Ding – Von der Versammlung zum Ersatzwort

Ding

Warten am Versammlungsplatz | Karl Traintinger, Dorfbild.at

Das Wort Ding verwenden wir heute zumeist als Ersatzwort für nicht näher bezeichnete Gegenstände oder Sachen. Ursprünglich bedeutete das Wort jedoch „Versammlung“ und „Übereinkunft“.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Das Wort Ding ist seit dem 8. Jahrhundert belegt und geht zurück auf germanisch *þenga- „Übereinkommen, Versammlung“. Das althochdeutsche Wort ding oder thing hatte eine weitgefasste Verwendungsmöglichkeit. Zunächst war ding eine Bezeichnung für Volksversammlungen, die für Beratungen und Rechtsprechungen einberufen wurden. Etwas enger gefasst bezeichnete das Wort auch den Gerichtshof, eine Gerichtsversammlung oder eine Ratsversammlung, zu der nur ausgewählte Personen zusammenkamen. Mit ding wurde weiters der Versammlungsplatz des Volkes bezeichnet, Gerichtsstätten oder Stätten, an denen Gottesdienste abgehalten wurden. Vergleichbar ist dies mit unserem heutigen Gebrauch des Wortes Gericht, das sowohl das Gebäude als auch das Richterkollegium bezeichnen kann.

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Da bei den Volksversammlungen auch Gerichtsverhandlungen stattfanden, konnte ding auch die Verhandlung oder Gerichtsverhandlung, den Rechtsstreit oder Wortstreit bezeichnen und auch die Rechtssache selbst, den Streitfall oder ein rechtliches Anliegen. Ebenso bezeichnete ding den Zeitpunkt für die Zusammenkunft, den Gerichtstermin oder eine Frist. Vergleichbar ist dies mit unserem heutigen Gebrauch des Wortes Weihnachten, das sowohl das Fest als auch eine bestimmte Zeit im Jahr bezeichnet.

Und ding konnte „Vertrag, Beschluss, Abmachung, Versprechen“ bedeuten, da das Ergebnis der Beratungen während der Versammlungen im Idealfall eine Einigung war. Erweitert konnte ding auch den Gegenstand der Verhandlungen bezeichnen. Daraus entwickelte sich die Verwendung von ding als Bezeichnung für Gebrauchsgegenstände, Geräte oder Besitz.

Zu ding wurde bereits in althochdeutscher Zeit die Tätigkeitsbezeichnung dingōn oder thingōn „dingen“ gebildet. So wie ding hatte auch dingen mehrere Bedeutungen. Zum einen die Bedeutung „Gericht halten, Urteil sprechen, zu Gericht sitzen, vor Gericht streiten“. Und zum anderen die allgemeine Bedeutung „mit jemanden verhandeln, mit jemandem etwas besprechen, sich beraten“. Daraus entwickelte sich mit der Zeit die Bedeutung „jemanden gegen Entgelt zu einer Arbeit oder einem Dienst verpflichten“. Heute ist das Wort dingen kaum noch in Gebrauch. Ein letzter Rest findet sich nur noch in dem Ausdruck gedungener Mörder.

Ähnlich verhält es sich mit dem Wort verdingen. Althochdeutsch firthingōn oder firdingōn „verdingen“ bedeutete zunächst „jemandes Rechtsschutz anrufen“, dann auch „sich in jemandes Rechtsschutz begeben“ und weiters „etwas vertraglich eintauschen, überlassen“. Im Laufe des Mittelalters entwickelte sich daraus die Bedeutung „durch einen Vertrag binden, verpflichten“. Dies konnte eine allgemeine vertragliche Vereinbarung sein, aber auch eine Vereinbarung für Dienstleistungen. So bedeutete er verdingte sich als Knecht „er trat in den Dienst als Knecht“. Ebenso wie dingen ist auch sich verdingen heute weitgehend aus unserem Sprachgebrauch verschwunden.

Ab dem 13. Jahrhundert begegnet das Wort bedingen, das ebenfalls auf die Vorgänge bei den Volksversammlungen zurückgeht, mit der ursprünglichen Bedeutung „aushandeln, vereinbaren“. Daraus entwickelte sich die Bedeutung „etwas verursachen, bewirken, voraussetzen“. Die gleiche Entwicklung findet sich auch bei dem Wort Bedingung, das zunächst „das Vereinbarte“ bezeichnete und später die Bedeutung „Voraussetzung“ erhielt. Ebenso wie unbedingt zuerst „ohne Voraussetzung“ bedeutete, woraus sich dann die Bedeutung „uneingeschränkt“ entwickelte, wie beispielsweise in dem Ausdruck unbedingtes Vertrauen. Und später dann die Bedeutung „auf jeden Fall, unter allen Umständen“ erhielt, wie zum Beispiel Du musst Dir das unbedingt anschauen.

Die breite Verwendungsmöglichkeit von Ding führte im Laufe der Zeit dazu, dass Ding und Dings ab dem 16. Jahrhundert auch als Ersatzwörter verwendet wurden, wenn jemandem ein Wort oder ein Name nicht einfiel. Daraus entwickelten sich im Sprachgebrauch Ding und Dings zu Allerweltswörtern, die für nicht näher bezeichnete Gegenstände oder Sachen verwendet werden können. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts gesellte sich zu Dings die Erweiterung Dingsda. Und komplett machte das Trio Anfang des 20. Jahrhunderts das Wort Dingsbums.

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Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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