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Von Seli+Kat | Thomas Selinger (Cartoon) und Karl Traintinger (Text)

„Die Wahrheit“ – und die Nuancen der Lüge

Mit einer spritzigen französischen Komödie startet das Schauspielhaus Salzburg in die neue Theatersaison. Florian Zeller lässt seine Protagonisten lustvoll mit der Wahrheit jonglieren, denn „wer seinen Partner betrügt, der sollte wenigstens die moralische Größe haben, eine gute Lüge zu erfinden“. Die überaus vergnügliche Premiere fand am 15. September 2018 im ganz in Rosa gehaltenen „Rokoko-Studio“ statt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Seit sechs Monaten hat der verheiratete Michel ein für ihn völlig unbeschwertes und unkompliziertes Verhältnis mit Alice, der Ehefrau seines besten Freundes Paul. Alice jedoch reichen die wöchentlichen Treffen in einem Hotelzimmer nicht mehr, sie fordert ein gemeinsames Wochenende. Michel beschließt, eine Dienstreise vorzutäuschen, und Alice besucht angeblich eine Tante. Zu dumm nur, dass die Ehepartner ständig anrufen und das Tête-à-Tête stören. Haben sie vielleicht doch Verdacht geschöpft?

Alice bekommt immer mehr Schuldgefühle, nicht nur ihrem Mann Paul gegenüber, sondern auch gegenüber Michels Ehefrau Laurence. Das ständige Lügen setzt ihr gewaltig zu, doch Michel weiß sie zu beruhigen: „Du belügst ihn nicht, Alice. Du sagst ihm nur nicht die Wahrheit. Es wäre egoistisch, ihm die Wahrheit zu sagen, nur um dein Gewissen zu erleichtern.“ Als Michel jedoch feststellen muss, dass sein Freund schon lange von seinem Verhältnis gewusst hat, sieht sich der charmante Betrüger plötzlich in der Rolle des Opfers. Wie konnte man ihn nur so belügen?

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Der französische Romancier Marivaux (1688 bis 1763), einer der bedeutendsten Literaten der Frühaufklärung und des Rokoko, treibt in seinen Komödien die Kunst der Täuschung und Verstellung auf die Spitze. Regisseurin Anne Simon siedelt Zellers moderne französische Boulevardkomödie in eben dieser Zeit an und lässt die zwei Paare in einem entzückenden, in Hellrosa gehaltenen Rokoko-Boudoir ihr frivoles Spiel treiben und in aufwendigen, ebenfalls rosaroten Roben (Ausstattung: Agnes Hamvas) herumstolzieren.

Um dem Publikum Zeit zum Nachdenken zu geben, denn Lüge und Wahrheit vermischen sich ständig, wird die Handlung durch kurze Song-Passagen unterbrochen. Grandios Olaf Salzers Nuancierungskunst, wenn er als Michel seine Geliebte Alice (Christiane Warnecke) beschwört, ihrem Mann aus Rücksicht, Liebe und Respekt nicht die Wahrheit zu sagen. Köstlich auch seine Entrüstung und Empörung als betrogener Betrüger. Die Betrogenen selbst, Laurence (Susanne Wende) und Paul (Bülent Özdil), behalten ihre Geheimnisse lieber für sich oder deuten sie, zur großen Verunsicherung von Michel, nur an.

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Florian Zellers hinreißende Komödie überzeugt mit geschliffenen, pointierten Dialogen zum Thema Seitensprung. Die Frage, ob es nun vorteilhafter sei, die Wahrheit zu verschweigen oder sie zu sagen, kann dieser rundum vergnügliche Theaterabend leider nicht beantworten.

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„Die Wahrheit“ von Forian Zeller. Regie: Anne Simon. Ausstattung: Agnes Hamvas. Mit: Olaf Salzer, Susanne Wende, Christiane Warnecke und Bülent Özdil. Fotos: Schauspielhaus/ Jan Friese

 

 


der steppenwolf

„Der Steppenwolf“ – im Magischen Theater

In Johannes Enders Inszenierung schlüpfen drei Damen in die Rolle des Harry Haller und verdeutlichen seine innere Zerrissenheit, seine Sehnsucht nach Ordnung und Struktur und seine Gier nach einem freien, wilden Leben.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Die Bühnenfassung von Hermann Hesses Klassiker aus dem Jahre 1927 feierte am 13. September 2018 im Kulturhaus Emailwerk in Seekirchen Premiere und ist seit 18. September in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters zu sehen.

Harry Haller, ein vereinsamter Intellektueller, befindet sich in einer Existenzkrise. Er sehnt sich nach starken Gefühlen, die er bisher nur während eines Konzerts oder beim Studium klassischer Literatur zu spüren vermochte. Seine steppenwölfische Gier und wilde Begierde blockieren ihn und machen ihm schwer zu schaffen.

der steppenwolf

Er beschließt daher, sich in drei Jahren zu seinem 50. Geburtstag den Selbstmord zu erlauben. Bei einem nächtlichen Streifzug durch die Stadt entdeckt er eine Leuchtreklame, die ihn neugierig werden lässt: „Magisches Theater – Eintritt nicht für jedermann. Nur für Verrücke“. Hier lernt er die androgyne Hermine, eine „Kurtisane von leidlich gutem Geschmack“, kennen. Diese nimmt sich seiner an und zeigt ihm eine neue, aufregende Welt. Sie lehrt ihn das Tanzen, macht ihn mit dem Jazzposaunisten Pablo bekannt und schenkt ihm die schöne Martha, die ihm eine einzigartige Liebesnacht beschert, ein „sterngewordenes Erlebnis“. Während Harry Hallers Einsamkeit durchbrochen wird, beschließt Hermine, in Wollust zu sterben. Sie ist der Ansicht, dass ihre Bestimmung nicht die Glücklichkeit sei und erteilt ihrem Schützling einen letzten Befehl: „Töte mich!“

der steppenwolf

Katharina Halus, Janina Raspe und Sonja Zobel, alle im klassischen schwarzen Frack, schlüpfen abwechselnd in die Rolle des Steppenwolfs und verdeutlichen überzeugend seine Orientierungslosigkeit und Zerrissenheit, seine „Wut auf dies abgetönte, flache, normierte und sterilisierte Leben“. Die Vertreter des bürgerlichen Lebens werden durch filigrane Papierpuppen dargestellt, denen jegliche Stabilität fehlt.

der steppenwolf

Da der Fokus auf der ausdrucksstarken Sprache Hermann Hesses liegt, ist die Bühne (Hannah Landes) eher schlicht gehalten. Der Eingang in das Magische Theater ist nur angedeutet und bleibt verschlossen. Zum Finale wird das Publikum jedoch gebeten, den Schauspielerinnen ins Freie zu folgen, um dort etwas wirklich „Magisches“ zu erleben.

der steppenwolf

Der vielschichtige Theaterabend über Orientierungslosigkeit und Sinnsuche wurde von Regisseur Johannes Ender mit drei großartigen Schauspielerinnen in Szene gesetzt und überzeugt mit starken Bildern und biegsamen Papierpuppen.

