dorfzeitung _quer
Ritter Kamenbert

30 Jahre nach der Uraufführung an der Salzburger Elisabethbühne begeistert das schmissige Kindermusical von Peter Blaikner, Cosi M. Goehlert und Ernst Wolfsgruber im nunmehrigen Schauspielhaus Salzburg wiederum ganze Familien. Peter Blaikners Sohn, Ben Pascal, Kritiker der ersten Stunde, kennt den tollpatschigen Käseritter besonders gut und darf nun als Regisseur seine eigenen Ideen einbringen. Ein durchschlagender Erfolg ist garantiert.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Der König von Gorgónzola weiß immer genau, wo er seinen missratenen Sohn finden kann, denn Kamenbert treibt sich nur allzu gerne in der königlichen Speisekammer herum, um Käse zu naschen. Als er seinen „käsesüchtigen Milchbuben“, der absolut nicht kämpfen will, wieder einmal dort erwischt, droht er, ihn zu enterben. Er gibt ihm jedoch noch eine allerletzte Chance. Kamenbert soll ihm das Zauberschwert Romadur besorgen. Dem Waffenschmied, Meister Alberich, fehlt jedoch noch eine magische Zutat für das Zauberschwert: der Drachenkäse. So macht sich Kamenbert auf den Weg zur Drachenhöhle. Zum Glück trifft er im Wald auf die furchtlose, unternehmungslustige Karoline, die ihn nur allzu gerne auf dieser gefährlichen Mission begleitet.

Die Studierenden der hauseigenen Schauspielschule sind diesmal ganz unter sich und überzeugen mit Spielfreude, Temperament, Musikalität und schauspielerischem Können. Lukas Koller gibt den liebenswerten, etwas tollpatschigen Käseritter und Julia Rajsp die unternehmungslustige Karoline. Marco Vlatcovis poltert und humpelt als gestrenger König von Gorgónzola über die Bühne, als Drachenonkel ist aber nur seine raue Stimme zu hören.

Die drei streitbaren Käsedamen (Bianca Farthofer, Lena Steinhuber und Helena May Heber) sind auch als entzückende Drachenkinder zu bewundern, die ständig tanzen und singen und ihren Onkel Draki um den Finger wickeln. Julian Dorner schmiedet als kraftstrotzender Alberich das sagenhafte Zauberschwert. Der Auftritt der zwei Straßenräuber ist stets ein Garant für Heiterkeit, denn Klops (Raphael Steiner) vereitelt als „fleischgewordene Dummheit“ stets die „genialischen“ Ideen seines Kompagnon Quargel (Corinna Bauer). Die schmerzhaften Attacken eines Pferdes mit Tarnkappe auf die beiden Schurken kommen bei den Kindern besonders gut an.

Hellbraune Pappe dominiert das
Bühnenbild (Ausstattung: Agnes Hamvas). Die riesengroße
Käseschachtel weist wie ein Emmentaler viele Löcher auf und die
werden als Fenster und Türen genutzt. Lichteffekte unterstützen die
Phantasie, wenn Prinz Kamenbert und seine Karoline durch den
furchterregenden, dunklen Wald gehen.

Die witzigen Texte, die passende, mitreißende Musik und die spannende Story halten nicht nur das junge Publikum 90 Minuten bei Laune. Das „Schubidu“- Schlusslied ist ein absoluter Ohrwurm, den man auf dem Heimweg nicht mehr aus dem Kopf kriegt. Kein Wunder also, dass der „Ritter Kamenbert“ ein Kindermusical-Klassiker geworden ist.

Ritter Kamenbert“ von Peter Blaikner, Cosi M. Goehlert und Ernst Wolfsgruber. Regie: Ben Pascal. Ausstattung: Agnes Hamvas. Musikalische Einstudierung: Johanna Buchmayer.Mit: Corinna Bauer, Julian Dorner, Bianca Farthofer, Helena May Heber, Lukas Koller, Julia Rajsp, Raphael Steiner, Lena Steinhuber, Marko Vlatcovic. Fotos: Jan Friese/ Schauspielhaus


Die junge Salzburger Regisseurin Ingrid Adler inszeniert das futuristische Digital-Drama von Katharina Paul und überwacht dabei als Bordcomputer LIV das Befinden der Astronautin Schäfer, die durchs All düst. Die Uraufführung fand am 10. Jänner 2020 im ausverkauften Studio der ARGEkultur statt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Kapitän
Schäfer ist eine Heldin, obwohl sie das gar nicht so gerne hört.
Sie hat die Erde verlassen und fliegt einer ungewissen Zukunft
entgegen. Eine Rückkehr ist nicht vorgesehen. Sie ist bereit, ihr
geistiges und genetisches Material zur Verfügung zu stellen, und
wartet darauf, ihre tiefgefrorenen Eizellen zu befruchten, sobald sie
einen neuen Planeten erreicht. Echte Menschen wird sie zwar nie
wieder sehen, doch sie wird die Mutter von Tausenden von Kindern
sein. Bis es so weit ist, steht ihr der Bordcomputer LIV hilfreich
zur Seite. Er kontrolliert nicht nur ständig die technischen Details
des Raumschiffes, sondern kümmert sich auch um die Gesundheit und
geistige Verfassung der Astronautin. Als sich Anomalien einstellen,
kann LIV jedoch deren Ursachen nicht ergründen. Auch das mantrische
Programm „Ich bin fit und konzentriert…!“ zeigt bei Schäfer
immer weniger Wirkung. Selbst die Unterhaltungen mit ihrer Kaffee
trinkenden Freundin Astred vermögen sie nicht mehr aufzuheitern.
Nach und nach verliert sie jedes Zeitgefühl und ihre
Logbuch-Eintragungen und Mitteilungen an die Erdlinge werden immer
wirrer. Langsam beginnt sie, an ihrem Verstand zu zweifeln, auch wenn
ihr von ihrer Vorgesetzten ständig versichert wird: „Wir sind
stolz auf sie!“ Schäfer ist zwar nach wie vor von der
Notwendigkeit ihrer Mission überzeugt, doch beunruhigen sie nicht
nur die ständigen Klopfgeräusche.

