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„HÖLLE, HÖLLE, HÖLLE“ – Mörder unter sich

Das Drama „Geschlossene Gesellschaft“ (frz. Huis clos) des französischen Schriftstellers und Philosophen Jean-Paul Sartre wurde 1944 uraufgeführt. Der jungen Salzburger Autor und Komponist Ben Pascal inszeniert den Klassiker als multimediale Tanz- und Musikperformance und entführte das Publikum bei einem Gastspiel im Schauspielhaus Salzburg wortlos in Sartres ganz spezielle Hölle.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Während das Publikum im Studio die Plätze einnimmt, stehen zwei Tänzerinnen und ein Tänzer mit geschlossenen Augen regungslos auf der Bühne. Nach und nach öffnen sie die Augen, versuchen sich zu orientieren und schließlich Kontakt miteinander aufzunehmen. Aber wo sind sie hier gelandet? Leonie Humitsch verkörpert die lesbische, hochintellektuelle Ines, die eine junge Frau verführt und deren Ehemann in den Tod getrieben hat. Silvia Salzmann tanzt die sinnlich verführerische Estelle, die ihr Kind ermordet und ihren Geliebten in den Selbstmord getrieben hat.

Thomas Geismayr steht als feiger und schlagkräftiger Macho Garcin auf der Bühne, der seine Frau jahrelang misshandelt und betrogen hat. Diese drei Personen, die sich im Leben nie begegnet sind, befinden sich nun gemeinsam in einem Raum und sind dazu verdammt, diese Notgemeinschaft zu ertragen. Tastend versuchen sie von ihren Leidensgenossen den Grund für deren Höllenaufenthalt zu erfahren. Leicht wird das nicht, haben sie sich doch alle zu lange selbst belogen. Nun sind sie sich gegenseitig als Peiniger und Opfer ausgeliefert.

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Die Zahl Drei ist für Ben Pascal von großer Bedeutung und so unterstreichen drei Musiker, Paul Dangl (Geige), Florian Sighartner (Geige) und Clemens Sainitzer (Cello), mit einem intensiven, jazzigen Klangteppich die kraftvolle Performance, wobei eine jazzige Version von Wolfgang Petrys Hit „Wahnsinn, warum schickst du mich in die Hölle?“ nicht zu überhören ist. Auch Remo Rauscher, der für die faszinierenden Live-Projektionen sorgt, kommt mit seinen zwei Beamern auf die Zahl drei.

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Ben Pascal und der Choreografin Silvia Salzmann ist es gelungen, Sartres „Drama der menschlichen Existenz“ durch Tanz, Musik und Visualisierung eindrucksvoll und klar verständlich umzusetzen. Das Stück gibt jedenfalls noch reichlich Stoff zum Nachdenken für den Heimweg mit. „Wenn meine Beziehungen schlecht sind, begebe ich mich in die totale Abhängigkeit von anderen. Und dann bin ich tatsächlich in der Hölle. Und es gibt eine Menge Leute auf der Welt, die in der Hölle sind, weil sie zu sehr vom Urteil anderer abhängen.“ (Jean-Paul Sartre)

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Hölle, Hölle, Hölle“ – Regie & Komposition: Ben Pascal. Choreographie, Tanz: Silvia Salzmann. Tanz: Leonie Humitsch. Tanz: Thomas Geismayr. Geige: Paul Dangl. Geige: Florian Sighartner. Cello: Clemens Sainitzer. Live-Projektion: Remo Rauscher. Licht: Valentin Danler. Fotos: Ben Pascal


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„Die Physiker“ – Mord im Irrenhaus

Peter Raffalt inszeniert im Schauspielhaus Salzburg Friedrich Dürrenmatts 1962 uraufgeführte Komödie als schrille Satire. Der Autor warnt in dem Stück, das gerne als Schullektüre verwendet wird, vor dem Missbrauch technischer Errungenschaften. Die Premiere am 4. November 2018 brachte 80 Minuten rasante Unterhaltung.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Kriminalinspektor Voß ist schwer verunsichert. Schon wieder ein Mord an einer Krankenschwester im Sanatorium von Fräulein Doktor Mathilde von Zahnd. Und wieder kann er niemanden verhaften, denn Wahnsinnige sind eben keine Mörder, sondern nur Täter. Im Irrenhaus logieren drei verwirrte Physiker. Herr Beutler hält sich für Newton, Herr Ernesti für Einstein, Herr Möbius hingegen führt angeblich Gespräche mit König Salomo. In Wirklichkeit ist keiner der drei Physiker wirklich geisteskrank.

Möbius hat die sogenannte Weltformel und ein „System für alle möglichen Erfindungen“ aufgestellt, Entwicklungen von großer Gefahr. Um zu verhindern, dass diese in falsche Hände geraten, hat er sich schon vor Jahren in eine Anstalt einweisen lassen. Ernesti und Beutler geben sich schließlich als Spione verschiedener Systeme zu erkennen. Beide versuchen, Möbius für ihre Regierung zu gewinnen. Der Weg in die Freiheit führt nur über die Irrenärztin, allerdings  ist auch ihr angeblich König Salomo erschienen und das verheißt nichts Gutes.

Den Mord an einer Krankenschwester darf das Publikum als aufregendes Schattenspiel live miterleben. Der Täter, Herr Ernesti, der sich für Einstein hält (Antony Connor), schnappt sich zur Beruhigung seine Geige und fiedelt munter drauf los. Die Irrenärztin (Susanne Wende) muss ihn dabei am Klavier begleiten. Kein Wunder, dass Inspektor Voß (Simon Jaritz) völlig überfordert ist. Herr Beutler, der sich für Newton hält (Olaf Salzer), hat seine Krankenschwester schon vor einiger Zeit erdrosselt, nun ist nur noch Herr Möbius (Theo Helm) ausständig. Seine muntere Pflegerin (Kristina Kahlert) wird wohl auch nicht mehr lange leben. Als komödiantisches Kabinettstück erweist sich der skurille Besuch der Ex-Frau von Möbius (Ute Hamm) mit ihren drei Flöte spielenden Söhnen. Kein Wunder, dass Möbius nun völlig durchdreht.

