Schöne Bilder hören

Kaleidoskopie

Kaleidoskopie | Alle Fotos: Leo Fellinger

„Kaleidoskopie“, so heißt das neue Programm der Seekirchner Geschwister Moser, kurz MOSERTRIO genannt. Kaleidoskopie, etwas, das wir alle seit unserer Kindheit kennen: das Gefühl der absoluten Faszination, ausgelöst durch ein Phänomen, einen simplen physikalischen Vorgang, der dem Alltäglichen zu absoluter Schönheit verhilft.

Leo Fellinger

Von Leo Fellinger

Der Begriff Kaleidoskop stammt aus dem Griechischen und bedeutet: „schöne Formen sehen”. Er setzt sich aus den drei Wörtern καλός (kalos) „schön“, εἴδος (eidos) „Form, Gestalt“ und σκοπέω (scopeo) „schauen, sehen“ zusammen. Was im Zusammenhang mit den Moser-Geschwistern fehlt, ist „hören“. Aber das ist vielleicht der gewollte Effekt, unbedingt dieses Konzert zu besuchen, das mit einem ganz besonderem Stück begann, vorgetragen von den Moser-Brüdern: „Fratres“ von Arvo Pärt. Das Stück gilt als klassisches Beispiel für die Tintinnabuli-Technik: Neun Akkordsequenzen folgen einer bestimmten mathematischen Formel. Das Analytische trifft hier auf das Ästhetische, indem uns Pärt auf eine meditative Reise in die Geheimnisse der Harmonie mitnimmt, die auf einfachen mathematischen Regeln beruht. Vielleicht liegt hier schon die erste Parallele zum Kaleidoskop, beruht es doch auf absoluter Symmetrie, die wiederum eine mathematische Spielform darstellt.

Kaleidoskopie

Viele Menschen, die „Fratres“ zum ersten Mal hören, finden es repetitiv oder sogar langweilig, aber Sarah, Lukas und Florian Moser beweisen das Gegenteil: Jede Phrase hat Richtung und Ziel, erzeugt Spannung oder löst sie. Wiederholungen – auch von Satzteilen – hängen niemals durch, sondern halten das Interesse durch Nuancierungen aufrecht. Wenn es so aufregend gespielt wird, möchte man ein Stück wie dieses immer wieder hören. Dazu war aber keine Zeit, das nächste Stück folgte im direkten Übergang, ein stürmisches Molto allegro agitato aus dem Trio d-Moll für Violine von  Felix Mendelssohn-Bartholdy. Die Art, wie die drei sympathischen MusikerInnen diese herrliche Kantilene durch die Stimmen wandern ließ, war faszinierend. Lukas Moser streute hier in den Dialog der Oberstimmen einige von jenen brillanten Passagen ein, die Mendelssohns Klaviertrios und -konzerte bis heute für jeden Pianisten zur Herausforderung machen. Ihre scheinbare Leichtigkeit ist nur mit größter Disziplin und subtilstem Anschlag zu erreichen, was in diesem Fall mit Bravour gelang.

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Es folgte Leopold Mozarts Triosonate „Frosch-Parthia“, hier kommt des Komponisten Freude, „allezeit auf das Populare zu achten“, wie er seinem Sohn nachdrücklich ans Herz legte, auf das Vergnüglichste zum Klingen. Vor der Pause gab es noch die Passacaglia von Johan Halvorsen für Violine und Violoncello, eine freie Bearbeitung eines Themas von Georg Friedrich Händel, ebenfalls fesselnd vorgetragen. Das begeisterte Publikum wurde mit der Frage in die Pause geschickt, worin das Faszinosum, das ganz Außerordentliche der Darbietungen bestand. Meine persönliche Antwort: Es ist die ansteckende Musikbegeisterung der Drei, ihre unerhört vitale Art und ihre farbenfrohe gestalterische Fantasie. 

Wer sich noch eine Steigerung nach der Pause erhofft hatte, wurde nicht enttäuscht. Mit Sergei Rachmaninows „Trio Élégiaque” wurde man in die elegische russische Musikwelt entführt, Rachmaninoff war berühmt-berüchtigt dafür, nie zu lächeln, geschweige denn zu lachen. Er war gerade mal 18 Jahre alt, als er diese hoch expressive Musik komponierte. Was die drei Interpreten daraus machten, übertraf selbst höchste Erwartungen durch die Intensität, in der sie ihr Zusammenspiel gestalteten und vom ersten bis zum letzten Ton sich dem Werk mit faszinierender Leidenschaft hingaben.

Kaleidoskopie

Ein Kaleidoskop ist aber nicht nur die Schau schöner Bilder, sondern auch eine Betrachtung von Spiegelungen, Brechungen, Verzerrungen, die neue Muster erkennen lässt und bewusst macht, wie viele unterschiedliche Perspektiven es gibt. Das weiß auch Lukas Moser. Er möchte nicht nur Musik nachspielen, die sich andere ausgedacht haben, sondern selbst Musik erfinden. Wenn er seine Erfindungen in eine bestimmte Form bringt und sie in geschriebenen Noten fixiert, dann wird er zum Komponisten. In seine Musik, die von der Klassik kommt, bezieht er auch andere musikalisch ergiebige Genres mit ein (Jazz, Volksmusiken, populäre Musik, Weltmusik) oder er bedient sich aus dem reichhaltigen Fundus der klassischen Musikgeschichte (indem er zum Beispiel die barocke Form der Fuge einbaut). So bekam das Publikum drei seiner Kompositionen – allesamt Uraufführungen(!) – zu Gehör, die letzte gemeinsam mit Bruder Florian verfasst. 

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„Vernückt“, so der Titel der ersten Eigenkomposition, gefolgt von „Genzanah“, das die Zuhörer in eine ganz andere Welt entführte. Korea diente Lukas hier als Inspiration, weil er hier geraum Zeit verbrachte, ein Stück, das die Menschen auf eine Reise vom Äußeren ins Innere mitnahm, ein Soundtrack einer Reise in die Quellströme des Musikschaffens. Das letzte Stück (vor drei Zugaben) war „Schleifenstreich“, ein Werk für Klaviertrio und Loopgerät, auch eine E-Geige kam zum Einsatz. Erst hier wurde mir und vielen anderen im Saal bewusst, wie jung diese drei Ausnahme-MusikerInnen sind, denn die hohe Kunst, die sie vorführen, zeugt von mehr Erfahrungsjahren, als sie an Lebensjahren vorbringen können. 

Das Ende eines Konzertes im Emailwerk Seekirchen, das vor allem von intensivem Zusammenspiel und faszinierender Leidenschaft getragen war, von zarten und filigranen Wendungen und großer instrumentaler Sinnlichkeit bis zu großem Pathos, ein Konzert, das den BesucherInnen noch lang im Kopf und im Ohr bleiben wird. (lf, 3. 2. 23)

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