Das Publikum darf
Sophie Hichert als Astronautin auf ihrem Flug begleiten, beneidet sie
jedoch sicher nicht um diese eigenwillige Mission. Niemand will ihr
sagen, wie lange sie schon unterwegs ist, und auch der seelenlose
Bordcomputer (Ingrid Adler), der doch sonst alles kontrolliert, gibt
darüber nur unverständliche Auskünfte. Die Wiener Videokünstlerin
Resa Lut stellt auf fünf Leinwänden die Verbindung der Astronautin
mit der Erde her, doch wirken sowohl ihre Vorgesetzte (wiederum
Ingrid Adler) wie auch ihre Freundin Astred (Katharina Paul) immer
künstlicher und verwirren damit nicht nur Kapitän Schäfer, sondern
auch das Publikum. Traum und Realität, digitale und analoge Welt
vermischen sich bis zur überraschenden, sehr realen, finalen
Punktlandung.

Ich muss gestehen, dass ich von der digitalen Welt zwar fasziniert, doch leider etwas überfordert bin. Da ich auch um Science-Fiction-Filme und Literatur meist einen Bogen mache, war dieses Stück eine echte Herausforderung für mich, da mir das nötige Vokabular fehlte. Dank Internet bin ich jetzt etwas klüger und, wenn es meine Zeit erlaubt, werde ich mich mit Ingrid Adlers ausführlichem Programmheft (32 Seiten!) auseinandersetzen, zu finden unter www.ingridadler.at/news. Da bleiben dann sicherlich keine Fragen zur digitalen Parallelwelt mehr offen.

„SCHÄFERS ALL“ – Science-Fiction-Theater von Katharina Paul. Uraufführung. Regie: Ingrid Adler. Bühne: Resa Lut und Ingrid Adler. Videokunst und Digitales Puppenspiel: Resa Lut. Licht und Tontechnik: Marek Streit. Kamera: Marek Streit, Hannes Valtiner. Musik: Roger Egli. Kostüm: Veronika Müller-Hauszer. Auf der Bühne: Sophie Hichert, Ingrid Adler und Katharina Paul (nur Video).


Die australische Compagnie „Circa“ entführt das Publikum beim Winterfest in die schillernde Welt des Cabarets. Tosender Applaus nach der Premiere am 27. Dezember 2019 für einen Circusabend der Superlative und für Künstler, die das schier Unmögliche mit ungeheurer Leichtigkeit präsentieren.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Nach und nach schlüpfen die sieben
Artisten (vier hübsche Damen und drei bärenstarke Männer) durch einen golden
glänzenden Lamettavorhang und verzaubern das Publikum mit sinnlich-exotischen
Tänzen. In ihren schwarzen Glitzerhöschen und weißen Rüschenhemden wirken sie
jedoch fast bieder. So kann man sich voll auf ihre Körper konzentrieren und die
haben wirklich die ganze Aufmerksamkeit verdient, denn sie leisten fast
Unglaubliches, wenn sie bizarre Körperskulpturen bilden, die der Schwerkraft zu
trotzen scheinen. Blitzschnell, fast übermütig schleudern sie sich gegenseitig
über die Bühne, um dann wieder in extremen Stellungen zu verharren. In rasender
Geschwindigkeit klettern sie auf Seile und dekorative schwarze Bänder, bevor
sie sich ebenso gekonnt wieder in die Tiefe stürzen.

Ganz zu kurz kommt die Erotik aber dann
doch nicht, denn eine Dame in silbrig-glänzendem Ganzkörperanzug wird von rot
behandschuhten Händen, die aus dem Vorhang zu wachsen scheinen, lasziv
entkleidet. Auch ein „Herr aus dem Publikum“ darf auf Tuchfüllung gehen.
Anschließend werden jedoch auch ihm die Kleider vom Leib gerissen und es geht
nun fast „nude“ auf zur nächsten Nummer.

Nach der Pause präsentieren sich die
Artisten in Lichtkegeln, um das Publikum ins Spiegelkabinett ihrer Fantasie zu
entführen. Wir dürfen virtuose Künste mit Reifen, Ziegeln, Seilen und Tüchern
genießen und uns immer wieder staunend fragen: „Wie ist das nur möglich?“

Der Künstlerische Leiter von Circa, Yaron
Lifschitz: In „Circa’s Peepshow“ geht es darum, wie wir Theater erleben und
wie unser Blick auf Dinge sie gleichzeitig enthüllt, aber auch verhüllt – und
vieles nur im Kopfkino weitergespielt wird. Das Stück besteht aus zwei Teilen:
Der erste Teil ist verspielt, gewitzt und verdreht. Im zweiten Teil befinden
wir uns innerhalb der Gedankenwelt der Charaktere. Hinter dem Spiegel, in ihren
Herzen und Köpfen. Da ist es wild, roh und überraschend kraftvoll.

Circa’s Peepshow verbindet Circus und Kabarett und zeigt eindrucksvoll die Kraft, Schönheit und Stärke des menschlichen Körpers. Eine packende, atemberaubende Show, die wesentlich mehr als nacktes Staunen bietet.

„Circa’s Peepshow“ – Circa. Kreation: Yaron Lifschitz, Libby McDonnell, Circa Ensemble. Direktor: Yaron Lifschitz. Stellvertr. Direktorin & Kostüme: Libby McDonnell. Technischer Direktor & Licht: Jason Organ. Licht: Richard Clarke. Musik: Ori Lichtik. Auf der Bühne: Ela Bartilomo, Jessica Connell, Jarred Dewey, Gerramy Marsden, Giulia Scamarcia, Lachlan Sukroo, Billie Wilson-Coffey. Fotos: Erika Mayer


Peter
Raffalt hat Molières „Sprachgewitter“ dezent modernisiert und
somit den über 350 Jahre alten Komödien-Klassiker in die Gegenwart
katapultiert. Der unterhaltsame Theaterabend über geheuchelte
Freundlichkeiten und intrigante Machenschaften wurde vom
Premierenpublikum am 18. Dezember 2019 stürmisch gefeiert.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Alceste hasst das heuchlerische Spiel der feinen Gesellschaft, denn er fühlt sich der absoluten Wahrheit verpflichtet. Am liebsten würde er die Menschen überhaupt meiden und in die Wüste flüchten. Sein Freund Philinte rät ihm zur Mäßigung, doch vergeblich. Alceste beleidigt den jungen Poeten Oronte zutiefst, indem er sein Sonett als „blanken Mist“ bezeichnet. Dieser kann die harte Kritik nicht ertragen und zieht beleidigt vor Gericht.