Wie schon der Medienkünstler, Schauspieler und Regisseur Herbert Fritsch mit seiner völlig schrägen, umjubelten Aufführung 2015 in Zürich bewiesen hat, eignet sich Dürrenmatts Komödie „Die Physiker“ hervorragend für eine schrille Inszenierung. Auch Peter Raffalt arbeitet mit Übertreibungen und spart nicht mit Ulk und Tollerei. Agnes Hamvas (Ausstattung) hat dem Ensemble die dazu passenden überspitzten Kostüme und Frisuren verpasst.

Ein unterhaltsamer Theaterabend, ein Klassiker, der in dieser Version sicherlich auch bei jungem Publikum gut ankommen wird. Thematisch bietet das Stück eine Reihe von Ansatzpunkten für die Behandlung im Unterricht. Die Frage nach der Verantwortung der Wissenschaft und nach dem Umgang mit für die Menschheit potenziell gefährlichen Entdeckungen ist heute aktueller denn je und wird immer brisanter.

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„Die Physiker“  von Friedrich Dürrenmatt. Regie: Peter Raffalt. Ausstattung: Agnes Hamvas. Musik: Georg Brenner. Mit: Susanne Wende, Kristina Kahlert, Simon Jaritz, Olaf Salzer, Antony Connor, Theo Helm, Ute Hamm. Fotos: Jan Friese


„Othello“ – die dunkle Seite der Leidenschaft

Basierend auf Shakespeares Tragödie schuf der junge brasilianische Ballettchef Reginaldo Oliveira sein erstes abendfüllendes Handlungsballett für das Salzburger Landestheater. Die charakterstarken und komplexen Figuren des Dramas scheinen wie geschaffen zu sein für eine tänzerische Umsetzung. Das Premierenpublikum bedankte sich am 3. November 2018 mit Standing Ovations für einen großartigen, intensiven Theaterabend.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der Migrant Othello hat es geschafft, karrieremäßig und privat. Dass sich die schöne, von vielen begehrte Desdemona für ihn entschieden hat, gefällt nicht allen. Die abfälligen, schiefen Blicke, die das junge Liebespaar auf sich zieht, sprechen Bände. Als Othello seinen Fähnrich Jago bei einer Beförderung übergeht, will sich dieser für diese vermeintliche Ungerechtigkeit rächen. Mit geschickten Intrigen weckt er Othellos Eifersucht und treibt ihn schließlich zum Mord an seiner Frau.

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Nachdem Flavio Salamanka und Márcia Jaqueline als klassisches Traumpaar in „Cinderella“ und im „Nussknacker“ mit Happy End das Salzburger Publikum begeisterten, sind diesmal andere Gefühle gefragt: wilde Eifersucht, Wut und Hass bei Flavio als Othello sowie Unverständnis, Furcht und Angst bei Márcia als Desdemona. Vom grandiosen Liebes-Pas-de-deux zu Beginn bis zum tragischen Finale wird ihr Wechselbad der Gefühle, verstärkt durch eine intensive musikalische Untermalung, klar und deutlich sichtbar.

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Schon während der Hochzeitszeremonie kriecht Jago (Iure de Castro) wie ein lästiges Ungeziefer unter der Schleppe der Braut hervor, um Rodrigo (Pedro Pires) für seine Intrigen zu gewinnen. Beim großen Maskenball provoziert dieser daher den betrunkenen Cassio (Lúcio Kalbusch), was zu dessen Degradierung führt. Jagos Ehefrau Emilia (Larissa Mota) hat es nicht leicht mit ihrem eitlen Mann, der sich zu Hause als Macho aufspielt. Faszinierend die klar choreografierten Ensemble-Szenen, in denen sich die Herren im eleganten, militärischen Stechschritt fortbewegen, bevor sie gemeinsam mit der weiblichen Dienerschaft gekonnt Stühle und Tische kippen lassen.

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Dass diese Verbindung nicht gutgehen kann, haben sie alle schon geahnt. Und sie sollten Recht behalten, denn nach der Pause liegt die stabile Mauer, die bisher von allen Seiten bespielt wurde, in Trümmern. Nach dem Mord stolpert der verzweifelte Othello, den Leichnam seiner Frau auf Händen tragend, über die riesigen Steinbrocken, auf die ein Aschenregen niedergegangen ist. Ein großartiges, eindrucksvolles Bild des Jammers und grenzenlosen Leides, das an eine Pieta erinnert.

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Reginaldo Oliveira hat Shakespeares Text perfekt ins Tänzerische umgesetzt, so vermeint man im letzten Bild fast zu hören, wie Othello seine Frau bestürmt: „Hast du zur Nacht gebetet, Desdemona?“ Den düsteren Charakter des Stücks betonen auch die ausgewählten Musikstücke von Lera Auerbach, Arvo Pärt und Alfred Schnittke. Zum Maskenball hingegen erklingt Camille Saint-Saëns Danse Macabre op.40.

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Ein ganz außergewöhnlicher Ballettabend mit grandiosen tänzerischen Leistungen und starken Bildern. Modernes Tanztheater vom Feinsten.

