Mühle – Mahlwerk, Irrenanstalt und ausweglose Situation

Die Bäckermühler (Stürzer) an der Oichten in NussdorfDie Bäckermühler (Stürzer) an der Oichten in Nussdorf | Foto: Karl Traintinger, Dorfbild.at

Das Wort Mühle ist seit dem 10. Jahrhundert belegt. Althochdeutsch mulin oder mulī wurde aus lateinisch molīna entlehnt und bezeichnete die Wassermühle im Gegensatz zu den älteren Handmühlen.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Die Germanen verwendeten für die Herstellung von Mehl steinerne Handmühlen, die aus einem festliegenden ausgehöhlten Stein und einem darauf liegenden beweglichen Stein bestanden, der beim Mahlen gedreht wurde. Die mit Wasserkraft betriebene Mühle ist eine römische Erfindung mit der lateinischen Bezeichnung mola aquariae oder mola aquae. Das lateinische Wort mola bezeichnete ursprünglich nur den Mahlstein. Im Zeitverlauf wurde der Gebrauch des Wortes als Bezeichnung für das gesamte Mühlwerk erweitert. Aus mola entwickelte sich im Spätlateinischen das Wort molīna, das ins Althochdeutsche mit der Einführung der Technologie der römischen Wassermühlen übernommen und zu mulin bzw. mulī gekürzt wurde.

Die ersten Wassermühlen wurden in den germanischen Gebieten nach der Eroberung durch die Römer errichtet. Die großen mit Wasserkraft betriebenen Mühlwerke waren zunächst Privateigentum der Grundherren. Im Mittelalter errichteten die Bürger der wachsenden Städte öffentliche Mühlen, denen für einen bestimmten Bezirk das alleinige Mahlrecht erteilt wurde. Diese Mühlen wurden Bannmühlen genannt. In mittelhochdeutscher Zeit bezeichnete das Wort Bann ein Gebot oder Verbot unter Strafandrohung. Mit der Zeit wurde die Bedeutung des Wortes stark ausgeweitet und erhielt unter anderem auch die Bedeutung „(monopolartiges) Zwangsrecht“. So gab es beispielsweise den Brotbann, der die Menschen verpflichtete, bei bestimmten Bäckern Brot zu kaufen. Das alleinige Recht Mehl zu mahlen, wurde Mahlzwang genannt und entsprach einem Monopol. Mit dem Mahlzwang war eine gleichmäßige Auslastung der Mühlen garantiert und deren wirtschaftliches Überleben gesichert.

Das Wort Mühle wurde mit der Zeit auch als Bezeichnung für andere Maschinen verwendet, mit denen etwas zerrieben, zerstoßen oder zerkleinert wird. Diese Worte sind Zusammensetzungen aus den Bezeichnungen des bearbeiteten Materials und dem Wort Mühle. So finden sich Sägemühle, für Mühlen, die Holz zerkleinern, Papiermühle für Mühlen, die Lumpen und Hadern zerschneiden und zu Papier verarbeiten oder Pulvermühle für Mühlen, die Schießpulver herstellen. Aber auch kleine Mahlwerke im Haushalt werden als Mühle bezeichnet, wie beispielsweise die Gewürzmühle, die Gewürze zerreibt, die Pfeffermühle, die Pfefferkörner zerreibt oder die Kaffeemühle, die Kaffeebohnen zerreibt.

Es finden sich in unserem Sprachgebrauch aber auch Mühlen, die heute nichts mehr mit den Mühlenwerken zu tun haben, wie zum Beispiel Klapsmühle und Zwickmühle.

Das Wort Klapsmühle ist eine umgangssprachliche Bezeichnung für eine psychiatrische Klinik und erst seit Anfang des 20. Jahrhunderts in Gebrauch. Das Wort Klaps „leichter Schlag“ begegnet ab dem 18. Jahrhundert und erhielt im 19. Jahrhundert die zusätzliche Bedeutung „leichte Verrücktheit“. Diese Bedeutungserweiterung begründet sich aus der Vorstellung, ein Schlag auf den Kopf erzeuge Verwirrtheit. So sagen wir jemand hat einen Klaps oder jemand hat einen Schlag für „jemand ist verrückt“ oder „jemand ist nicht ganz bei Verstand“.

Einen völlig anderen Ursprung hat das Wort Zwickmühle. Das Wort begegnet seit dem 16. Jahrhundert und bezeichnet eine Stellung beim Mühlespiel, bei der mit einem Zug eine Mühle geschlossen und eine andere geöffnet werden kann. Beim Wortteil Zwick- handelt es sich um eine unübliche Ableitung von zwei. Die ursprüngliche Form dürfte Zwiemühle gewesen sein – ähnlich wie in zwiefältig, zwiefach „zweifach“ oder zwiespältig „in sich uneins“. Die Zwickmühle ist für den gegnerischen Spieler eine ausweglose Situation. Davon ausgehend sind die Redewendungen in der Zwickmühle sein oder in der Zwickmühle sitzen mit der Bedeutung „in einer schwierigen Lage ohne Ausweg sein; eine Entscheidung zwischen verschiedenen ungünstigen Lösungen treffen müssen“ entstanden.

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Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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