Von Marathon bis Waterloo – Ortsnamen im Sprachgebrauch

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Graz-Marathon | Foto: Karl Traintinger, Dorfbild

Marathon, Olympia, Sodom und Gomorrha, Damaskus und Waterloo sind Ortsnamen, die aufgrund der Ereignisse, die an diesen Orten stattfanden, zu allgemeinen Begriffen wurden.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Mit Ortsnamen bezeichnen wir nicht nur Orte und Städte. Wenn mit Orten bestimmte markante Ereignisse verbunden sind, können Ortsnamen eine allgemeine Bedeutung erhalten, die sich auf die Ereignisse an diesen Orten bezieht. Beispiele dafür sind Marathon, Olympia, Sodom und Gomorrha, Damaskus und Waterloo.

Bei Marathon standen sich im Jahr 490 v. Chr. die Heere der Griechen und Perser gegenüber. Nachdem die Griechen die Schlacht gewonnen hatten, schickten sie einen Läufer mit der Siegesnachricht in das 42 Kilometer entfernte Athen. Im Jahr 1896 wurde der Lauf über 42 Kilometer als olympische Disziplin eingeführt und im Gedenken an den griechischen Läufer Marathonlauf benannt. Heute verwenden wir das Wort Marathon nicht mehr nur als Bezeichnung für einen langen Lauf. Marathon wird vor allem auch in Zusammensetzungen verwendet, um Überlanges zu bezeichnen, wie beispielsweise Marathondiskussion, Marathonprozess, Sitzungsmarathon oder Verhandlungsmarathon.

Auch für die Bezeichnung Olympische Spiele war eine altgriechische Stadt namengebend. Olympia war ein dem Zeus geweihter heiliger Ort, an dem Sportwettkämpfe ausgetragen wurden. Unser heutiges Wort Olympiade geht zurück auf das griechische Wort Olympias, das im antiken Griechenland nicht die Spiele selbst bezeichnete, sondern den Zeitraum zwischen den Spielen. Und auch das Wort Olympionike, das eine Zusammensetzung aus Olympia und nike „Sieg“ ist, entstammt dem Griechischen. Olympioniken wurden ursprünglich ausschließlich die Gewinner der olympischen Wettkämpfe bezeichnet. Der Bedeutungsumfang von Olympionike hat sich mit der Zeit geweitet, so dass heute alle Teilnehmer an den Olympischen Spielen Olympioniken genannt werden.

Die Namen zweier anderer sprichwörtlich gewordener Orte sind Sodom und Gomorrha. In der Bibel wird berichtet, Sodom und Gomorrha waren Orte des Lasters, der Sünde und der sexuellen Ausschweifungen. Deshalb vernichtete Gott diese Städte, indem er Schwefel und Feuer über sie regnen ließ. Die Namen der beiden Städte sind heute in der feststehenden Formel Sodom und Gomorrha synonym für Laster und Verworfenheit. Von Sodom leitet sich auch das Wort Sodomie „Unzucht mit Tieren“ ab, das im Deutschen ab dem 16. Jahrhundert begegnet. Sodomie hatte ursprünglich die allgemeine Bedeutung „widernatürliches Sexualverhalten“ und wurde erst später auf die Bedeutung „sexueller Umgang mit Tieren“ eingeschränkt.

Auf ein ganz anderes biblisches Ereignis bezieht sich das Wort Damaskuserlebnis und die Redewendung sein/ihr Damaskus erleben mit der Bedeutung „eine Offenbarung erleben, bekehrt werden“. In der Apostelgeschichte wird erzählt, wie Saulus, der ein gefürchteter Christenjäger war, sich auf dem Weg nach Damaskus befand, als ihm Christus erschien und ihn bekehrte. Nach seinem Damaskuserlebnis legte Saulus seinen Namen ab, nannte sich von da an Paulus und wurde zu einem bedeutenden Apostel. Darauf bezieht sich auch die Redewendung vom Saulus zum Paulus werden „sich vollständig ändern, Überzeugungen komplett ändern“.

Auch Orte, an denen historische Niederlagen stattfanden, können sprichwörtlich werden. In dem kleinen belgischen Ort Waterloo erlebte der französische Kaiser Napoleon im Jahr 1815 seine größte Niederlage. Im Frühjahr 1815 hatte Napoleon die Insel Elba verlassen, die ihm im Jahr zuvor von den alliierten europäischen Fürsten als Verbannungsort zugewiesen worden war. Er kehrte nach Frankreich zurück, ergriff wieder die Macht und stellte ein neues Heer auf. Die Armeen von Napoleon und den Alliierten trafen in der Nähe von Waterloo aufeinander. In dieser Schlacht wurde Napoleon endgültig besiegt und danach auf die Insel St. Helena verbannt. Dadurch wurde der Ortsname Waterloo zu einem Synonym für eine vernichtende Niederlage und findet sich auch in der Redewendung sein/ihr Waterloo erleben.

Dorfladen

Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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