Anna Karenina – ein opulenter Ballett-Abend

anna karenina

Leo Tolstois sozialkritischer Eheroman ist in der Choreografie von Reginaldo Oliveira als elegante, perfekt durchgestylte Ballettfassung im Salzburger Landestheater zu erleben. Die Aufführung steht vom 7. Mai bis 6. Juni als Stream zur Verfügung. Die Uraufführung vor Publikum ist für den 23. Mai 2021 geplant.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

2012 war Tolstois gewaltiges Romanwerk über Ehe und Moral im zaristischen Russland in der Bearbeitung von John von Düffel im Salzburger Landestheater zu erleben. Auch er hatte das achtteilige Epos mit seinen mehr als 1000 Seiten auf zwei Stunden komprimiert und sich wie nun Reginaldo Oliveira auf die drei zentralen Paare beschränkt. Ohne Grundkenntnisse der Handlung sind viele Szenen dennoch etwas schwer. Dennoch ist eine Vorinformation über die Handlung anzuraten, denn die vielen Szenen erschließen sich sonst etwas schwer.

Anna Karenina, die mit einem älteren, etwas steifen Beamten verheiratet ist, erhält einen Brief von ihrer Schwägerin Dolly. Es ist ein Hilferuf. Sie will sich scheiden lassen, da sie ihr Gatte Stepan ständig betrügt. Anna reist sofort nach Moskau und sieht am Bahnhof zum ersten Mal Wronski, einen jungen, feschen Offizier. Auf einer rauschenden Ball trifft sie wieder auf ihn und die beiden kommen sich näher. Das gefällt Dollys Schwester, der jungen Kitty, gar nicht und sie ist so sauer, dass sie den um sie werbenden Lewin schroff zurückweist. Sie kommt aber relativ rasch über ihren Liebeskummer hinweg und heiratet den Gutsbesitzer schließlich doch. Annas Affäre bleibt nicht unentdeckt. Ihr Mann fürchtet um seinen guten Ruf und die Gesellschaft ist entrüstet. Annas größtes Glück ist ihr Söhnchen, der achtjährige Serjoscha und den benützt ihr Gatte als Druckmittel. Sie muss sich zwischen Liebhaber und Sohn entscheiden. Das bricht ihr das Herz und sie versinkt zunehmend in Schwermut. Das Stück endet tragisch für diese Frau, die gegen die Konventionen und Zwänge der Gesellschaft rebelliert hat.

Die drei Damen Anna Karenina (Harriet Mills), Dolly (Chigusa Fujiyoshi) und Kitty (Larissa Mota) drücken ihre Leidenschaften und Seelenqualen mit extrem anspruchsvoller, eindringlicher Körpersprache aus. Sie flattern, zittern und beben und lassen sich von den Herren Karenin (Flavio Salamanka), Stiwa (Iure de Castro) und Wronski (Klevis Neza) mal im Ärger, mal aus Leidenschaft über den Boden schleifen oder durch die Luft schwingen. Ein toller Kontrast zu den verzweifelten oder liebestrunkenen Pas de Deux sind die Gruppenszenen. Grandios schon der Einstieg am belebten Moskauer Bahnhof, auf dem die Passagiere mit ihren grauen Koffern tanzen und dabei den toten Bahnarbeiter – kein gutes Omen – geflissentlich übersehen. Eine Augenweide ist auch die große Ball-Szene, in der die Herren in raffinierten Fracks aus Tüll mit Damen in eleganten, zarten Roben das Tanzbein schwingen. (Kostüme: Judith Adam) Beim Pferderennen hingegen beginnt die Hetzjagd gegen die untreue Anna, schließlich fällt die feine Gesellschaft ungnädig über sie her. Niccolò Masini verkörpert den kleinen Serjoscha sehr überzeugend in Gestik und Mimik.

Sebastian Hannak hat elegante, weite Räume mit riesigen Türen geschaffen, doch zum Finale leidet Anna völlig isoliert in einem kleinen, engen Zimmerchen, das schließlich zum finalen Eisenbahnwagon wird.

Journalisten wurde die Gelegenheit geboten, die Generalprobe zu besuchen und so kam ich endlich wieder in den Genuss einer „echten“ Theateraufführung. Auch Ballettchef Reginaldo Oliveira war begeistert von der Aufführung und er bedankte sich sichtlich gerührt bei seinem Ensemble für die intensive und coronabedingt schwere Probenzeit. Diese habe ihm aber die Möglichkeit gegeben, seine Tänzerinnen und Tänzer besser kennen zu lernen, ein für beide Seiten Gewinn bringender Prozess. Das Ergebnis ist ein aufwühlender Ballettabend voll getanzter Seelenqualen, den man sich nicht entgehen lassen sollte.

„Anna Karenina“ – Ballett von Reginaldo Oliveira nach dem Roman von Lew Tolstoi. Choreographie: Reginaldo Oliveira. Bühne: Sebastian Hannak. Kostüme: Judith Adam. Dramaturgie: Maren Zimmermann. Mit: Harriet Mills, Mikino Karube, Flavio Salamanka, Paulo Muniz,  Niccolò Masini, Iure de Castro, Cassiano Rodrigues, Chigusa Fujiyoshi, Larissa Mota, Karine de Matos, Moeka Katsuki, Klevis Neza, Diego da Cunha, Valbona Bushkola, Dafne Barbosa, Lucas Leonardo. Fotos: Admill Kuyler/ SLT, Video: SLT

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Über den Autor

Elisabeth Pichler
“Theater war schon immer meine große Leidenschaft und scheinbar ist es mir auch gelungen, diese Begeisterung an meine Kinder weiterzugeben.” Elisabeth Pichler besucht für die Dorfzeitung Theateraufführungen und Konzerte und liest neue Bücher.

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