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Sommernachtstraum

Ein Sommernachtstraum – am Schlossberg in Mattsee

Die Schlossbergspiele Mattsee feiern heuer ihr Zehn-Jahre-Jubiläum. Autor und Regisseur Helmut Vitzthum hat lange zugewartet und ist nun heilfroh, dass er die Aufführungen nicht wie so viele andere Sommertheater abgesagt hat. Die Lockerungen der Covid-19-Maßnahmen ermöglichen nun ein volles Programm auf der Freiluftbühne. Neben der für den Schlossberg neu bearbeiteten Shakespeare-Komödie findet auch eine Wiederholung der umjubelten „Jedermann“-Aufführung aus dem Vorjahr statt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Vor genau zehn Jahren hat Helmut Vitzthum die Schlossbergspiele Mattsee auf den damals noch ziemlich baufälligen Stufen der Freiluftarena aus der Taufe gehoben – mit einer entzückenden Inszenierung von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ samt reizendem, moosgrünen Puck und vieler kleinen Elfen. Zum Jubiläum überrascht er nun mit einer spektakulären modernen Neuinszenierung, in der Puck als androgyner Zwischengeist in Lack, Leder und Oldtimer-Fliegermütze mit Panorama-Brille sein Unwesen treibt.

Hermia und Helena sind eigentlich beste Freundinnen. Da Hermias Vater mit der Männerwahl seiner Tochter nicht einverstanden ist, beschließt diese, mit ihrem geliebten Lysander zu fliehen. Mit Rucksack, Schlafsack und Isomatte bestens ausgerüstet, nächtigen die beiden im Märchenwald und kommen dabei dem Elfenkönig Oberon in die Quere. Dieser will sich nämlich an seiner untreuen Gattin Titania mit Liebestropfen rächen. Sein Diener Puck verwandelt daher den Handwerker Zettel, der im Wald ein Theaterstück probt, in einen Esel und legt ihn zu Titania ins Bett, woraufhin diese in heißer Liebe entbrennt. Als jedoch noch ein weiteres Pärchen, Helena und ihr unwilliger Freund Demetrius, auftaucht, kommt es zu Komplikationen. Der schusselige Puck bringt da so einiges durcheinander. Das große Happy End bleibt diesmal aus, denn moderne, emanzipierte junge Damen lassen sich eben nicht alles gefallen. So endet das Stück mit der großartigen Aufführung der höchst kläglichen Komödie von „Pyramus und Thisbe“ anlässlich der fürstlichen Hochzeit von Theseus und Hippolyta in Athen.

Realität und Märchenwelt sind in dieser Inszenierung klar getrennt. Hans-Jürgen Bertram erscheint als Theseus, König von Athen, im eleganten Anzug, als Oberon hingegen in einem magisch glitzernden Phantasiekostüm. Irene Refela wird von der strengen, eleganten Hippolyta zur liebestollen Titania, die sich mit ihrem Esel im Luxusbett wälzt und von den entzückenden, doch gelangweilten Elfen, Senfsamen (Marianne Lesch), Spinnweb (Hannah Handlechner) und Motte (Francisca Leimgruber), bedienen lässt. Hermia (Melanie Arnezeder) und Helena (Lilian Schaubensteiner) stecken in modernen Flatterkleidchen, Demetrius (Raphael Schallegger) und Lysander (Christian Rainer Leutgeb) in legeren Freizeitoutfits. Squenz (Christoph Mierl) hat es als Regisseur der Laientruppe nicht leicht mit seinen Mitspielern. Während Schnock (Christian Zink) und Flaut (Maximilian Ziedek) mit ihrer Schüchternheit zu kämpfen haben, ist Zettel (Helmut Vitzthum) kaum zu bremsen.

Auf der Bühne sorgen zehn riesige, weiße Blumen mit leuchtenden Stängeln für romantische Stimmung. Hinten im finsteren Wald hockt Puck (großartig Hans Peter Ampferer) und beobachtet amüsiert das sündige Treiben. Vielleicht war das ja wirklich alles nur ein Traum, doch den sollte man sich in dieser perfekten Kulisse nicht entgehen lassen.

„Ein Sommernachtstraum“ nach William Shakespeare. Regie: Helmut Vitzthum. Regieassistenz: Gaby Rindberger. Kostüme: Landestheater Salzburg. Technik: Roland Lederer. Maske: Elisabeth Dehmel, Lisa Rindberger. Mit: Hans-Jürgen Bertram, Irene Refela, Hans Peter Ampferer, Lilian Schaubensteiner, Raphael Schallegger, Marianne Lesch, Christian Rainer Leutgeb, Melanie Arnezeder, Christoph Mierl, Sebastian Martin Rehm, Maximilian Ziedek, Christian Zink, Hannah Handlechner, Francisca Leimgruber. Fotos: Chris Rogl


„Jedermann und der Tod im Apfelbaum“ – eine musikalische Collage

Die überaus engagierte Kulturvermittlerin Elfi Schweiger konnte den ehemaligen Operndirektor am Salzburger Landestheater Andreas Gergen für ein ganz spezielles Jedermann-Projekt gewinnen, das die 1905 von Hugo von Hofmannsthal in einem Garten bei Wien entstandene, in Prosa gehaltene Urfassung mit dem von den Salzburger Festspielen bekannten Text in Knittelversen verknüpft. Andreas Gergen hat seine Inszenierung mit einer Songsequenz für Streichquartett und Stimme, „The Juliet Letters“, des britischen Rocksängers und Songwriters Elvis Costello untermalt. Ein gelungenes Experiment, das man sich nicht entgehen lassen sollte.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Statt eines Herolds, der das „geistlich Spiel“ ankündigt, wird dem Stück Max Reinhardts Rede, die er anlässlich einer Aufführung des „Jedermann“ in New Yorker Exil gehalten hat, vorangestellt.

