Irina Zelewitz: Unibrennt in Salzburg

Am 19.Oktober riefen Studierende, Lehrende und Universitätsleitung gemeinsam mit der Universität Mozarteum zur Demonstration und zu Univollversammlung an beiden Universitäten auf. Insgesamt haben ungefähr 2000 Menschen teilgenommen.

Unipolitik: Warum wir nicht zufrieden sind. Und es auch nicht sein sollten!
Irina Zelewitz. Die Protestbewegung Unibrennt-Salzburg wird am 28.Oktober ein Jahr alt. An den Problemen der Universitäten hat sich wenig geändert. Ausgezahlt hat es sich trotzdem.

Interessierte Außenstehende fragen: „Wo liegen die Probleme aus der Perspektive der Betroffenen?“ und damit sind meistens die Studierenden gemeint.

Was bedeutet die Vielfalt an Hürden auf dem Weg zur Universität und – wenn man den geschafft hat – an der Universität selbst? Unter anderem Geld und Leistungsfähigkeit helfen im Leben dabei, Hürden nehmen zu können. Zugangstests sind Hürden zum Studium, ein Hörsaal, der so voll ist, dass Studierende nicht einmal mehr bei der Türe reinkommen, ist eine Hürde im Studium.

Fehlende Unterstützungsleistungen wie Familienbeihilfen oder Stipendien, fehlende Ermutigung zum Studium durch LehrerInnen und Elternhaus während der Schulzeit, fehlende Wahlmöglichkeiten in der Zusammenstellung der Inhalte des eigenen Studiums, Informationsmangel über das Studienangebote in peripheren, ländlichen Gebieten – das alles sind Barrieren. Hindernisse, die Manche überwinden können und Andere nicht – weil sie nicht „genug“ haben oder weil sie nicht oder noch nicht „genug“ können.

Wieviel ist genug?
Wer entscheidet darüber, wie viel genug ist? Was wird bei den Tests geprüft, die darüber entscheiden, wer studieren darf und wer nicht? Soll das Einkommen der Eltern mitentscheidend dafür sein, wer diesen Test besteht?  Soll Studium eine gezielte Vorbereitung auf das Bestehen dieser Tests sein, statt einer Auseinandersetzung mit den eigenen Fähigkeiten und Interessenschwerpunkten?

Bestimmung: Zum Lernen nicht geeignet?
Wenn man grundsätzlich davon ausginge, dass es zu viele Studierende gäbe, könnte man quantitativ selektieren. Die österreichische AkademikerInnenquote liegt aktuell bei 18 Prozent. Im Schnitt der OECD-Staaten sind es 28 Prozent. Abgesehen davon, ist schon die Idee traurig, dass es zu viele Menschen in einer Gesellschaft geben kann, die im Laufe ihres Lebens universitäre Bildung erfahren.

Wenn man Angst hat, dass Studierende ein Studium betreiben, für das sie nicht befähigt sind, kann man qualitativ selektieren. Dass passiert an den Unis ohnehin: Es gibt Prüfungen aller Art.

Stv.Vorsitzende der ÖH-Salzburg, Elli Piller, Rektor der Uni Mozarteum, Reinhart von Gutzeit und Rektor der Uni Salzburg, Heinrich Schmidinger am Mozartplatz bei der Startkundgebung zu den Protestzügen. (v.l.n.r.)

Oft wird behauptet, bei Zugangsbeschränkungen vor oder im Studium würde nur die Eignung getestet. Wenn jedoch im vor hinein festgelegt wird, wie viele StudienplatzanwärterInnen pro Jahr für ein Studium geeignet sein dürfen, muss doch etwas faul sein. Hier handelt es sich um zahlenmäßige Beschränkungen, die als qualitative Selektionsmechanismen getarnt sind. Argumentiert wird das Ganze auch noch mit der Sorge um die Zukunft jener Studierenden, die – ohne es zu merken – ein Studium betreiben würden, für das sie nicht ausreichend geeignet wären. Denn sie wüssten nicht, was sie tun. Die Selektionsmechanismen wissen es besser?

„Was nichts kostet, ist auch nichts wert!“
Bundesministerin Karl hat uns letzte Woche wieder einen großen Gefallen getan. Sie hat ausgesprochen, was ihr böse Zungen vielleicht schon in den Mund legen wollten: „Was nichts kostet, ist nichts wert!” Bezogen hat sich diese Aussage auf Qualität der Studien am der Donau-Universität Krems, an der Studiengebühren von bis zu 30.000 Euro pro Semester ein gehoben werden. Dass die Bundesministerin suggeriert, Studien, die für einen Großteil der Studierenden momentan nicht mit Studiengebühren verknüpft sind, würden „nichts kosten“, ist interessant. Ein Studium kostet den Studierenden, der sich in der Studienzeit irgendwie seinen Lebensunterhalt finanzieren muss, und es kostet den Staat, der die Universitäten finanziert. Der Studierende leistet sich das, weil er lernen will und vielleicht weil ihm das Studium zur Verwirklichung von Berufszielen verhilft.