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„Othello“ – Ballett von Reginaldo Oliveira nach William Shakespeare. Uraufführung. Szenische Konzeption und Choreographie: Reginaldo Oliveira. Bühne: Sebastian Hannak. Kostüme: Judith Adam. Mit: Flavio Salamanka, Márcia Jaqueline, Iure de Castro, Larissa Mota, Lúcio Kalbusch, Pedro Pires. Ensemble: Karine de Matos, Naila Fiol, Chigusa Fujiyoshi, Gabrielly Juvêncio, Mikino Karube, Anna Yanchuk, Diego da Cunha, Lucas Leonardo, Niccolò Masini, Paulo Muniz. Fotos: © Anna-Maria Löffelberger

 


Magdalena-Lepka

„Winterfest 2018“ – von 29.11.2018 bis 6.1.2019 im Volksgarten Salzburg

Die künstlerische Leiterin Caroline Stolpe und die Geschäftsführerin Susanne Tiefenbacher präsentierten in einer Pressekonferenz ein überaus charmantes Programm, das atemberaubende Artistik, mitreißende Musik und Momente voller Poesie verspricht.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Die Groupe Acrobatique de Tanger aus Marokko eröffnet das Festival für zeitgenössische Zirkuskunst am 29. November mit „Halka”. Halka bedeutet Kreis, denn in einem Kreis von Menschen stellen im maghrebinischen Raum seit Generationen Artisten ihre Kunststücke zur Schau. Der Sand in der Manege soll an den Strand von Tanger erinnern, an dem die ersten Auftritte dieser Zirkusgruppe stattfanden.

Aus Kanada kommt die Compagnie „Machine de Cirque“. Die fünf Künstler, Absolventen der renommierten Zirkusschule von Montreal, nehmen das Publikum mit Charme und Humor auf eine surreale Zeitreise mit und zeigen ihr Können auf einer eigenwilligen Apparatur, die sich je nach Bedarf als Trapez, Chinese Pole oder Einradparcours verwenden lässt.

Die elf Künstler von Circa Tsuica aus Frankreich sehen sich selbst als Brass Band, die Zirkus macht. Im Mittelpunkt von „Maintenant ou Jamais“ („Jetzt oder Nie“) steht ein Fahrrad mit den vielen Möglichkeiten, die dieses einfache Fortbewegungsmittel den Artisten bietet. Die Truppe bringt ihr eigenes Zirkuszelt mit und verspricht einen heiteren Abend, an dem sich alle in herzlicher Atmosphäre willkommen fühlen sollen.

Wesentlich ruhiger und enger geht es bei der vierten Produktion „Pakman“ des Duos von Post Uit Hessdalen zu. Im Inneren eines Lastwagens sitzt der Jongleur Stijn Grupping an einem Förderband und stempelt Pakete, bis die Pausenglocke klingelt. Dann beginnt ein rhythmisches, sehr poetisches Spiel zwischen ihm und dem Schlagzeuger Frederik Meulzer.

Von 7. bis 9. Dezember ist das Winterfest mit „Kaleidoskop“ im Toihaus Theater zu Gast, wo Stefan Sing (Deutschland), Sebastian Berger (Österreich) sowie Arne Mannott & Elina Lautamäki (Österreich/Deutschland/Finnland)  ihre virtuosen Jonglage-Stücke zeigen. Wer selbst aktiv werden möchte, kann hier die Workshops im „CircusTrainingsCentrum“ besuchen.

Im Circusfoyer laden Konzerte, eine Offene Jam Session sowie Literatur-Matinéen, meist bei freiem Eintritt, zum Verweilen ein. Unter www.winterfest.at findet man das detaillierte Programm sowie Videoclips der drei großen Produktionen, die heuer aus Marokko, Kanada und Frankreich kommen.


„Spiel’s nochmal, Sam!“ – im OFF Theater

Mit Woody Allens witziger und intelligenter Komödie über einen liebenswürdigen Stadtneurotiker auf der Suche nach der großen Liebe sorgt das OFF Theater-Ensemble für einen äußerst vergnüglichen Theaterabend. Die ausverkaufte Premiere fand am 20. Oktober 2018 statt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Der Filmkritiker Allan Felix ist verzweifelt. Seine Frau Nancy hat ihn verlassen, ist Richtung Mexiko abgerauscht und will sich jetzt so richtig austoben. Da Allans Psychiater auf Urlaub ist, versuchen sein bester Freund Dick und dessen Gattin Linda ihn aufzuheitern. Ihre Suche nach einer neuen Partnerin für Allan ist nicht sehr erfolgreich, denn dieser stellt sich äußerst ungeschickt an und macht sich oft nur lächerlich. In besonders brenzligen Situationen steht ihm zwar sein großes Vorbild Humphrey Bogart zur Seite, doch helfen ihm dessen coole Sprüche auch nicht weiter. Allan neigt zu Halluzinationen, was ihm das Leben auch nicht gerade leichter macht. So sieht er ganz deutlich vor sich, wie wild es seine Exfrau in Mexiko treibt. Dann wiederum träumt er äußerst realistisch von Frauen, die seine Männlichkeit wirklich zu schätzen wissen, leider auch kein echter Trost. Nach vielen Fehlschlägen muss er feststellen, dass nur die platonische Freundschaft mit Linda wirklich einfach ist. Ob das so bleiben wird?

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Auf der Bühne hat das Ensemble des OFF Theaters mit viel Liebe zum Detail ein altmodisches, sehr gemütliches, wenn auch etwas chaotisches Wohnzimmer aufgebaut. Hier sitzt Allan gerne auf der Couch und schaut sich zum wiederholten Mal seinen absoluten Lieblingsfilm „Casablanca“ an. Warum nur kann er nicht so cool sein wie Humphrey Bogart? Max Pfnür erweist sich als Idealbesetzung für Allan, den liebenswerten Chaoten und Superneurotiker, der sich nicht nur in Liebesdingen unglaublich ungeschickt anstellt. Diana Paul beweist enorme Wandlungsfähigkeit. Anfangs stapft sie als Allans Ex wutschnaubend durch die Wohnung und raubt dem Armen den letzten Rest seines Selbstbewusstseins, indem sie ihm vorwirft, als „emotionale Krücke“ missbraucht worden zu sein. Dann springt sie von einer Frauenrolle in die nächste, mimt die depressive Intellektuelle ebenso überzeugend wie die bieder Schüchterne, bevor sie als liebestolle Natascha ihren großen Auftritt hat. Alex Linse gibt den gestressten Geschäftsmann Dick, der seine gutmütige Frau Linda (Anja Clementi) schwer vernachlässigt. Mit starken Macho-Sprüchen sorgt Humphrey Bogart als Pappfigur für Heiterkeit.