„Wir spielen heute ein altes Stück, ganz neu. Es heißt Everyman. That means: you and I and all of us. ,Everyman‘ ist viele Jahrhunderte hindurch gespielt worden, again and again. Es gibt nicht viele Shows auf dem Broadway des Welttheaters, die einen so langen Run haben. Wann, wo und von wem das Stück ursprünglich geschrieben worden ist, wissen wir nicht genau. Wir wissen das ebenso wenig von der Bibel. Wir wissen es nicht von vielen wunderbaren Sagen und Märchen und von vielen alten Volksliedern. Sie gehören zum Schatz des Volkes, der sich von Generation zu Generation fort erbt. Sie sind ,from the people, about the people and for the people‘. Wenn wir sie hören, fühlen wir uns bewegt. Wir müssen am Anfang ein wenig lachen, zum Schluss ein wenig weinen und dazwischen ein wenig nachdenken.“

Wie in der Urfassung stehen nur Jedermann und sein Butler Mammon, der seinem Herrn aber auch als Tödin, Schuldknecht, Verwandtschaft und Buhlschaft gegenübertritt, auf der Bühne. Mathias Schlung verkörpert den vitalen, doch verzweifelten Jedermann, der nicht bereit ist, so jung zu sterben. Seine melancholische Stimmung bringen Costellos Lieder großartig zur Geltung. Zum Finale verwandelt er sich jedoch in den wütenden Teufel, der nicht verstehen kann, dass ihm die sicher scheinende Beute entgeht. Vasiliki Roussi erweist sich als ungeheuer wandlungsfähig. Während sie als gestrenger Tod keine Gefühle zeigt, überzeugt sie mit offenem Haar als verführerische, temperamentvolle Buhlschaft. Ein sieben Meter langes, weißes Tuch kommt bei fast allen Verwandlungen zum Einsatz, dient als Brautschleier ebenso wie als Leichenhemd, und Mammon knüpft damit seinen Herrn so geschickt auf, dass dieser wirklich wie ein Hampelmann zappelt.

Es ist immer wieder faszinierend, wie einem kreativen Regisseur mit einem Minimum an Requisiten, einer Leiter, zwei Stühlen und einem langen Tuch großartige Bilder gelingen. Im Hintergrund musiziert ein Quartett von hochkarätigen Musikerinnen und Musikern, die in verschiedenen Orchestern und Ensembles spielen und in den letzten Monaten plötzlich vor dem Nichts standen.

Elfi Schweiger und Andreas Gergen haben mit diesem ganz speziellen, hochmusikalischen Jedermann-Projekt Schauspielern und Musikern die Möglichkeit gegeben, endlich wieder vor Publikum aufzutreten. Ich durfte die Generalprobe am 27. Juli 2020 besuchen und war begeistert. Ein Glück, dass diese Produktion nach vier Vorstellungen im „OVAL – die Bühne im Europapark“ auf Reise gehen wird – und zwar in sommerliche Privatgärten in ganz Österreich.

„Jedermann und der Tod im Apfelbaum“ – Projektleiterin, Textfassung und Produktionsleitung: Prof. Mag. Elfi Schweiger. Regie und Ausstattung: Andreas Gergen. Mit: Mathias Schlung und Vasiliki Roussi, Saskia Roczek (1.Violine), Georg Wimmer (2.Violine), Sarah Grubinger (Viola) und David Pennetzdorfer (Violoncello).


„Frau Holle“ – eine Welturaufführung im Volksgarten

Im Rahmen des Zwischenräume-Festivals kam am 22. Juli 2020 im Theaterzelt im Volksgarten das bekannte Märchen der Gebrüder Grimm über zwei sehr unterschiedliche Schwestern zur Aufführung. Die flotte, modernisierte Theaterfassung von Mathias Schuh brachte die Kleinen (empfohlen ab vier Jahren) zum Staunen und unterhielt gleichzeitig mit viel Wortwitz auch deren Begleitpersonen. Das Ergebnis: ein rundum zufriedenes Publikum.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Zwei muntere, junge Damen wollen den Kindern ein „richtiges“ Märchen erzählen, denn sie vermuten, dass die Kinder viel zu viel fernsehen und daher echte Märchen kaum mehr kennen. Sie schicken aber die Warnung voraus, dass Märchen nicht immer gut ausgehen, jedenfalls nicht für alle. Dann beginnen sie zu erzählen: Es war einmal eine Witwe, die hatte zwei Töchter. Die eine, die ihr verstorbener Mann in die Ehe mitgebracht hatte, war fleißig und schön, die andere zwar hässlich und faul, doch Mamas absoluter Liebling, war sie doch ihre eigene Tochter. Dann werden die Rollen verteilt.

Die Blonde (Karoline Schragen) spielt die gute Maria, die am Spinnrad sitzt und spinnt, bis ihre Finger bluten. Die Dunkelhaarige (Lydia Nassall) schlüpft in die Rolle der bösen Kunigunde, sonnt sich neben ihr Liegestuhl und schikaniert ihre Schwester. Als die arme Stieftochter ihre blutigen Finger am Brunnen kühlen will, fällt sie hinein, verliert das Bewusstsein und landet auf einer herrlichen Blumenwiese. Von einem jämmerlichen Weinen wird sie geweckt. Es ist „ein Brot in Not“, das schon viel zu lange im Ofen steckt. Natürlich rettet sie das arme Brot. Dann trifft sie auf einen Apfelbaum, der geschüttelt werden möchte. Er singt das todtraurige Lied von den zehn kleinen Blüten, die er einmal besaß und die nun alle verschwunden sind. Mal war der Frost schuld, dann ein Vogel oder ein Wurm. Nun ist nur mehr ein einziger Apfel übrig. Maria hilft auch hier und erreicht schließlich mit Brot und Apfel das Häuschen der Frau Holle. Sie hilft nun der alten Frau im Haushalt und schüttelt täglich die Betten aus, damit es auf der Erde ordentlich schneit, schließlich ist ja irgendwo immer Winter.

Für ihre Mühe erhält sie gutes Essen, „Gesottenes und Gebratenes“, und hört nie ein böses Wort. Obwohl es ihr hier so richtig gut geht, bekommt sie Heimweh. Frau Holle hat Verständnis, bedankt sich bei dem braven Kind und belohnt es mit einem Goldregen. Als Maria glitzernd und glänzend ihr Heim erreicht, wird die böse Kunigunde ganz blass vor Neid und beschließt, ebenfalls zu Frau Holle zu gehen, um sich auch einen Goldregen zu sichern. Das kann natürlich nur schief gehen. Mathias Schuh ist jedoch der Meinung, dass jeder eine zweite Chance verdient und vielleicht hat ja die fiese Kunigunde aus ihren Fehlern gelernt.