___STEADY_PAYWALL___

Die Liebe zur jungen, schönen und überaus lebenslustigen Witwe Célimène macht den uncharmanten Moralisten Alceste jedoch blind. Er merkt nicht, dass die oberflächliche, selbstverliebte junge Dame mit ihm nur spielt, ebenso wie mit allen anderen Männern, die sie umschwirren. Als ein Brief auftaucht, in dem sich Célimène über all ihre Verehrer lustig macht, steht sie plötzlich alleine da, nur Alceste bleibt ihr treu und sieht seine Chance gekommen.

Kristina
Kahlert feiert als vergnügungssüchtige Célimène Party ohne Ende.
Ihre zahlreichen Verehrer wickelt sie ebenso um den Finger, wie den
ihr treu ergebenen Alceste. In der Rolle dieses „ahnungslosen
Trottels“ leidet und poltert Antony Connor. Bülent Özdil darf
sich als geltungssüchtiger Oronte als Rapper beweisen. Sein Sonett
„Hoffnung“ wird zwar von Alceste niedergemacht, doch das Publikum
scheint anderer Meinung zu sein und applaudiert kräftig. Zickenkrieg
gibt es, wenn die sittenstrenge Arsinoé (Ulrike Arp) auftaucht. Die
„scheinheilige Ziege“ und das „Flittchen ohne viel Niveau“
liefern sich köstliche Wortgefechte. Simon Jaritz-Rudle als Acaste
und Tilla Rath als Éliante umschwärmen die kokette Célimène und
lassen keine Party aus.

Das
streng reduzierte Bühnenbild wird von einem wackeligen Podest
beherrscht, das nur schwer in Balance zu halten ist und ständig –
ob gewollt oder erzwungen – in Schieflage gerät. Hier präsentiert
sich die affektierte Gesellschaft in eigenwilligen, sehr eleganten,
Kostümen, die ihre Künstlichkeit und Eitelkeit noch betonen und
zugleich ihre eigentliche Fassade verbergen (Ausstattung: Agnes
Hamvas).

Regisseur Peter Raffalt: Das Stück ist zeitlos. „Der Menschenfeind“ ist ein Sittenbild einer narzisstischen, hedonistischen Vergnügungsgesellschaft. Er zeigt ein Bild einer Gesellschaft, die am Rande ist, einer Gesellschaft, die sich selbst überholt hat, die sich selbst nicht mehr kennt, sondern nur noch das Bild, das sie nach außen repräsentiert. Letztendlich funktioniert auch der heutige Mensch über weite Strecken darüber, dass er etwas darstellt, was eigentlich gar nicht er ist. Von daher hat es etwas durchaus Erschreckendes, zu sehen, wie gut „Der Menschenfeind“ in die heutige Zeit passt.

Dieses
geistreiche und unterhaltsame Theatervergnügen steht bis 2. Februar
2020 im Schauspielhauses Salzburg am Programm und sorgt zu Silvester
gleich zwei Mal, um 15 Uhr und 19.30 Uhr, für einen vergnüglichen
Rutsch ins neue Jahr.

Der Menschenfeind“ von Molière. Regie und Fassung: Peter Raffalt. Ausstattung: Agnes Hamvas. Musik: Georg Brenner. Choreographie: Lisa Moon. Mit: Antony Connor, Simon Jaritz-Rudle. Bülent Özdil. Kristina Kahlert, Tilla Rath, Ulrike Arp. Video: Schauspielhaus – Fotos: Jan Friese


Frederik Loewes Broadwayhit von 1956
zählt zu den beliebtesten und bekanntesten Musicals. Andreas Gergen
bringt die „Bronner-Fassung“ auf die Bühne, in der Eliza
Doolittle und ihr Vater im tiefsten Wiener Dialekt die Ohren des
Phonetikprofessors Henry Higgins beleidigen. Die Premiere dieser
bezaubernden, schwungvollen Inszenierung wurde am 6. Dezember 2019
stürmisch gefeiert.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Der zynische Dialekt-Forscher Professor Henry Higgins geht mit dem Sprachwissenschaftler Oberst Hugh Pickering eine Wette ein. Er will innerhalb eines halben Jahres aus dem einfachen Londoner Blumenmädchen, das „quakt wie ein gallenleidender Frosch“, eine echte Lady machen und sie beim Diplomatenball als Herzogin präsentieren. Es folgen qualvolle, kräftezehrende Sprachübungen, bis Eliza es endlich schafft, „Es grünt so grün, wenn Spaniens Blüten blühen!“ zur Zufriedenheit des Professors auszusprechen: „Ich glaube, jetzt hat sie’s!“

___STEADY_PAYWALL___

Die Zeit ist nun reif für einen ersten Versuch, sie in die feine Gesellschaft einzuführen. Leider wird ihr Auftritt beim Pferderennen in Ascot zum Fiasko und so heißt es weiter üben, denn der große Ball steht bevor und so schnell gibt Professor Higgins nicht auf.

Die hohen, grauen Bücherwände im Wohnzimmer von Professor Higgins scheinen sich nicht allzu positiv auf seine Stimmung auszuwirken. Wenn jedoch die Seitenwände aufgeklappt werden, kommt Leben in die staubige Stube und es gibt genügend Platz für einen Blumenmarkt, einen Schanigarten, ja sogar für ein Pferderennen mit „echten“ Pferden (Bühne: Stefan Mayer). Sascha Oskar Weis überzeugt als unsensibles, egoistisches Scheusal, das nur vom gutmütigen Oberst Pickering (Axel Meinhardt) und der Haushälterin Mrs. Pearce (Eva Christine Just) etwas eingebremst werden kann. Kein Wunder also, dass Ilia Staple als Eliza für ihren temperamentvoll vorgetragenen Rachesong „Pass nur auf Henry Higgins, pass nur auf!“ den größten Applaus erntet. Sie überzeugt aber nicht nur als schnippisches, selbstbewusstes Blumenmädchen, sondern auch als feine Lady, die nach ihrem Triumph von ihrem herzlosen Lehrmeister zutiefst gekränkt wird.

