Wurm – Kriechtier, Nagekäfer und Krankheitsdämon

GottfriedLafWurm

Maria Bühel | Aquarell von Gottfried "Laf" Wurm aus Lassee im Marchfeld NÖ

Das Wort Wurm ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und geht auf germanisch *wurma- „Wurm“ zurück. Die ursprüngliche Bedeutung dürfte „der sich Windende“ gewesen sein.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Im Mittelalter war Wurm ein Sammelbegriff für kriechende Tiere. Das Wort konnte neben Würmern auch Maden, Raupen, Käfer, Spinnen, Fliegen, Mücken, Flöhe, Eidechsen, Molche, Frösche und Kröten bezeichnen. Später Nachklang dieser breiten Verwendungsmöglichkeit ist der Sammelbegriff Glühwürmchen als Bezeichnung für die Familie der Leuchtkäfer, zu denen auch der kleine Leuchtkäfer zählt, der Johanniswürmchen genannt wird. Auch die Bezeichnung Holzwurm für einen holzschädigenden Nagekäfer ist ein Relikt dieser alten Verwendungsmöglichkeit. Ebenso wie das Wort Bücherwurm, mit dem ursprünglich ausschließlich eine Nagekäferart und deren Larven bezeichnet wurden, die Bücher schädigen. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich für Bücherwurm eine übertragene Bedeutung als Bezeichnung für Menschen, die gerne und viel lesen.

Im Mittelalter erhielt das Wort Wurm zusätzlich die Bedeutung „Drache“. Ausgehend von der Heldendichtung, verbreitete sich diese Bedeutung im allgemeinen Sprachgebrauch und verlor sich erst nach dem 17. Jahrhundert. Auch die Bedeutung „Natter, Schlange“ mit Bezugnahme auf die Schlange im Paradies, mit der der Teufel gleichgesetzt wurde, entstand im Mittelalter. In dieser Bedeutung wurde Wurm zumeist mit abwertenden Beiwörtern verwendet, wie arger Wurm, böser Wurm, höllischer Wurm.

In der Reformationszeit war Wurm eine verächtliche Bezeichnung für Menschen, die Gottes Gebot verachteten, moralisch verdorben waren und ein liederliches Leben führten. Insbesondere Luther verwendete Wurm als Schimpfwort für seine katholischen Gegner. Daneben entwickelte sich für Wurm auch die Bedeutung „armer, hilfsbedürftiger Mensch“. Mit dieser Bedeutung wurde das Wort vor allem für kleine Kinder verwendet, zumeist in der Formel armes Würmchen.

Eine andere Geschichte liegt dem Wort Ohrwurm zugrunde, das ab dem 14. Jahrhundert begegnet. Ohrwurm bezeichnet ein kleines, braunes Insekt mit kurzen Vorderflügeln und Zangen am Hinterleib. In der spätantiken medizinischen Praxis wurden Insekten getrocknet und zerstoßen. Das so gewonnene Pulver wurde spätlateinisch auricula „Öhrchen“ genannt und als Medizin gegen Ohrenkrankheiten verwendet. In den nachfolgenden Jahrhunderten ging viel antikes Wissen verloren, die Bezeichnung wurde nicht mehr verstanden und mit Krankheitsdämonen in Wurmgestalt gleichgesetzt, die Ohrenkrankheiten verursachen. Daraus entwickelte sich der Volksglaube, die Ohrwürmer würden in die Ohren kriechen und so ins Gehirn gelangen. Dazu entstanden auch alternative Bezeichnungen wie Ohrenkriecher, Ohrenschlüpfer, Ohrenschliefer oder Ohrenkneifer. Die übertragene Bedeutung „einprägsames Musikstück, das den Hörenden noch lange in Erinnerung ist“ erhielt Ohrwurm erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts.

Auf die Vorstellung von Krankheitsdämonen in Wurmgestalt geht auch die Redewendung jemanden die Würmer aus der Nase ziehen zurück. Um die Menschen von den Krankheitsdämonen in Wurmgestalt zu heilen, wurden in althochdeutscher und mittelhochdeutscher Zeit sogenannte Wurmsegen gesprochen, die den Krankheitsdämon dazu veranlassen sollte, den Körper des Menschen zu verlassen. In späterer Zeit war es vor allem das Geschäft von Quacksalbern und selbsternannten Heilern auf Jahrmärkten, die Wurmschneider genannt wurden, den Menschen weiß zu machen, sie könnten ihnen Würmer aus Nase und Ohren herausziehen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Redewendung die Würmer aus der Nase ziehen auch im übertragenen Sinn verwendet, mit der Bedeutung „jemandem durch geschicktes Fragen ein Geheimnis oder ein Geständnis entlocken, jemanden aushorchen“. Heute verwenden wir die Redewendung zumeist in gekürzter Form jemandem etwas aus der Nase ziehen. Oder wir sagen Lass Dir nicht alles aus der Nase ziehen, wenn jemand nur widerwillig etwas erzählt und für jede Einzelheit nachgefragt werden muss.

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Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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