Turm – Aussichtsort, Gefängnis und Vorratslager

Leuchtturm Lyngvig

Leuchtturm Lyngvig, Jütland, Nordsee | Foto: Karl Traintinger, Dorfbild

Das Wort Turm entstammt dem Lateinischen und ist im Deutschen seit dem 8. Jahrhundert belegt. Die unterschiedliche Nutzung der Türme im Mittelalter spiegeln die Bezeichnungen Pulverturm, Schuldturm und Hexenturm wider.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Das Wort Turm geht zurück auf das lateinische Wort turris „Burg, Palast, Turm“ und gelangte im 8. Jahrhundert über das Altfranzösische mit der Bedeutung „Turm“ ins Althochdeutsche. Bis in mittelhochdeutsche Zeit wurde die Wortform in turn, und als Variante in turm, umgewandelt. Im Laufe des Mittelalters setzte sich die Form turm durch und verdrängte die ältere Form turn aus dem Sprachgebrauch.

Im Mittelalter wurden Türme errichtet, um eine weite Sicht ins Land zu haben und so möglichst früh das Herannahen von Feinden erspähen zu können. Ebenso waren Türme Teile von Befestigungsmauern in Städten und Burgen. In Burgen finden sich oft auch freistehende Türme, die im Fall von Belagerungen zumeist als letzte Zuflucht dienten und schwer zugänglich waren. Der Eingang dieser Türme war häufig im ersten Stock und nur durch Leitern oder Holztreppen erreichbar, die leicht abgebaut werden konnten. ___STEADY_PAYWALL___

Bei größeren Steintürmen verbanden innenliegende Steintreppen, die entlang der Wände führten, die einzelnen Stockwerke. Diese Steintreppen wurden im Mittelalter wendilstein, wendelstein „Wendelstein“ genannt. Der erste Wortteil wendel- leitet sich von wenden ab, das ursprünglich die Bedeutung „etwas wenden, drehen machen“ hatte und zurückgeht auf winden. Die Bedeutung von Wendelstein wurde mit der Zeit ausgeweitet und diente nicht mehr nur als Bezeichnung für Steintreppen von Türmen, sondern bezeichnete den gesamten Turm mit einer sich windenden Steintreppe.

Im Erdgeschoß der Türme gab es zumeist keine Fenster. Die dunklen ebenerdigen Räume wurden zur Lagerung von Vorräten, Waffen oder Schießpulver genutzt. Daher auch die Bezeichnung Pulverturm für jene Türme, in denen Schießpulver gelagert wurde.

Häufig dienten diese Räume auch als Gefängnisse und waren nur über eine Öffnung am Boden des zweiten Stockwerks erreichbar. Diese Türme wurden Gefängnisturm oder Hungerturm genannt. Die Bezeichnung Hungerturm bezieht sich auf die schlechte Ernährung der Gefangenen, die zumeist nur aus Wasser und Brot bestand. Daneben finden sich auch Bezeichnungen wie Schuldturm oder Hexenturm. Der Schuldturm war ein Gefängnis, in dem Menschen, die ihre Schulden nicht bezahlen konnten, zur Strafe eingesperrt wurden. Mit Hexenturm wurden Gefängnistürme bezeichnet, in denen Hexen und Zauberer eingesperrt wurden. Ein solcher Turm stand auch in der Stadt Salzburg, der ursprünglich als Teil der Stadtbefestigung errichtet worden war. Im 17. Jahrhundert diente der Hexenturm in Salzburg dann als Gefängnis für die als Hexen und Zauberer angeklagten Menschen.

Die Turmwächter, die auf Türmen ihren Dienst versahen, wurden Türmer genannt. Die Aufgabe der Türmer war es, auf den Türmen über die Städte und das Land zu wachen. Sie waren auf Wachtürmen und Kirchtürmen zu finden und gaben Alarm, wenn Gefahr in Verzug war. Auf Kirchtürmen läuteten sie die Glocken, wenn Feinde herannahten oder Feuer ausbrach. Auf Wachtürmen waren sie mit Blasinstrumenten ausgerüstet, wie beispielsweise Trompeten oder Hörnern. Darauf geht die Bezeichnung Turmbläser und Turmblasen zurück.

Von Turm wurde auch eine Tätigkeitsbezeichnung türmen gebildet. In mittelhochdeutscher Zeit bedeutete türnen „mit einem Turm versehen“, hatte aber auch die Bedeutung „in den Gefängnisturm setzen“. Daraus entwickelte sich die Tätigkeitsbezeichnung auftürmen „etwas wie einen Turm aufbauen; wie ein Turm aufragen“. Ab dem 17. Jahrhundert begegnet auftürmen mit der Bedeutung „turmartig aufbauen, aufstapeln“. Mit dieser Bedeutung findet sich auftürmen bis heute in unserem Sprachgebrauch, wie beispielsweise Akten türmen sich auf dem Tisch, in den Straßen türmt sich der Abfall oder Bücher türmen sich auf dem Boden.

Die Bedeutung „davonlaufen“ ist für türmen seit dem 19. Jahrhundert belegt. Die Herkunft dieser Bedeutung ist unklar, jedoch wird der Ursprung in der Gaunersprache vermutet. Die Bedeutung „davonlaufen“ könnte möglicherweise auf eine ältere Bedeutung „Ausbrechen aus einem Gefängnisturm“ zurückgehen.

Dorfladen

Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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