Arme Leute (von heute)

arme leute von heute

Arme Leute von heute | Theater der Mitte | Remo Rauscher/ Argekultur

Der Chat ist der Schlüssel

Das Theater der Mitte hat den ersten, zwischen 1844 und 1845 geschriebenen Roman des russischen Schriftstellers Fjodor Dostojewski, der seinen Ruhm begründete, ins Hier und Jetzt geholt. Statt des Briefwechsels zwischen Makrar Dewunschkin, einem ärmlichen Kanzleibeamten in St. Petersburg, und der um einiges jüngeren Warwar Dobrosjolowa mühen sich nun ein Mann und eine Frau in der ARGEkultur mit Chats ab, wobei die Zuschauer im Studio und das Online-Publikum stets die Richtung vorgeben. Ein ungewöhnliches, innovatives, sehr gelungenes Theater-Experiment.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Ich muss gestehen, dass ich mir unter dem Begriff „immersives Hybrid-Theaterstück“ wenig vorstellen konnte. Kein Wunder, wird der Begriff „immersiv“ doch hauptsächlich in der Welt der Computerspiele verwendet, leitet sich vom englischen Begriff „immersion“ her und bedeutet auf Deutsch so viel wie „Eintauchen“ oder „Vertiefung in eine Sache“. Das Wort beschreibt den Effekt, den virtuelle oder fiktionale Welten auf den Betrachter haben: Die Wahrnehmung in der realen Welt vermindert sich und der Betrachter identifiziert sich zunehmend mit der fiktiven Welt. Hybrides Theater basiert auf digitalen Technologien, die virtuelle und physische Räume gleichzeitig adressieren, also die Online-User und das Publikum im Studio.

Vor dem ersten Chat üben Mann und Frau, jeder für sich in seinem armseligen Zuhause, die unterschiedlichsten Posen und sind sich nicht sicher, ob sie lieber ernst bleiben sollen oder doch ein wenig lächeln. Schließlich bleibt er eher ernst, abgesehen von ein paar unbeabsichtigten Grimassen wegen seiner Unsicherheit. Sie zeigt fast hektisch, wie viel sie zu tun hat. Nach dieser Kennenlern-Szene kommt es zur ersten Abstimmung, wir können uns zwischen Brosche und Zwerg entscheiden. Das funktioniert im Studio per Handzeichen, die Online-User müssen tippen. Auf einem von einer Katze bewachten Bildschirm dürfen wir die Entscheidung mitverfolgen. Der Zwerg gewinnt haushoch und es geht ab in die zweite Szene. Jetzt sind die beiden schon etwas lockerer. Sie beklagt sich, dass immer die Frauen an allem schuld seien, sie sollten einfach öfter NEIN sagen. Er versucht es bei ihr mit Fruchtbonbons, kann damit aber leider nicht punkten, denn sie findet Zucker schädlich. Für ihn hingegen ist Zucker ein Glücksbringer.

Fotos: Johannes Armstorfer/ ARGEkultur

In acht Szenen erfahren wir noch so einiges aus dem tristen Leben dieser zwei „armen“ Menschen, die sich nie richtig kennenlernen durften. Die weise Katze auf dem Bildschirm kennt auch den Grund: „Arme müssen sich aus dem Weg gehen, damit sie sich nicht noch mehr anstecken.“

Regisseur Benjamin Blaikner hat das Stück wie ein Computerspiel aufgebaut, wobei ich wohl leider nicht alle Anspielungen verstanden habe, die Emoji-Generation tut sich da bestimmt etwas leichter. Während sich Thorsten Hermentin, in einem grandios armseligen Vintage-Pullover, und Agnieszka Wellenger, in kessem Kleidchen mit Leggings, auf der Bühne von ihrer besten Seite zeigen, fordert der Animationsspezialist Remo Rauscher als gutgelaunter Spielleiter das Live-Publikum und die Onlinegemeinde zum Abstimmen auf. Ein Theaterabend, der neugierig macht. Vielleicht sollte man es noch einmal von zu Hause aus am Computer probieren. Die nächste Gelegenheit dazu gibt es am 28. und 29. April 2022.

Sie schätzen die Theaterberichte in der Dorfzeitung?
Freunde helfen der Dorfzeitung durch ein Abo (=Mitgliedschaft). Wir sind sehr stolz auf die Community, die uns unterstützt! Auf diese Weise ist es möglich, unabhängig zu bleiben.
Starte noch heute den kostenlosen Probemonat!

INSERT_STEADY_CHECKOUT_HERE

Diesen Artikel empfehlen. Teilen mit:

Dorfladen

Über den Autor

Elisabeth Pichler
“Theater war schon immer meine große Leidenschaft und scheinbar ist es mir auch gelungen, diese Begeisterung an meine Kinder weiterzugeben.” Elisabeth Pichler besucht für die Dorfzeitung Theateraufführungen und Konzerte und liest neue Bücher.

Kommentar hinterlassen zu "Arme Leute (von heute)"

Hinterlasse einen Kommentar