Georg Clementi torkelt als Elizas schlitzohriger, trinkfreudiger Vater über die Bühne und bejammert mit Reibeisen-Stimme seinen plötzlichen Reichtum, bedeutet der doch, dass er nun pünktlich vor dem Traualtar zu erscheinen hat. Marco Dott ähnelt als Higgins Mutter verblüffend der unvergesslichen Lotte Tobisch und ist mit dem Benehmen des Sohnes absolut nicht zufrieden. Als verliebter, doch leider zu schüchterner Freddy darf Oliver Floris nur die Straßenlaterne vor Elizas Haus umarmen.

Das Mozarteumorchester Salzburg serviert unter dem Dirigat von Iwan Davies mitreißend und schwungvoll Frederik Loewes unvergessliche Melodien. Ballett und Chor des Salzburger Landestheater füllen den Blumenmarkt, das Rennen in Ascot und den Diplomatenball perfekt choreografiert mit Leben. Ältere Semester haben sicherlich noch die oscarprämierte, opulente Verfilmung des Musicals mit Audrey Hepburn und Rex Harrison aus dem Jahre 1964 im Kopf. Andreas Gergens geschmackvolle Inszenierung überzeugt mit Wiener Schmäh und einer herausragenden Ilia Staple als Eliza. Ein herzerfrischender Musicalabend, der mit pointensicheren Dialogen nicht nur eingefleischte Musicalfans zu verzaubern vermag.

„ My Fair Lady“ – Musik von Frederick Loewe. Buch und Liedtexte von Alan Jay Lerner. Wiener Fassung von Gerhard Bronner. Musikalische Leitung: Iwan Davies. Dirigat: Ines Kaun, Gabriel Venzago. Inszenierung: Andreas Gergen. Choreographie: Dennis Callahan. Bühne: Stefan Mayer. Kostüme: Regina Schill. Lichtdesign: Daniela Klein. Dramaturgie: Katrin König. Mit: Ilia Staple, Sophie Mefan, Patrizia Unger, Sascha Oskar Weis, Axel Meinhardt, Oliver Floris, Philipp Andreas Sievers, Georg Clementi, Oliver Mülich, Eva Christine Just, Marco Dott, Sylvia Offermans, Alexander Hüttner, Rudolf Pscheidl, Manuel Millonigg, Zsófia Mózer, Desislava Ilieva, Mona Akinola. Ballett des Salzburger Landestheaters. Chor des Salzburger Landestheaters. Mozarteumorchester Salzburg. Fotos: Anna-Maria Löffelberger


Idioten

Dostojewskis Roman, dessen erste Folge 1868 in einer russischen Zeitschrift erschien, zählt zur Weltliteratur. Regisseurin Caroline Richards und das Team des Theaters TATU haben das gewaltige Werk auf 80 Minuten eingedampft und ermöglichen so auch Jugendlichen ab 14 Jahren eine Reise durch das zaristische Russland und seine dekadente Gesellschaft. Die Premiere fand am 4. Dezember 2019 im Kleinen Theater statt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Der 27-jährige Fürst Myschkin, letzter Spross eines verarmten russischen Adelsgeschlechts, hat die letzten Jahre wegen seiner Anfälle von Epilepsie in einem Sanatorium in der Schweiz verbracht. Nun kehrt er nach St. Petersburg zurück, um nach dem Tode seines Onkels eine Erbschaftsangelegenheit zu klären. „Fürsten Myschkin gibt es außer mir gar nicht mehr. Ich glaube, ich bin der Letzte.“ Er sucht eine entfernte Verwandte, die Generalin Jepantschina, auf und lernt ihre drei Töchter kennen.

___STEADY_PAYWALL___

Von der Jüngsten, der schönen und klugen Aglaia, ist er fasziniert. Doch auch zu Nastasja, einer „gefallenen“ Frau von überirdischer Schönheit, fühlt er sich hingezogen. Er sieht in ihr eine Frau, die ihr fehlendes Selbstwertgefühl hinter Zynismus, Spott und Hohn verbirgt, war sie doch die Geliebte ihres Pflegevaters, des reichen Großgrundbesitzers Tozkij. Myschkins Gegenspieler im Kampf um Nastasjas Gunst ist der unberechenbare, leidenschaftliche, unsensible Rogoschin. Gegen dessen sinnliche Männlichkeit hat Myschkin mit seiner offenen, kindlich-naiven Art keine Chance.

Andreas Simmer, ehemaliges Ensemblemitglied von Ariane Mnouchkines Théâtre du Soleil, überzeugt nicht nur in der Titelrolle. Er übernimmt mit Hilfe diverser Requisiten auch alle anderen Rollen und wechselt ständig Gestik, Mimik und Tonfall. Nur die Lippenbewegungen der schönen Nastasja, des Objekts der Begierde, kann man auf einer Videowall bewundern.

Der Musiker Yorgos Pervolarakis sorgt für die stimmungsvolle Musikuntermalung. Mit den unterschiedlichsten Geräuschen und Klängen unterstützt er die Phantasie und so sitzt man förmlich mit Myschkin im Zug, wenn er mit seinem späteren Rivalen Rogoschin nach Russland fährt, oder hört auf der Wiese im idyllischen Pawlowsker Park die Grillen zirpen und den Wind rauschen.

„Der Idiot“, das Drama eines naiven, freundlichen Menschen, der von einer korrupten und durchtriebenen Gesellschaft zu Grunde gerichtet wird, hat nichts von seiner Gültigkeit verloren. Ein Theaterabend, an dem man die ganze Bandbreite der dekadenten St. Petersburger Gesellschaft kennenlernt, vom trunksüchtigen Ex-General bis zum skrupellosen Großgrundbesitzer. Auch die Revolutionäre sind schon im Kommen, ob nun als Faschisten, Anarchisten oder Nihilisten.

Da das Drama als Jugendstück konzipiert ist, werden die Schüler wohl gut vorbereitet in eine Vorstellung gehen. Auch Erwachsenen wäre eine kurze Vorinformation anzuraten, da die vielen russischen Namen, auch wenn sie an diesem Abend vorsorglich vereinfacht und verkürzt werden, doch eine gewisse Herausforderung sind. Dann kann man diesen Theaterabend der Extraklasse sicher uneingeschränkt genießen.