Karoline Schragen und Lydia Nassall verkörpern nicht nur die zwei ungleichen Schwestern. Mit großem Hut, altmodischem Schultertuch und Krückstock verwandeln sie sich in die freundliche, alte Frau Holle. Ein paar Zweige lassen sie zum singenden Apfelbäumchen werden. Auch dem weinerlichen „Brot in Not“ leihen sie abwechselnd ihre Stimme. Beim Umbau der bemalten Kulissen sind beide sehr fleißig und die Kinder beobachten staunend, wie mit ein paar Handgriffen aus einem Brunnen plötzlich eine Blumenwiese wird.

Mathias Schuh, Schauspieler, Regisseur, Musiker, Autor, Qigonglehrer und Gitarrenbauer, schafft es immer wieder, klassische Märchen mit flotten Liedern aufzupeppen und so mitreißend zu servieren, dass die Kleinsten kaum mehr auf ihren Plätzen zu halten sind. Bei der Premiere stürmten sie beim Schlusslied regelrecht die Bühne. Ab Oktober wird „Frau Holle“ dann im Kleinen Theater zu sehen sein.

„Frau Holle“ – Märchen nach Grimm von Mathias Schuh. Die Theaterachse. Mit: Karoline Schragen und Lydia Nassall. Fotos: © Andreas Hechenberger


„Vorsprechen“ im Rahmen des Zwischenräume – Festivals

Eigentlich hätten ja am 18. Juli 2020 die Salzburger Festspiele beginnen sollen. Wegen Covid-19 musste die Eröffnung jedoch auf den 1. August verschoben werden. Diese Wartezeit verkürzt nun das von 16. bis 31. Juli stattfindende Zwischenräume-Festival mit rund 100 Aufführungen in Stadt und Land Salzburg – und das alles bei freiem Eintritt. Der kostenlose Festivalpass kann online heruntergeladen werden und dann bleibt nur noch die Qual der Wahl.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Am 18. Juli luden fünf Schauspielerinnen zu einem „Vorsprechen“ in den Mirabellgarten. Die am Eingang verteilten Regenschirme garantierten dem Publikum den richtigen Abstand. Die Vita-Zettel gaben Auskunft über die Berufserfahrungen der Schauspielerinnen, die alle in Salzburg schon auf diversen Bühnen zu bewundern waren. Im Heckentheater gab es dann eine kleine Einführung, wie wir uns als Intendanten bei einem Vorsprechen zu verhalten und, vor allem, welche Fragen wir nicht zu stellen hätten.

Dann betritt Hildegard Starlinger völlig aufgelöst die Bühne und zeigt mit Jane Martins Monolog aus „Hören Sie mal!“ auf, wie man es auf keinen Fall machen sollte. Verzweifelt versucht sie mit allen Tricks, ein Engagement im Theater zu ergattern, und verspricht sogar, sich für die klassische Szene auszuziehen. Verzweifelt fleht sie schließlich ihre künftigen Arbeitgeber an: „Sie habe eine Rolle, ich brauche eine Rolle.“ Es geht weiter in ein kleines Wäldchen, wo Julienne Pfeil gerade einen Baum umarmt und den Garten ausräuchert. Der angeblich selbstverfasste Text setzt ihr jedenfalls so zu, dass sie plötzlich völlig aufgelöst das Weite sucht. Wir wandern weiter zum Rosengarten, in dem Bernadette Heidegger sitzt und uns aus den „Präsidentinnen“ von Werner Schwab einen bitterbösen Monolog über den Metzger Wottila und seinen Leberkäse serviert.

An der Mauer vor der Orangerie erwartet uns wieder Julienne Pfeil. Ihren esoterischen Fimmel hat sie überwunden und so schlüpft sie nun in die Rolle der Hühnerschlachterin Sandra aus „herzwurst. immer alles eine tochter“ des jungen österreichischen Dramatikers Ewald Palmetshofer. Wir werden nun ersucht, möglichst schweigend weiterzuziehen zu der kalten, grauen Mauer, gleich hinter dem historischen Vogelhaus. Hier brilliert die junge Kristin Henkel mit einem berührenden Monolog aus dem Tagebuch der Anne Frank. Erst herrscht Ergriffenheit, dann folgt kräftiger Applaus und der Zuruf: „Du bist engagiert!“

Zum Finale wird es klassisch, denn Elisabeth Breckner schlüpft in die Rolle des Narren aus Shakespeares „Wie es euch gefällt“ und liefert uns mit dem Zitat „Die ganze Welt ist Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler, sie treten auf und gehen wieder ab“ das passende Schlusswort.

Bei diesem künstlerischen Spaziergang durch den Mirabellgarten passte einfach alles. Fünf in Salzburg bestens bekannte Schauspielerinnen mit großartigen, sehr abwechslungsreichen Texten in einem romantischen Ambiente – da hat sogar der Regen eine Pause eingelegt.

„Vorsprechen“ mit Hildegard Starlinger, Bernadette Haidegger, Elisabeth Breckner, Julienne Pfeil & Kristin Henkel. Fotos © Jörg Hörz


Strassentheater

Singen wir das Beste draus!

Die Salzburger Festspiele haben sich ihr 100-jähriges Jubiläum sicher etwas anders vorgestellt. Auch das Salzburger Straßentheater wollte mit Carlo Goldonis „Der Diener zweier Herren“ sein 50-jähriges Bestehen ordentlich feiern.