Der von Alex Linse inszenierte Woody-Allen-Klassiker besticht durch hohes Komödienniveau und feine Ironie und gleitet trotz der vielen Slapstick-Szenen nie in Klamauk ab. Ein amüsanter Theaterabend, den man nicht versäumen sollte, denn er bietet beste Unterhaltung – und zwar für Frauen und Männer gleichermaßen.

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„Spiel’s nochmal, Sam!“ Komödie von Woody Allen. Regie: Alex Linse. Ausstattung: Ensemble. Assistenz: Tabea Baumann. Maske: Andrea Linse. Technik: Jonas Meyer-Wegener. Mit: Max Pfnür, Anja Clementi, Alex Linse, Diana Paul. Foto: OFF Theater


„Halbe Wahrheiten“ – nichts als Missverständnisse

Das von der jungen Salzburger Schauspielerin Sonja Zobel gegründete „Wolfgangseer Theater“ bespielte im August den Stadl beim Leopoldhof in Ried am Wolfgangsee. Nun ist die amüsante Verwechslungskomödie von Alan Ayckborn ins Kleine Theater nach Schallmoos übersiedelt und beweist dort, dass Sommertheater auch im Herbst bestens funktioniert.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Eines Morgens findet der junge Gregor ein Paar fremde, „männliche“ Hausschuhe unter dem Bett seiner geliebten Ginny. Auch die vielen Blumensträuße, Bonbonieren und verdächtigen Telefonanrufe wecken seine Eifersucht. Er weiß zwar von seinem Vorgänger, einem 30 Jahre älteren „Sugar-Daddy“, doch ist diese Affäre wirklich vorbei? Er beschließt, Ginny heimlich zum Haus ihrer Eltern zu folgen und dort um ihre Hand anzuhalten. Dummerweise trifft er vor ihr ein und unterbreitet einem verblüfften, da kinderlosen Ehepaar seine Heiratsabsichten. Der Hausherr hält Gregor für den Liebhaber seiner Frau und ist einigermaßen erschüttert über die Unverfrorenheit des jungen Mannes. Als dieser auch noch behauptet, nicht der Erste gewesen zu sein, und von drei bis vier Vorgängern erzählt, ist er fassungslos. Das hätte er seiner Frau nicht zugetraut. Als schließlich auch noch Ginny auftaucht, beginnen die Missverständnisse zu eskalieren.

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Ginny (Sonja Zobel) und Gregor (Stefan Wunder) sind zwar frisch verliebt, doch scheint es die junge Dame mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen, sie begnügt sich mit der halben. Mit den fatalen Folgen ihrer Lügengeschichten hat sie wohl nicht gerechnet. Auch das frustrierte ältere Ehepaar, Dodo und Philip (großartig Anita Köchl und Volker Wahl), gibt sich mit der halben Wahrheit zufrieden. Köstlich zu beobachten, wie die beiden versuchen, sich gegenseitig an einem Sonntagvormittag loszuwerden. Er will nicht auf den Golfplatz, sie nicht in die Kirche, da bleibt den beiden nichts anderes übrig, als einander anzugiften. Das ändert sich jedoch schlagartig als der junge Mann mit seinen Heiratsabsichten auftaucht.

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Regisseurin Caroline Richards verpflanzt den englischen Verwechslungsklassiker, der Alan Ayckbourn 1965 den Durchbruch als erfolgreicher Dramatiker bescherte, an den idyllischen Wolfgangsee und setzt ihn mit viel Situationskomik in Szene. Ein amüsanter Theaterabend voll Verwechslungen, Missverständnissen und Irritationen, der mit bestem Dialogwitz unterhält.

„Halbe Wahrheiten“ Komödie von Alan Ayckbourn. Regie: Caroline Richards. Kostüme: Vasitti Magnus. Mit: Anita Köchl, Volker Wahl, Stefan Wunder, Sonja Zobel. Fotos: Christian Streili

 

 

 

 


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„Hamlet“ – William Shakespeares tragischer Held

Im Salzburger Landestheater begeisterte in der letzten Saison der junge Schauspieler Gregor Schulz als spanischer Infant Don Carlos das Publikum. Nun steht er in Alexandra Liedtkes Hamlet-Inszenierung als junger Dänenprinz auf der Bühne und wurde bei der Premiere am 6. September 2018 stürmisch bejubelt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Die Trauer ist groß im Staate Dänemark, als der beliebte König zu Grabe getragen wird. Dieselbe Blasmusik darf bald nach dem Trauermarsch zum Tanz aufspielen, denn Gertrude, die Witwe des Verstorbenen, heiratet ungebührlich rasch ihren Schwager Claudius. Als dem völlig verwirrten, verunsicherten jungen Prinz Hamlet der Geist seines Vaters erscheint, bestätigt ihm dieser seine Vermutung: Es war Mord und Claudius der Täter. Hamlet zweifelt zwar an seiner eigenen Wahrnehmungsfähigkeit, doch stellt er sich geistig verwirrt, um so den Täter zu überführen. Er brüskiert seine große Liebe Ophelia und fordert sie auf, ins Kloster zu gehen. Diese Zurückweisung und die Ermordung ihres Vaters Polonius verwirren ihren Geist und treiben sie in den Selbstmord. Das finale Duell zwischen ihrem Bruder Laertes und Hamlet überlebt dank vergifteter Degenklinge, Giftbecher und in dieser modernen Inszenierung auch Pistole niemand. „Der Rest ist Schweigen“ und der Norweger Fortinbras übernimmt die Herrschaft im Land.

