Ross – Ritterpferd und Sitzplatz der Überheblichen

Ross Pferd

Rösser | Ale Fotos: Karl Traintinger, Dorfbild.at

Bevor das Wort Pferd ins Deutsche gelangte, war Ross die allgemeine Bezeichnung für das Pferd. Aus germanisch *hrussa- „Ross“ entwickelte sich althochdeutsch (h)ros. Im Altenglischen kam es zu einer Lautumstellung, wodurch aus germanisch *hrussa- altenglisch hors wurde.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Die alte germanische Bezeichnung Ross wurde im Sprachgebrauch des frühen Mittelalters von der mittellateinischen Bezeichnung paraveredus für die Post- und Kurierpferde zurückgedrängt. Die Wichtigkeit der Postpferde bewirkte die Übernahme der Bezeichnung paraveredus ins Althochdeutsche, das zu parafrid, perfrit und später zu pferet, Pferd gewandelt wurde. Die alte germanische Bezeichnung Ross wurde häufig nur mehr für die Schlachtrosse der Ritter verwendet. Die Unterscheidung von Pferd für Reitpferd, Zugpferd und Ross für Schlachtross der Ritter unterlag jedoch keiner scharfen Trennung. Insbesondere in der mittelhochdeutschen Dichtersprache verwendeten die meisten Dichter beide Worte ohne Bedeutungsunterschiede.

Die endgültige Bedeutungsgleichheit von Ross und Pferd ergab sich schließlich durch die unterschiedliche regionale Nutzung der beiden Worte. In den nördlichen Regionen des deutschen Sprachraums wurde Ross kaum noch verwendet, sondern hauptsächlich das Wort Pferd. In den südlichen Regionen des deutschen Sprachraums hingegen war Ross – vor allem in der Umgangssprache des Volkes – das übliche Wort.

Das Wort Ross findet sich jedoch nicht nur als Bezeichnung für das Pferd, sondern auch für andere Fortbewegungsmittel. Als im 19. Jahrhundert der technologische Fortschritt neue Fortbewegungsmittel schuf, wurde die Bezeichnung Ross auch für die neuen Technologien verwendet. Die ersten Lokomotiven wurden mit Wasserdampf betrieben. Dementsprechend erhielten sie umgangssprachlich die Bezeichnung Dampfross. Und das Fahrrad wurde scherzhaft Stahlross genannt.

So wie heute der Autohandel war in vergangener Zeit der Pferdehandel ein bedeutendes Element. Die Pferdehändler wurden im Mittelalter rostauscher oder rosteuscher „Rosstauscher“ genannt. Das Wort begegnet ab dem 13. Jahrhundert. Der Bedeutungsunterschied zwischen tauschen „jemanden etwas überlassen und dafür als Gegenleistung etwas von ihm erhalten“ und täuschen „betrügen, hintergehen, überlisten“ entwickelte sich erst im 15. Jahrhundert. Die Bezeichnung Rosstäuscher war daher zunächst eine wertfreie Bezeichnung für einen Pferdehändler. Offenbar waren die Tausch- und Handelsgepflogenheiten nicht immer mit Ehrlichkeit gesegnet. So konnte das Wort Rosstäuscher die heutige Bedeutung „Betrüger, betrügerischer Pferdehändler“ erhalten und Rosstäuscherei die Bedeutung „Betrügerei“.

In vergangener Zeit setzten sich die Heere aus Reiterei und Fußsoldaten zusammen. Der Ausdruck zu Ross bezeichnete die Kavallerie und der Ausdruck zu Fuß die Fußsoldaten. So bedeutete eine Streitmacht zu Fuß und zu Ross sammeln ein Heer aus Reiterei und Fußsoldaten zusammenstellen. Weiters finden sich im Mittelhochdeutschen die beiden Ausdrücke rosvolc „Rossvolk, Reiterei“ und vuozvolc „Fußvolk“. Mit dem Wandel der Kampftechniken und dem Ende der Ritterheere verlor sich das Wort Rossvolk. Für die Reitertruppen wurde gegen Ende des 16. Jahrhunderts aus dem Französischen die Bezeichnung cavalerie ins Deutsche übernommen und zu Kavallerie gewandelt. Das Wort Fußvolk hingegen hat sich bis heute in unserem Sprachgebrauch erhalten. Zunächst wurde die Bedeutung des Wortes verallgemeinert zu „Menschen, die zu Fuß gehen“ und später mit einem spöttischen Nebenton versehen mit der Bedeutung „bedeutungslose Masse der Angehörigen einer Organisation oder Ähnlichem im Gegensatz zur Führungsspitze“.

Das Wort Ross findet sich in unserem heutigen Sprachgebrauch auch in feststehenden Ausdrücken und Redewendungen. Reitpferde waren vor allem der Besitz von Rittern, Adeligen und hochgestellten Personen, die sich dem Volk gegenüber oft hochmütig und herablassend verhielten. Dadurch konnte der Ausdruck vom hohen Ross herab die übertragene Bedeutung „überheblich, aufgeblasen, herablassend“ erhalten, ebenso wie auf hohem Ross sitzen „hochmütig, eingebildet, arrogant sein“. Umgekehrt bedeutet die Redewendung jemanden von seinem hohen Ross herunterholen „jemanden zurechtstutzen, jemanden seine Überheblichkeit austreiben“.

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Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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