Karl Traintinger: Glasauge auf Menschentraube

Folgsam eilen wir auf den für uns gelegten Pfaden der Supermärkte. Das Ziel: Die elektronischen Kassen. Je direkter, je komfortabler zu erreichen, desto besser für den Umsatz. Die Freundlichkeit des Supermarktes: Komm, steck’ es ein, zahl’ und geh!

Kürzlich fotografierte ich an einem Ort, wo jeden Tag Weihnachten zu sein scheint. Der Überfluß ist sorgsam geordnet und strategisch plaziert. Von oben betrachtet bewegen sich die Menschen wie von Geisterhand geführt in Richtung exakt vorgegebener Ziele. Gelegentlich schwemmt der “Mainstream” ein paar müde Exemplare auf speziell dafür vorgesehene Erholungsinseln. Kraft tanken für die nächste “Das-will-ich-haben-Attacke”.

Entscheiden wir tatsächlich noch selbst, nachdem wir einen dieser Konsumtempel betreten haben? Oder sind wir schon Gefangene eines subtilen Netzwerkes visueller Reize, sanfter, den kritischen Abstand einschläfernder Musik und posthypnotischer Botschaften der Markenindustrie aus den Massenmedien?











Erst nach dieser Fotoserie ist mir die Nähe meiner Bilder zu Eugene Ionescos Schauspiel: “Die Nashörner” bewußt geworden.

Eugene Ionesco: Schau´n Sie sich die Leute an, die geschäftig auf den Straßen herumlaufen. Sie sehen weder nach rechts noch nach links. Sie machen ein beschäftigtes Gesicht. Wie bei den Hunden klebt ihr Blick am Boden. Sie rennen geradeaus, ohne jemals geradeaus zu sehen. Sie bringen mechanisch die im voraus bekannte Strecke hinter sich. In allen Großstädten der Welt ist es das Gleiche. Der moderne Mensch ist allgemein der gehetzte Mensch. Er hat keine Zeit. Er ist ein Gefangener der Notwendigkeit. Es ist ihm unbegreiflich, daß etwas nutzlos sein kann. So begreift er auch nicht, daß es im Grunde das Nützliche ist, das nutzlos drückend auf ihm lasten kann. Wer die Nützlichkeit des Nutzlosen und die Nutzlosigkeit des Nützlichen nicht begreift, begreift die Kunst nicht.
Ein Land, in dem man die Kunst nicht begreift, ist ein Land von Sklaven und Robotern…

Quelle: Eugene Ionesco: Werke Bd. 6. Hg. Francois Bondy und Irene Kuhn. München 1985, S. 164f.

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