„IDIOTen“ – frei nach Dostojewski. Theater TATU. Regie: Caroline Richards. Dramaturgie: Eva-Maria Schachenhofer. Ausstattung: Ragna Heiny. Mit: Andreas Simma & Yorgos Pervolarakis. Original Musik: Yorgos Pervolarakis. Video: Tobias Pichler & Ragna Heiny. Fotos (3): Michael Herzog


Bereits zum dritten Mal gastiert die französische Compagnie Cie Akoreacro beim Winterfest im Volksgarten. Die Österreichpremiere ihres neuen, von Regisseur Pierre Guillois in Szene gesetzten Stücks über eine akrobatisch-chaotische Liebesbeziehung wurde am 4. Dezember 2019 stürmisch gefeiert.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Wenn ein zierliches Mädchen bei strömendem Gewitterregen nachts alleine auf der Straße steht und eine Horde junger Männer auf sie zukommt, hilft wohl nur die Flucht. Dabei hätte Claire Aldaya das gar nicht nötig, denn im Laufe des Abends werden diese bärenstarken Männer von ihr immer wieder vernichtend geschlagen. Die Verfolgungsjagden und slapstickartigen Kampfszenen sind jedoch nur kleine Intermezzi, denn eigentlich wird eine Geschichte über die Turbulenzen des Ehealltags erzählt.

___STEADY_PAYWALL___

Wir erleben die erste Begegnung der jungen Leute bei der Arbeit, ihre große Liebe, eine rauschende Hochzeit und Familienglück mit zwei Kindern, bevor Ehefrust und die Langeweile Einzug halten. Nach dem Kennenlernen am Fließband und einer raschen Hochzeit geht es aber erst mal ab ins gemütliche Heim, das von vielen fleißigen Händen liebevoll eingerichtet wurde.

Alles dreht sich um zwei Waschmaschinen, denn Schmutzwäsche fällt jede Menge an. Während sie sich (unterstützt von einer Horde Heinzelmännchen, die sie regelrecht auf Händen tragen) um den Haushalt kümmert, geht der Herr Papa mit den Kindern einkaufen. Die Eintönigkeit des Familienalltags setzt den beiden jedoch gewaltig zu und sie beginnen zu träumen. Während er in die Fänge einer verführerischen Drag-Queen gerät und sich in ihr Liebesnest hoch in den Lüften locken lässt, gönnt sie sich ein Schaumbad, bevor sie sich nach neuen Möglichkeiten umschaut.

Das elfköpfige Ensemble serviert diese schrille Liebesgeschichte mit Witz, Charme und virtuoser Akrobatik. Die Artisten fliegen kreuz und quer durch das Zirkuszelt und selbst Waschmaschinen, Kühlschränke und Badewannen trotzen – dank starker Arme – der Schwerkraft. Die Live-Musik ist ein wichtiger Teil dieses Programms, wobei sich die vier Musiker nicht davor scheuen, in Badedressen aufzumarschieren, wenn eine Szene im Hallenbad spielt.

Ich habe die Vorstellung, deren 80 Minuten wie im Flug vergehen, mit meiner 10-jährigen, äußerst kritischen Enkeltochter besucht und sie war – wie das gesamte Premierenpublikum – restlos begeistert und will nächstes Jahr auf alle Fälle wieder dabei sein. Im Foyer verabschiedeten sich neun Mitgliedern der Compagnie mit zündender Musik und schickten das Publikum mit Rhythmus, Schwung und viel positiver Energie auf den Heimweg. Ein phantastischer Abend, eine absolute Empfehlung für Jung und Alt.

„Dans ton cœur“ – Produktion: Association AKOREACRO. Inszenierung: Pierre Guillois, Léa de Truchis (Assistenz). Technischer Support: Fabrice Berthet, Yuri Sakalov. Choreografie: Roberto Olivan. Kostüme: Elsa Bourdin, Juliette Girard, Adélie Antonin. Circusszenographie: Jani Nuutinen Assistenz. Luftakrobatik: Alexandre De Dardel. Auf der Bühne: Claire Aldaya, Romain Vigier, Maxime Solé, Basile Narcy, Maxime La Sala, Antonio Segura Lizan, Pedro Consciência, Joan Ramon Graell Gabriel, Vladimir Tserabun, Eric Delbouys, Nicolas Bachet, Johann Chauveau. Fotos: Erika Mayer


Die akrobatische Familientruppe Cirque
Alfonse aus Québec nutzt die Kirche als Inspiration für ihr neues
Stück. Am 28. November 2019 wurde nach der Show auch der eigene
Nachwuchs auf die Bühne geholt, um gemeinsam die 200. Aufführung
von „Tabarnak“ zu feiern. Für die rasante und virtuose
Performance gab es Standing Ovations vom Premierenpublikum.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Acht Artisten und drei Musiker des Familien-Clans sitzen ganz entspannt auf der Bühne. Sie stricken und häkeln und beobachten das ins Zirkuszelt strömende Publikum. Das bunte Glasfenster deutet zwar auf einen sakralen Raum hin, doch der herumliegende Krimskrams erinnert eher an einen gemütlichen Flohmarkt. Zur Einstimmung ertönt eine rockige Nationalhymne, zu der sich das Publikum brav erhebt. Dann wird Hockey gespielt und mit Inlineskates wild getanzt. Die Stimmung ist aufgedreht und steigert sich von Nummer zu Nummer.

___STEADY_PAYWALL___

Unglaublich, zu welch halsbrecherischen Kunststücken einfache Kirchenbänke inspirieren können. Ein absolutes Highlight ist die „Feuershow“, bei der zusammengebundene Weihrauchfässer so wild geschwenkt werden, dass man das nicht vorhandene Feuer zu sehen glaubt. Das rhythmische Knallen mit Peitschen erinnert an das heimische „Aperschnalzen“ und wirkt für das Publikum in den vorderen Reihen fast bedrohlich. Rituell wird es bei einer Taufzeremonie, die in fünf Etappen zu erleben ist. Das gekippte Kirchenfenster dient einem Kirchenengel als Plattform für schwindelerregende Drehungen. In dieser etwas schrägen Kathedrale ist aber auch Platz für tanzende Derwische, die in geringelten Häkelkleidern ihre Runde drehen.