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„Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse. Bühnenfassung von Joachim Lux. Inszenierung: Johannes Ender, Bühne, Kostüme und Puppenbau: Hannah Landes. Mit: Katharina Halus, Janina Raspe, Sonja Zobel und Josef Vesely als Mozart. Vom Tonband die Stimmen von: Marco Dott, Eva Christine Just, Axel Meinhardt, Tim Oberließen und Christoph Wieschke. Fotos: © Anna-Maria Löffelberger


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„Waisen“ – Wie weit darf Loyalität gehen?

Michael Kolnberger inszeniert in der ARGEkultur Salzburg das 2009 erschienene Erfolgsstück des britischen Autors Dennis Kelly. Der packende Psychothriller fesselte das Premierenpublikum am 13. September 2018 bis zum grausamen Finale.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Helen und ihr Ehemann Danny sind überglücklich, denn sie erwarten ihr zweites Kind. Da taucht Helens Bruder Liam mit blutverschmiertem T-Shirt bei ihnen auf und berichtet von einem Überfall in der Nachbarschaft. Eigentlich hätte er dem Opfer nur helfen wollen, doch als Vorbestrafter wollte er sich keine Schwierigkeiten einhandeln, nicht unnötig die Aufmerksamkeit auf sich lenken, und so habe er den Verletzten im Stich gelassen. Dass Danny sich auf die Seite von Recht und Ordnung stellt und die Polizei verständigen will, gefällt den Geschwistern gar nicht.

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Als Liam den Vorfall auf der Straße genauer zu schildern versucht, wird er zunehmend nervöser und verstrickt sich mehr und mehr in Widersprüche. Nach wie vor sieht sich Danny moralisch verpflichtet, sich um den Verletzten zu kümmern, doch Helen stellt sich schützend vor ihren Bruder, für den sie sich seit dem Tode der Eltern verantwortlich fühlt. Wird auch Danny bereit sein, seinen Schwager, dessen Geschichte immer dubioser und unglaubwürdig klingt, zu decken?

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Arthur Zgubic hat im Studio der ARGEkultur einen erhöhten Catwalk aufgebaut, der nach und nach in Schieflage gerät, denn die Auseinandersetzungen werden immer emotionsgeladener und aggressiver. Wolfgang Kandler überzeugt als Pechvogel Liam, der ständig Probleme mit dem Gesetz hat. Wirkt er anfangs eher tollpatschig, fast bemitleidenswert, so wird schon bald seine Gewaltbereitschaft sichtbar, und er erscheint zunehmend unberechenbar und jähzornig. Auch Maximilian Pfnür macht als Danny eine Wandlung durch, denn um den Familienfrieden nicht zu gefährden, wird er vom naiven Moralapostel schließlich selbst zum Täter. Marena Weller kämpft verbissen für ihren Bruder und setzt dabei ihre Ehe und ihre Schwangerschaft aufs Spiel.

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Regisseur Michael Kolnberger und das theater direkt präsentieren dem Publikum einen unbequemen, doch absolut sehenswerten Theaterabend, der aufzeigt, wie schnell unsere moralischen Grundwerte korrumpiert werden können.

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„Waisen“ von Dennis Kelly. Eine Produktion von theater direkt in Koveranstaltung mit der ARGEkultur Salzburg. Dramaturgie und Inszenierung: Michael Kolnberger. Raum und Kostüme: Arthur Zgubic. Mit: Marena Weller, Max Pfnür und Wolfgang Kandler. Fotos: ARGEkultur/  Piet Six


Caligula - Salzburger Landestheater

„Caligula“ und seine Sehnsucht nach dem Amoralischen

Mit Albert Camus‘ Drama über den grausamen und machtgierigen römischen Kaiser Caligula (12 – 41 n.Chr.) wurde am 2. September 2018 die neue Spielzeit am Salzburger Landestheater eröffnet. In der Titelrolle stellt Ben Becker seine Qualitäten als Bösewicht-Darsteller eindrucksvoll unter Beweis.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der Tod seiner Schwester und Geliebten Drusilla setzt dem jungen Kaiser, der eigentlich wegen seiner Sanftmut geschätzt und geliebt wird, schwer zu. Anfangs verfällt er in Melancholie und wünscht sich den Mond, doch dann wird ihm klar: „Die Menschen sterben, und sie sind nicht glücklich“. Diese Erkenntnis setzt ihm schwer zu und so beschließt er, ein Reich zu schaffen, in dem das Unmögliche herrscht. Er will alle Werte umkehren und seine Freiheit und Macht mit einem Fest des Todes und der Tyrannei feiern. Er wird zum Monster und niemand ist vor seiner Grausamkeit sicher, sein „Herz ist eine Folterkammer von Hass“. Nichts kann ihn zufriedenstellen, resigniert stellt er fest: „Die Lebenden helfen nicht gegen die Einsamkeit, nur unter meinen Toten fühl ich mich wohl.“ Geschult in Unterwerfung verbiegen sich seine Ratgeber und Freunde ganz nach den jeweiligen Wünschen ihres Herrschers. Doch endlos ist die Geduld der Gequälten nicht, sie wetzen heimlich die Messer.

Caligula - Salzburger Landestheater

Kaiser Caligula irrt im weißen Hermelinmantel (Bühne und Kostüme: Eva Musil) durch den menschenleeren nächtlichen Mirabellgarten, den Phillip Hohenwarter auf die Bühne projizieren lässt, und sehnt sich nach dem Mond. Seine Freunde verstehen diesen Aufstand um den Tod einer Frau nicht. Der Verlust wird jedoch schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen, denn der Kaiser kehrt völlig verändert zurück und wird zum „Wahnsinnigsten aller Tyrannen“. Ben Becker verkörpert diese Rolle intensiv und extrem glaubhaft.