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Gregor Schulz ist ein in Mimik und Gestik ausdrucksstarker, vielschichtiger Hamlet, der seinem Schmerz über den Verlust des Vaters markerschütternd Ausdruck verleiht, ständig mit dem Geist seines Vaters Kontakt aufzunehmen versucht und in seinem großen Monolog die Sinnhaftigkeit des menschlichen Daseins in Frage stellt. Genia Maria Karasek gibt die Ophelia als gehorsames, schüchternes junges Mädchen, das Vater und Bruder hilflos ausgeliefert ist. Walter Sachers kostet zwar als geschwätzigem Polonius seine Neugierde das Leben, doch schlüpft er am Friedhof kurzfristig in die Rolle des Totengräbers. Christoph Luser wirkt als Claudius wie ein moderner, machtbesessener, ehrgeiziger Geschäftsmann oder auch Politiker, der zwar ständig mit seiner Frau (eiskalt Britta Bayer) turtelt, doch auch Ophelia begehrliche Blicke zuwirft. Sein berührender Versuch zu beten lässt ihn erkennen, dass er nicht bereuen kann.

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Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt hat ein steriles, modernes Haus auf die Bühne gestellt, dessen Wände ständig verschoben werden und immer neue Einblicke gewähren. Johanna Lakner verpasst sowohl der königlichen Familie als auch der des Hofkämmerers moderne, elegante Kostüme.

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Alexandra Liedtke hat die Tragödie so geschickt gekürzt, dass man weder Horatio noch Rosenkranz und Güldenstern vermisst. Statt einer Schauspieltruppe darf ein Puppenspieler (Simon Buchegger) König Claudius verunsichern. Ein großer, gar nicht so langer (2 h 15 min) Shakespeare-Abend mit einem grandiosen Hamlet, den man nicht verpassen sollte.

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„Hamlet“ Prinz von Dänemark von William Shakespeare. Deutsch von August Wilhelm Schlegel. Inszenierung: Alexandra Liedtke. Bühne: Raimund Orfeo Voigt. Kostüme: Johanna Lakner. Musik: Karsten Riedel. Puppenbau: Simon Buchegger. Mit: Gregor Schulz, Christoph Luser, Britta Bayer, Walter Sachers, Hanno Waldner, Genia Maria Karasek, Simon Buchegger, Robert Zalmann. Fotos: © Anna-Maria Löffelberger


„Liiiebe!“ – rasante Komödie von Murray Schisgal

Unter dem Titel „Versuch’s doch mal mit meiner Frau!“ kam die amerikanische Komödie mit Jack Lemmon und Peter Falk in den Hauptrollen 1967 in die Kinos. Die aberwitzige Story über zwei alte Studienkollegen und ihre Probleme mit Frauen strapazierte am 26. September 2018 die Lachmuskeln des Premierenpublikums im Kleinen Theater.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Harry ist ein sichtlich verzweifelter Mann und trifft umständlich Vorbereitungen für seinen Selbstmord. Er beabsichtigt, sich mit einer Schlinge um den Hals von einer Brücke in den Hudson River zu stürzen. Im letzten Moment wird er von seinem alten Schulkollegen Milt aufgehalten. Dieser nimmt kaum Notiz von der misslichen Lage seines ehemaligen Freundes, er prahlt lieber mit seinen Erfolgen als Börsenmakler. Damals in der Schule war er der Versager und Harry der Musterschüler, der Medizin studieren wollte. Da kommt Milt die rettende Idee. Er fragt seinen lebensmüden Freund: „Wie wär‘s mit Liebe?“, und bietet ihm gleich seine eigene, leider scheidungsunwillige Frau Ellen an.

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Der Coup gelingt, denn Harry ist fasziniert von Ellen, in deren Ehe es schon lange nicht mehr richtig klappt. Der Tausch ist rasch perfekt und Milt frei für seine neue, junge Liebe Linda. Nach einem Jahr treffen sich die drei wieder auf der Brücke, doch irgendetwas dürfte da schief gelaufen sein, denn so richtig glücklich wirkt nur Harry.

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Die typisch amerikanische Komödie lebt vom humoristischen Talent der drei Darsteller. Jurek Milewski lässt als völliger Versager und Hypochonder seinen Macken gekonnt und überzeugend freien Lauf. Ob die hochintelligente, doch zickige und kontrollsüchtige Ellen (Judith Brandstätter) mit diesem Loser wohl das große Los gezogen hat? Wolfgang Kandler hingegen strotzt als erfolgreicher Geschäftsmann nur so vor Selbstvertrauen, hat er sich doch aus ärmsten Verhältnissen hochgearbeitet. Jetzt fehlt ihm eigentlich nur noch die passende junge Ehefrau und die glaubt er in Linda gefunden zu haben.

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Torsten Hermentin hat die schräge, makabre Komödie abwechslungsreich mit viel Slapstick garniert und mit enormem Tempo inszeniert. Das bestens gelaunte Premierenpublikum bekam, was es sich vom Kleinen Theater stets erhofft: Zwei Stunden beste Unterhaltung und viel zu lachen.