Wegen Corona mussten beide Veranstalter ein reduziertes Ersatzprogramm erstellen. Das Ensemble des Salzburger Straßentheaters machte das Beste draus und unterhielt bei der Premiere am 15. Juli 2020 auf der Festwiese der Stiegl-Brauwelt das Publikum mit einem Best-of der vergangenen Jahre und einer Vorschau auf die kommende Saison.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Schon der Aufbau des Thespiskarren war jedes Jahr ein besonderes Erlebnis und faszinierend zu beobachten. Doch Corona dürfte auch da einiges durcheinandergebracht haben, denn außer einem Lieferwagen voller Bierkisten, einem weißen Zelt und einer Kleiderstange mit Kostümen ist auf der Wiese nichts zu entdecken. Das Ensemble ist verzweifelt und Alex Linse hängt ständig am Telefon. Von einem Wagen ist jedoch weit und breit nichts zu sehen. Es dauert einige Zeit, bis sich alle einig sind: „Wir können anfangen, denn für die erste Nummer brauchen wir keinen Wagen!“ Perfekt choreographiert werden nun Schirme geschwungen und es geht munter ab nach Italien: „Komm ein bisschen mit nach Italien.“ Auch durch den nun einsetzenden leichten Nieselregen lassen sich weder Ensemble noch Premieren-Publikum die gute Laune verderben.

Mit Dario Fos „Bezahlt wird nicht“ stellte Georg Clementi 2016 seine erste Produktion für das Salzburger Straßentheater vor. „Bella Ciao“ und „Happy“ erinnern daran, ebenso die roten Latzhosen. Clementi erzählt schwungvoll und mit viel Witz von Pleiten, Pech und Pannen, die eine Produktion, die ständig unterwegs ist, so mit sich bringt. Als der Thespiskarren einmal im Stau stecken geblieben war, musste der französische Sänger und Musiker Eric Lebeau das Publikum in Obertrum eine Stunde lang bei Laune halten. Das gelang ihm so vortrefflich, dass die Truppe noch heute davon schwärmt. Larissa Enzi ist nun auch schon das dritte Jahr dabei und da sind Eifersüchteleien ganz natürlich. Angeblich macht sie Georg ständig schöne Augen, um eine größere Rolle zu bekommen, und das gefällt Anja, seiner Ehefrau, gar nicht. Paul Clementi singt zwar brav die von ihm verlangten Lieder, doch sonst ist er nicht mit allem einverstanden, was seine Eltern so von ihm verlangen. Er würde viel lieber im Liegestuhl chillen. An „Der Vorname“ (2017) erinnern „La Vie En Rose“ und „Les Champs-Élysées“, an „König der Herzen“ (2018) „Imagine“ und „Yesterday“ und an „Alles Heilige“ (2019) „Joy to the World“.

Ein kleiner Vorgeschmack auf das nächste Jahr rundet die einstündige Show ab. Truffaldino, der Diener zweier Herren, und die Kammerzofe Smeraldina gestehen sich ganz im Commedia-dell’arte- Stil sehr kompliziert ihre Liebe. Man darf sich also auf die verschobene Jubiläumsproduktion im  Jahr 2021 freuen, hoffentlich dann wieder ohne Zählkarten, Bestuhlung im Sicherheitsabstand und Platzzuweisungen.

„Singen wir das Beste draus!“ – Salzburger Straßentheater 15. Juli bis 2. August 2020. Konzept/Idee: Georg Clementi, Alex Linse, Anja Clementi. Musikalische Leitung und Arrangement: Marc Seitz. Choreographie: Anna Knott. Kostüme: Alois Dollhäubl. Ensemble: Larissa Enzi, Paul Clementi, Thomas Pfertner, Eric Lebeau, Anna Knott, Georg Clementi, Alex Linse, Anja Clementi. Fotos: Salzburger Straßentheater/ Wolfgang Lienbacher


Dorfzeitung.com


„Viel Lärm um Nichts“ – zynisches Spiel um Gefühle

Mit William Shakespeares 1600 uraufgeführter Komödie über die Manipulierbarkeit der Liebe gastiert „die theaterachse“ derzeit im OFF Theater in Schallmoos. Mathias Schuh stellt in seiner Inszenierung den Spaß in den Vordergrund und sorgt mit originellen musikalischen Einlagen für einen äußerst vergnüglichen, pointensicheren Theaterabend.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Die liebliche Hero und ihre kratzbürstige Cousine Beatrice erwarten auf ihrem Landsitz in Messina drei erfolgreiche Kriegsheimkehrer. Während sich der schüchterne Claudio sofort in Hero verliebt, liefern sich Benedikt und Beatrice heftige Wortgefechte. Der verbitterte Don Juan ersinnt jedoch Intrigen, um beiden Paaren zu schaden. Durch Verleumdung und fiese Täuschung gelingt es ihm, die bevorstehende Hochzeit der beiden Turteltauben, Claudio und Hero, zu verhindern. Als Benedikt „zufällig“ zu Ohren kommt, dass Beatrice eigentlich unsterblich in ihn verliebt und ihre Ablehnung nur gespielt sei, fühlt er sich geschmeichelt. Auch ihr wird die frohe Botschaft von der grenzenlosen Liebe des coolen Benedikt zugetragen. Das dürfte wohl die beiden etwas näher bringen und ihre Vorurteile gegen eine Heirat möglicherweise schwinden lassen. Sollte sich alles aufklären und der böse Don Juan entlarvt werden, stünde einer Doppelhochzeit nichts mehr im Wege.

Mathias Schuh hat Shakespeares Komödie gekonnt verschlankt und auf fünf Protagonisten zentriert. Die drei Herren müssen dabei allerdings einige Nebenrollen übernehmen. Bàlint Walter schmachtet als junger Liebhaber nicht nur Hero an, er schlüpft auch in die Rolle des Gerichtsschreibers und einer Wache. In der Rüpelszene sorgt er gemeinsam mit Daniel Pink, der als Don Juan stets grimmig schaut, als vertrottelte Ordnungshüter Schlehwein und Holzapfel für Heiterkeit. Raphael Steiner punktet als Beatrices männliches Gegenstück sowie als Don Juans Diener Konrad, der sich für die dunklen Geschäfte seines Herren einspannen lässt. Lydia Nassall überzeugt als wortgewaltige Giftspritze Beatrice, die der Meinung ist, dass Hochzeiten nur etwas für Dummköpfe seien. Karoline Schragen schmachtet als tugendhafte Hero nach ihrem Claudio. Wenn sie jedoch kurz in die Rolle von Heros kecker Kammerfrau Margarete schlüpft, ist sie kaum wiederzuerkennen.