Der Dichter und Mann der Gefühle Scipio (Tim Oberließen) und der Mann des Geldes Patricius (Christoph Wieschke) sind seinen Launen hilflos ausgeliefert. Auch die Geliebte Caesonia (Nikola Rudle) und die Sklavin Helicon (Elisa Afie Agbaglah) haben gegen die Macht- und Gewaltallüren ihres Herrschers, der ihnen kaum Luft zum Atmen lässt, keine Chance. Caligula macht sie alle lächerlich, auch wenn ihm bewusst ist, dass er so seine eigene Ermordung heraufbeschwört.

Caligula - Salzburger Landestheater

Der Autor und Dramaturg John von Düffel hat die hoch konzentrierte Textfassung erstellt und führt gemeinsam mit Marike Moiteaux Regie. Der völlige Verzicht auf Gewaltszenen und Blut nehmen den Grausamkeiten Caligulas nichts von ihrer Wirkung. Die schwarze, verspiegelte Bühne und ein Wasserbecken bieten ausreichend Platz für Reflexionen.

Camus sieht sein Drama als „Tragödie der Erkenntnis“, hat er doch das Werk unter dem Eindruck Hitlers umgeschrieben und verschärft. Die Figur des völlig amoralischen Kaisers Caligula spiegelt die Auswirkungen totalitärer Systeme. Die Frage „Wie konnte das geschehen?“ wird das Publikum sicherlich noch einige Zeit beschäftigen.

Caligula - Salzburger Landestheater

„Caligula“ von Albert Camus. Inszenierung: John von Düffel und Marike Moiteaux. Bühne und Kostüme: Eva Musil. Musik und Video: Phillip Hohenwarter. Mit: Ben Becker, Nikola Rudle, Tim Oberließen, Elisa Afie Agbaglah, Christoph Wieschke. Fotos: SLT/ © Anna-Maria Löffelberger, Christina Baumann-Canaval


Les Miserables, Schlossbergspiele Mattsee 2018, Freie Bühne Salzburg

„Les Miserables“ – Schlossbergspiele Mattsee 2018

Auf der romantischen Freiluftbühne am Schlossberg in Mattsee fand am 2. August die Premiere der Theaterfassung von Victor Hugos weltberühmtem Roman (1862) über das tragische Schicksal des Ex-Sträflings Jean Valjean statt. Der Wettergott hatte Mitleid mit dem Publikum und „Den Elenden“ auf der Bühne und so stand nach einer kurzen, nassen Unterbrechung dem spektakulären Finale auf der in Windeseile trockengefegten Naturbühne nichts mehr im Wege.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Weil er aus Hunger einen Laib Brot gestohlen hat, landet Jean Valjean im Gefängnis, das er nach mehreren Fluchtversuchen erst nach 19 Jahren als gebrochener Mann verlassen kann. Ein Bischof nimmt ihn bei sich auf, doch er bestiehlt ihn und schlägt ihn kaltblütig nieder. Der gutmütige Seelsorger verzeiht ihm jedoch und nimmt ihm das Versprechen ab, ein besserer Mensch zu werden. Valjean kommt unter dem Namen Monsieur Madeleine schließlich zu Reichtum und Ansehen und wird der für seine Wohltätigkeit geschätzte Bürgermeister einer Kleinstadt. Die Vergangenheit holt ihn jedoch in Gestalt des gnadenlosen Polizeibeamten Javert ein, der in dem ehrenwerten Bürgermeister den ehemaligen Häftling erkennt. Valjean flüchtet mit Cosette, der kleinen Tochter einer in Not geratenen und schließlich in seinen Armen verstorbenen Fabrikarbeiterin, nach Paris. Javert kennt jedoch keine Gnade. Er bleibt ihm ständig auf den Fersen, bis es schließlich bei einer Straßenrevolution in Paris zum endgültig letzten Zusammentreffen der beiden kommt.

Les Miserables, Schlossbergspiele Mattsee 2018, Freie Bühne Salzburg

Bálint Walter beweist als Jean Valjean große Wandlungsfähigkeit. Zu Beginn steht er noch als zerlumpter Sträfling auf der Bühne und erzählt die Geschichte seines verpfuschten Lebens, das durch die Güte eines Bischofs eine positive Wendung erfährt. Er nutzt diese Chance und so hilft er in der nächsten Szene bereits als ehrbarer Bürgermeister der armen, kranken Fantine (Lilian Schaubensteiner) und verspricht ihr, sich um ihre Tochter Cosette zu kümmern. Durch die Verbissenheit von Inspektor Javert (furchterregend Hans-Jürgen Bertram), der ihn unbarmherzig verfolgt und ständig zur Flucht zwingt, wird er schließlich zu einem verbitterten alten Mann, der kein Verständnis für die große Liebe von Cosette (reizend Melanie Arnezeder) zu dem jungen Studenten Marius (Felix Lichtmannegger) aufbringt. Nach der Pause werden Barrikaden aufgestellt und die aufständischen Republikaner, unter ihnen auch der habgierige Gastwirt Thénardier mit seiner fiesen Gemahlin (Johannes Konrad und Sylvia Rohr), warten auf die große Schlacht, in der schließlich der Pariser Gassenjunge Gavroche (Alphons Lechenauer) einen „heldenhaften“ Tod findet.

Les Miserables, Schlossbergspiele Mattsee 2018, Freie Bühne Salzburg

Die bildgewaltige Inszenierung von Helmut Vitzthum lässt das Publikum eintauchen in die französische Gesellschaft von der Zeit Napoleons bis zu der des Bürgerkönigs Louis Philippe. Die prachtvollen historischen Kostüme der Oberschicht und die malerisch zerrissenen Fetzen der Unterschicht (eine Leihgabe des Salzburger Landestheaters) kommen auf der urigen Naturbühne besonders gut zur Geltung. Eine berührende Aufführung mit großartigen Schauspielern, der man nur möglichst viele laue Sommerabende wünschen kann, obwohl heuer bei Schlechtwetter der edle Diabellisaal als Ausweichquartier zur Verfügung steht.

Les Miserables, Schlossbergspiele Mattsee 2018, Freie Bühne Salzburg

„Les Miserables“ von Victor Hugo – Schlossbergspiele Mattsee 2018. Regie: Helmut Vitzthum. Regieassistenz: Gaby Rindberger. Kostüme: Landestheater Salzburg. Technik: Roland Lederer. Maske: Elisabeth Dehmel. Mit: Bálint Walter, Hans-Jürgen Bertram, Lilian Schaubensteiner, Melanie Arnezeder, Felix Lichtmannegger, Johannes Konrad, Sylvia Rohr, Stefanie-Elisabeth Herzgsell, Ilvy Rohr, Konstantin Beck-Mannagetta, Maximilian Ziedek, Christian Zink, Bernd Hofrichter, Marianne Lesch, Alphons Lechenauer, Hannah Handlechner, Francisca Leimgruber. Fotos: 2018 Christoph Strom 2018 Freie Bühne Salzburg

 


salzburger strassentheater

„König der Herzen“ – Very British!