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„Liiiebe!“ Versuch’s doch mal mit meiner Frau! – Witzig-böse Komödie von Murray Schisgal. Miluna Theater. Regie: Torsten Hermentin. Bühne: Alois Ellmauer. Kostüme: Lili Pfeiffer. Mit: Judith Brandstätter, Wolfgang Kandler und Jurek Milewski. Fotos: Christian Trewelle


Das goldene Vlies

„Das Goldene Vlies“ – zieht Rache und Verderben nach sich

Christoph Batscheider inszeniert im Schauspielhaus Salzburg Franz Grillparzers dramatisches Gedicht in drei Teilen als klassische altgriechische Tragödie. „Der Gastfreund“, „Die Argonauten“ und „Medea“ erzählen von Machtgier und Schuld und den Gegensätzen zwischen Griechen und Barbaren. Viel Applaus am 25. September 2018 nach einem großartigen, dreistündigen Theaterabend.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Eigentlich fand die Premiere schon am 20. September 2018 statt. Doch nach 50 Minuten musste Medea (Kristina Kahlert) ins UKH gebracht und die Vorstellung abgebrochen werden. Ob es nun der Fluch des goldenen Vlieses, die mächtigen schwarzen Blöcke auf der Bühne oder nur die Tücken eines langen Kleides waren, der Theaterabend war zu Ende und man konnte nur hoffen, dass nichts allzu Schlimmes passiert war. Fünf Tage nach diesem Unfall stand Kristina Kahlert mit schwarz umwickeltem Gipsverband wieder auf der Bühne und brillierte als unglaublich starke Medea, die das Opfer der Entscheidungen grausamer Männer wird und bis zuletzt um ihre Kinder kämpft.

Das goldene Vlies

v.l.n.r.: Simon Jaritz (Jason), Kristina Kahlert (Medea)

Hinterhältig ermordet Aietes, König der Kolcher, den Griechen Phryxus, der ihn um Schutz und Gastrecht gebeten hatte, und raubt ihm das kostbare Goldene Vlies, ein sagenumwobenes Widderfell. Seine Tochter Medea ahnt, dass der feige Raubmord schlimme Folgen haben wird und zieht sich in die Wälder zurück. Bald schon landen kriegerische Argonauten und fordern das Vlies zurück. „Rohe Naturkraft“ zieht Medea zu Jason, den Anführer der Griechen, hin. Sie verrät dem Feind das Versteck des Goldenen Vlieses und folgt ihrem Geliebten auf das Schiff. Jason wird bei seiner Rückkehr in der Heimat jedoch nicht als Held gefeiert. Er und seine barbarische Gattin werden des Königsmordes bezichtigt und verbannt. Nach jahrelangen Irrfahrten landen Jason und Medea mit ihren zwei Söhnen auf Korinth und ersuchen König Kreon um Gastfreundschaft. Sie werden zwar nach einigem Zögern aufgenommen, doch als die alte Liebe zwischen Jason und der Königstocher Kreusa neu entflammt, soll Medea ohne ihre Kinder die Insel verlassen.

Das goldene Vlies

v.l.n.r.: Kristina Kahlert (Medea), Marcus Marotte (Aietes)

Medea hat es nicht leicht mit ihrem verschlagenen, geld- und machthungrigen Vater (großartig Marcus Marotte), der sie mit Befehlen nach dem Motto „Ich wills, du sollst“ traktiert. Kein Wunder, dass sie vom übermütigen und frechen Jason (Simon Jaritz) fasziniert ist. Wie schnell Liebe jedoch in Hass umschlagen kann, wird in Korinth deutlich, wenn Jason das „giftmischende Barbarenweib“ gegen seine Jugendliebe Kreusa (Larissa Enzi) austauschen will. Medeas Amme (Ute Hamm) hat mit ihrer Prophezeiung wohl Recht behalten: „Wie du die Deinen, so verrät er dich.“ Theo Helm muss als Phryxus seinen Hochmut mit dem Leben bezahlen, doch mit seinem letzten Atemzug verflucht er Aietes.

Das goldene Vlies

v.l.n.r.: Larissa Enzi (Peritta), Simon Jaritz (Jason), Kristina Kahlert (Medea)

Das goldene Vlies

v.l.n.r.: Larissa Enzi (Kreusa), Simon Jaritz (Jason), Kristina Kahlert (Medea), Harald Fröhlich (Kreon)

Leichter Nebel liegt auf der unwirtlichen Landschaft, die Isabel Graf mit riesigen schwarzen Blöcken auf die Bühne gezaubert hat. Grillparzers ungeheure Sprachgewalt vermag an diesem Abend die Antike in all ihren Facetten verständlich zu machen. Auch aktuelle Bezüge sind nicht zu übersehen, denn am Misstrauen allem Fremden gegenüber hat sich bis heute nichts geändert.

Das goldene Vlies

v.l.n.r.: Simon Jaritz (Jason), Harald Fröhlich (Kreon)

„Das Goldene Vlies“ von Franz Grillparzer. Regie: Christoph Batscheider. Ausstattung: Isabel Graf. Musik: Georg Brenner. Mit: Marcus Marotte, Kristina Kahlert, Lukas Bischof, Ute Hamm, Larissa Enzi, Theo Helm, Simon Jaritz, Harald Fröhlich. Fotos: Jan Friese/ SHS

 


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„Wiener Blut“ – eine turbulente Verwechslungs-Operette

Der Operettenklassiker „Wiener Blut“ mit der beschwingten Musik von Johann Strauß (Sohn) ist in einer frischen Inszenierung von Marco Dott, dem Spezialisten für heiteres, unbeschwertes Theatervergnügen, im Salzburger Landestheater zu erleben. Bei der Premiere am 22. September 2018 hörte man vielfach den seligen Seufzer: „Endlich wieder eine Operette.“

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Balduin Graf Zedlau hat als Gesandter von Reuß-Schleiz-Greiz eine diplomatische Mission beim Wiener Kongress zu erfüllen. Seine Gattin Gabriele flüchtet auf das Gut ihrer Eltern, sie langweilt sich mit dem etwas steifen Diplomaten. Ihre Abwesenheit nützt der Herr Graf, legt sich die temperamentvolle Tänzerin Franziska Cagliari als Geliebte zu und quartiert sie in seiner Villa ein. Auch der munteren Probiermamsell Pepi macht er Avancen, ohne zu wissen, dass sie mit seinem Diener Josef liiert ist. Er will sich mit ihr nach dem großen Ball des Grafen Bitowski in Hietzing treffen, denn „Draußt in Hietzing gibt‘s a Remasuri“.