Mathias Schuh (Gitarre) sorgt mit seinen Töchtern Sophia (Klavier) und Tamina (Trompete) für mexikanischen Flair. Außerdem hat er für jeden Einzelnen des Ensembles passende stimmungsvolle, aber auch witzige Lieder komponiert. Es wird an diesem Abend also viel gefeiert, getanzt und gesungen und beim Maskenball sogar ein richtiges Feuerwerk gezündet. Lassen Sie sich überraschen, genießen Sie Sommertheater vom Feinsten und feiern Sie mit der „theaterachse“ ihr 25-Jahre-Jubiläum.

Viel Lärm um Nichts“ – Komödie von William Shakespeare. 25 Jahre „die theaterachse – Spielraum der Sinne“. Regie: Mathias Schuh. Ausstattung: Rafael Wenzel. Mit: Karoline Schragen, Lydia Nassall, Daniel Pink, Raphael Steiner und Bálint Walter. Live-Musik: Mathias, Sophia und Tamina Schuh. Foto: Theaterachse/ Chris Rogl


Elefantenmensch

„Der Elefantenmensch“ inmitten einer sensationsgierigen Gesellschaft

Das Theater ecce und sein künstlerischer Leiter Reinhold Tritscher eröffnen die Reihe „Palast der Wunder“ mit Bernard Pomerances Drama über John Merrick (1862-1890). Der junge Mann wurde auf Grund seiner körperlichen Missbildungen als „Elefantenmensch“ auf Jahrmärkten zur Schau gestellt. In einem Zirkuszelt im Volksgarten zwingt eine muntere Freakshow das Publikum zum Nachdenken.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Mit dem Song „Come on and see the show, my friends“ lockt der stets betrunkene Schausteller Ross (Ripoff Raskolnikov) das Publikum in sein Kuriositäten-Kabinett. Hier gibt es allerhand zu bestaunen: eine „Bearded Lady“ (Salim Chreiki in einem traumhaften, weißen Brautkleid), artistisch-athletische siamesische Zwillinge (Anna Adensamer und Pamina Milewska) und als absolute Sensation einen Mann, der auf Grund seiner schrecklichen Deformationen als „Elefantenmensch“ bezeichnet wird. Auch der Londoner Chirurg Frederick Treves (Alexander Lughofer) kann sich der Faszination dieses von Tumoren übersäten Mannes mit dem grotesk vergrößerten Schädel, der ihn zwingt, im Sitzen zu schlafen, nicht entziehen. Obwohl er erkennt, dass die Missbildungen unheilbar sind, bringt er den jungen Mann in einem Hospital unter. Dessen Direktor (Gerard Es) ist zwar anfangs gar nicht begeistert, doch als von der feinen Londoner Gesellschaft Spendengelder zu fließen beginnen, darf John Merrick als „Patient“ bleiben. In seinem neuen „Zuhause“ beginnt der junge Mann, sein geistiges Potential zu entfalten. Er liest Bücher, entwickelt handwerkliche Fähigkeiten und freundet sich schließlich mit der berühmten Schauspielerin Mrs. Kendall (Kristin Henkel) an. Mit ihr philosophiert er über Gott, die Welt und sein Schicksal. Auch die Regeln seines Arztes beginnt er schließlich, in Frage zu stellen. Ob sein größter Wunsch, einmal ganz normal im Liegen zu schlafen, jemals in Erfüllung gehen wird?

Reinhold Gerl überzeugt in der Titelrolle ganz ohne Elefantenmaske. Durch reduzierte Gestik, schweren, mühsamen Gang und langsame Sprechweise suggeriert er die ungeheure Entstellung, die er mit der nötigen Gelassenheit erträgt. Auch in diese Produktion werden Menschen mit unterschiedlichsten Beeinträchtigungen eingebunden und sie genießen ihre Auftritte als Passanten, Reinigungsfrauen, Verkäufer von Schrumpfköpfen oder exzentrische Rollstuhlfahrer. Auf der schlichten, weiß bespannten Bühne (Alois Ellmauer) kommen die phantasievollen Kostüme (Viktoria Semperboni) bestens zur Geltung.

Mit skurriler viktorianischer Jahrmarktstimmung, untermalt von melancholischer Folk-Musik, gelingt es Regisseur Reinhold Tritscher, die todtraurige Geschichte des missgestalteten John Merrik aufzulockern. So mancher Besucher wird sich wohl die Frage stellen, wie viel Voyeurismus in ihm steckt. Im Haus der Natur wurden mehr als 50 Jahre lang die Leichen schwer missgebildeter Babys in Spiritusgläsern ausgestellt. Diese Schau der toten Kinder hat mehrere Generationen geschockt, interessiert und abgestoßen, und auch ich erinnere mich mit Schaudern daran.

„Der Elefantenmensch“ von Bernard Pomerance. Schauspiel, Akrobatik, Live-Musik. Inszenierung: Reinhold Tritscher. Kostüm: Viktoria Semperboni. Bühne: Alois Ellmauer. Choreografie: Anna Adensamer. Live-Musik: Ripoff Raskolnikov. Mit: Anna Adensamer, Salim Chreiki, Gerard Es, Kunigunde Eschbacher, Gerhard Fagerer, Reinhold Gerl, Florian Heis, Kristin Henkel, Josef Kocher, Anna Loch, Alexander Lughofer, Pamina Milewska, Vinko Najdek. Fotos: Theater Ecce/ Foto Flausen


„All you need is…?“ – Musikalischer Soloabend

Sophie Mefans Liederabend war vom Salzburger Landestheater eigentlich erst für die kommende Spielzeit geplant. Die Sängerin nutzte jedoch die dreimonatige Corona-Pause kreativ und so kam ihre „musikalische Liebeserklärung an das Leben“ bereits am 12. Juni 2020 in den Kammerspielen zur Aufführung. Das Publikum zeigte sich begeistert.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Der Fotograf Brandon Stanton feiert mit seiner „Humans of New York“-Seite in den sozialen Netzwerken sensationelle Erfolge. Auf Facebook verfolgen mehr als 15 Millionen und auf Instagram 4 Millionen die kurzen Geschichten von „ganz normalen Menschen“, die er auf den Straßen New York Citys getroffen hat. Es werden, komprimiert auf ein Foto und einen kurzen Text, ganz persönliche, berührende Geschichten erzählt.