Der Staat leistet sich das weil Bildung das wichtigste Instrument des sozialen Ausgleichs darstellt, weil Unis das Fundament gesellschaftlicher Weiterentwicklung sind und weil sich ein Euro, der in Bildung geht, auch wirtschaftlich rentiert.

Die Univollversammlung zum Thema „Was ist Österreich universitäre Bildung wert?“ im Auditorium Maximum der Universität Salzburg wurde auf Grund der großen Zahl an TeilnehmerInnen „live“ in zwei weitere Hörsäle übertragen

Nullsummenspiel: „Mehr“ Geld für die Unis – 80 Millionen wandern im Kreis
Nun wartet eine breite Koalition aus Universitätsbediensteten und Studierenden darauf, dass die Bundesregierung ihren Worten Taten folgen lässt und sich für ausreichend finanzielle Mittel für die Universitäten einsetzt. Die ÖH sagt, die Unis brauchen 600 Mio. Euro jährlich mehr, nur um den Betrieb aufrechterhalten zu können. Die Uni:ko – ehemals Rektorenkonferenz – nennt hier 300 Millionen und das Wissenschaftsministerium nennt 200 Millionen. Wenn die Universitäten dann mit 80 Millionen abgespeist werden sollen, die man Ihnen wenige Monate zuvor (im Bundesfinanzrahmengesetz vom Mai 2010) erst weggenommen hat, dann war entweder der Einsatz der Ministerin eher zurückhaltend oder die Regierung ist in Zukunftsfragen beratungsresistent. Dann kann man als Ministerin zurücktreten oder die Verantwortung für den Niedergang der Hochschulbildung in diesem Land mit übernehmen.

Wen kümmert’s?
Betroffen davon sind aber eigentlich nicht die Studierenden, sondern alle, die mit Sorge mit ansehen müssen, wie sich die alte Tradition der Bildungsfeindlichkeit in unserem Land fortsetzt.

Davon Betroffen sind aber nicht nur all jene, die um die Bedeutung der Bildung wissen, sondern auch jene, die sich derer nicht bewusst sind. Unibrennt war letzten Herbst ein verzweifelter Aufschrei, der lautete „Schaut her, was mit den Unis passiert. Und schaut nicht zu!“ – und viele haben hergeschaut.
Erst wenn man sich mit dem Wert universitärer Bildung einmal auseinandergesetzt hat, kann eine sinnvolle Diskussion über politische Lösungen stattfinden. Und genau zu dieser Auseinandersetzung ist es in vielen Köpfen wieder einmal gekommen. Bildung ist wieder Thema – in der Öffentlichkeit, den Medien, den Wirtshausstammtischen – und das ist, neben den am Studienstandort Salzburg erkämpften Verbesserungen für den Studienalltag, das große Verdienst der Protestbewegung Unibrennt. Wie Viele noch länger bereit dazu sein werden, zuzuschauen, wird uns viel über den Zustand sagen, in dem sich Österreich befindet.

Irina Zelewitz

Irina Zelewitz

Alter: 24 (geboren in Rif bei Salzburg, aufgewachsen in Sbg)
Matura 2004 am Akademischen Gymnasium Salzburg
Studentin der Politikwissenschaft an der Univ. Sbg
Unibrennt-Salzburg Aktivistin
Sachbearbeiterin im Referat für Bildungspolitk der ÖH Salzburg
Vorsitzende des Akademischen Forums für Außenpolitk – Salzburg

Links zum Thema:
Silent Evolution 2010 >
Unibrennt in Salzburg >

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Dorfladen

2 Kommentare zu "Irina Zelewitz: Unibrennt in Salzburg"

  1. Gratulation! Es ist wirklich erschütternd, wie mit den Studenten und Familien umgesprungen wird! Ich kann die Aktion: Unibrennt nur aus vollstem Herzen unterstützen. Es ist schon interessant, dass so manche Politiker vergessen haben, dass sie selber gratis studierten und das zu einer Zeit, als es auf den Unis noch genügend Platz gab. Sie können es sich nicht vorstellen, dass man ein Jahr verlieren kann, nur weil es keinen Laborplatz gibt. Es stellt sich die Frage, wie jemand, der mit einem derart kurzem Gedächtnis ausgestattet ist, in unserem Land so wichtig werden kann!

  2. Spaziergänger | 29. Oktober 2010 um 15:24 |

    Gefällt mir. Zwar ist die Zeit, als Studenten Schwerter noch trugen schon lange vorbei, für die feine rhetorische Klinge ist die momantane Situation aber auch zu wenig! Viel Erfolg bei den Demos.

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