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Als die Gattin des Grafen überraschend in Wien auftaucht, muss sie im Stadtpalais logieren. Das kommt ihr verdächtig vor und so stattet sie der Villa einen Besuch ab. Dort trifft sie auf den Premierminister Fürst Ypsheim Gindelbach, den Chef ihres Gatten, der ihr Franziska Cagliari als Gräfin Zedlau vorstellt.

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Das ist der Beginn eines Verwirrspiels voll komischer Verwechslungssituationen, denn am Abend auf dem großen Ball treffen alle drei Damen, die Ehefrau, die Geliebte und die neue Eroberung des Grafen, aufeinander. Nach der rauschenden Ballnacht trifft sich die bunte Gesellschaft zum turbulenten Finale an einem Würstelstand in Hietzing. Hier finden die Paare schließlich in der richtigen Konstellation zueinander und der Operettenseligkeit steht nichts mehr im Wege.

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„Wiener Blut“ ist ein Auftragswerk des Direktors des Wiener Carlstheaters. Victor León und Leo Stein haben das Libretto verfasst und dazu passende Musik aus der überreichen Fülle der vorhandenen Werke des Komponisten gewählt. Die Uraufführung fand erst Monate nach dem Tod von Johann Strauß (1825-1899) statt und fiel anfangs durch. Heute zählt „Wiener Blut“  aber neben der „Fledermaus“ zu den beliebtesten Werken des Komponisten.

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Franz Supper gibt Balduin Graf Zedlau als großen Charmeur – keine Spur von steif, spießig und langweilig wie zu Beginn seiner Ehe. Kein Wunder also, dass neben der Tänzerin Franziska Cagliari (Ilia Staple) und der frechen Pepi (Tamara Ivaniš) nun auch seine Frau Gabriele (Anne-Fleur Werner) Gefallen an ihm findet. Für den Wiener Schmäh sind in dieser Inszenierung aber der Fiakerkutscher (Michael Schober) und der Karussellbesitzer Kagler (Sascha Oskar Weis) zuständig, besonders wenn sie vor dem Würstelstand mit „ A Krügerl, a Glaserl, a Stamperl, a Tröpferl…“ inbrünstig dem Alkohol huldigen.

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Nach der rauschenden Ballnacht im edlen Ambiente (Bühne: Christian Floeren), bei der die vornehme Gesellschaft in noblen und extravaganten Kostümen (Conny Lüders) das Tanzbein schwingt, geht es hinaus in die weniger feine Vorstadt, wo schließlich nicht nur der Herr Graf, sondern auch sein smarter Assistent (Alexander Hüttner) und der preußische Premierminister (Axel Meinhardt) ihr Glück finden.

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Für die schwungvolle, walzer- und polkaselige musikalische Untermalung des Wiener Liebesreigens sorgt das Mozarteumorchester Salzburg unter der Leitung von Robin Davis. Ein Theaterabend, der nicht nur eingefleischte Operettenfreund zu begeistern vermag.

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„Wiener Blut“ Operette in drei Akten von Victor León und Leo Stein. Musik von Johann Strauß  (Sohn) Für die Bühne bearbeitet von Adolf Müller jun. Musikalische Leitung: Robin Davis. Inszenierung: Marco Dott. Bühne: Christian Floeren. Kostüme: Conny Lüders. Choreographie: Alexander Korobko. Mit: Axel Meinhardt, Franz Supper, Anne-Fleur Werner, Raimundas Juzuitis, Jevheniy Kapitula, Ilia Staple, Sascha Oskar Weis, Tamara Ivaniš, Michael Schober, Alexander Hüttner, Karine de Matos, Pedro Pires, Mikino Karube, Lucas Leonardo, Chigusa Fujiyoshi, Paulo Muniz, Horst Zalto, Mona Akinola, Manuel Millonigg, Julian Kroske. Mozarteumorchester Salzburg, Chor des Salzburger Landestheater. Fotos: Anna – Maria Löffelberger


„Die Wahrheit“ – und die Nuancen der Lüge

Mit einer spritzigen französischen Komödie startet das Schauspielhaus Salzburg in die neue Theatersaison. Florian Zeller lässt seine Protagonisten lustvoll mit der Wahrheit jonglieren, denn „wer seinen Partner betrügt, der sollte wenigstens die moralische Größe haben, eine gute Lüge zu erfinden“. Die überaus vergnügliche Premiere fand am 15. September 2018 im ganz in Rosa gehaltenen „Rokoko-Studio“ statt.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Seit sechs Monaten hat der verheiratete Michel ein für ihn völlig unbeschwertes und unkompliziertes Verhältnis mit Alice, der Ehefrau seines besten Freundes Paul. Alice jedoch reichen die wöchentlichen Treffen in einem Hotelzimmer nicht mehr, sie fordert ein gemeinsames Wochenende. Michel beschließt, eine Dienstreise vorzutäuschen, und Alice besucht angeblich eine Tante. Zu dumm nur, dass die Ehepartner ständig anrufen und das Tête-à-Tête stören. Haben sie vielleicht doch Verdacht geschöpft?

Alice bekommt immer mehr Schuldgefühle, nicht nur ihrem Mann Paul gegenüber, sondern auch gegenüber Michels Ehefrau Laurence. Das ständige Lügen setzt ihr gewaltig zu, doch Michel weiß sie zu beruhigen: „Du belügst ihn nicht, Alice. Du sagst ihm nur nicht die Wahrheit. Es wäre egoistisch, ihm die Wahrheit zu sagen, nur um dein Gewissen zu erleichtern.“ Als Michel jedoch feststellen muss, dass sein Freund schon lange von seinem Verhältnis gewusst hat, sieht sich der charmante Betrüger plötzlich in der Rolle des Opfers. Wie konnte man ihn nur so belügen?