Sophie Mefan schlüpft an diesen Abend in viele Rollen und erzählt und singt mit Temperament, Leidenschaft und enormer Wandlungsfähigkeit von den unterschiedlichsten Menschen und deren Gefühlswelten. Bei einem Casting will sie gesanglich überzeugen und so versucht sie, ihren Typ zu ändern und – falls das gefragt sein sollte – eben wie eine dünne, blonde Frau zu singen. Resigniert muss sie feststellen: „Ich bin einfach die Falsche!“

In einer anderen Szene kann sie sich an die letzte Nacht nur mehr vage erinnern. Nun liegt Jochen neben ihr, ein Überbleibsel einer turbulenten Party und ein absoluter Fehlgriff: „Ich wär jetzt lieber allein!“ Berührend, wie sie als Flüchtling der verlorenen Heimat nachtrauert: „Meine Heimat und ich.“ Köstlich und herzerfrischend hingegen der Song über die Aufnahme einer Video-Kontaktanzeige. Sollte man eigentlich zugeben, dass man erst kürzlich geschieden wurde? In welchem Kurs an der Abendschule trifft man wohl mehr Männer, in Step Aerobic oder der Zauberschule?

Der einstündige, überaus charmante Chansonabend wurde von Janna Ramos-Violante szenisch eingerichtet und von Liviu Petcu souverän am Klavier begleitet. Trotz des coronabedingt nur halbvollen Theaters gab es kräftigen Applaus und laute Rufe nach einer Zugabe. Angeblich war man darauf nicht vorbereitet. Umso erfreulicher die kleinen Briefchen, die in den schwarzen Bändern der gesperrten Sitze steckten: „Geschickt zieh‘ ich mich aus der Affäre, denn Sie wählen nun des Abends Dernière.“ Drei sehr unterschiedliche Lieder standen zur Auswahl: „Je ne regrette rien“, „Die Christel von der Post“ und „Ich will keine Schokolade“. Da man sich nicht einigen konnte, gab es gleich zwei Zugaben.

Rainer Maria Rilkes Gedicht auf der Rückseite des Briefchens fasst den stimmungsvollen Abend perfekt zusammen:

„Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der auf zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?“

„All you need is…?“ – Musikalischer Soloabend. Idee und Konzeption: Sophie Mefan. Szenische Einrichtung: Janna Ramos-Violante. Mit: Sophie Mefan. Klavier: Liviu Petcu. Fotos: © Tobias Witzgall


Vergiss nie, dass ich dich liebe

„Vergiss nie, dass ich dich liebe!“ – Juhu, es gibt wieder Theater!

Gratulation dem Team des OFF-Theaters! Sofort nach Bekanntgabe der Richtlinien für Aufführungen im Freien und in geschlossenen Räumen am 25. Mai 2020 hat Alex Linse einen „Juni-Spielplan“ erstellt.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Am 6. Juni sorgte daher die großartige, 2018 uraufgeführte „Piaf & Dietrich Revue“ trotz der vorgegebenen, vorbildlich eingehaltenen Corona-Einschränkungen für ein volles Haus. Danke für einen gelungenen, viel zu lange schmerzlich vermissten Theaterabend.

Die Besucher werden an der Abendkasse registriert und anschließend persönlich zu ihren Plätzen geleitet. Familien dürfen zusammen sitzen, ansonsten werden Stühle freigelassen. Und dann sitzt man endlich wieder mitten im Theater und zwar vor einem riesigen Doppelbett. In diesem verbrachte Marlene Dietrich (1901-1992) die letzten 14 Jahre ihres Lebens. Mit der Außenwelt stand sie nur mehr per Telefon in Kontakt. Sie hing ihren Erinnerung nach und so ist es kein Wunder, dass in ihrer Phantasie ihre Freundin Edith Piaf (1915-1963) an ihrem Bett sitzt und ihr strickend Gesellschaft leistet.

Die beiden Chansonetten hätten unterschiedlicher nicht sein können. Anja Clementi verkörpert die quirlige Edith Piaf, die für ihr loses Mundwerk, ihren Hang zu billigem Fusel, Drogen und ihre zahlreichen Liebschaften bekannt war. Christiane Warnecke gibt ebenso überzeugend die rauchige Femme fatale, die zwar Champagner bevorzugte, aber mit Männern ebenso wenig Glück hatte wie ihre Freundin.

Alex Linse (Regie) hat in dieser Hommage gekonnt die bekanntesten Chansons der beiden Sängerinnen in kleine Szenen eingebaut. Da dürfen natürlich die ständigen, kleinen Streitereien und anschließende Versöhnungen zwischen den beiden Damen nicht ausbleiben. Man lässt sich eben nicht ungestraft als „Montmartre-Schlampe“ bezeichnen. Während Edith Piafs „Milord“ fast für Partystimmung sorgt, erzeugt „Non, je ne regrette rien“ immer wieder Gänsehaut. Marlene Dietrichs Evergreens „Sag mir, wo die Blumen sind“ und „Vor der Kaserne, vor dem großen Tor“ folgt das melancholische „Paff, der Zauberdrache“.

Das starke Damenduo bekommt immer wieder Hilfe von Alex Linse, der als Hausmeister, schmieriger Agent, Komponist und schließlich als Josef von Sternberg (Regisseur von „Der blaue Engel“) seine kurzen, aber sehr prägnanten Auftritte hat. Ruhig und souverän begleitet Milan Stojkovic die Chansons am Klavier, während hinter seinem Rücken Bilder aus dem Leben von Edith Piaf und Marlene Dietrich über eine kleine Leinwand flimmern.

Ein gelungene musikalische Revue, die die Erinnerung an Marlene Dietrich, die große, kühle Deutsche, und Edith Piaf, den Kobold mit dem feurigen Temperament aus Frankreich, wachhält.

„Vergiss nie, dass ich dich liebe!“ – Piaf & Dietrich Revue. Regie: Alex Linse. Musikalische Leitung & am Klavier: Milan Stojkovic. Mit: Anja Clementi, Christiane Warnecke, Alex Linse.