Beim mobilen Schwebebalken weiß man
nicht, wen man mehr bewundern soll, die bärenstarken Träger des
Balkens oder die Artisten mit ihren Salti und Balancekünsten. Zum
Finale kommt eine riesige Russische Schaukel zum Einsatz, die einen
Artisten regelrecht in den Himmel schleudert bis er am
Scheinwerfergestänge hängen bleibt. Beim Cirque Alfonse spielt die
Musik immer eine wichtige Rolle. Die Live-Musik von David Simard, der
selbst Geige und E-Gitarre spielt, changiert zwischen traditionellen,
folkloristischen Klängen aus Québec, Rockmusik und liturgischen
Gesängen. Begleitet wird er von Josianne Laporte am Schlagzeug und
Guillaume Turcotte am Keyboard.

Die pralle Performance, in der die
waghalsigsten Kunststücke mit verblüffender Leichtigkeit, Witz und
Charme präsentiert werden, bringt das Publikum mit Virtuosität,
totaler Körperbeherrschung und rockiger Live-Musik zum Staunen und
Lachen.

„Tabarnak“ – Cirque Alfonse. Regie: Alain Francoeur. Musik: David Simard. Licht: Nicolas Descôteaux. Bühnenbild: Francis Farley. Kostüme: Sarah Balleux. Künstlerische Leitung: Antoine & Julie Carabinier Lépine. Technische Leiter: Hugo Hamel und Nicolas Descôteaux. Künstl. Unterstützung: Alain Carabinier und Louise Lépine. Bühnenbau: Alain Carabinier und Sylvain Lafrenière, Renaud Blais. Auf der Bühne: Antoine Carabinier Lépine, Julie Carabinier Lépine, Jonathan Casaubon, Jean-Philippe Cuerrier, Genevieve Morin, Nikolas Pulka. MusikerInnen: Josianne Laporte, David Simard, Guillaume Turcotte. Fotos: Winterfest/ Erika Mayer


Charles Dickens‘ Kinderbuchklassiker „A Christmas Carol“ zählt wohl zu den bekanntesten Weihnachtsgeschichten, wurde schon oft verfilmt und auf die Bühne gebracht. Im Schauspielhaus Salzburg inszeniert Robert Pienz die Musical-Fassung, eine wunderbare Einstimmung auf das kommende Fest. Bei der Premiere am 24. November 2019 zeigten sich nicht nur die Kinder begeistert.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Der verbitterte alte Geldverleiher Ebenezer Scrooge sitzt mit seinem unterbezahlten Mitarbeiter Bob Cratchit in seinem bitterkalten Kontor und schimpft auf Weihnachten. Das herzerweichende Gewinsel der rührseligen Weihnachtslieder vor seiner Tür geht ihm fürchterlich auf die Nerven. Mitleid mit einer säumigen Schuldnerin kennt der knausrige Halsabschneider nicht. Auch weigert er sich, den Armen Geld zu spenden. Wozu gibt es denn Armenhäuser und Gefängnisse? Die Einladung seines Neffen zum Weihnachtsessen schlägt er wie jedes Jahr aus und so sitzt er am 24. Dezember alleine bei Kerzenschein in seiner Wohnung.

Da erscheint ihm der Geist seines vor sieben Jahren verstorbenen Geschäftspartners Jacob Marley. Dieser ist mit einer schweren Kette gefesselt, denn für jede Hartherzigkeit in seinem Leben steht ein Glied dieser Kette. Ebenezer Scrooge könne sich wohl ausrechnen, wie schwer seine Kette einmal sein werde.

___STEADY_PAYWALL___

Doch Marley will ihm helfen und drei Geister zu ihm schicken, die ihm die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft vor Augen führen. Nach dieser Nacht wird Ebenezer Scrooge klar, dass er ein unbeliebter, hartherziger Geizkragen war. Er muss wohl etwas ändern, um nicht nach seinem Tod in alle Ewigkeit dafür zu büßen.

Olaf Salzer darf in der Rolle des gnadenlosen Geldverleihers jeden beleidigen und niedermachen, der ihm in die Quere kommt, denn Weihnachten steht vor der Tür und da ist er besonders geladen. Er schafft es, seinem gutmütigen Angestellten und der armen Mrs. Marsh, die ihre Schulden nicht bezahlen kann, diesen Tag so richtig zu vermiesen. Wolfgang Kandler darf sein komisches Talent voll ausleben.

Mit gestischen Übertreibungen zeichnet er die Karikatur eines unterwürfigen Angestellten sowie eines alten Schullehrers. Johannes Hoffmann hat als Jacob Marleys Geist seinen großen Auftritt, schlüpft aber auch in die Rolle des jungen Ebenezer Scrooge und mimt den armen, kranken Tiny Tim. Bina Blumencron und Larissa Enzi sind nicht nur als Geister unterwegs, sie schlüpfen auch in die Rollen diverser Bittsteller und sämtlicher Damen, die im Leben von Ebenezer Scrooge eine Rolle spielen. Schließlich geht es ja im Schnelldurchlauf durch ein ganzes Menschenleben.

Regisseur Robert Pienz schafft es, das viktorianische London lebendig werden zu lassen und die nostalgische, gesellschaftskritische Geschichte mit viel Witz und Ironie zu erzählen. Mit schwungvollen Melodien sorgt Fabio Buccafusco dafür, dass die Moral dieser geisterhaften Weihnachtsnacht auch für Kinder gut verständlich ist. Das zauberhafte Kindermusical bietet beste Unterhaltung für Jung und Alt.

„Eine Weihnachtsgeschichte“ Kindermusical nach Charles Dickens. Regie: Robert Pienz. Bühne: Victoria Diaz Varas, Franziska Lang. Kostüme: Monika Heigl. Musik: Fabio Buccafusco. Mit: Olaf Salzer, Wolfgang Kandler, Bina Blumencron, Johannes Hoffmann, Larissa Enzi. Fotos: Jan Friese/ SSH


Edmond Rostands romantische, 1897 uraufgeführte Verskomödie feierte am 23. November 2019 im Salzburger Landestheater Premiere. Carl Philip von Maldeghem hat Gender und Theater geschickt verknüpft und der Phantasie somit keine Grenzen gesetzt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Der Titelheld, ein französischer Dichter des 17. Jahrhunderts, ist wortgewandt, charismatisch, und rauflustig. Er leidet jedoch unter seinem Aussehen, besonders unter der Übergröße seiner Nase. Seine von ihm innig verehrte und geliebte Cousine Roxane sieht in ihm jedoch nur einen „brüderlichen Vetter“. So muss er seine wahren Gefühle verbergen. Um der Angebeteten stets nahe zu sein, hilft er dem zwar hübschen, doch etwas dümmlichen Christian de Neuvillette mit poetischen Liebesbriefen bei seinem Liebeswerben.

