Der fliegende Holländer – Treu bis in den Tod

Schemenhaft zeichnet sich das Schiff vor dem schwarzen Meer ab, leuchtend erhellt der Mond die Planken, die Seeleute schauen bangend auf die See hinaus. “Hallo, Hallo”, schallt es dem Publikum entgegen, das sich durch diese Ansprache gleichsam in die Haut der Geisterbesatzung des “Fliegenden Holländers” versetzt fühlen darf.

Und diese Besatzung hat wahrlich kein leichtes Los: Der Holländer ist dazu verdammt, auf ewig übers Meer zu reisen, den Kampf gegen das übermächtige Wasser zu führen. Nur die Liebe und – in dieser Inszenierung noch wichtiger – ewige Treue einer Frau kann ihn erretten. Gelegenheit, sich auf dem Brautmarkt umzusehen, hat der Holländer alle sieben Jahre. Ein Glück, dass er dieses Mal genau dort landet, wo auch der Seemann Daland (Bjarni Thor Kristinsson) gestrandet ist. Dieser lässt sich von den Schätzen des Geisterkapitäns blenden und tauscht die Treue seiner Tochter Senta (Julie Makerov) mir nichts, dir nichts gegen glänzendes Geschmeide ein.

Wenn da nur nicht Erik (Jeffrey Lloyd-Roberts) wär, ein Jäger, der Senta schon lange als seine Braut betrachtet. Dieser ist wild entschlossen, die Angebetete an den Treueeid zu binden, den sie ihm scheinbar geschworen habe. Und so entscheidet sich der Holländer (Marcus Jupither) doch noch um, wendet sich in letzter Minute von Senta ab, obwohl diese sich ihm ganz aufopfern will. Aus Gram und Schmerz folgt Senta ihm, läuft den Steg entlang und nimmt sich mit einem beherzten Sprung von den Planken das Leben. Treue bis in den Tod, so die Moral von der Geschicht, dauert manchmal gar nicht so lange.

Sie ist gelungen, die Inszenierung der Richard Wagner-Oper, die das Salzburger Landestheater in Kooperation mit der Salzburger Kulturvereinigung auf die Bühne des Großen Festspielhauses gebracht hat. Vor allem das Bühnenbild (Jürgen Kirner) fesselt und begeistert. Es ist nicht einfach, den Ozean, zwei Schiffe, ein Haus und den Steg, von dem sich Senta letztendlich ins Wasser stürzen wird, auf die Bühne zu zaubern. Doch die großen, beweglichen Wellen überzeugen.

Auch stimmlich hat die Besatzung einiges zu bieten – und zwar die Besatzung im engeren Sinne. Der Chor der Seeleute überzeugt, rau und ungestüm, klanglich wunderbar auf’s Orchester abgestimmt. Diesen Männern nimmt man ab, dass es auf See nicht immer nur lustig zugeht.

Brilliant Bjarni Thor Kristinsson als Seemann Daland: Das Publikum versteht jedes Wort, kraftvoll und stark seine Stimme, und auch die schauspielerische Leistung stimmt. Man will es dem Mann gar etwas verübeln, dass er seine Tochter und “seinen ganzen Stolz”, wie er betont, so leichtfertig gegen etwas Schmuck eintauscht.

Doch Senta will es so – wenngleich Julie Makerov die verträumte, schwärmerische Tochter noch nicht einmal anklingen lässt, sondern eine trotzige Frau darstellt. Auch der Stimme fehlt der Engelston, die Leichtigkeit, die der Auserwählten von ihrem holländischen Freier zugeschrieben wird. Allzu schnell passiert die Wandlung von der aggressiven jungen Frau zum paralysierten Mädchen.

Der Holländer wirkt seltsam langweilig, in keiner Sekunde bedrohlich, nie verzweifelt, noch weniger verliebt. Marcus Jupither bringt eine solide Leistung, begeistern, einschüchtern, von den Stühlen reißen kann er nicht.

Dafür überzeugt das Mozarteumorchester, Chefdirigent Ivor Bolton katapultiert vor überschwänglicher Begeisterung gar seinen Dirigentenstab quer durch den Orchestergraben. Dort sitzen die Töne, zweieinhalb Stunden lang, ohne Pause, in einer Tour durch. Vor allem die Echos, die aus den unterschiedlichsten Ecken des Festspielhauses erklingen, sind schöne Opern-Spezialeffekte. Ein Opernbesuch lohnt sich durchaus, zu sehen gibt’s genug, das Bühnenbild bietet genug verborgene Winkel und Ecken für zwei Stunden. Ein Ozean, zwei Schiffe (von denen eines allerdings verborgen bleibt, weil es irgendwo im Zuschauerraum herumtreibt), ein Haus und ein todbringender Steg – umrahmt von einer feinen, romantischen Oper.

Der Fliegende Holländer. Romantische Oper von Richard Wagner / Premiere 14. Oktober 2010 / Großes Festspielhaus. Salzburger Landestheater / Eine Kooperation mit der Salzburger Kulturvereinigung im Rahmen der Salzburger Kulturtage / Musikalische Leitung: Ivor Bolton / Inszenierung: Aron Stiehl / Bühne: Jürgen Kirner / Kostüme: Nicole von Graevenitz / Dramaturgie: Bernd Feuchtner / Besetzung: Daland – Bjarni Thor Kristinsson, Senta – Julie Makerov, Erik – Jeffrey Lloyd Roberts, Steuermann – Franz Supper, Der Holländer – Marcus Jupither, Mary – Heike Grötzinger. Mozarteumorchester Salzburg / Alle Fotos: Christian Schneider


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1 Kommentar zu "Der fliegende Holländer – Treu bis in den Tod"

  1. Elisabeth Pichler Elisabeth Pichler | 18. Oktober 2010 um 08:51 |

    Interessante Inszenierung, beeindruckendes Bühnenbild, leider ein völlig emotionsloser Holländer. Der “hauseigene” Franz Supper war dafür ein absolut überzeugender Steuermann.

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