Marica Bodrožić: Pantherzeit

Marica Bodrožić

Marica Bodrožić | Foto: Peter von Felbert/ OMS

Autor: Marica Bodrožić
Titel: Pantherzeit. Vom Innenmaß der Dinge
Verlag: Otto Müller Verlag Salzburg
Erschienen: Februar 2021
ISBN-10: 3701312877
ISBN-13: 978-3701312870

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Klappentext:

Als im Frühling 2020 die Welt zum Stillstand kam und auch die Erde durchzuatmen schien, las Marica Bodrožić zwei Monate lang auf ihrem Balkon jeden Abend Rilkes Gedicht „Der Panther“. Wilder als alles Vergängliche, schreibt sie, der eigenen Eingesperrtheit zum Trotz, sei der Wunsch des Menschen in Freiheit zu leben.

Was aber können wir tun, wenn wir gar nichts mehr tun können? Dieser hybride Text tastet die seelischen Landschaften ab, die nur ein radikaler Rückzug möglich macht. Offenbar werden dabei nicht nur die eigenen schmerzverzahnten Lebensthemen, sondern auch die daraus funkensprühende Sprache der Transzendenz. Marica Bodrožić ist schreibend den kathartischen Weg der Mystiker und Philosophen gegangen und hat, auf den geistigen Spuren u. a. von Teresa von Avila und Vladimir Jankélévich, den Eingang in ihre „innere Burg“ gefunden.

Entstanden ist dabei eine philosophische Reflexion über die Kraft der Grenze und des Schweigens, über Nähe und Liebe, über die Erfahrung von körperlichem Schmerz und die hinter dem Schmerz sprechende Syntax der Heilung. Dieser Essay ist Anrufung und Gebet, eine Feier der Langsamkeit und Genauigkeit, ein Niederknien vor der Gnade und den Verwandlungen des Lebens. Hellfühlig, rigoros, poetisch und politisch zugleich erzählt dieser Text davon, auf welche Weise jeder einzelne Mensch zählt und dass sein Wert nicht verhandelbar ist.

Rezension von Peter Reutterer

Schon im Untertitel „Vom Innenmaß der Dinge“ sorgt die aus Dalmatien stammende Autorin für doch erstaunlichen Klartext: Es geht um Innenwelt, aus der heraus neue Muster des Lebens, sowohl individuell als auch gesellschaftlich gedacht, entwickelt werden können und sollen. Das äußere Setting gibt die aktuelle Pandemie vor, die Menschen sind durch Reise- und Ausgangsbeschränkungen auf ihr Eigenstes zurückgeworfen. Das poetische Movens übernimmt das den gesamten Text leitmotivisch durchziehende Rilke-Gedicht „Der Panther“: Die Menschen sind zum „Gang im kleinsten Kreis“ gezwungen, dort allerdinge schlummert die Kraft zu den erhofften neuen Wegen.

Erstaunlich im Jahre 2021 ist die Hinwendung zum mystischen Weg, auf dem die Kreation neuer Muster möglich werden soll. Zumeist wird von eigenen Erfahrungen erzählt, vom Einatmen in einen „Innenraum der Zeitlosigkeit“ ist da die Rede, von der Erkenntnis einer All-Verbundenheit: „Ein jeder von uns ist eingemalt in das große Gewebe des Seins.“ Die Autorin arbeitet Relevantes aus ihrer umfassenden Belesenheit ein, auf der Suche nach dem inneren Licht werden Meister Eckeharts oder Mechthild von Magdeburgs Schriften reflektiert oder zitiert.

Als weiteren bestimmenden Background in Bodrozic Betrachtungen ist die auf Individuation gerichtete analytische Psychologie von Carl Gustav Jung zu orten: In dieser von niemandem antizipierten Ausnahmesituation der Welt geht es wesentlich um das Finden eines eigenen Weges oder vielmehr darum, vom eigenen Weg gefunden zu werden. Eine derartige Selbst-Erkenntnis ist nur durch Selbst-Betrachtung zu gewinnen, die exklusiv den Geduldigen zuteilwird. Nicht zuletzt hilft der Sprecherin die schmerzende rechte Hand, sich in dieser Geduld und zudem im Vertrauen auf eine das Ich übersteigende Schöpferkraft zu üben. „Rilke sagt mir vor, der nächste Sommer wird mich nicht im Stich lassen, er kommt doch immer, wohl aber nur zeitgleich als Segen und Jahreszeit zu den Geduldigen.“ Für die in der Ich-Perspektive sich öffnende Autorin mündet diese Erforschung der eigenen Seele nicht überraschend in dem Bekenntnis: … das Schreiben ist mir kein Beruf, es ist mein innerstes Leben.“ Solche Einsichten sind aber -und da schwingt christliches Denken (nicht im institutionellen Sinn) mit- dem Durchgehen durch angenommenes Leiden verdankt.

Einher geht mit dieser mystischen Haltung eine neue Aufmerksamkeit gegenüber der Natur, v.a. der Tier- und Pflanzenwelt, aber auch eine deutlich vorgebrachte Kritik an unserem überwiegend unethischen Wirtschaften. U.a. wird auf die barbarischen Seiten der gängigen Fleischindustrie hingewiesen. Innenschau im Sinne mystischer Tradition hat für die Autorin ihre Berechtigung v.a. im Hinblick auf eine gesellschaftliche Erneuerung. In diesem Zusammenhang gilt es für unangebracht, unethisch agierende Banken zu retten. Noch deutlicher sind Schandflecken wie Rassismus in unserer globalen Lebenswelt anzuprangern. Präzise recherchiert legt Bodrozic die Ermordung von Maud Arbery und George Floyd dar. Innenschau heißt bei Bodrozic also keinesfalls Abkehr vom konkreten politischen Geschehen. Verbürgt Historisches hat dementsprechend seinen unverzichtbaren Platz in diesem essayistischen Erzählstrom, wenn z.B. auf die Belagerung Sarajewos verwiesen wird, wo Menschen über drei Jahre lang auf ihre vier Wände beschränkt durchhalten mussten.

