Weihnachtsbrief

Blätter - Stephanie Müller

Die Fotomotive stammen von der Aktionskünstlerin Stephanie Müller. Sie hat Laub gesammelt, Blätter, die gezeichnet sind von Luftverschmutzung und die Wunden geschlossen, mit Fäden vernäht oder ergänzt. Eine wunderbare Metapher für die Verwundbarkeit der Welt.

Liebe Freundinnen und Freunde.

Ja, es gäbe viel zu beklagen am Ende dieses Jahres 2021. Die Gesellschaft scheint gespalten – das ist kein österreichisches Phänomen – vieles scheint ungerecht und chaotisch zu sein, der Glaube an politische Kompetenz schwindet so schnell wie das Misstrauen gegen gewinnversessene Konzerne steigt, jetzt gerade und natürlich z.B. die
Pharmabranche.

Leo Fellinger

Von Leo Fellinger

Alle diskutieren auf der Basis von Annahmen, Hochrechnungen und noch schlimmer – von Gehörtem und Weitererzähltem. Jeder und Jede glaubt, dass seine/ihre Theorie die richtige ist und verteidigt sie mit Zähnen und Klauen. Geimpfte gegen (gesunde) Ungeimpfte, Verschwörungstheoretikerinnen gegen ratlose Politiker:innen, Ärztinnen gegen Ärztinnen. Alles im Sinne von: Befreit uns um jeden Preis von den Auswirkungen einer Pandemie, die es eigentlich wert wäre, darüber nachzudenken, wie wir als Gesellschaft die Ursachen klar benennen und beseitigen könnten.

Da wäre zum einen die fortschreitende Zerstörung der Natur. Sie öffnet Seuchen den Weg, das wurde viele Male bewiesen, diesmal eindrucksvoll mit Covid-19. Der Raubbau, mit dem wir uns an der Natur schuldig machen, fördert sogenannte Zoonosen. Ebola, Tollwut, Corona und früher die Pest: Wenn Tiere Erreger auf Menschen übertragen, können Krankheiten entstehen, die sich unkontrolliert und schnell ausbreiten. Durch die großflächige Umgestaltung und Vereinnahmung von Landschaften und Ökosystemen zerstören wir das Gleichgewicht, das von der Natur so genial gleichsam als Schutzschild für alle Lebewesen geschaffen wurde.

Als weiteres Beispiel menschlichen Versagens würde ich das Thema „Wachstum“ anführen. Fast 50 Jahre ist es her, seit Wissenschafter:innen des MIT im Auftrag des „Club of Rome“ ein düsteres Szenario aufstellten: Wenn wir weiter so lebten und wirtschafteten wie bisher, werde unser globales System Mitte bis Ende des 21. Jahrhunderts zusammenbrechen. Schuld daran seien unter anderem die Industrialisierung, die Ausbeutung von Rohstoffen, das Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum und die Umweltzerstörung. Zu bestätigen scheint sich die These durch eine Vielzahl aktueller Katastrophen, wie die Überschwemmungen in Europa, die Brände in den USA, und die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes, der laut einer Studie bereits mehr CO2 ausstößt, als er absorbiert. Und nicht unerwähnt bleiben darf die unfassbare Menge an Plastik, mit dem wir nicht nur unsere Weltmeere verseuchen.

Ist Wachstum aber grundsätzlich zu verdammen? Ein Blick in die Biologie zeigt, dass Wachstum seit jeher zur Welt dazu gehört. Pflanzen, Tiere und Menschen wachsen. Wichtig ist nur, dass sie nach angemessener Zeit wieder zu Staub zerfallen. Eben damit tut sich unsere Zivilisation immer noch schwer. Das Problem besteht heute weniger darin, dass es zu wenige Ressourcen auf dem Planeten gibt, als darin, dass zu viele dieser Ressourcen abgebaut werden und damit den Klimawandel und die Umweltzerstörung vorantreiben. Wir schreiben bald das Jahr 2022 und ein großer Teil der Welt hungert immer noch, obwohl genügend Nahrungsmittel für alle Menschen produziert werden, die allerdings global ungleich verteilt sind und zudem in atemberaubenden Mengen verschwendet werden. 1,3 Milliarden Tonnen essbare Lebensmittel werden pro Jahr unnötigerweise weggeworfen, das entspricht fast 15 % der gesamten Fläche, die wir für die Erzeugung der Agrarrohstoffe für unsere Ernährung benötigen.

Allerdings ist selbst exzessives, scheinbar unbegrenztes Wachstum nicht unbedingt ein Problem, und zwar gerade dann nicht, wenn es immaterielle Güter sind, die wachsen. Wir brauchen mehr qualitatives bzw. selektives Wachstum. Entscheidend ist, was wächst und was schrumpft. In den Industrieländern sollten zukünftig die umweltfreundlicheren und sozialen Dienstleistungen wachsen. Zudem jene, die nicht allein der Profitlogik unterworfen sind. Ich meine damit Genossenschaften und gemeinnützige Unternehmen. Wachsen muss auch und vor allem die Zahl an Innovationen, mit der Kraft des menschlichen Erfindungsgeistes kann am besten der Umweltzerstörung und dem Klimawandel entgegengewirkt werden.

Warum ich das alles niederschreibe und mit Euch teile? Weil ich müde bin, dass alle Gespräche, die man zur Zeit führt, von dem allgegenwärtigen Thema Covid-19 dominiert werden, weil ich will, dass wir unsere Energie dazu verwenden, das Ruder herumzureissen und unser Handeln endlich in eine andere weitere Richtung zu lenken, die Probleme an den Wurzeln zu packen und sich der Prävention genauso verpflichtet zu fühlen wie der ewigen Symptombekämpfung. Wenn wir das nicht schaffen, werden wir auch in Zukunft vor uns selbst davonlaufen. Ja, wir müssen heilen, aber vor allem viel mehr präventiv gestalten, nur dann werden wir unsere Welt wieder in die verwandeln, die es wert ist, sie ohne Scham an die nächsten Generationen weiterzugeben.

Ich hoffe auf ein kommendes Jahr, in dem wir viel dieser Dinge endlich anpacken. Im Kleinen und im Großen. Ich möchte meinen Teil dazu beitragen. Schöne Weihnachten!

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Dorfladen

1 Kommentar zu "Weihnachtsbrief"

  1. Lieber Leo Fellinger,
    herzlichen Dank für diesen Text! Damit ist alles gesagt.
    Buon Natale!

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