroko….
Egal wie es klingt, das morgendliche Kikeriki war bis ins vergangene Jahrhundert das älteste und einzige Weckmittel für die Leut’ am Hof und im Dorf.
Der Hahn ist für uns ein derart selbstverständliches Symbol, dass sich keiner darüber Gedanken gemacht hat, warum er als Wetterhahn auf den Türmen steht, oder warum er in den Märchen so häufig vorkommt: Bremer Stadtmusikanten, Lumpengesindel, Das Waldhaus, Der Hahnenbalken…

Auf Lateinisch (= gallus) gab der Hahn Gallien und den Galliern den Namen und dem heutigen Frankreich sein Nationaltier.
Auch die Portugiesen haben den Hahn als nationales Symboltier. Dies begründet sich auf eine Legende: ein schöner junger Pilger war auf dem Weg nach Santiago de Compostella. Müde von der langen Wanderung kehrte er in einer Herberge ein. Die Wirtin dort verliebte sich in den hübschen Jüngling und versuchte ihn zu verführen.
Da er jedoch keusch und fromm war, widerstand er den weiblichen Künsten. Zornig versteckte die Wirtin silbernes Besteck in seinem Gepäck, während er schlief, und rief die Polizei, weil sie bestohlen worden sei. Der Pilger wurde, da man das Diebesgut in seinen Habseligkeiten fand, verhaftet, abgeführt und zum Tode verurteilt. Man schleppte ihn noch zum Bürgermeister der Stadt, dieser sollte das Urteil bestätigen. Der Bürgermeister saß gerade beim Essen und ließ sich vom Delinquenten die Geschichte erzählen, wie er sie erlebt habe. Der Pilger beteuerte seine Unschuld und rief das gebratene Huhn auf des Bürgermeisters Teller zum Zeugen an. Da wurde der Hahn lebendig, stand auf und krähte laut, dass der Pilger unschuldig sei und denunziert worden war. Auf dieses Wunder hin wurde der junge Mann freigelassen und der Hahn als Werkzeug Gottes ist heute beliebtes Motiv auf vielen portugiesischen Souvenirs.

Die Pontigoner (Einwohner der Gemeinde St. Pantaleon im OÖ Innviertel, Red.) – weil ich ausdrücklich darum gefragt wurde – sagen zum Hahn Gockel und nicht Gickerl.
Einen Gickerl schießen wir (beim Schießsport, Red.) – wenn wir die Scheibe oder das Schwarze auf der Scheibe verfehlen – da sind die Schützen dann Gespött der Zielerbuben, die schreien laut “Kikeriki” und wacheln mit dem Zielerlöffel!

Gickerl nennt man auch einen eitlen Tropf, der die Dorfstraße auf- und abmarschiert, sich aufplustert und meint, war gar für einen unvergesslichen Eindruck er auf das weibliche Geschlecht wohl macht. Dabei ist er in seiner Halbwüchsigkeit noch beileibe nicht ernst zu nehmen, sondern sogar lächerlich. “Schautsn an den, is da do dös a Gickerl!” spottet man hinter ihm her.

Währenddessen ein Gockel ein unersetzliches Mitglied der bäuerlich-nützlichen Hofgesellschaft ist. Besonders wenn er schwer ist, wenn er ein buntes Gefieder hat und in selbstbewußter Wichtigkeit auf dem Misthaufen scharrt und kräht, ist er nicht nur der Stolz seines Hühnervolkes, sondern auch seines Bauern. Er ist Symbol für Manneskraft, Kampfeslust, Fruchtbarkeit und Mut – und er ist ob seiner geduldeten, sogar gewünschten Vielweiberei Objekt des Neides der menschlichen Mannerleut.

Drum singen sie zu vorgerückter Stunde:

D’Liab is a Gottesgab, da gibt’s koan Zweifel,
der wo koa Liab nöt hat, den holt der Teufel.
Schauts unsern Gockel an, drobm aufm Tenna.
is so a kloaner Mann, hat fuchzehn Henner.
Wanns so a kloaner Mann mit fuchzehn Henner kann,
kanns unseroana ganz gwiß mit oana.

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5 Kommentare zu "Der Dorfgockel"

  1. Raphaela Vital Raphaela Vital | 13. August 2010 um 06:48 |

    So schön alle Gockel auch alle sind, Eier legen sie keine! 🙂

  2. Dörrpflaume | 13. August 2010 um 12:09 |

    Es stellt sich jetzt die philosophische Frage, gibt es ohne Hähne Eier? Wer war zuest, die Henne oder das Ei? Ich für meinen Teil bin davon überzeugt, daß das vom Hasen gelegte Osterei die Geburtsstunde der Hühner symbolisiert!

  3. Der Gockel ist DAS Wappentier für die Dorfzeitung, besser geht es nicht!

  4. Der echte Gockel kräht,
    der Blecherne im Winde weht!
    Was ein aufrechter freier Hahn,
    schließt sich keinem Haufen an!
    Der Wettergockel auf dem Dach,
    schaut in des Nachbars Schlafgemach!
    Ein Jeder kann sich frei entscheiden,
    zu leben oder auf dem Dach zu leiden.

  5. *lach*
    Bin ich net a schena Hahn,
    schauts nur her, wos i ois kann
    Gigerl Gogerl, kikeriki…
    Gigerl is aufd Wiesn gonga
    woilt si do an Regnwurm fonga

    Gigerl hot die gonz’ Nocht kraht
    homs eahm glei an Hois umdraht…
    Muaß i glei in’d Stodt nei laufn
    und an neichn Gockl kaufn

    … so ähnlich geht das Volkslied vom Gigerl Gogerl… der als Logo die Dorfzeitung ziert und so schöne Geschichte liefert wie oben zu lesen *lach*
    *lach*

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