___STEADY_PAYWALL___

Bei einem Stelldichein im dunklen Garten souffliert er ihm so perfekt, dass der junge Kadett schließlich den ersten Kuss ergattert. Es folgt eine schnelle Hochzeit, bevor es mit den Gascogner Kadetten ab in den Kampf geht. Jeden Tag flattern nun zwei poetische Briefchen zu Roxane, bis diese „vom Geist berauscht“ zu ihrem Mann mitten ins Heereslager eilt. Das Schicksal nimmt seinen Lauf und Cyrano wird Teilhaber von Freud und Leid seiner geliebten Roxane.

In der Titelrolle leidet Christoph Wieschke an unerfüllter Liebe. Doch „leichtgläubig sind wir, wenn wir lieben“, und so fällt seine Angebetete, die schöne Roxane (Tina Eberhardt), auf den eitlen Blender Christian (Nikola Rudle) herein, der wahrlich kein Schöngeist ist. „Cyrano de Bergerac“ gilt als Mantel-und Degen-Romanze. Im Salzburger Landestheater wird daher wild gefochten und gekämpft, wobei die Gascogner Kadetten (junge Damen des Salzburger Festspiele und Theater Kinderchores) voll in ihrem Element sind. Die Romantik kommt bei dem minimalistischen Bühnenbild von Karin Rosemann etwas zu kurz, denn die große Liebesszene im dunklen Garten findet vor einer kahlen, weißen Mauer statt, die Christian nur mit Cyranos Hilfe erklimmen kann, um endlich zu seinem ersten Kuss zu kommen.

Nur gut, dass man heute nicht mehr zur Galanterie verpflichtet ist. Roxanes romantische Ansprüche könnten wohl nur mit Hilfe des Internets befriedigt werden. Eine edle Seele zu erkennen, die sich hinter einer nicht so edlen Fassade versteckt, ist auch heute nicht immer einfach. Bei der Premiere gab es herzlichen Applaus, vor allem für die kapriziöse Roxane, ihren verhinderten Liebhaber Cyrano und den kessen Christian.

„Cyrano de Bergerac“ Romantische Komödie von Edmond Rostand. Inszenierung: Carl Philip von Maldeghem. Ausstattung: Karin Rosemann. Licht: Lukas Breitfuss. Musik: Julius von Maldeghem. Mit: Christoph Wieschke, Nikola Rudle, Janna Ramos-Violante, Tina Eberhardt, Sophie Mefan, Janina Raspe, Walter Sachers, Stefan Janauschek. Als Gascogner Kadetten: Mia Gerl, Muriel Glage, Lara Horvath, Paula Lischent, Melanie Maderegger, Flora Menslin, Franziska Stebler, Clara Stein, Maria Straßl. Fotos: SLT/ © Anna-Maria Löffelberger


der kleine vampir

Das Salzburger Landestheater feiert das
40-jährige Jubiläum des Kinderbuchklassikers von Angela Sommer-Bodenburg mit
einem schwungvollen, vampirisch-gruseligen Musical. Kinder ab sechs Jahren und
natürlich auch ihre Begleitpersonen dürfen zum Finale gemeinsam mit dem
Vampir-Ensemble zum „Tanz der Vampire“-Song mitsingen, mitklatschen und
mittanzen.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Anton ist ein braves Kind, das gerne liest. Gruselgeschichten haben es ihm besonders angetan. Eines Samstagnachts sitzt doch tatsächlich ein einsamer, kleiner Vampir auf seiner Fensterbank und jammert: „Allein sein, nein, jetzt reicht es mir!“

Er nennt sich Rüdiger von Schlotterstein und hat heute schon zu Abend gegessen. Daher interessiert er sich mehr für Antons Gruselbücher als für sein Blut. Rüdiger will Anton mit auf den Friedhof nehmen, um ihm seine großartig stinkende, feuchte und schreckliche Familiengruft zu zeigen. Er leiht ihm einen Umhang und schon fliegen die beiden zur Gruft der von Schlottersteins. Rüdigers kleine Schwester, die noch Milch trinkende Anna, ist begeistert vom neuen Freund ihres großen Bruders. Nur gut, dass die bissige Tante Dorothee ständig ihre Zähne suchen muss. Als sie jedoch herausfindet, dass Rüdiger einen Menschenfreund hat, bekommt er Gruftverbot.

Wo soll er jetzt bloß hin? Auf dem Friedhof ist es viel zu gefährlich, denn bewaffnet mit Knoblauch schleicht Friedhofswärter Geiermeier auf der Jagd nach Vampiren ständig zwischen den Gräbern herum. Soll aus dem wunderbar verfallenen Friedhof etwa wirklich ein Park werden? Da bleibt der Vampirfamilie Schlotterstein wohl nichts anderes übrig, als in eine neue Gruft im Jammertal zu ziehen, die aber glücklicherweise nur wenige Flugminuten von Antons Wohnung entfernt ist.

Dass Gregor Schulz nicht nur in tragischen
Rollen überzeugen kann, hat er schon des Öfteren bewiesen. Diesmal begeistert
er die Kinder als charmanter, liebenswerter „kleiner Vampir“, der es mit dem
gestrengen Vampir-Kodex nicht so genau nimmt. Tim Oberließen gibt den begeisterungsfähigen
kleinen Anton, der das Gruseln über alles liebt. Als Rüdigers kleine, quirlige
Schwester Anna schwärmt Patrizia Unger für den neuen Freund ihres Bruders. Die
blutrünstige Tante Dorothee ist bei Genia Maria Karasek gut aufgehoben. Alessandro
Visentin sorgt mit seinen Auftritten als Vampirjäger Geiermeier stets für
Gekreische im Publikum.

