Die Frage aller Fragen

Kunst Emailwerk

Fotos: Leo Fellinger

„Kunst“ ist eine der seltenen Theater-Preziosen, die ihren Weg auf jede Bühne finden, um dort als ein Stück Furore zu machen, das man gesehen und diskutiert haben muss. Die universellen Themen des Stücks scheinen universellen Anklang zu finden, wie sein überwältigender internationaler Erfolg zu beweisen scheint. Nicht anders im Emailwerk Seekirchen, wo es bereits 2006, also im zweiten Jahr nach der Eröffnung, schon gezeigt wurde. Die einzige Parallele zu damals war Edi Jäger, die beiden anderen Protagonisten waren neu, nämlich Georg Clementi und Volker Wahl.

Leo Fellinger

Von Leo Fellinger

Die Geschichte von Yasmina Reza, in der es um Kunst und Freundschaft geht, ist herrlich einfach. Ein Mann, Serge, kauft ein modernes Gemälde für eine relativ hohe Summe (200.000 Euro) von einem angesagten Künstler namens Antrios. Es handelt sich im Grunde um eine große Leinwand, etwa eineinhalb Quadratmeter groß, weiß gestrichen, mit „feinen weißen Streifen“. Ein Freund, dem er seine neue Errungenschaft vorführt, Marc, ist von Serges Kauf völlig verunsichert. Ein anderer gemeinsamer Freund, Yvan, ist eher zwiespältig. Verhandelt wird dabei unter anderem die berühmte Frage aller Fragen: „Was ist Kunst?“, aber eben nicht nur.

Das Stück ist eine überraschend leichte Unterhaltung mit großem Tiefgang, die mehr über Freundschaft als über Kunst aussagt. Denn es handelt sich nicht nur um ein müßiges Attentat auf die moderne Kunst, was auch immer einige der Zuschauer*innen denken mögen. Das Kunstwerk selbst ist eine Metapher, ein Instrument, eigentlich könnten die drei auch genauso gut über Autos sprechen. In Wirklichkeit geht es um Männerfreundschaft.

Serge ist ein Modernist, aber in Wirklichkeit ein Dilettant, Marc ein Traditionalist, der unter der Oberfläche ein Snob ist und Yvan, ein wankelmütiger Geist, der sich nach jedem Windhauch richtet. Im Mittelpunkt des Stücks stehen für Serge die offizielle Genehmigung und die Rechtfertigung des Preises. Der Künstler, Antrios, ist bekannt, und es ist erwähnenswert, dass es sich um einen Antrios aus den siebziger Jahren handelt. Die Experten sagen, es sei bedeutend, und Serge glaubt das auch. Also möchte er auch von seinen Freunden bestätigt werden. Diese wiederum stellen ihre Beziehung zu einem Mann in Frage, der bereit ist, so viel Geld für etwas auszugeben, das sie kaum als „Kunst“ bezeichnen können. Yvan, der zwischen den beiden extremen Positionen schwankt, versucht auch, seine Hochzeit vorzubereiten. Das freudige Ereignis wird in den Streit hineingezogen, und der Konflikt wird immer persönlicher, bis es am Ende eigentlich gar nicht mehr um Kunst geht.

Dieses Stück ist vom ersten bis zum letzten Moment mit einer schillernden Vielfalt an Sprache gefüllt. Es muss der Traum jedes Schauspielers sein, ein so pausenloses Kreuzfeuer aus knisternder Sprache, ernsten Fragen des Lebens und der Kunst, ausgedrückt in unzähligen emotionalen Ausbrüchen, auf die Bühne zu bringen. Edi Jäger, Georg Clementi und Volker Wahl füllen jede Minute der Eindreiviertelstunden mit Spannung und erwecken das Spiel der Ideen zu neuem Leben. Wenn man das Stück mehr als einmal gesehen hat, wird spürbar, dass der Text seine eigenen Leerstellen hinterlässt, die die Schauspieler mit – in diesem Fall – brillanter Technik füllen können.

Und so segelt Art dahin, witzig, einnehmend und teuflisch effizient. Spröde und leicht? Oder spitz und verschlagen? Was war das nun eigentlich, hat sich wahrscheinlich so manche Besucherin, mancher Besucher gedacht? Komödie? Tragödie? Tragödie mit Augenzwinkern? Das ist auch in Fachkreisen nicht eindeutig belegt. 1997 wurde „Kunst“ mit dem Olivier-Preis für die beste Komödie ausgezeichnet. Die Reaktion von Yasmina Reza, als sie den Preis entgegennahm, war: „Aber ich dachte, ich hätte eine Tragödie geschrieben“…..

Kleines Theater: „Kunst“ – ein köstlich avantgardistischer Grabenkampf >

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