„Loriots gesammelte Werke“ – in plüschigen Oma-Sesseln

Der Altmeister des gepflegten Humors Vicco von Bülow (1923 – 2011) ist bekannt und beliebt für seine urkomischen Sketche über die menschliche Unfähigkeit zur Kommunikation. Daniela Meschtscherjakov hat gemeinsam mit einem Ensemble des Schauspielhauses Salzburg ein Best-of zusammengestellt und bereitet so dem Publikum im gemütlichen Foyer einen unterhaltsamen, komödiantisch-nostalgischen Abend voll Witz und Ironie.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

„Hätten Sie vielleicht Feuer für meine Zigarette?“ Diese einfache Frage hat eine ganze Lebensbeichte zur Folge, denn die gewünschten Streichhölzer sind nicht so leicht zu finden und der Herr mit seinen übervollen Einkaufstüten (Marcus Marotte) ist sehr geschwätzig. Gleich darauf steht der „Herr ohne Feuer“ (Olaf Salzer) als verklemmter Direktor Meltzer, der seiner Sekretärin (Susanne Wende) nach 15 Jahren Zusammenarbeit endlich seine Liebe erklären will, wieder auf der Bühne. Sie flötet zwar ständig „Sie machen mich ganz verrückt, Herr Meltzer…“, doch irgendwie kommt die Sache nicht richtig in Schwung.

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Ehestreitigkeiten
waren eines von Loriots Lieblingsthemen, ob es nun um das Bedienen von
Musikinstrumenten geht, ein Viereinhalb-Minuten-Ei oder die Möglichkeit,
einfach nur zu sitzen, während die Frau in der Küche werkelt. Olaf Salzer
erweist sich an diesem Abend als besonders wandlungsfähig. Dank blonder
Perücke, kessem Kleid und High Heels wird er zur einfühlsamen Eheberaterin, die
versucht, ihren an chronischer Kontaktschwäche leidenden Klienten das Küssen
beizubringen. Susanne Wende genießt sichtlich die Rolle der Ehefrau, die ihren
armen Mann (Antony Connor) – „etwas voll in den Hüften und mit ziemlich kurzen
Armen“ – beim Kauf eines neuen Anzugs fast in den Wahnsinn treibt. Die Szene
des völlig überforderten, weil desinteressierten Mannes, der seiner Frau bei
der Auswahl eines passenden Kleides behilflich sein soll, kennt wohl so manche
Frau aus eigener Erfahrung und daher erspart sich die moderne Frau dieses
demütigende Ritual.

Beim Finale kommt
es zum großen Vertretertreffen bei Frau Müller-Lüdenscheid (Susanne Wende). Da
der Weinhändler (Olaf Salzer) sich ständig von der Güte seiner Waren überzeugen
muss und auch dem Staubsaugervertreter (Marcus Marotte) und dem Versicherungsvertreter
(Antony Connor) ständig nachschenkt, muss sich die Hausfrau auch noch um
„Schnittchen“ für die ungebetenen Gäste kümmern. Ein feucht-fröhlicher Abend
ist gewiss.

Das lustvoll
aufspielende Ensemble beschert dem Publikum einen wunderbar heiteren
Theaterabend, der von der Absurdität des Augenblicks und der gnadenlosen
Überzeichnung der menschlichen Schwächen lebt.

„Mein Thema ist die Kommunikation und das Missverständnis zwischen zwei Menschen. Kommunikationsgestörte interessieren mich am allermeisten. Alles, was ich als komisch empfinde, entsteht aus der zerbröselten Kommunikation, aus dem Aneinander-vorbei-Reden.“

Loriot

„Loriots dramatische Werke“ Regie: Daniela Meschtscherjakov. Mit: Antony Connor, Marcus Marotte, Olaf Salzer, Susanne Wende. Fotos: Schauspielhaus

Spieltermine gibt
es bis Mitte April 2020. Die bisherigen Vorstellungen waren restlos
ausverkauft, sogar Stehplätze waren rar. Mein Tipp: Schnell Karten reservieren
lassen.


„Glück“ – Endzeitstimmung in der Tiefgarage

Die in Tschechien geborene und heute in Graz lebende Autorin Kateřina Černá erhielt für ihr absurd-existentielles Stück 2017 das Peter-Turrini-Dramatikerstipendium. Gerda Gratzer und das Theater der Freien Elemente lassen nun in der ARGEkultur sechs Personen durch eine überflutete Tiefgarage irren. Eine Glückssuche, die an Beckett und Ionesco erinnert.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

„Robert, du fährst
nicht“, stellt Helene lakonisch fest. Warum nur rührt sich das Auto nicht vom
Fleck? An der Handbremse kann es nicht liegen, vielleicht doch am Wasser, das
immer höher steigt? Wie in einem Loriot-Sketch geben sich Helene und Robert in
ständigen Wiederholungen gegenseitig die Schuld an der Misere. Die Geschwister
Sophie und Madeleine wiederum drehen mit ihrem Auto auf der Suche nach einem
Fluchtweg Runde um Runde. Der Notausgang ist für sie keine Option, denn der ist
leider zu schmal für ihr Auto und so beschließen sie, weiter zähneklappernd in
der nasskalten Tiefgarage auszuharren. Einem jungen Mann, der zum Glück einen
Flachmann mit Whisky bei sich hat, gelingt es schließlich doch noch seine
Fensterscheibe auch ohne Hämmerchen einzuschlagen. Obwohl ihm Sophies
„terroristisches Quietschen“ auf der Geige und Madeleines ständiges Gejammere
fürchterlich auf die Nerven gehen, verbündet er sich mit den
Schicksalsgenossinnen, vielleicht können sie ja zu dritt irgendetwas Sinnvolles
unternehmen.

In der
Zwischenzeit ist Helene ihr Mann abhanden gekommen. Sie ist eigentlich ganz
froh, denn das ständige Gesudere um sein „Paulchen“ war fast nicht mehr zu
ertragen. „Zufällig und unschuldig“ sitzen sie alle hier fest und sind gar
nicht verwundert, als ein maskiertes Phantom auftaucht, das mit Gummistiefeln
für die Situation bestens gerüstet ist.