Trotz dieser vielfältigen Facetten fasziniert das Buch von Marica Bodrozic nicht zuletzt durch seinen intellektuellen wie emotionalen Bekenntnis-Charakter. Das Private bleibt präsent, da ist der liebevolle, verwandelnde Blick auf die Tochter, da ist der Mann, die liebevolle Lebensgemeinschaft durchlebt etwas noch nie Dagewesenes, und sie will dies als Chance wahrnehmen. Alles beeindruckend wahrhaft und authentisch.

Die poetisch schöne Sprache der erfolgreichen Autorin trägt durch den Text. Es ist eine ganz andere Art zu schreiben, als dies z.B. die gefeierte Raphaela Edelbauer mit „Dave“ tut. Dennoch erscheint mir die Hinwendung zu einer Belebung mystischen Denkens und Schauens kein Einzelfall. Ähnlich faszinierend findet sich der Ansatz z.B. auch bei Thomas Sautner, der im Frühjahr 21 „Die Erfindung der Welt“ herausgebracht hat. Vielleicht ein neuer Trend, vielleicht tatsächlich ein notwendiger Schritt, um der Zerstörung unserer Welt kraftvoll Geistiges und Seelisches entgegen zu setzen. Jedenfalls wäre es unfair, diese im Jahre 21 erstaunlichen Tendenzen, dem mystischen Zugang zu Mensch und Welt wieder eine Stimme zu leihen, als reaktionär abzutun. Ebenso unangebracht, als würde man Peter Handke als Klassik-Epigonen abtun.

Peter Reutterer in der Dorfzeitung >

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Dorfladen

1 Kommentar zu "Marica Bodrožić: Pantherzeit"

  1. P R E S S E M I T T E I L U N G Otto Müller Verlag

    11.05.2021

    Manès Sperber-Preis für Literatur 2021 an Marica Bodrožić

    Marica Bodrožić erhält für ihr Gesamtwerk den mit € 8.000 dotierten Manès Sperber-Preis für Literatur 2021. Der Termin der Preisverleihung wird coronabedingt erst zu einem späteren Zeitpunkt bekanntgegeben.

    Marica Bodrožić wird mit dem Manès Sperber-Preis für Literatur für ihr Gesamtwerk ausgezeichnet. In der Jury-Begründung heißt es: „Die Jury würdigt mit der Zuerkennung des Manès Sperber-Preises 2021 an Marica Bodrožić das literarische Schaffen einer bedeutenden Autorin, die in Lyrik, erzählender Prosa und Essayistik sowie als Übersetzerin aus dem Englischen und Kroatischen einen herausragenden Beitrag zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur leistet. Ihre inzwischen in dreizehn Sprachen übersetzten Werke zeichnen sich durch ein hohes Maß an Reflektiertheit aus, die eine betont expressive neoromantisch grundierte Sprachkunst ebenso einschließt wie eine von sinnlicher Anschaulichkeit geprägte Form der Darstellung. Vor allem in ihren Romanen ‚Das Gedächtnis der Libellen‘, ‚Kirschholz und alte Gefühle‘ sowie in den Erzählungen ‚Der Windsammler‘ und in der Prosa ‚Mein weißer Frieden‘ stellt Bodrožić ihre beeindruckende Fähigkeit unter Beweis, Verdichten von Empfindungen und kritisches Engagement rhetorisch wirkungsvoll zu verbinden.“ Die wechselnde Jury setzt sich aus einem/einer Autor*in, einem/einer Litertaurwissenschaftler*in und einem/einer Kritiker*in zusammen.

    Der Manès Sperber-Preis für Literatur wird vom Bundesministerium für Kunst, Kultur, öffentlichen Dienst und Sport in Kooperation mit der Manès Sperber-Gesellschaft für hervorragende literarische Leistungen im Bereich gesellschaftspolitischer Roman, politisch-literarische Essayistik oder gesellschaftspolitisch bedeutsame Kulturphilosophie seit 1985 alle zwei bis fünf Jahre verliehen. Aus Hochachtung vor seinem literarischen, psychologischen und gesellschaftspolitischen Werk wurde der Preis nach dem französisch-österreichischen Autor Manès Sperber (1905-1984) benannt.

    Marica Bodrožić, 1973 im Hinterland von Split in Dalmatien geboren. 1983 siedelte sie nach Hessen über. Sie schreibt Gedichte, Romane, Erzählungen, Essays, die sich stets im Resonanzraum von Ethik und Ästhetik bewegen und aus einem geistig ausgerichteten Sprachbewusstsein schöpfen. Seit ihrem Debüt „Tito ist tot“ (2002) sind zahlreiche Bücher erschienen, die sich mit Gedächtnis und Erinnerung, Philosophie und Mystik auseinandersetzen. Dafür wurde sie vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem European Prize for Literature (2013), dem Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung (2015) und zuletzt (2020) mit dem Walter-Hasenclever-Literaturpreis für ihr Gesamtwerk. Marica Bodrožić lebt mit ihrer Familie in Berlin. Sie ist Mitglied des Deutschen PEN-Zentrums.

    Im Otto Müller Verlag erschienen: Ein Kolibri kam unverwandelt (Gedichte, 2007), Lichtorgeln (Gedichte, 2008), Quittenstunden (Gedichte, 2011), Das Auge hinter dem Auge (Betrachtungen, 2015) und Pantherzeit (Essay | 2. Aufl., 2021).

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