Das Straßentheater der Salzburger Kulturvereinigung ist heuer mit einer Politkomödie des populären britischen Satirikers Alistair Beaton in Stadt und Land Salzburg unterwegs. Der bissige, humorvolle Blick ins Zentrum politischer Macht wurde vom künstlerischen Leiter Georg Clementi gewohnt schwungvoll in Szene gesetzt und unterhielt am 27.7. 2018 in Hallwang Jung und Alt bestens.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Auch heuer zahlt es sich wieder aus, etwas früher zur Vorstellung zu erscheinen. Nicht nur der Aufbau der Bühne wird so zum Erlebnis auch zwei martialisch aussehende, Handtaschen kontrollierende Sicherheitsbeamten sorgen für Heiterkeit beim Publikum. Sicherheit geht eben vor, schließlich befinden wir uns im Garten des königlichen Jagdschlosses. Der König ringt nach einem Unfall mit dem Tode, die lebenserhaltenden Geräte sollen am Nachmittag abgeschaltet werden. Premierminister und Oppositionsführerin sind bereits dabei, die Nachfolge zu regeln. Wie gut, dass es den patenten Prinz Richard gibt, denn mit dessen jüngeren Bruder Prinz Arthur, einem trinkfreudigen Rassisten und Faschisten, gäbe es wohl ernsthafte Probleme.

Dem Geheimdienst ist jedoch entgangen, dass der junge Thronfolger eine neue Freundin hat, die junge, hübsche, gebildete Nasreen, eine Muslima. Der Prinz ist fest entschlossen, die junge Frau zu ehelichen und zur Königin zu machen. Er erwägt sogar, zum Islam zu konvertieren. Premierminister, Oppositionsführerin und der Erzbischof von Canterbury sind sich einig: Diese Verbindung muss unter allen Umständen verhindert werden.

Mit dem Auftauchen von Prinz Richards Freundin hat wohl niemand gerechnet und so wird Nasreen auch gleich beim Betreten des Jagdschlosses vom übereiligen Geheimdienstchef (Alex Linse) verhaftet. Eigentlich gäben ja der sanfte Richard (Thomas Pfertner) und die hübsche Nasreen (Larissa Enzi) ein reizendes Paar ab. Bei einer Eheschließung käme es jedoch unweigerlich zu einem Kampf der Kulturen. Der Premierminister (Georg Clementi) findet Multikulti zwar ganz schön, aber nur, wenn es nach seinen Spielregeln geht. Die Oppositionsführerin (Christiane Warnecke) hingegen versucht trickreich, die Situation zu ihren Gunsten zu nutzen. Ihr schwebt eine „Partei der Toleranz und Liebe“ vor, mit der wohl die nächste Wahl zu gewinnen sein könnte. Die unsauberen Tricks und abstrusen Ideen, mit denen  nun versucht wird, den wohl größten Skandal in der Geschichte des britischen Königshauses abzuwenden, lassen schaudern. Während die emsigen Referenten des Premierministers (Anja Clementi und Max Pfnür) ständig am Handy hängend hektisch über die Bühne hasten und bereits das Begräbnis des Königs vorbereiten, gibt sich der Erzbischof von Canterbury (Olaf Salzer) gelassen. Wirklich Sorgen um den sterbenden Vater macht sich wohl nur der junge, wilde Prinz Arthur (Paul Clementi).

Georg Clementi hat Alistair Beatons satirische Komödie, in der mit viel schwarzem Humor karrieregeile Politiker bloßgestellt und ihre unsauberen Machenschaften und Praktiken aufgedeckt werden, mit einem großartigen Ensemble turbulent und rasant in Szene gesetzt. Auch wenn die Kinder im Publikum die politischen Seitenhiebe sicher nicht verstanden haben, zeigten sie sich doch von „der vielen Action“ und der Nähe zu Schauspielerinnen und Schauspielern total begeistert.

„König der Herzen“ – Eine Politkomödie von Alistair Beaton. Inszenierung: Georg Clementi. Ausstattung: Alex Linse, Andrea Linse, Harald Schöllbauer. Bühnenbau: Harald Schöllbauer. Arrangements und musikalische Leitung: Marc Seitz. Mit: Georg Clementi, Christiane Warnecke, Anja Clementi, Olaf Salzer, Michael Nowack, Alex Linse, Max Pfnür, Thomas Pfertner, Paul Clementi, Larissa Enzi. Fotos: Wolfgang Lienbacher/ Sbg. Straßentheater

 


A MIDSUMMER NIGHT´S DREAM

„A Midsummer Night’s Dream“ – im magischen Zauberwald

Das Department für Oper und Musiktheater der Universität Mozarteum begeisterte mit seiner Abschlussproduktion des Studienjahres 2017/2018, Benjamin Brittens fantastischer dreiaktiger Oper, die auf der gleichnamigen Komödie von William Shakespeare basiert, das Publikum im drei Mal restlos ausverkauften Großen Studio.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Amüsiert beobachten im Feenreich die kessen Elfen und der muntere Puck, wie sich das Herrscherpaar um einen hübschen indischen Jüngling streitet. Titania beansprucht den Knaben für sich alleine, doch auch Oberon zeigt starkes Interesse. So schickt er Puck um eine Zauberblume, deren Saft bewirken soll, dass sich Titania in denjenigen verliebt, den sie beim Erwachen als Erstes erblickt – und sei es auch ein „brünstiger Pavian“. An zwei im Wald umherirrenden Athener Liebespärchen werden die magischen Tropfen ausprobiert und führen dank Pucks Ungeschicklichkeit zum totalen Chaos unter den jungen Leuten. In Athen steht die Hochzeit des Königspaares bevor und so proben im Wald auch sechs Handwerker ambitioniert eine beklagenswerte Komödie über den tragischen Tod von Pyramus und Thisbe. Sie bekommen ebenfalls die Intrigen dieser Mittsommernacht zu spüren und so landet ihr Anführer Bottom als stinkender Esel in Titanias Bett. Kaum zu glauben, dass es schließlich doch noch ein Happy End gibt und alle Beteiligten in den Genuss einer bemerkenswerten Aufführung von Pyramus und Thisbe kommen.

