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Lesung: Brigitte Karner & Peter Simonischek

Daniel Glattauer hat 2006 mit seinem E-Mail-Roman „Gut gegen Nordwind“, einem Briefroman im Internet-Zeitalter, einen absoluten Bestseller gelandet, auch die Bühnenfassung ist überaus erfolgreich. Brigitte Karner und Peter Simonischek beweisen mit dieser Lesung, dass bereits Arthur Schnitzler diese Romanform absolut perfekt beherrscht hat.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Sie sitzen an kleinen, runden Kaffeehaus-Tischen, der Weltmann Alfred von Wilmers und Josefine Weninger, eine Kokotte der Wiener Jeunesse dorée, und schreiben über ihre amourösen Abenteuer. Zu Beginn des Abends sind die beiden gelangweilt und frustriert. Alfred spricht in seinen Briefen an Theo in Neapel von Weltschmerz und Ich-Schmerz, nur etwas ganz Besonderes könne ihn wachrütteln.

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Josefine, genannt Peppi, berichtet ihrer Freundin Helene in Paris über die Trennung von Emil, eigentlich mehr „einem rührenden Abschiednehmen“. Alfred bedauert die nicht genug gewürdigte Jugendliebe: „Ein frischer junger Mensch sollte man wieder einmal sein – heiter, verliebt, mit der Sehnsucht nach Holunderduft, Frühling und Zärtlichkeit.“ Wir dürfen ihn eine Nacht lang begleiten, wenn er mit seinen noblen Freunden und deren Geliebten in Wien die feinen Lokalitäten durchstreift und schließlich feststellen muss: „Amüsant ist das alles durchaus nicht.“

Um der Langeweile zu entfliehen, versucht er es mit einer Verkleidung. Samtrock. Lose Halsbinde und ein weicher Hut machen aus dem feinen Herrn einen armen, erfolglosen Dichter. Das Glück ist ihm hold, denn schon am ersten Abend trifft er auf ein armes Mädel aus der Vorstadt, das ganz seinen Vorstellungen entspricht. Doch ist dieses reizende Geschöpf die als biedere Kunststickerin verkleidete Peppi, die mit dem Vorsatz unterwegs ist: „Heut zwick ich mir einen auf, aber einen fürs Gemüt.“ Bei ihrer Begegnung scheinen sie ein Idealbild des anderen gefunden zu haben, nicht wissend, dass der schöne Schein trügt.

Dann wird es richtig heiter, denn wir dürfen miterleben, wie sich die beiden die wildesten Geschichten ausdenken, um ihre neue Identität zu untermauern. Es beginnt ein Maskenspiel um Gefühle und Zärtlichkeit, ein Spiel mit dem Ernst der Liebe, doch ohne dass die Beteiligten ernstlich Schaden nehmen.

Peter Simonischek überzeugt als gelangweilter Lebemann, der mit leiser Stimme von seinem Weltschmerz berichtet, aber auch als zärtlicher Liebhaber, der sein Glück kaum fassen kann. Brigitte Karner ist das leichtlebige „Wiener Madel“, das es versteht, sowohl als Kokotte als auch als Kunststickerin, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Es ist ein Vergnügen, den beiden zuzuhören, aber auch zuzusehen, denn immer wieder werfen sie sich viel sagende Blicke zu. Ein wunderbarer Abend: Arthur Schnitzlers grandioser Text, hervorragend in Szene gesetzt von zwei fantastischen Schauspielern.