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Der französische Romancier Marivaux (1688 bis 1763), einer der bedeutendsten Literaten der Frühaufklärung und des Rokoko, treibt in seinen Komödien die Kunst der Täuschung und Verstellung auf die Spitze. Regisseurin Anne Simon siedelt Zellers moderne französische Boulevardkomödie in eben dieser Zeit an und lässt die zwei Paare in einem entzückenden, in Hellrosa gehaltenen Rokoko-Boudoir ihr frivoles Spiel treiben und in aufwendigen, ebenfalls rosaroten Roben (Ausstattung: Agnes Hamvas) herumstolzieren.

Um dem Publikum Zeit zum Nachdenken zu geben, denn Lüge und Wahrheit vermischen sich ständig, wird die Handlung durch kurze Song-Passagen unterbrochen. Grandios Olaf Salzers Nuancierungskunst, wenn er als Michel seine Geliebte Alice (Christiane Warnecke) beschwört, ihrem Mann aus Rücksicht, Liebe und Respekt nicht die Wahrheit zu sagen. Köstlich auch seine Entrüstung und Empörung als betrogener Betrüger. Die Betrogenen selbst, Laurence (Susanne Wende) und Paul (Bülent Özdil), behalten ihre Geheimnisse lieber für sich oder deuten sie, zur großen Verunsicherung von Michel, nur an.

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Florian Zellers hinreißende Komödie überzeugt mit geschliffenen, pointierten Dialogen zum Thema Seitensprung. Die Frage, ob es nun vorteilhafter sei, die Wahrheit zu verschweigen oder sie zu sagen, kann dieser rundum vergnügliche Theaterabend leider nicht beantworten.

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„Die Wahrheit“ von Forian Zeller. Regie: Anne Simon. Ausstattung: Agnes Hamvas. Mit: Olaf Salzer, Susanne Wende, Christiane Warnecke und Bülent Özdil. Fotos: Schauspielhaus/ Jan Friese

 

 


der steppenwolf

„Der Steppenwolf“ – im Magischen Theater

In Johannes Enders Inszenierung schlüpfen drei Damen in die Rolle des Harry Haller und verdeutlichen seine innere Zerrissenheit, seine Sehnsucht nach Ordnung und Struktur und seine Gier nach einem freien, wilden Leben.

Elisabeth PichlerVon Elisabeth Pichler

Die Bühnenfassung von Hermann Hesses Klassiker aus dem Jahre 1927 feierte am 13. September 2018 im Kulturhaus Emailwerk in Seekirchen Premiere und ist seit 18. September in den Kammerspielen des Salzburger Landestheaters zu sehen.

Harry Haller, ein vereinsamter Intellektueller, befindet sich in einer Existenzkrise. Er sehnt sich nach starken Gefühlen, die er bisher nur während eines Konzerts oder beim Studium klassischer Literatur zu spüren vermochte. Seine steppenwölfische Gier und wilde Begierde blockieren ihn und machen ihm schwer zu schaffen.

der steppenwolf

Er beschließt daher, sich in drei Jahren zu seinem 50. Geburtstag den Selbstmord zu erlauben. Bei einem nächtlichen Streifzug durch die Stadt entdeckt er eine Leuchtreklame, die ihn neugierig werden lässt: „Magisches Theater – Eintritt nicht für jedermann. Nur für Verrücke“. Hier lernt er die androgyne Hermine, eine „Kurtisane von leidlich gutem Geschmack“, kennen. Diese nimmt sich seiner an und zeigt ihm eine neue, aufregende Welt. Sie lehrt ihn das Tanzen, macht ihn mit dem Jazzposaunisten Pablo bekannt und schenkt ihm die schöne Martha, die ihm eine einzigartige Liebesnacht beschert, ein „sterngewordenes Erlebnis“. Während Harry Hallers Einsamkeit durchbrochen wird, beschließt Hermine, in Wollust zu sterben. Sie ist der Ansicht, dass ihre Bestimmung nicht die Glücklichkeit sei und erteilt ihrem Schützling einen letzten Befehl: „Töte mich!“

der steppenwolf

Katharina Halus, Janina Raspe und Sonja Zobel, alle im klassischen schwarzen Frack, schlüpfen abwechselnd in die Rolle des Steppenwolfs und verdeutlichen überzeugend seine Orientierungslosigkeit und Zerrissenheit, seine „Wut auf dies abgetönte, flache, normierte und sterilisierte Leben“. Die Vertreter des bürgerlichen Lebens werden durch filigrane Papierpuppen dargestellt, denen jegliche Stabilität fehlt.

der steppenwolf

Da der Fokus auf der ausdrucksstarken Sprache Hermann Hesses liegt, ist die Bühne (Hannah Landes) eher schlicht gehalten. Der Eingang in das Magische Theater ist nur angedeutet und bleibt verschlossen. Zum Finale wird das Publikum jedoch gebeten, den Schauspielerinnen ins Freie zu folgen, um dort etwas wirklich „Magisches“ zu erleben.

der steppenwolf

Der vielschichtige Theaterabend über Orientierungslosigkeit und Sinnsuche wurde von Regisseur Johannes Ender mit drei großartigen Schauspielerinnen in Szene gesetzt und überzeugt mit starken Bildern und biegsamen Papierpuppen.

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„Der Steppenwolf“ von Hermann Hesse. Bühnenfassung von Joachim Lux. Inszenierung: Johannes Ender, Bühne, Kostüme und Puppenbau: Hannah Landes. Mit: Katharina Halus, Janina Raspe, Sonja Zobel und Josef Vesely als Mozart. Vom Tonband die Stimmen von: Marco Dott, Eva Christine Just, Axel Meinhardt, Tim Oberließen und Christoph Wieschke. Fotos: © Anna-Maria Löffelberger