A MIDSUMMER NIGHT´S DREAM

Die jungen Bühnenbildnerinnen Charlina Lucas und Amelie Ottmann ersetzen die Bäume des Athener Waldes durch Jahrmarktobjekte und schaffen damit eine „surreale Fake-Welt“, eine verzauberte Atmosphäre, in der die seltsamsten Sachen passieren können. In diesem absurden Jahrmarkt fühlen sich die Elfen sichtlich wohl. Auch ihre glitzernden Kostüme (Egon Stocci) passen hervorragend zu dieser bunten, verrückten Fantasiewelt. Der türkische Countertenor Tolga Siner stolziert auf High Heels wie eine Dragqueen über den saftig grünen Teppich-Waldboden und versucht, sich gegen seine emanzipierte Frau Titania (Karina Benalcazar) durchzusetzen, der eine Schar munterer Elfen zur Seite steht.

A MIDSUMMER NIGHT´S DREAM

Abwechslung in den Feenalltag bringen zwei junge Liebespaare auf der Flucht, die sich ständig in den Haaren liegen. Für Heiterkeit sorgt stets der Auftritt der Handwerker, die sich als Amateurschauspieler versuchen. Bereits die Verteilung der Rollen sorgt für Turbulenzen, doch der Auftritt anlässlich der Hochzeit von Theseus (Clemens Joswig) und Hippolyta (Reba Evans) wird zum Triumph, denn Benjamin Brittens Parodie auf die italienische Oper kommt vor allem beim Publikum hervorragend an.

A MIDSUMMER NIGHT´S DREAM

Das Sinfonieorchester der Universität Mozarteum unter dem sensiblen Dirigat von Kai Röhring bringt Brittens Klangsprache perfekt zur Geltung. Regisseurin Karoline Gruber präsentiert einen fantastischen, märchenhaften, farbenfrohen Opernabend, eine verrückte Sommernacht, in der das junge Ensemble durch Können, Elan und enorme Spielfreude überzeugt. Man darf schon auf die Produktionen im Studienjahr 2018/2019 gespannt sein und sollte sich möglichst frühzeitig um Karten bemühen.

A MIDSUMMER NIGHT´S DREAM

„A Midsummer Night’s Dream“ – Oper in drei Akten von Benjamin Britten. Eine Veranstaltung des Departments für Oper und Musiktheater in Kooperation mit dem Department für Bühnen- und Kostümgestaltung, Film- und Ausstellungsarchitektur, dem Department für Schauspiel/Regie – Thomas Bernhard Institut sowie dem Department für Musikwissenschaft. Musikalische Leitung: Kai Röhrig. Szenische Leitung: Karoline Gruber. Bühne: Charlina Lucas, Amelie Ottmann. Kostüme: Egon Stocchi. Dramaturgie: Ronny Dietrich. Sinfonieorchester der Universität Mozarteum Salzburg. Mit: Tolga Siner, Karina Benalcazar/Marie-Dominique Ryckmanns, Augustin Groz, Clemens Joswig, Reba Evans, Alexander Rewinski, Chi-An Chen, Maria Hegele/Zsofia Mozer, Wendy Krikken/Mariya Taniguchi, Felix Mischitz, Di Guan, Sascha Zarrabi, Max Tavella, Richard Glöckner, Jakob Hoffmann. Fairies: Laura Barthel, Adelheid Caroline Baumgartner, Bettina Meiners, Donata Valerie, Meyer-Kranixfeld, Silvia Moroder, Leonie Stoiber, Reinier Martinez, Georg Hemetsberger. Fotos: Mozarteum Salzburg

 

 


„Der thermale Widerstand“ – gegen den Kapitalismus

Gerda Gratzer inszeniert das 2016 als Auftragswerk für das Schauspielhaus Zürich entstandene Stück des österreichischen Dramatikers Ferdinand Schmalz in der ARGEkultur. Das Ensemble des Theaters der freien Elemente entführt das Publikum in eine Badeanstalt, in der alles den Bach hinunterzugehen droht. Skurrile Szenen und sprachlicher Witz sorgen trotz des ernsten Themas für einen unterhaltsamen Theaterabend.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Die wahren Kurgäste treffen sich früh am Morgen im Schwimmbad und genießen die Ruhe, bevor die lästigen Tagesgäste eintrudeln. Herr Moser kann es nicht fassen, dass Herr Meier ständig auf die Fußdesinfektion vergisst. Frau Brunner leidet unter Magenknurren, das „Unheilfasten“ scheint ihr nicht zu bekommen, und Frau Steiner schwört auf das Wasser von  Quelle 11. Die Bemühungen zur „Optimierung“ der Körper erfordern volle Konzentration. Leider zeigt der gelangweilte Masseur wenig emotionalen Einsatz. Das soll sich ändern, denn die Kurbadleitung will aus dem etwas angestaubten Badebetrieb mit Hilfe eines Investors ein „Tropical Paradise“ machen. Der neue Bademeister im Team sieht jedoch die alte Badeordnung bedroht und den traditionellen Kurbetrieb gefährdet. Er versucht, Innovationen mit allen Mitteln zu verhindern, und geht schließlich sogar in den Untergrund. Die Kurbadleitung greift nun zu radikalen Maßnahmen und flutet das Bad ohne Rücksicht auf das Wohl der Kurgäste. Kollateralschäden werden in Kauf genommen.

Wolfgang Kandler verkörpert den konservativen Bademeister Hannes, dem seine Revolutionsträume zum Verhängnis werden. Jurij Diez steht nicht nur als Kurgast auf der Bühne, er rackert sich auch gekonnt als Masseur ab und erhält dafür verdienten Szenenapplaus. Als Kurverwalterin hat Julia Leckner nichts zu lachen, das Wasser steht ihr wortwörtlich bis zum Hals. Die Avancen des Bademeisters Walter (Peter Malzer) sind ihr auch kein Trost. Domenica Radlmaier genießt als Abgesandte des Investors die Annehmlichkeiten der Kuranstalt und schockt mit ihren Apnoe-Versuchen die Bademeister.

Alois Ellmauer ist es gelungen, mit weißen Handtüchern und ein paar Fliesen eine ideale, fast schweißtreibende Kurbad-Atmosphäre zu schaffen. Der mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnete Autor Ferdinand Schmalz ist für seine metaphernreiche Sprache und skurrilen Wortschöpfungen bekannt. Gekonnt arbeitet er daran, „eine Heftigkeit in der Sprache zu erzeugen“ und erinnert damit an Werner Schwab. Gerda Gratzer hat das gesellschaftskritische Stück mit der nötigen Ironie in Szene gesetzt und so geht das Publikum nach diesem Besuch im Kur-Thermalbad des Ferdinand Schmalz erfrischt und doch nachdenklich nach Hause.