Christina Piegger hat die vergnügliche Geschichte temporeich in Szene gesetzt, wobei die Choreographie von Josef Vesely zusätzlich für Schwung sorgt. Für das zauberhafte, windschiefe Kinderzimmer mit den vielen Gruselbüchern und die feuchte Gruft mit den liebevoll arrangierten Utensilien der Bewohner zeichnet Peter Engel (Bühne und Kostüme) verantwortlich.

Am 10. November 2019 gab es statt einer
Pause, die bei einem einstündigen Kinderstück nicht unbedingt nötig ist, für
neugierige und interessierte Kinder nach der Vorstellung ein Künstlergespräch
mit dem Vampir-Ensemble. Alle Fragen konnten zufriedenstellend beantwortet
werden und die Kinder genossen die Nähe zu den Schauspielern sichtlich. Eine
super Idee!

„Der kleine Vampir“ – Angela Sommer-Bodenburg. Komposition von Uwe Vogel. Libretto und Song-Texte von Angela Sommer-Bodenburg, Marcel Gödde und Karl-Heinz March. Inszenierung: Christina Piegger. Choreographie: Josef Vesely. Bühne und Kostüme: Peter Engel. Mit: Gregor Schulz, Tim Oberließen, Patrizia Unger, Genia Maria Karasek, Alessandro Visentin. Fotos: SLT/ © Anna-Maria Löffelberger


Dogville

Schon in der Einführung warnt Intendant Robert Pienz, dass dieser Theaterabend absolut kein „romantisches Märchen“ sein werde, denn Lars von Trier erzählt in „Dogville“ mit viel Zynismus und Sadismus von der Verkommenheit der menschlichen Natur. Regisseur Max Claessen bescherte dem Premierenpublikum am 8. November 2019 eine düstere Parabel, die – wie angekündigt – „kein Spaziergang“ war.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Alles fängt ganz harmlos an. Ein Erzähler stellt uns das kleine Dörfchen Dogville, irgendwo am Fuße der Rocky Mountains, vor. Es ist ein verschlafener Ort, an dem die Bewohner der acht Häuser friedlich zusammenleben. Tom Edison, Hobbyschriftsteller und Philosoph, ist der Meinung, dass die Menschen Schwierigkeiten hätten, ein Geschenk anzunehmen. Da taucht plötzlich eine von Gangstern verfolgte, elegante junge Frau auf, die vor ihrer Vergangenheit flüchtet. Die könnte er doch der Dorfgemeinschaft als passendes Geschenk präsentieren.

Er erreicht, dass sich Grace für zwei Wochen auf Probe im Dorf verstecken darf. Als Gegenleistung will sie in jedem Haus täglich für eine Stunde ihre Hilfe anbieten.

___STEADY_PAYWALL___

Da niemand ihre Hilfe zu brauchen scheint, erledigt sie Dinge, die eigentlich gar nicht gemacht werden müssten. Als aber ein Polizist mit einem Fahndungsplakat auftaucht, beginnt die Stimmung zu kippen. Grace muss nun doppelt so viel arbeiten, denn ihre Beherbergung stellt jetzt ein großes Risiko für die Bewohner dar. Die Frauen werden immer bösartiger und die Männer betrachten sie als Freiwild. Schließlich legt man ihr ein Halsband mit Glocke und Ketten an und hält sie wie einen Hofhund. „Wir tun das nicht gerne, aber wir haben keine andere Wahl.“ Als Tom mit den Gangstern Kontakt aufnimmt, ist der Tag der Abrechnung nicht mehr weit.

Lars von Triers Film „Dogville“ aus dem Jahre 2003 besticht durch absolute Reduktion, denn außer ein paar Kreidestrichen am Boden gab es kaum Requisiten. Im Theater hingegen ist man an eine fast leere Bühne bereits gewohnt. Im Hintergrund warten schon die bigotten Einwohner in ihren traditionellen Kostümen (Kostüme: Isabel Graf) auf ihren Auftritt.

Bülent Özdil führt als Erzähler durch das Stück und stellt die Einwohner des Ortes vor: den alten Doktor Thomas Edison (Harald Fröhlich), seinen Sohn, den philosophierenden Beobachter Tom Edison (Simon Jaritz-Rudle), den fürsorglichen Ehemann Chuck (Markus Wilharm) und seine Frau Vera (Susanne Wende), Ma Ginger (Ute Hamm) und ihre Schwester Gloria (Kristina Kahlert), den einfältigen Bill (Christopher Schulzer) und seine Schwester Liz (Magdalene Oettl), den blinden Jack (Marcus Marotte) sowie den Transportunternehmer Ben (Theo Helm).

Im Laufe des Abends weicht die anfängliche Gastfreundschaft der Einwohner einer umfassenden Verrohung. Es entwickelt sich eine gefährliche Dynamik, die dazu führt, dass Grace wie eine Sklavin behandelt wird. In der Rolle dieser Märtyrerin, die stets das Gute sehen und sich um jeden Preis in diese fremde Gesellschaft integrieren will, glänzt bzw. leidet Tilla Rath.

„Dogville“, diese Parabel von Schuld und Sühne, Rache und Moral, ist ein beklemmendes Stück. Lars von Trier vertritt die Meinung, dass ein Film wehtun müsse „wie ein Stein im Schuh“. So ist es kein Wunder, dass auch die Bühnenfassungen seiner Filme keine leichte Kost sind. Dieses fast dreistündige, fordernde Lehrstück über das Wechselspiel von Macht und Abhängigkeit und den Verlust von Zivilisation und Nächstenliebe steht noch bis 20. November 2019 im Schauspielhaus Salzburg auf dem Programm.

„Dogville“ von Lars von Trier. Dramatisiert von Christian Lollike. Deutsch von Maja Zade. Regie und Bühne: Max Claessen. Kostüme: Isabel Graf. Live-Musik: Christopher Biribauer. Mit: Bülent Özdil, Simon Jaritz-Rudle, Tilla Rath, Harald Fröhlich, Markus Wilharm, Susanne Wende, Daniel Feldinger, Johannes Putz, Ute Hamm, Kristina Kahlert, Christopher Schulzer, Magdalena Oettl, Marcus, Marotte, Theo Helm. Fotos: Schauspielhaus/ Jan Friese