Bernhards Alte Meister im Salzburg Museum

Thomas Bernhard Alte Meister

Reger hat sich schon lange aus dem Leben in die Kunst geschlichen. Er sitzt heute wie vorgestern und übermorgen auf der Bordone-Saal-Sitzbank im Kunsthistorischen Museum in Wien vor dem Tintoretto Bildnis eines weißbärtigen Mannes.

Mag. Ulrike Guggenberger

Von Ulrike Guggenberger

Just hier hat er auch seine geliebte Frau, die ihm überraschend in den Tod vorausgegangen ist, kennen gelernt. Wie so oft ist Reger im Museum auf seinen eigenen „Zuhörkünstler“ Atzbacher und auf sein „Sprachrohr“, den Saaldiener Irrsiegler angewiesen. Machtvoll drängt aus Reger ein unablässiger Strom philosophischer, ihn quälender Überlegungen und bohrender Betrachtungen zu bildender Kunst, Musik, Literatur und Philosophie.

Das Thomas Bernhard Stück „Alte Meister“ wird im Salzburg Museum in der in den Kellerräumen gelegenen Kunsthalle im Angesicht der laufenden Ausstellung aufgeführt – eine Produktion im Rahmen der Reihe „Besonderes Theater an besonderen Orten“. Das Salzburger Landestheater eröffnet damit die Saison wieder außer Haus, sucht sich auch in diesem Jahr einen dem Stück wie auf den Leib geschneiderten Ort.

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Reduzierte Requisiten stecken den Bühnenraum ab. Ein Flügel, eine riesige weiße Projektionswand, eine rote Plüschbank, ein zerbrochener Krug, aus dem kaum merkbar feiner Sand in einen Kübel rieselt, hängt in einem Gestell, weitere solche Kübel werden im Laufe des Abends geheimnisvoll umgereiht, Hochstühle, Gläser mit Wasser, die Reger immer wieder gereicht werden. Schwarz und beige die Kostüme. Eine alles beherrschende, konzentrierte Stille, in der jedem einzelnen Satz Raum gegeben wird.

Kurze, gemessene pantomimische Szenen und musikalische Sequenzen, fügen sich perfekt in die Monologe Regers und die Kommentare Irrsieglers und Atzbachers.

Reger, ein Mann, der sich aus seinem „Kindheitsloch“, wie er zutiefst verletzt sinniert, bis heute nicht befreien konnte, dekonstruiert mit scharfem Intellekt und bizarr-ätzendem Humor die Götter des geisteswissenschaftlichen Himmels im westlichen Kulturraum. Einer nach dem anderen, erscheinen die Köpfe der Geschmähten jeweils überdimensional auf der Leinwand.

Einzig den Dichter der Romantik, Novalis, hat er allezeit geliebt, bis heute. An dieser Stelle überkommt Regers Stimme eine zarte Weichheit.

Reger hat sich schon lange aus dem Leben in die Kunst geschlichen. Er sitzt heute wie vorgestern und übermorgen auf der Bordone-Saal-Sitzbank im Kunsthistorischen Museum in Wien vor dem Tintoretto Bildnis eines weißbärtigen Mannes.

„Wir lieben das Scheitern, hassen die Vollkommenheit“, zwanghaft sucht Reger nach den Mängeln, um letztlich daran zu verzweifeln. Reger hasst dort, wo er liebt, ein ewig Zerrissener im infernalischen Wüten gegen die ganze Welt.

„Alte Meister“, eine irrwitzige Komödie, darf als Selbstgespräch des Autors, als einer der schärfsten Kritiker Österreichs und seines Kulturbetriebes interpretiert werden. Die Aufführung gelingt als respektvolle Hommage an Thomas Bernhard. Konzept, Ort, Spiel, Inhalt und Regie erreichen einen hohen Grad an Übereinstimmung.

LANDESTHEATER SALZBURG – PREMIERE: 20. SEPTMBER 2008 IM SALZBURG MUSEUM | MIT: CLAUDIA DÖLKER, GERHARD HERMANN, HARTMUT SCHEYHING | INSZENIERUNG: FRANK HELLMUND / KOSTÜME: ALOIS DOLLHÄUBL / PROJEKTIONEN: GÜNTHER SCHÖLLBAUER | Fotos (4): Landestheater Salzburg, Christian Schneider

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