„Der thermale Widerstand“ von Ferdinand Schmalz. Theater der freien Elemente. Regie: Gerda Gratzer. Bühne: Alois Ellmauer. Licht: Gunter Seiser. Layout und Grafik: Alexander Gratzer. Mit: Wolfgang Kandler, Julia Leckner, Peter Malzer, Domenica Radlmaier, Jurij Diez.


shakespeare im park

„Shakespeare im Park: Love Songs“ – Schloss Leopoldskron

Das Salzburger Landestheater lädt zu einem sommerlichen Shakespeare-Spaziergang durch den idyllischen Park von Schloss Leopoldskron. Nach „Lovers and Fools“ (2014 und 2015) und „Queens and Kings“ (2016 und 2017) verzaubert heuer der Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor, unterstützt von vier Opernsolisten, das Publikum mit einem bunten Reigen von Liebesliedern, inspiriert von den Werken des großen Poeten.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Im Innenhof des Meierhofes begrüßt ein edel gewandeter George Humphreys die Gäste und versichert: „All the world’s a stage. Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab.“ Den wunderbaren Klang von Shakespeares Versen noch im Ohr stürmen Kinder auf den Rasen und begeistern mit einem mitreißenden Showtanz zu „Wills wunderbare Worte“, einem Song aus dem Jugendmusical „Shakespeare Rocks!“ von Steve Titford. Unter einem „Blumenbaumstamm“ erwartet uns Raimundas Juzuitis, unterbricht kurz sein Picknick und beglückt uns mit einem Song des britischen Komponisten und Dichters Ivor Gurney. Am Eingang des Waldes schmettert Melanie Maderegger, ein junges, begabtes Chormitglied, Miranda Cosgroves Hit „Do you like Shakespeare?“.

shakespeare im park

Inzwischen haben sich schwarz gekleidete Nachtelfen zu kleinen Gruppen formiert und im Wäldchen aufgestellt, um Sonette von Shakespeare zu rezitieren.

You are so beautiful to me
Ich kann nichts Schön’res sehen als mich
Ich liebe selbst den kleinsten Teil von mir
Verfallen bin ich meinem Angesicht
Und niemand, an den ich mein Herz verlier.
Nichts gleicht mir, nichts hat größ’ren Wert
Kein Körper kann sich mit dem meinen messen
Niemand, den ich im Leben mehr verehrt
Als mich, der alle andern macht vergessen.
Doch zeigt der Spiegel mir mein wahres Ich
Gealtert, grau, voll Falten und verzogen
Wendet sich meine Liebe gegen mich
Der schöne Schein war nur gelogen
Du bist mein Ich, von dem ich alternd sage
Schenk mir die Jugend deiner jungen Tage.

Diesen wunderschönen Text bekam meine 9-jährige Enkeltochter nach dem Vortrag in einem Kuvert überreicht und konnte gar nicht begreifen, wie sie zu dieser Ehre kam.

shakespeare im park

Ein Bächlein, die Schlosswiese und schließlich Max Rheinhardts wild-romantisches Gartentheater sind die nächsten Stationen. Hier werden wir mit flotten Musical-Songs, einem witzig-spritzigen Hamlet-Rap und einem romantischen Schubert-Lied überrascht. Am Ausgang des Waldes glänzt zum großen Finale der Tenor Gürkan Gider mit einer Arie aus Giuseppe Verdis „Macbeth“. Nach einem Epilog wurde bei der Premiere am 7. Juni 2018 der zehnte Geburtstag des von Wolfgang Götz im Jahr 2008 gegründeten Salzburger Festspiele und Theater Kinderchors, der an diesem Abend sein gesangliches, schauspielerisches und tänzerisches Können unter Beweis stellen durfte, gebührend gefeiert.

shakespeare im park

Das von Wolfgang Götz und Carl Philip von Maldeghem in Szene gesetzte Stationentheater begeistert durch eine Mischung aus Professionalität und jugendlicher Frische. Die phantastischen Kostüme (Alois Dollhäubl), die schwungvollen Choreographien (Josef Vesely und Kate Watson) und das traumhaft-romantische Ambiente des Schlossgartens sind ein Garant für ein sommerliches Theatervergnügen. Wer für die Juni-Termine (15. und 16.) keine Karten mehr bekommt, hat im August noch eine Chance. Es lohnt sich auf alle Fälle.

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„Shakespeare im Park: Love Songs“ – eine szenische Collage von Wolfgang Götz und Carl Philip von Maldeghem. Musikalische Leitung: Wolfgang Götz. Inszenierung: Carl Philip von Maldeghem. Choreographie: Josef Vesely, Kate Watson. Kostüme: Alois Dollhäubl. Mit: Tamara Ivaniš, Gürkan Gider, George Humphreys, Raimundas Juzuitis und dem Salzburger Festspiele und Theater Kinderchor. Fotos: © Christina Baumann

 

 


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Abwechslungsreicher Auftakt der Sommerszene

Mit der sinnlich- erotischen Performance „to come (extended)“ eröffnete die gefeierte dänische Choreografin Mette Ingvartsen am 5. Juni im republic die Sommerszene 2018. Tags darauf folgte mit „Stranger Home“ ein interaktives Stadterfahrungsspiel des Performancekollektivs gold extra.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Mette Ingvartsen mit „to come (extended)“

Fünfzehn Tänzerinnen und Tänzer in türkisfärbigen Ganzkörperanzügen räkeln sich auf der strahlend weißen Bühne. Die völlig verhüllten Körper wechseln ständig ihre Posen, bilden Skulpturen, welche die vielseitigen Möglichkeiten lustspendender Sexualpraktiken aufzeigen. Die androgyn wirkenden Körper wechseln geräuschlos von einem Partner zum nächsten, von einer Gruppe zur nächsten, schmiegen sich aneinander und wiegen sich in wechselndem Tempo lasziv vor und zurück.

Für den zweiten Teil der Performance entledigen sich die Künstler ihrer Anzüge, schlüpfen in Turnschuhe und holen die bisher unterdrückten Emotionen nach. Sie stöhnen und hecheln und simulieren kollektive Orgasmen, bevor sie sich in eine FKK-Disco stürzen, um dort gutgelaunt und energiegeladen Lindy Hop zu tanzen. Der Funke springt über und das Publikum bedankt sich mit reichlich Applaus für eine denkwürdige, kontrastreiche Performance.

