Gürtel – Kleidungsstück und streifenartige Zone

Gürtel

Gürtel | Foto: Karl Traintinger, Dorfbild

Das Wort Gürtel begegnet ab dem 8. Jahrhundert und bezeichnet ein um Taille oder Hüfte getragenes Band. Daneben verwenden wir das Wort auch als Bezeichnung für streifenartige Zonen, die etwas umgeben.

Michaela Essler

Von Michaela Essler

Das Wort Gürtel ist seit dem 8. Jahrhundert belegt. Das althochdeutsche Wort gurtil leitet sich von germanisch *gurdila- „Gürtel“ ab, das auf indogermanisch *gherdh „umschließen, umgürten“ zurückgeht. Althochdeutsch gurtil bezeichnete Leib- und Hüftgürtel, Waffengürtel, Wehrgehänge und den Sternengürtel des Sternbilds Orion.

Die Germanen banden ihre Hosen mit Gürtel aus Bast oder Wollborte zusammen, die durch das Oberteil bedeckt waren. Gürtel, die sichtbar getragen wurden, waren aus Leder gefertigt und konnten mit Ornamenten oder Metallplatten verziert sein. Die Frauenkleider wurden ebenfalls durch Gürtel zusammengehalten. An den Gürteln konnten auch Gegenstände befestigt werden, wie etwa kleine Geldtaschen, Schlüssel, Schnupftücher, Spiegel, Messer, Dolche und Pistolen.

Zum sicheren Transport von Geld auf Reisen wurden spezielle Geldgürtel verwendet, in denen Geldstücke eingelegt werden konnten. Diese Geldgürtel wurden auch Beigürtel genannt. Dadurch wurde der Gürtel auch zu einem Symbol für Besitz. So bedeutete im 16. Jahrhundert die Redewendung er hat seinen Gürtel verloren „er hat sein Hab und Gut verloren“. In der mittelalterlichen Rechtssprache findet sich dazu die Formel was der Gürtel umschließt. Diese Formel bezeichnete den geringsten persönlichen Besitz, der unpfändbar war. Wenn es zu Pfändungen oder zu Enteignungen kam, dann durfte nichts, was im oder am Gürtel getragen wurde, genommen werden.

Eine ähnliche Formel findet sich bei Bedingungen, die für den Abzug von Belagerten vereinbart wurden. So hieß es zur Zeit des 30-jährigen Krieges im 17. Jahrhundert, den Belagerten sei der freie Abzug gewährt mit nicht mehr, als was sie unterm Gürtel mit sich heraustragen können.

Der Gürtel war im Mittelalter auch ein Symbol bei Rechtshandlungen. Wer sich einem anderen unterwarf, musste den Gürtel und die Schuhe als Zeichen der Unterwerfung ablegen. Als Zeichen des Verzichts auf das Erbe ihres verstorbenen Mannes, legten Witwen bei der Beerdigung ihren Gürtel auf das Grab oder lösten den Gürtel nach dem Begräbnis vor Richter und Zeugen. Diese symbolische Handlung wurde Gürtelrecken oder Schlüsselwurf genannt. Schlüsselwurf deshalb, weil die Frauen den Schlüsselbund am Gürtel hängen hatten.

Ledergürtel
Hosengürtel | Foto: Karl Traintinger, Dorfbild

Der Gürtel wurde als Trennlinie zwischen Ober- und Unterleib betrachtet. So wurde mit dem Ausdruck ober dem Gürtel der Oberkörper bezeichnet und mit dem Ausdruck unter dem Gürtel der Unterkörper. Im ausgehenden 19. Jahrhundert begegnet dann das Wort Gürtellinie als Bezeichnung für die Taille. Heute findet sich das Wort Gürtellinie zumeist in den Redewendungen unter der Gürtellinie und ein Schlag unter die Gürtellinie. Mit dem Ausdruck unter der Gürtellinie bezeichnen wir Bemerkungen oder Handlungen, die als geschmacklos, bösartig und verletzend angesehen werden. Die Redewendung ein Schlag unter die Gürtellinie entstammt der Boxersprache. Im Boxsport sind Schläge unter der Gürtellinie verboten. Die Redewendung ein Schlag unter die Gürtellinie umschreibt im allgemeinen Sprachgebrauch daher einen unfairen Angriff oder eine bösartige Beleidigung.

Aufgrund der ursprünglichen Grundbedeutung „umfassen, umgürten“ kann das Wort Gürtel auch eine streifenartige Zone bezeichnen, die etwas wie ein Band umgibt. In dieser Verwendung findet sich heute Gürtel in verschiedenen Zusammensetzungen, wie beispielsweise Grüngürtel für eine Grünfläche, die eine Stadt umgibt, Schilfgürtel für eine Schilffläche, die einen See umgibt oder Sperrgürtel für Absperrungen, die um etwas herum errichtet werden.

Und schließlich gibt es noch einen Gürtel, der zwar am Körper getragen wird und ihn umfasst, jedoch kein Kleidungsstück ist: der Speckgürtel.

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Dorfladen

Über den Autor

Michaela Essler
Mag. Dr. Michaela Essler, 1966 in Salzburg geboren, studierte Allgemeine und Historisch-vergleichende Sprachwissenschaft an der Paris-Lodron-Universität Salzburg und promovierte im Fach Indogermanische Sprachwissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Absolventin des Österreichischen Journalisten-Kollegs am Kuratorium für Journalistenausbildung Salzburg

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