Alois Ellmauer hat
im Arge-Studio eine schräge Bühne aufgebaut, die einige Vertiefungen aufweist,
in denen die Herumirrenden blitzschnell auf- und abtauchen können. Steif sitzen
Julia Brandstätter und Wolfgang Kandler als in ihrer Beziehung erstarrtes Ehepaar
in ihrem Auto und giften sich in Endlosschleife an. Diese Beziehung ist
eindeutig am Ende, ist vielleicht wirklich besser, wenn er sich auf die Suche
nach seinem ominösen „Stöckchen“ macht. Auch die unterschiedlichen Schwestern
sind selten einer Meinung. Während Julia Leckner als Geige spielende Sophie
noch einigermaßen in Würde scheitert, ist Sonja Zobel als keifende Madeleine
mit den Nerven völlig am Ende. Auch die Annäherungsversuche des etwas einfach
gestrickten jungen Mannes mit den grünen Augen (großartig prollig Jurij Diez)
sind ihr nur lästig.

Der Versuch, ihr
Auto während heftiger Unwetter aus der Tiefgarage zu retten, kostete 2015 in
Südfrankreich mehreren Menschen das Leben. Diese Tragödie inspirierte Kateřina
Černá zu einer poetisch-melodischen Parabel über die Abgründe, die sich bei der
Suche nach dem Glück auftun können. Ihre Sprachmelodie ist soghaft und dreht
sich in rhythmisierter Form stets im Kreise. Gerda Gratzer ist mit dieser
Inszenierung ein unterhaltsamer Theaterabend gelungen, der das Publikum bei der
Premiere am 26. Februar begeisterte.

„Glück“ von Kateřina Černá. Theater der Freien Elemente. Regie und Produktion: Gerda Gratzer. Bühne: Alois Ellmauer. Mit: Julia Leckner, Sonja Zobel, Judith Brandstätter, Wolfgang Kandler, Jurij Diez. Bild © Alexander Gratzer


„Romeo und Julia“ – Eine Liebe, die nie altert

Der
Ballettchef des Salzburger Landestheaters, Reginaldo Oliveira, hat
der wohl romantischten Liebesgeschichte der Weltliteratur neues Leben
eingehaucht. Der Ballettklassiker von Sergej Prokofjew verzauberte
das Premierenpublikum am 22. Februar 2020 mit genialer Musik,
überwältigend schönen Bildern und tänzerischen Höchstleistungen.

Elisabeth Pichler

Von Elisabeth Pichler

Romeo und seine Freunde haben gerne Spaß und treiben sich übermütig in den Straßen Veronas herum. Die arroganten Capulets sind für sie eine Provokation und so geraten sie ständig in Streit. Als sie von einem Maskenball in deren Schloss erfahren, schleichen sie sich als Partycrasher ein. Die jungen Damen der feinen Gesellschaft sind von den munteren Knaben schwer begeistert.

Romeo hat jedoch nur Augen für die schöne Julia und folgt ihr in den Garten. Die Eindringlinge werden bald schon als Montagues entlarvt und vertrieben, aber Romeo und Julia lassen sich nicht so leicht trennen. Als Romeo jedoch Julias Cousin Tybalt tötet, schaut es für die jungen Liebenden gar nicht mehr rosig aus. Julia weigert sich vergeblich, den feinen Prinzen Paris zu heiraten, und so kommt ein verhängnisvolles Giftfläschchen zum Einsatz. Die Tragödie nimmt ihren Lauf.

Die flotten Montagues in ihren kessen Jeans und heißen Hotpants erinnern mit temperamentvollen und aggressiven Bewegungen an die Straßengangs aus „West Side Story“. Die Capulets hingegen wirken in ihren prachtvollen Kleidern und edlen Gehröcken steif und distanziert (Kostüme: Judith Adam).

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Am Premierenabend tanzten Márcia Jaqueline als Julia und Flavio Salamanka als Romeo und überzeugten nicht nur als grandiose Tänzer, sondern auch als Schauspieler mit enormer Ausdruckskraft.

Aus dem fröhlichen, unbeschwerten Mädchen wird durch die Liebe zu Romeo eine starke Frau, die um ihre Freiheit kämpft. Leicht hat sie es nicht mit ihrer Familie, denn die strenge Mutter (Harriet Mills) und der farblose Vater (Paulo Muniz) fordern vehement Julias Hochzeit mit Prinz Paris (Klevis Neza) ein. Nur die Amme (Larissa Mota) hat Mitleid mit dem armen Kind, auch wenn ihre List mit dem ganz speziellen Gift leider schiefgeht. Romeos Freunde Mercutio (Iure de Castro) und Benvolio (Diego da Cunha) strotzen nur so vor Energie und so ist es kein Wunder, dass es immer wieder zu Auseinandersetzungen mit den Capulets kommt. Ein Wiedersehen gibt es mit Ballettmeister Alexander Korobko in der Rolle des finsteren Tybalt, der von Romeo niedergestochen wird.

Reginaldo Oliveira hält sich im ersten Akt ziemlich genau an Shakespeares Vorlage. Im zweiten Teil kommt er jedoch ohne Pater Lorenzo aus und das macht die Geschichte besonders intim. Spektakuläre Bilder liefert der schief liegende Renaissance-Palast, den Sebastian Hannak auf die Bühne gelegt hat. Zum tragischen Finale wird dieser zur grauen Ruine, durch die die verzweifelten Liebenden irren, bis sie in der Familiengruft gemeinsam den Tod finden.

Ein opulenter Ballettabend in wundervoller Kulisse und Kostümen, der mit einer perfekten Mischung aus klassischem und modernem Tanz besticht, mit viel Witz im Detail unterhält und mit mitreißenden Ensembleszenen begeistert.

Romeo und Julia“ – Ballett von Reginaldo Oliveira nach William Shakespeare. Musik von Sergej Prokofjew. Szenische Konzeption und Choreographie: Reginaldo Oliveira. Bühne: Sebastian Hannak. Kostüme: Judith Adam. Dramaturgie: Maren Zimmermann. Mit: Flavio Salamanka, Iure de Castro, Klevis Neza, Márcia Jaqueline, Harriet Mills, Mikino Karube, Larissa Mota, Chigusa Fujiyoshi, Paulo Muniz, Cassiano Rodrigues, Lucas Leonardo, Diego da Cunha, Niccoló Masini, Alexander Korobko, Karine de Matos, Valbona Bushkola, Cara Hopkins, Héctor Ortega González. Fotos: Anna-Maria Löfflberger und Admyll Kuyler