„to come (extended)” – Mette Ingvartsen. Konzept & Choreographie: Mette Ingvartsen. Mit: Johanna Chemnitz, Katja Dreyer, Bruno Freire, Bambam Frost, Ghyslaine Gau, Elias Girod, Gemma Higginbotham, Dolores Hulan, Jacob Ingram-Dodd, Anni Koskinen, Olivier Muller, Calixto Neto, Danny Neyman, Norbert Pape & Hagar Tenenbaum. Ersatz: Alberto Franceschini, Maia Maens & Manon Santkin. Fotos: siommerszene | Jens Sethzman

gold extra mit „Stranger Home“

Vor dem  Zentrum im Berg  wurden 16 Personen von zwei munteren Stewardessen willkommen geheißen. Nach Check-in und Einteilung in Zweiergruppen ging es weiter Richtung Reisebus, wir hatten ja schließlich alle eine Stranger- Home-Tour gebucht und diese „Reise ins Ungewisse“ versprach schon jetzt, richtig heiter zu werden. Dank der verhängten Fenster konnten wir uns voll auf die Informationen von Hella aus Hamburg (Dorit Ehlers) und Renate aus Nürnberg (Martina Dähne) konzentrieren, die uns spektakuläre Einblicke in die Mozartstadt versprachen. Wir sollten feine, gefährliche, mysteriöse, dramatische und idyllische Orte kennenlernen, uns dort in einem Lichtkreis versammeln und dann innerhalb von 40 Sekunden auf einer Stadtkarte den vermuteten Standpunkt möglichst genau zu markieren.

Sommerszene 2018gold extra- Stranger Home -

Sommerszene 2018gold extra- Stranger Home -

Um unterwegs nur ja keine Langeweile aufkommen zu lassen, wurden wir mit einem überaus informativen Quiz beglückt, dessen Regeln etwas dubios waren. Bald begriffen die Reisenden jedoch, dass es Spiele gibt, die man einfach nicht gewinnen kann, auch wenn ständig versichert wurde: „Punkte sind das Einzige, was zählt.“ Man will ja nicht zu viel verraten, doch als Sieger ging das Team hervor, das am meisten von der Fahrt profitiert, sprich dazugelernt hatte. Wie das wohl überprüft wurde? Im Rahmen einer stimmungsvollen Siegesfeier auf einem Fußballfeld wurden die entsprechenden Urkunden übergeben und der Heimreise stand nichts mehr im Wege. Dass diese „Busfahrt ohne Aussicht“ ein ganz besonderes Erlebnis verspricht, dürfte sich herumgesprochen haben, denn die Termine sind bereits alle ausgebucht.

„Stranger Home“ – gold extra. Projektleitung: Tobias Hammerle. Team: Reinhold Bidner, Georgi Kostov, Andreas Leitner, Sonja Prlić & Karl Zechenter. Reiseführerinnen: Martina Dähne & Dorit Ehlers. Mitarbeiter: Severin Weiser, Christoph Galette, Victor Navas, Nabila Irshaid, Amira Willen, Gerlinde Zechenter uvm. Fotos: sommer szene | gold extra

 


Döner zweier Herren

„Döner zweier Herren“ – Hunger integriert

Eine komödiantische Neufassung von Carlo Goldonis „Der Diener zweier Herren“, einem Klassiker der Commedia dell’arte, kam am 3. Juni 2018 im Salzburger Heckentheater zur Österreichischen Erstaufführung. John von Düffel versetzt die Geschichte, in der es um Liebe, Geld und Gier geht, in das abgewirtschaftete Hotel des Herrn Gundolf.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Ursprünglich sollte das liebestolle Töchterchen des windigen Gastronomen den Mafiosi Federico Rasponi heiraten. Als dieser jedoch bei einer Messerstecherei ums Leben kommt, tröstet sich Rosi schnell mit Siegfried, dem Sohn eines Winkeladvokaten. Während die beiden Herren noch um die Mitgift feilschen, erscheint der türkische Diener Kemal und verkündet die Ankunft seines Herrn, des totgeglaubten Federico. Das kommt allen ziemlich ungelegen, denn der Wirt sieht enorme Kosten auf sich zukommen, der Advokat will seinem Sohn keine zweite Wahl zumuten und Rosi will ihren Siegfried auf gar keinen Fall mehr hergeben, hat er sich doch als bewundernswert ausdauernder Liebhaber ausgezeichnet.

Döner zweier Herren

Als im selben Hotel auch noch Federicos angeblicher Mörder Florian Müller auftaucht, der sich als schwedischer Pornofilmproduzent namens Stock Holm ausgibt, wird die Sache noch komplizierter. Denn Kemal bewirbt sich auch bei ihm als Diener, hofft er doch, endlich seinen Hunger stillen zu können. Wenn er nun den Auftrag erhält, „seinem Herrn“ etwas auszurichten oder zu überbringen, sind Irrtümer nicht ausgeschlossen und so läuft ständig etwas schief. Nur mit einer Mischung aus Schlitzohrigkeit und Naivität schafft er es, sich aus heiklen Situationen herauszuwinden. Seine Virtuosität im Erfinden von Ausreden hilft ihm jedoch in Liebesdingen nicht weiter, denn beim Anblick der entzückenden Blondina fehlen ihm plötzlich die richtigen Worte.

Döner zweier Herren

Gundolf (Axel Meinhardt), der alte Lustgreis, kann die Hände nicht von seiner hübschen türkischen Angestellten (Nicola Rudle) lassen. Der besserwisserische Doktor Lombard (Walter Sachers) prahlt als alter Burschenschafter ständig mit seinen Lateinkenntnissen. Die Kinder der beiden fallen nicht weit vom Stamm: Rosi (Genia Maria Karasek) zeigt nymphomanische Züge und Siegfried (Tim Oberließen) greift gerne zum Säbel seines Vaters. Florian Müller (Marco Dott), genannt „Der Stecher“, befindet sich auf der Flucht, glaubt er doch, den Bruder seiner geliebten Beatrice (Christiane Warnecke) ermordet zu haben. Was für ein Glück, als er sie im Hotel in Männerkleidung wiederfindet.

Döner zweier Herren

All diese eigenwilligen Charaktere sind typisch für die klassische Commedia dell’arte und funktionieren auch in dieser modernen Version hervorragend. Die weiß geschminkten Gesichter mit den neckischen roten Bäckchen betonen noch das Komödiantische des heiteren Verwirrspieles. Grandios in Mimik und Gestik Gregor Schleuning als bauernschlauer, liebenswürdiger Tollpatsch, der Döner/Diener zweier Herren, der im Spaß wirklich nicht auf den Mund gefallen, doch in Liebesdingen äußerst schüchtern ist.

