Peter Reutterer: Bei mir Kind

Peter Reutterer

Peter Reutterer | Foto: Karl Traintinger, Dorfbild

Autor: Peter Reutterer
Titel: Bei mir Kind
Verlag: Bibliothek der Provinz
ISBN: 978-3-99126-103-2
Erschienen: 25. April 2022

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Klappentext:

Mit dem neuen Prosaband versucht der Autor an seinen Debut-Erfolg von „Forsthaus“ anzuschließen. Dieses Mal steht die Lebensgeschichte der Mutter, die an der Seite eines Forstmannes Drillinge großzuziehen hatte, im Mittelpunkt. Ihr Schicksal ist modellhaft für viele Frauenschicksale der Nachkriegsgeneration in Österreich. Fatal, als Lehrertochter in das bäuerlich forstliche Umfeld an der Nordgrenze verpflanzt zu werden. Mit dem Schicksal dieser Frau werden die schulischen Erfahrungen des Erzählers, sowohl aus Sicht eines Gymnasiasten in den Siebzigern als auch eines über Jahrzehnte tätigen Literatur-Lehrers, in Verbindung gesetzt. Immer wieder geht es dabei um die Reflexion über das Wesentliche des Literarischen. Das Buch umkreist biographische wie soziokulturelle Wirklichkeit ungeschminkt und poetisch einzigartig.

Klappentext

Tyrannei hinter dem Jägerzaun

Es ist die 16. Buchveröffentlichung des Salzburger Autors mit Waldviertler Wurzeln und sie schließt inhaltlich an sein Debut an („Forsthaus“ 1997, ebenfalls in der Bibliothek der Provinz). Mit geradezu Thomas -Bernhardschem Furor ersteht gleich zu Beginn die brutal autoritäre „Forsthaus“-Welt des Vater wieder auf, die Kindheit und Jugend des Ich-Erzählers geprägt und das Leben seiner „guten Mutter“ verdüstert hat. War es bei Reutterers Erstling vor allem der Bruder, dem auf berührende Weise besondere Aufmerksamkeit galt, so ist es nun die Mutter, die unter der provinziellen Tyrannei immer mehr verstummt und der „Selbstvernichtung“ anheimfällt. Das Buch ist dennoch weniger eine Hommage an die Mutter wie bei Handkes „Wunschloses Unglück“ oder Hackls „Dieses Buch gehört meiner Mutter“, es ist vielmehr eine (weitere) Abrechnung mit der Welt des Vaters. Starke Worte fallen in diesem Zusammenhang: „Bestialität“, „Horror“, „wie Hitler“, „Diktatur“, „hinrichten“; Männer und insbesondere der Vater sind vor allem „Geschlechtstiere“. Erotik und Sexualität spielen – nebenbei bemerkt – generell eine große Rolle bei der Schilderung von Aufwachsen und Leben des Ich-Erzählers. “Es gibt kaum bedeutende Literatur, die ohne den Mut zum erotischen Erzählen auskommt“, schreibt Reutterer und bringt diesen Mut in ungewöhnlich hohem Maße auch auf.

„Bei mir Kind“ enthält entschieden mehr als die Erinnerungsarbeit an Kindheit und Jugend im Schatten des machttrunkenen Vaters, der aufopfernden Mutter sowie der furchtbaren Vor- und Todesfälle in der Familie. Das Buch liest sich wie eine Lebensbilanz, es ist aber auch ein vielfältiges Lebens-Journal. Ein Journal mit Einträgen zur Rolle der Musik und ganz besonders der Literatur, mit Reflexionen über das Schriftsteller- und Lehrersein sowie den Pensionsantritt – alles durchsetzt mit Rekursen auf die eigenen Publikationen und mit skizzenhaften Naturschilderungen, in denen Seen und Teiche prominente Metaphern für Unergründliches sind.  Ob in diesen Journaleinträgen die tagebuchartigen und meinungsbetonten Passagen (etwa über die Lehrpläne oder die pädagogische und didaktische Situation des Unterrichtens) dem biografischen Teil über das dunkle Elternhaus nicht die Wucht und Intensität nehmen, sei allerdings dahingestellt.

Spannend ist die Frage nach dem Verhältnis des erzählten Ichs zum Autor. Bei keiner Literatur (die reine Autobiographie ausgenommen) sind diese deckungsgleich, sind vielmehr mit fiktiven oder verfremdenden Elementen durchsetzt. Bei Peter Reutterer allerdings erschrickt man fast über die Offenheit, mit der mitunter intime Details erzählt werden, und wünscht sich, dieses Ich wäre nicht vollständig der befreundete Autor. Dies blitzt auch auf, wenn er seinen Namen zu „Roderer“ verfremdet, doch dann finden sich wieder so viele klare Verweise auf Vita und frühere Schriften, dass man es nur als Selbstbezüglichkeit und Selbstoffenbarung verstehen kann.

Zu den großen Vorzügen dieses Prosabandes, der wahrscheinlich zum Besten gehört, was Reutterer geschrieben hat, gehört die karge, aber kraftvolle Sprache, die – sich mit namhaften Vorbildern wie Hesse und Handke messend – auch den hohen Ton nicht scheut. Die vielen literarischen Weggefährten des Autors bestimmen auch sein Schreiben. Nicht als Erfindung, wie er formuliert, sondern als „wahrhaftige Findung“ seiner eigenen Geschichte, mit der er – hart mit sich selbst – die Schichten seiner Persönlichkeit freilegt und ihr literarische Form gibt.

Ein wirklich beachtliches und beeindruckendes Buch.

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