Döner zweier Herren

Vier weiße, verschiebbare Türen auf Rollen führen angeblich in eine Küche, die Hochzeitssuite, ein Gästezimmer und ein Büro und bieten Rückzugsmöglichkeiten, nicht nur für die liebestolle Rosi (Bühne und Kostüme: Katja Schindowski). Als Spezialist für physical theatre und lebendige Commedia dell’arte begeisterte Regisseur Michael Moritz mit dieser spritzigen, witzigen und mit viel Slapstick gewürzten Komödie das Premierenpublikum im barocken Ambiente des Heckentheaters im Mirabellgarten.

Döner zweier Herren

„Döner zweier Herren“ (Hunger integriert) – John von Düffel frei nach Carlo Goldoni. Österreichische Erstaufführung: Inszenierung und Musik: Michael Moritz. Bühne und Kostüme: Katja Schindowski. Mit: Axel Meinhardt, Genia Maria Karasek, Walter Sachers, Tim Oberließen, Nikola Rudle, Christiane Warnecke, Marco Dott, Tim Oberließen. Fotos: SLT/ © Anna-Maria Löffelberger


„Nächte im Moulin Rouge“ – eine szenische Collage

„Nächte im Moulin Rouge“ – eine szenische Collage

Zu Saisonende entführt Robert Pienz das Publikum ins legendäre Etablissement Moulin Rouge am Montmartre. Eine spritzige, farbenprächtige Revue umrahmt Skizzen aus dem Leben zweier außergewöhnlicher Menschen, des Malers Henri de Toulouse-Lautrec und seiner Muse Jane Avril. Beste Stimmung im Schauspielhaus Salzburg bei der Premiere am 17. Mai 2018.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler, Dorfzeitung.com

Den Maler und seine Muse verbindet eine äußerst problematische, wenn auch sehr konträre Kindheit. Henri de Toulouse-Lautrec stammt aus der französischen Hocharistokratie und wird mit 13 Jahren zum Krüppel, da er sich beide Beine bricht und diese auf Grund eines inzestbedingten Gendefektes nicht mehr weiterwachsen. Er wird zu einem Mann mit Kinderbeinen, zu einem „hässlichen Zwerg“, und ist davon überzeugt, dass ihn nie eine Frau wirklich lieben werde. Er zieht nach Paris, um Maler zu werden, und wird dort Stammgast im Moulin Rouge. Unmengen von Cognac sollen ihm helfen, seine Schmerzen zu betäuben und seine Einsamkeit und Hässlichkeit zu vergessen. Er zeichnet die berühmten Pariser Tänzerinnen des skandalösen Cancan, La Goulue und Jane Avril, und erlangt durch seine  Plakate für diverse Etablissements schnell Berühmtheit.

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Auch Jane Avrils Kindheit und Jugend ist schwer belastet. Ihr Vater, der italienische Marchese Luigi de Font, verließ die Familie und so musste die Mutter als Prostituierte für den Unterhalt ihres Kindes sorgen. Sie schlägt und quält ihre Tochter und will sie schon in jungen Jahren ebenfalls auf die Straße schicken. Avril landet schließlich im Nervenkrankenhaus Hôpital de la Salpêtrière, wo Pflegerinnen ihr tänzerisches Talent entdecken. Wie ihre Vorgängerin im Moulin Rouge, La Goulue, ist Jane Avril erst etwa sechzehn Jahre alt, als sie ihre Karriere startet.

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Im ersten Teil sorgen ein Chansonnier (Eric Lebeau), eine Schlangenfrau (großartig Jasmin Rituper) und gut gelaunte Cancan-Tänzerinnen für Varieté-Stimmung. Dank Isabel Grafs Drehbühne lassen sich Szenen aus der Kindheit der Protagonisten gut einbauen. So reitet etwa der kleine Henri (Simon Jaritz) mit seinem gestrengen Vater (Olaf Salzer) auf einem (Holz)Pferd durch die Gegend, bevor er wenig später kränkelnd in einem Sanatorium landet, liebevoll gepflegt von seiner Mutter (Ulrike Arp). Avril (Kristina Kahlert) hingegen wird von ihrer herrischen Mutter (Susanne Wende) so gequält, dass sie schließlich in einer Nervenheilanstalt landet.

Auf die Avancen der vielen brotlosen Künstler, Intellektuellen und Lebemänner, die das Moulin Rouge bevölkern, fällt sie immer wieder herein, die große Liebe findet sie dort nicht. Nach der Pause befindet sich Henri bereits im Delirium. Kaleidoskopartig ziehen Szenen aus seiner Vergangenheit an ihm vorbei, er bleibt jedoch nur Gast seiner eigenen Erinnerungen. Der Alkohol, der früher viel wettgemacht hat, hilft nun nicht mehr. Avril kommt 19 Jahre nach Henris Tod noch einmal zu Wort. Sie weiß, dass er sie zwar nicht schmeichelhaft gemalt hat, doch bewundert sie ihn, weil es ihm gelungen ist, ihre Seele einzufangen.

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Pierre La Mures Roman „Moulin Rouge“ wurde von Alina Spachidis für die Bühne bearbeitet und von Robert Pienz als farbenprächtige Revue mit frivolen Tänzerinnen, einer großartigen Artistin, einem wunderbaren Chansonnier und vielen schrägen Besuchern und Gästen des Etablissements am Montmartre in Szene gesetzt. Wer eintauchen möchte in die dekadente, Zeit des Fin de Siècle, die prunkvollen Jahre der Belle Époche, sollte sich die „Nächte im Moulin Rouge“ im Schauspielhaus Salzburg nicht entgehen lassen.

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„Nächte im Moulin Rouge“ Skizzen aus den Leben Henri de Toulouse-Lautrecs und Jane Avrils. Uraufführung nach dem Roman „Moulin Rouge“ von Pierre La Mure. Regie: Robert Pienz. Theaterfassung: Alina Spachidis. Bühne: Isabel Graf. Kostüme: Elke Gattinger. Musik: Fabio Buccafusco. Gesang: Eric Lebeau. Mit: Simon Jaritz, Ulrike Arp, Olaf Salzer, Kristina Kahlert, Susanne Wende, Antony Connor, Frederic Soltow, Marcus Marotte, Eric Lebeau, Jasmin Rituper, Corinna Bauer, Sophia Fischbacher. Fotos: Jan Friese/ Schauspielhaus